Francis Bacon als Vorreiter der Wissenschaft?

Zwischen der Revolution seiner Idolenlehre und der Utopie "Neu-Atlantis"


Hausarbeit, 2015

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Fehlerquellen der vorangegangenen Wissenschaften
2.1 Bacons Kritik an der bisherigen Erkenntnistheorie
2.2 Die Idolenlehre

3. Bacons Erneuerung der Wissenschaften
3.1 Vorstellung der „wahren Induktion“
3.2 Die Methode als Werkzeug zur Naturerkenntnis

4. Bacons Ausblick in die Zukunft der Wissenschaften
4.1 Die Utopie „Neu-Atlantis“
4.2 Der Vollzug von Bacons Philosophie

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seinem Werk Novum Organum (Neues Organon) beschreibt Francis Bacon (1561-1626) ausführlich die Theorie zur Neuordnung der Wissenschaften. An der Grenze zwischen Renaissance und Neuzeit, ist Bacon einer der ersten Philosophen, der seine Ideologie auf dem Fundament einer Irrtumslehre vorstellt und damit die Gewohnheiten der alten Gelehrten verwirft. Seine Forderung nach einer neuen Methode, geht mit einem Bruch zur aristotelischen Scholastik einher, welche fest stehende Theorien ordnet und verarbeitet, was zu dieser Zeit ein heikles Unterfangen darstellt. Bacon verlangt eine Reinigung des Verstandes, bevor die neue Strategie zur Verwendungen kommen kann.1 Die Zeit des Umbruchs, in der Francis Bacon lebt, ist geprägt von vielen Entdeckungen und Umstrukturierungen, wie zum Beispiel der Entdeckung Amerikas, dem Wechsel zum heliozentrischen Weltbild und der Erfindung des Buchdrucks. Die Macht der Kirche beginnt zu schwinden und die Gesellschaft wird zunehmend kritischer gegen bestehende Systeme. Bacons Vorstellungen sind neuartig und mit seiner Utopie Nova Atlantis (Neu-Atlantis) versinnbildlicht er die neue Wissenschaftsphilosophie, wie er sie sich erträumt.

Das in Aphorismen verfasste Neue Organon ist auch durch die neue Stilform des Aufbaus ein der Zukunft gerichtetes Werk, mit dem der Philosoph die breite Masse der Gesellschaft erreichen will (NO, S.77)

Dabei stellt sich die Frage, inwiefern Bacon die Menschen durch seinen Mut vorantreibt und eine Revolution der Wissenschaften realistisch fördert, oder ob seine Vorstellungen ohne die nötige Weitsicht sind und somit einem vorschnellen Übermut gleichen.

Im Folgenden wird eine schrittweise Analyse der Idolenlehre vorgenommen, die von den Fehlerquellen des menschlichen Urteilens handelt. Anschließend werden die daraus resultierenden neuen Methode und schließlich das ergänzende Werkes Neu-Atlantis untersucht.

2. Die Fehlerquellen der vorangegangenen Wissenschaften

Das Gerüst von Bacons Wissenschaftsphilosophie baut sich auf seiner Irrtumslehre auf, welche aus zwei Teilen besteht: Zuerst deckt er die Probleme der geläufigen Methodik auf; davon ausgehend stellt er seine Idolenlehre vor. Er selbst sieht sich in „[der] Rolle eines Wegweisers“ (NO, S.75), der den Menschen die Augen öffnen und ihren Mut fördern will. Vorerst weist er die Gesellschaft aber auf ihre lasterhaften Gewohnheiten hin.

2.1 Bacons Kritik an der bisherigen Erkenntnistheorie

Francis Bacons schärfster Vorwurf gilt den verwurzelten Gewohnheiten, wodurch sich die Menschen zu einem „blinden Gelehrteneifer“ (NO, S.69) verführen lassen. Die scholastische Methode von Aristoteles verunreinigt die gegenwärtigen Wissenschaften, da sie nicht zum Forschen zu gebrauchen sind, sondern lediglich alte Erkenntnisse zusammenfassen (NO, S.83). Der in der Logik verwendete Syllogismus, bei dem von zwei bestehenden Prämissen auf eine logische Konklusion geschlossen wird, zielt nach Bacons Auffassung nur auf Zustimmung und ist deshalb für den Fortschritt und die Erkenntnis der Wirklichkeit nicht zu gebrauchen.2

Ein weiteres Problem dieser Vorgehensweise sieht der Philosoph in den verwendeten Begriffen. Diese sind von Sinneswahrnehmungen abgeleitet und deshalb ungenau. Er erklärt, dass die allgemeine Bewunderung und das Vertrauen auf die Sinne und den Verstand große Irrtümer nach sich ziehen. Denn sowohl die Sinne, als auch der menschliche Geist sind nicht ausreichend um die Feinheit der Natur zu erfassen. Durch die fehlerhafte Abstrahierung der Eindrücke, folgt schließlich ein „verhängnisvoller Verbalismus“3, der einem Fortschritt völlig unnütz ist (NO, S.85ff). Bacon schreibt der alten Philosophie lediglich einen Nutzen für Argumentationen, Streitgespräche und Vorträge zu, da sie ausschließlich für die Konstruktion überzeugender Formulierungen und logischer Schlüsse zu verwenden ist (NO, S.75).

Ebenso in der Kritik stehen bestehende Prinzipien der Wissenschaft, die nach Bacon nur aus „auf der Hand liegenden Erfahrungen“ (NO, S.93) bestehen und durch ihre Alltäglichkeit den Verstand sogleich fesseln. Durch ein Urteilen auf der Basis weniger Fälle verneint Bacon eine planvolle Methode, da die Kenntnisse lediglich auf Zufall und Erfahrung zurückgehen und keine systematische Forschung zugrunde liegt.4

Die verkehrte Beweisführung führt er auf die Ursache zurück, dass die Fehlerhaftigkeit der Sinne verworrene Begriffe produziert. Anhand dieser wird durch bloße Aufzählung von Einzelfällen fälschlicherweise direkt ein oberster Grundsatz abgeleitet, der erst danach werden mittlere Sätze in Form von variierenden Fällen bildet. Diesen, für ihn grundlegend falschen Ansatz, betitelt Bacon als „die Mutter der Irrtümer und das Unglück aller Wissenschaften.“ (NO, S.147).

Nach Bacon sind keine fruchttragenden Resultate möglich, da die Irrtümer der Menschen schon an der Wurzel der Erkenntnis liegen (NO, S.95). Allgemein fehlt in der Wissenschaft die Einsicht des Nichtwissens; was der Philosoph mit einer Metapher unterstreicht: Vom Standpunkt des Menschen aus, ist die Natur ein unendliches Labyrinth, in dem der Mensch sich nicht auskennt. Laut Bacon beläuft sich der Stand der Wissenschaften sogar auf den Schluss, dass der Mensch dieses Labyrinth und seine Position darin noch nicht einmal erkennt beziehungsweise anerkennt.5

Mitschuld tragen dafür die Fehlerquellen, welche Bacon als die Idole der Menschen bezeichnet. Diese teilt er in vier Kategorien ein.

2.2 Die Idolenlehre

Nach Bacon sind die Idole der Menschen Trugbilder und falsche Begriffe, die den Verstand einnehmen und mit Vorurteilen belasten (NO, S.99). Dadurch kann keine unverfälschte Erkenntnis gewonnen werden, was wiederum der Wissenschaft widerspricht.

Das erste Idol bezeichnet Francis Bacon als das des Stammes. Die Irrtümer, die daraus resultieren, sind alle der menschlichen Gattung zuzuschreiben. Darunter fällt neben der Fehlbarkeit der Sinne auch die anthropomorphe Tätigkeit des Verstandes, welche menschliche Züge in natürliche Vorgänge hineininterpretiert.6

Diese Meinung unterstreicht der Philosoph mit Fallbeispielen. Zum einen erachtet der menschliche Verstand zu oft eine höhere Systematik in Dingen, als ihnen tatsächlich innewohnt. Dies geschieht aus Affinität zur Ordnung. Zum anderen ist der Geist ebenso anfällig für Elemente, die schon einmal sein Wohlgefallen erregt haben oder ihn überraschen. Ursachen für diese Fälle sind nach Bacon die Voreingenommenheit des menschlichen Geistes, seine Beschränktheit, seine Gefühle und der Wille, die mangelhaften Sinne, sowie die Art des Eindrucks (NO, S.107-115).

Die Idole der Höhle beschreiben die des individuellen Menschen, der durch Erziehung und soziales Leben gezeichnet ist (NO, S.103). Durch Gewohnheiten sowie persönliche Vorlieben wird das Urteilen verfälscht und lässt keine objektiven Schlüsse zu (NO, S.121).

Am „lästigsten“ (NO, S.121) bezeichnet Bacon die Idole des Marktes, welche aus der Spracherziehung resultieren und auf die schon kritisierte irreführende Begriffsbestimmung hinweist. Er beschreibt, dass nicht nur der Verstand die Worte formt, sondern ebenso die Worte den Verstand, wodurch unvoreingenommene Auffassungen nicht mehr möglich sind (NO, S.121).

Als letztes legt er die Idole des Theaters dar, welche nicht angeboren sind, sondern durch philosophische Lehrsätze und dogmatische Behauptungen erworben werden (NO, S.105). Die Anfälligkeit für Irrtümer nimmt bei philosophischer Schulung immer stärker zu.7 Der Geist wird durch Begriffe und Prinzipien belastet, welche durch Tradition und Leichtgläubigkeit weiter verfestigt werden (NO, S.123).

Die Folgen der Idole für die Wissenschaft, sind laut Bacon ausschließlich negativ: Falsche Methoden werden angewendet, die Zeile unsauber gewählt, vergangene Epochen und deren Traditionen zu sehr verehrt. Eine Genügsamkeit mit den wissenschaftlichen Errungenschaften entwickelt sich zur Mutlosigkeit für Neues, ebenso verschuldet durch die Einschränkung der Forschung durch Religion und Politik.8

Als Voraussetzung für die Erneuerung der Wissenschaft stellt Francis Bacon seine eigene Methode in Aussicht, welche allerdings nur funktioniert, wenn die Menschheit den Idolen „mit festem und feierlichem Entschluss“ (NO, S.145) abschwört und somit die Reinigung des Geistes vollziehen.

Alle Fehlerquellen laufen darauf hinaus, dass die Menschen ihre Unmündigkeit in Form der aristotelischen Philosophie ablegen und aus dem Schatten der Idole treten. Hier stellt sich die Frage nach der Erreichbarkeit dieses Ziels für die Gesamtheit der Menschen, welche Bacon anspricht. Das gewagte Vorgehen gegen die traditionsreiche Ideologie wäre eine Darbietung der Ernsthaftigkeit seines Vorhabens. Andererseits wäre es fraglich, ob ein Entsagen der Idole dem Menschen praktisch umsetzbar wäre. Speziell die Idole des Stammes schienen unlösbar; wodurch es nach einer Übertreibung aussähe, die als Mittel zur Veranschaulichung der drastischen Veränderung eingesetzt wäre.

3. Bacons Erneuerung der Wissenschaften

Der ungewöhnliche Aufbau des Neuen Organons als Buch im Buch - Gesamtwerk ist die Instauratio Magna ( Die große Erneuerung) - sowie die Darstellungsform in Aphorismen, dienen bereits der Darbietung von Bacons Anspruch an die neue Wissenschaftsphilosophie: Nicht nur, dass er verlangt, alles zuvor Dagewesene zu beseitigen; sondern soll Bacons Aufruf die Menschen auch aufwecken. Die vollkommene Umstülpung der Praxis fungiert als Neustart in eine zukünftige Welt. Um diesen Antritt in die neue Wissenschaft zu unterstreichen, wählt Bacon die atypische Stilform. Ein weiteres Begehren des Philosophen ist es, die Menschen zur Neugierde und schließlich zur selbstständigen Forschung zu bewegen. Dafür betont er die zwingende Notwendigkeit seiner Methode, sowie deren Verbesserung und Weiterführung, um ein strebsames Mitarbeiten der Menschen voranzutreiben (NO, S.273f).

3.1 Vorstellung der „wahren Induktion“

Zu Beginn stellt Bacon dar, dass all seine Bemühungen die Wissenschaft zu fördern, auf den Faktor des Nutzens für das Leben hinzielen. Seine Methode soll dazu beitragen, der Menschheit Nutzen zu stiften, ohne einen Schaden für andere mit sich zu führen.9

Für den Gebrauch seiner Methode erlegt er dem Menschen als Antrieb die Liebe zum Leben und zueinander auf. „[I]n der Liebe gibt es kein Zuviel“ (NO, S.33) lautet sein Leitmotiv.

Der erste Aphorismus stellt eine wichtige Grundlage auf, indem Bacon feststellt, dass der Mensch gegenüber der Natur nur „Diener und Erklärer“ (NO, S.81) sein kann. Der Philosoph erläutert, dass die Natur nur durch Beobachtung und Unterwerfung gegenüber natürlicher Prinzipien verstanden und beherrscht werden kann.10 Um die Regeln der Natur aufstellen zu können, müssen die Ursachen von Prozessen betrachtet und benannt werden. Nur so erlangt der Mensch die Macht, die Natur durch Beeinflussung zu bändigen (NO, S.82). So versteht sich auch eines von Bacons bekanntesten Zitaten „Wissen ist Macht“; womit gemeint ist, dass das Wissen über einen natürlichen Vorgang die Macht mit sich bringt, diesen in der Praxis zu beeinflussen.

In der vorhin bereitserwähnten Labyrinth-Metapher veranschaulicht, muss der Irrgarten nicht nach einem Ausweg untersucht werden, sondern der Mensch muss das Labyrinth durch Orientierung und Beobachtung einschätzen und für sich zu nutzen lernen.11 Somit benennt Bacon die Ansatzpunkte zur Erneuerung der Wissenschaften, als die „Kunst der Naturerklärung und [des] richtigen Gebrauchs des Verstandes“ (NO, S.67).

Seiner Erklärung nach, gibt es zwei Formen der Wissenschaft: eine „um zu pflegen und eine andere, sie zu erfinden.“ (NO, S.77). Während die alten Philosophien gut sind, um Bestehendes zu beschreiben (Antizipation des Geistes), ordnet er seine Ideologie dem erfindenden Teil zu und nennt es die Interpretation der Natur (NO, S.77).

Um seine Vorgehensweise durchführbar zu machen, erklärt der Philosoph die fehlerhaften Grundlagen, von denen die Menschen ausgehen. Denn wie bei einem Baum, müssen für wohlgeformte Früchte, solide Wurzeln ausgeprägt sein, weshalb eine Erneuerung bei den Grundlagen anfangen muss.12

[...]


1 Vgl. Wolfgang Krohn [Hrsg.], Francis Bacon. Neues Organon, Hamburg 1990, S.75. Im Folgenden zitiert als: NO.

2 Vgl. Wolfgang Krohn, Francis Bacon, München 2. Auflage 2006, S.96.

3 Wolfgang Röd [Hrsg.], Geschichte der Philosophie Band VII. Die Philosophie der Neuzeit. 1. Von Francis Bacon bis Spinoza, München 1978, S.20.

4 Vgl. Krohn, Francis Bacon, S.95.

5 Vgl. Hans Jörg Sandkühler [Hrsg.], Interaktionen zwischen Philosophie und empirischen Wissenschaften: Philosophie - und Wissenschaftsgeschichte zwischen Francis Bacon und Ernst Cassirer, Frankfurt am Main 1995, S.38f.

6 Vgl. Röd [Hrsg.], Geschichte der Philosophie Band VII, S.21.

7 Vgl. Krohn, Francis Bacon, S.100.

8 Vgl. Krohn, Francis Bacon, S.116f.

9 Vgl. Hans Jörg Sandkühler [Hrsg.], Interaktionen zwischen Philosophie und empirischen Wissenschaften, S.51.

10 Vgl. Ebd., S.47.

11 Vgl. Ebd., S.41.

12 Vgl. Röd [Hrsg.], Geschichte der Philosophie Band VII, S.32.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Francis Bacon als Vorreiter der Wissenschaft?
Untertitel
Zwischen der Revolution seiner Idolenlehre und der Utopie "Neu-Atlantis"
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V501016
ISBN (eBook)
9783346039248
ISBN (Buch)
9783346039255
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Idolenlehre, Francis Bacon
Arbeit zitieren
Josephine Roth (Autor), 2015, Francis Bacon als Vorreiter der Wissenschaft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501016

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