Unterscheiden sich Erinnerungen traumatischer Ereignisse von anderen emotionalen Erinnerungen?


Hausarbeit, 2018
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Erinnerung an Traumatische Ereignisse
2.1 Begriffsdefinition Traumatisches Ereignis
2.2 Hirnphysiologische Einbettung im Gedächtnis
2.2.1 Neuropsychologischer Ansatz
2.3 Abgrenzung zu Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS)

3 Kognitive theoretische Modelle
3.1 Duale Repräsentationstheorie
3.2 Mnemonisches Modell

4 Empirie
4.1 Studie 1: Porter & Birt (2001) „Is traumatic memory special? A comparison of traumatic memory characteristics with memory for other emotional life experiences“
4.1.1 Studiendesign und Stichprobe
4.1.2 Methode
4.1.3 Auswertung
4.1.4 Zwischenfazit
4.2 Studie 2: Müller, Moeller, Jenderek, Stroebel, Wiendieck & Sperling (2016)
„Differences in Intrusive Memory Experiences in Post-traumatic Stress Disorder
after Single, Re- and Prolonged Traumatization“
4.2.1 Studiendesign und Stichprobe
4.2.2 Methode
4.2.3 Auswertung
4.2.4 Zwischenfazit
4.3 Vergleich der Studien 1 und 2

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Bereits seit 600 v. Chr. beschäftigen sich Gelehrte und Forscher mit den Mechanismen einfacher Reflexe bei wirbellosen Tieren bis hin zu den komplexesten geistigen Prozessen des Menschen. Es kristallisieren sich immer präzisere Erklärungen für verschiedenste Phänomene heraus, wie z. B. über die komplexe Hirnstruktur des Gedächtnisses, dessen Langzeitgedächtnis in multiple Gedächtnissysteme untergliedert werden kann. Der Nobelpreisträger und Koryphäe auf dem Gebiet der Hirnforschung Eric Kandel formuliert hierzu:

„Jeder Mensch [..] hat ein unterschiedliches Gehirn, weil jeder etwas anderes gelernt hat. Wir sind, wer wir sind, aufgrund dessen, was wir lernen und woran wir uns erinnern.“ (2007, o. S.)

Kandel (2007) hebt nicht nur die Diversität vom menschlichen Gehirn hervor, sondern unterstreicht auch die Bedeutung der individuellen Persönlichkeit, die in Verbindung mit dem Gedächtnis entsteht. Bereits nach der Geburt eines jeden Menschen präferiert der Säugling diejenige Geschichte, welches es bereits in den letzten sechs Wochen vor der Geburt vorgelesen bekommen hat, gegenüber einer unbekannten Geschichte (DeCasper & Spence, 1986). Der junge Säugling erkennt sie wieder und erinnert sich an den Rhythmus der Sätze oder an die Tonlage der Leserstimme, obgleich es den Inhalt hören aber (noch) nicht vollständig verstehen kann. Bereits ab ca. vier Monaten gelingt es dem Säugling Freude von Ärger und Angst zu unterscheiden (de Haan & Nelson, 1998), was ohne das Gedächtnis nicht möglich wäre. Im Laufe des Lebens sammeln Menschen unzählige solche mit Emotionen verknüpften Erinnerungen, die uns prägen – und sodann unsere vernetzten Erfahrungen im Gedächtnis abbilden. Menschen aller Altersstufen bleiben besonders solche Ereignisse im Gedächtnis bestehen, die emotional sind (McGaugh, 2004; Phelps, 2004; Um, Plass, Hayward & Homer, 2012). Aufgrund des Ausmaßes an Einfluss und Bedeutung des Gedächtnisses für das Individuum, widmet sich die vorliegende Arbeit der Frage danach, ob sich die Erinnerungen an traumatische Ereignisse von anderen Erinnerungen emotionaler Qualitäten unterscheiden.

Die vorliegende Arbeit folgt einer dreigliedrigen Struktur: Zunächst werden die theoretischen Grundlagen zum Verständnis von Erinnerungen traumatischer Ereignisse erörtert, in dem der Begriff der Traumatischen Ereignisse anhand verschiedener Zugänge verdeutlicht wird (Kap. 2.1). Die auf diese Weise erfolgte Begriffsbestimmung mündet in der damit einhergehenden hirnphysiologischen Einbettung im Gedächtnis (Kap. 2.2), welches ein zentrales Thema für die Beantwortung der Leitfrage darstellt. Hier wird zunächst der Gedächtnisvorgang im Allgemeinen skizziert und zwei differenzierbare Komponenten – das implizite und explizite Gedächtnis – näher erläutert. Daran schließt der etablierte neuropsychologische Ansatz an und seine Bedeutung wird inhaltlich und strukturell integriert (Kap. 2.2.1). Darauf folgt die Abgrenzung zu dem klinischen Störungsbild der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) (Kap. 2.3), dessen Kernmerkmal die Erinnerung an Traumatische Ereignisse inne trägt. Im zweiten Teil der Arbeit werden bündig zwei theoretische Modelle vorgestellt, die Erklärungsversuche zu unterbreiten versuchen (Kap. 3). Hieran schließt sich der dritte Part der Arbeit an, der zwei empirische Studien bearbeitet. Die Studien erfassen, ob Erinnerungen traumatischer Ereignisse singuläre Qualitäten gegenüber positiven emotionalen Erinnerungen haben (Kap. 4.1) wie auch die Unterschiede der Erinnerungen traumatischer Ereignisse in den Modalitäten der Frequenz und Qualität wiederkehrender Erinnerungen (Kap. 4.2). Anhand der empirischen Studien soll die Verknüpfung zwischen theoretischen Grundlagen und praktischer Umsetzung vergleichend geprüft werden (Kap. 4.3). Final zeichnet das Fazit zentrale Ergebnisse der vorliegenden Arbeit nach und beantwortet unter Einbezug dieser die leitende Fragestellung, ob sich Erinnerungen traumatischer Ereignisse von denen anderer emotionaler Art unterscheiden (Kap. 5).

2 Erinnerung an Traumatische Ereignisse

Ausgehend von der Zielsetzung, den Begriff des Traumatischen Ereignisses und der Erinnerung an ein traumatisches Ereignis zu charakterisieren, soll dieser im vorliegenden Kapitel zunächst deskriptiv sowie medizinisch definiert werden (Kap. 2.1). Anschließend soll vor dem Hintergrund der Begriffseinbettung ein struktureller Rahmen durch das Gedächtnis herausgestellt werden (Kap. 2.2), indem zunächst auf den strukturellen und prozeduralen Prozess eingegangen wird und die hirnphysiologischen Grundlagen erläutert werden, sodass mit Anbindung an das implizite und explizite Gedächtnis der vorherrschende neuropsychologische Ansatz ergründet werden kann. Als nächstes wird die Abgrenzung zum klinischen Störungsbild der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) verortet, auf die jedoch nur pointiert eingegangen werden soll, um ihr Kernmerkmal wiederkehrender Erinnerungen an ein traumatisches Ereignis zeichnen zu können (Kap. 2.3).

2.1 Definition Traumatisches Ereignis

Um ein Ereignis als traumatisch beschreiben zu können, muss zunächst definiert werden, was unter dem Konstrukt Trauma zu verstehen ist. Laut dem Duden bezeichnet ein Trauma im medizinischen und psychologischen Sinne „eine starke psychische Erschütterung die (im Unterbewusstsein) noch lange wirksam ist“ (o. J.). Dies verdeutlicht einen emotionalen Zustand, der nicht bewusst erfolgt und überdauernd wirkt. Eine einheitlich gültige Definition von seelischem Trauma (griechisch für „Wunde“) besteht nicht. Trotz der damit einhergehenden Dynamik, die die Offenheit dieses Begriffs zulässt, besteht der Kerngedanke daraus, dass es sich hierbei, wie bei einem physischen Trauma, um eine Verletzung handelt (Vgl. WHO, 1991), bei der es sich um eine besondere Belastung auf kognitiver, emotionaler und physischer Ebene für den Betroffenen handelt (Pausch & Matten, 2018, S. 4).

Als traumatisierend werden im Allgemeinen Ereignisse wie schwere Unfälle, Erkrankungen und Naturkatastrophen, wie auch Erfahrungen erheblicher psychischer, physischer und sexueller Gewalt sowie schwere Verlust- und Vernachlässigungserfahrungen bezeichnet (Fischer & Riedesser, 2009; Porter & Birt, 2001; DIPT). Erkennbar wird, dass traumatische Ereignisse sehr verschieden sein können, doch charakteristisch bleiben hierbei drei Merkmale: die situative Plötzlichkeit und Heftigkeit sowie persönlich empfundene Ausweglosigkeit (Vgl. Pausch & Matten, 2018, S. 4).

Traumatische Situationen zeichnen sich ferner dadurch aus, dass eine „[…] [kognitive] Diskrepanz zwischen der subjektiv erlebten Bedrohung für sich oder andere und den individuellen Bewältigungsstrategien […] [besteht]“ (Pausch & Matten, 2018, S. 4), wie z. B. im Rahmen der Beobachtung einer Gewalttat (Pausch & Matten, 2018, S. 4). Anhand dessen wird deutlich, dass eine objektiv identische Situation im Grad der Traumatisierung der beteiligten Personengruppen (z. B. Betroffene, Helfer, Zuschauer) ein heterogenes Ausmaß annehmen kann.

Im Unterschied zu dem im vorherigen Absatz erläuterten allgemeinem Verständnis des Begriffs Trauma definieren die international anerkannten, medizinischen Klassifikationssysteme ICD-10 der WHO (2016) und der DSM-V der APA (2013) das Konstrukt Trauma enger und schließt auf zwei Ebenen einzig Ereignisse mit ein, die

- external „mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaß“ (ICD-10) einhergehen oder „den tatsächlichen oder drohenden Tod, die tatsächliche oder drohende ernsthafte Körperverletzung oder eine Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit von einem selbst oder Anderen“ (DSM-V) einschließt, sowie
- internal „bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde“ (ICD-10) und von Angst und Hilflosigkeit in starker Intensität geprägt wird (Vgl. DSM-V).

Hierbei wird deutlich, dass ein ereignisbasierter Ansatz verfolgt wird und eine Traumatisierung bidimensional/dual erfolgt und einen komplexen „Ausnahmezustand“ erzeugt, den es zu regulieren gilt. Nicht nur sind hierbei behavioristische, kognitive und emotionale Mechanismen von Bedeutung, die in Interaktion treten, sondern wird in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Aufgabe des Gedächtnisses untermauert: Wenn das, was wir im Gedächtnis behalten, uns zu dem macht, was uns Menschen ausmacht, dann gilt es näher zu prüfen, welchen Einfluss Erinnerungen an traumatische Ereignisse auf unser jetziges Empfinden und Verhalten ausüben.

2.2 Hirnphysiologische Einbettung im Gedächtnis

Das Gehirn verarbeitet sensorische Reize aus seiner Umwelt und speichert dabei unzählige Informationen über z. B. Fakten, Orte und wichtige Ereignisse. Um diesen Vorgang erläutern zu können, eignet sich die strukturelle und parallel prozedurale Betrachtungsweise auf das Gedächtnis.

Ersteres legt den Fokus auf mehrere, getrennte Subsysteme bzw. Strukturen (sensorisches Gedächtnis/ Kurzzeit-/ (Arbeits-)/ Langzeitgedächtnis), die selektiv die Informationen filtern, ordnen und ggf. im Langzeitgedächtnis speichern. Für die weitere Auseinandersetzung der leitenden Fragestellung eignet sich die prozedurale Perspektive näher zu betrachten, die sich durch drei Phasen des mnemonischen Prozesses auszeichnet: die Enkodierung ist der physikalische Prozess der Aufnahme von Informationen, die Speicherung (Retention und Konsolidierung) entspricht der dauerhaften Aufrechterhaltung von Informationen, und der Abruf macht die Information dem Bewusstsein wieder zugänglich (Birbaumer & Schmidt, 2010; Horstmann & Dreisbach, 2012). Während Erinnerungen für periphere Details durch hohe emotionale Erregungszustände reduziert werden, können zentrale Aspekte leichter erinnert werden1 (Christianson, & Loftus, 1991; Christianson, Loftus, Hoffmann, & Loftus, 1991; Safer, Christianson, Autry, & Österlund, 1998). Je wichtiger eine Information und je stärker der damit verknüpfte Affekt also ist, umso eher wird sie gespeichert.

Erinnerung ist als ein aktiver, dynamischer und kreativer Prozess zu verstehen, denn es erfolgt bei jedem Abruf ein erneuter Speicherungsprozess. Daher befinden sich Erinnerungen in einem instabilen Zustand und werden nach jedem Abruf geringfügig umgewandelt. Illustrativ kann sich dieser Vorgang analog zu dem Spiel „Stille Post“ vorgestellt werden. Der Vorgang der jedes Mal, wenn ein Wort das Ohr des nächsten erreicht, bildet in etwa den gleichen Prozess ab, wenn sich wiederholt an einen Inhalt erinnert wird. Wenn die nächste Person die Information hört und erneut weitergibt, ändert sich diese geringfügig und wird dabei bei jedem weiteren Mal der Weitergabe marginal verändert, was metaphorisch den Hergang beim Abruf aus dem Gedächtnis wiederspiegelt.

Ist eine Information umso wichtiger und der zugehörige Affekt umso stärker, wird das entsprechende neuronale Korrelat – die Amygdala des limbischen Systems – aktiviert. Diese hirnphysiologische Struktur ist an der Steuerung aller emotionaler (und kognitiver) Funktionen beteiligt (Birbaumer & Schmidt, 2010, S. 79). Die Amygdala stellt die Assoziation zwischen sensorischem Eingang und Emotion her, was zentral für das Lernen – ergo Gedächtnis – ist, da sie dadurch erst ermöglicht, die Bedeutung eines bestimmten Reizes zu erkennen (Kolb & Wishaw, 1996, S. 244, S. 255). Ohne wäre es z. B. nicht möglich das Gefühl von Verliebtsein mit der entsprechenden Person zu assoziieren oder z. B. ein traumatisches Ereignis mit dem inhaltlichen Kontext, in dem es entstanden ist zu verknüpfen.

Nachdem in den 1960ern Wissenschaftler über die Existenz mehrerer Gedächtnissysteme zu spekulieren begannen (strukturelle Perspektive), setzte sich in den 1980ern eine weitere Hypothese durch, die zwischen einem expliziten und impliziten Gedächtnis unterscheidet. Wird von Gedächtnis gesprochen, wird im Volksmund das explizite Gedächtnis gemeint, dessen gespeicherten Informationen verbal äußerungsfähig sind (Birbaumer & Schmidt, 2010, S. 622): es speichert Fakten, Konzepte und Ideen, ermöglicht Rechenaufgaben zu lösen, von Ereignissen zu erzählen und aus Geschehnissen einen Sinn herzuleiten und diese in eine zeitliche Abfolge einzuordnen (Gruber, 2011; Mayr, 2008). Das implizite Gedächtnis hingegen ist der Teil des Langzeitgedächtnisses, bei dem die Wiedergabe von Gedächtnisinhalten unbewusst, automatisch, wie z. B. beim Fahrradfahren, und ohne Willensanstrengung erfolgt (Birbaumer & Schmidt, 2010, S. 621f.; Jacobs, 2009, S. 12).

2.2.1 Neuropsychologischer Ansatz

Neuropsychologischen Ansätzen zufolge ist das implizite Gedächtnis in der Amygdala verortet (Birbaumer & Schmidt, 2010, S. 651), was empirisch bereits durch Läsionen von Substrukturen des medialen Temporallappens, in welchem sich das limbische System befindet, bestätigt werden konnte (Birbaumer & Schmidt, 2010, S. 651; Kolb & Wishaw, 1996, S.252 f.; Pinel & Pauli, 2012, S. 327). Gleichzeitig ermöglicht die Amygdala die Assoziation zwischen externalen Input und internalen emotionalen Zuständen (Vgl. Kolb & Wishaw, 1996, S. 244). Vor diesem Hintergrund, dass die Amygdala also implizit und Affekt-gelenkt funktioniert, kann hergeleitet werden, dass die Emotionen während eines traumatischen Ereignisses unbewusst verstärkt würden. Da die Amygdala ohnehin mit einer emotionalen Steuerungsfunktion assoziiert ist (Kolb & Wishaw, 1996, S. 244), werden somit das Erlebte und die damit einhergehenden Gefühle unverhältnismäßig prägend abgespeichert (Jacobs, 2009). Daneben konnte herausgestellt werden, dass das explizite Gedächtnis mit dem Hippocampus (ebenfalls Teil des limbischen Systems) verknüpft ist, welches Erinnerungen räumlich-zeitlich einordnet (Birbaumer & Schmidt, 2010; Jacobs, 2009). Diese Parallelität der Funktionen des limbischen Systems verknüpft die Gedächtnis- und Emotionsverarbeitung auf neuroanatomischer Ebene (Jacobs, 2009).

Während eines Traumas ist der Hippocampus aufgrund der Stresshormone neurofunktional gestört, ebenso wie Funktionen im präfrontalen Cortex, der die Amygdala kontrolliert; die Amygdala selbst bleibt von den hormonellen Veränderungen jedoch unbeeinflusst (Jacobs, 2009; Rauch et al., zit. n. Milad et al., 2009). Dies bedeutet, dass gleichzeitig das explizite Gedächtnis im Hippocampus gehemmt und das implizite Gedächtnis in der Amygdala verstärkt wird. Dies lässt unter der Prämisse, dass Erinnerungen an traumatische Ereignisse implizit gespeichert werden, die logische Schlussfolgerung zu, dass Erinnerungen aufgrund des hirnphysiologischen (Stress-)Zustands während einem traumatischen Ereignis anders gespeichert werden.

Wie anhand von Studien von PTBS Patienten beobachtbar (Vgl. Birbaumer & Schmidt, 2010, S. 639) (Vgl. Kap. 2.3) werden Erinnerung an traumatische Ereignisse nicht explizit abgerufen, wodurch sich Probleme in der Sprachäußerung und dem Umgang mit dem Erlebten ergeben. Neuropsychologisch kann dies wie folgt erklärt werden: Da die Amygdala nicht jenen Stresshormonen wie der Hippocampus unterliegt, liegt es akut näher, Traumata implizit zu speichern, d. h. verbal nicht zugänglich (Birbaumer & Schmidt, 2010, S. 621), da die Information emotionalen Inhalts nicht mit den räumlich-zeitlichen Informationen abgeglichen werden können. Entsprechende belastende Körperempfindungen und verwirrende Verhaltensimpulse durch Traumata sind dadurch weitgehend so gespeichert, dass zwischen ihnen und dem Kontext, in dem sie entstanden sind, kein emotional-inhaltlicher und räumlich-zeitlicher Kontakt besteht (Jacobs, 2009), da der Hippocampus Stresshormonen während traumatischer Ereignisse unterliegt und somit das implizite und explizite Gedächtnis einer Dissoziation2 unterliegen können (Vgl. Kap. 3.1). Diese Nicht-Kopplung könnte als Erklärung herangezogen werden, wieso Personen nach dem Erleben eines traumatischen Ereignisses auch ohne fixen Auslöser an die traumatischen Ereignisse erinnert werden (Vgl. Kap. 2.3). Aus diesem Grund ist es möglich, dass die Erinnerungen an ein traumatisches Ereignis auch dann behavioristisch, kognitiv oder emotional präsent werden, wenn sich die betroffene Person nicht in akuter Gefahr oder der schmerzlichen Erfahrung befindet (Vgl. Jacobs, 2009, S. 17). Mit dieser Antizipation eines Kriteriums der PTBS, soll im Folgekapitel die Erinnerung traumatischer Ereignisse im Störungsbild umrissen werden.

2.3 Abgrenzung zu PTBS

Um das klinische Störungsbild der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) abgrenzen zu können, wird diese nach dem aktuellsten Stand des Klassifikationssystems DSM-V (APA, 2013) in dem hier angestrebten zweckdienlichen geringen Ausmaß vor dem Hintergrund der Leitfrage für Personen, die älter als sechs Jahre sind, definiert. Ausführliche diagnostische Kriterien können dem DSM-V (APA, 2013) unter der Diagnose F 43.10 entnommen werden.

Wie das Präfix ‚post‘ der Diagnosebezeichnung bereits impliziert, besteht das Hauptmerkmal einer PTBS aus der Entwicklung charakteristischer Symptome nach der Konfrontation mit einem oder mehreren traumatischen Ereignissen (Vgl. DSM-V). Entsprechende Symptome äußern sich differenziert in u. a. intensiven emotionalen Reaktionen, Wiedererleben (z. B. wiederkehrende, belastende Träume), negative Affektivität, dissoziative Reaktionen (z. B. Flashbacks), anhaltende Vermeidung von Reizen, und negativen kognitiven Veränderungen (DSM-V, APA, 2013). Vor dem Hintergrund der Fragestellung sind solche Symptome hervorzuheben, die sich auf das Wiedererleben des traumatischen Ereignisses beziehen. Mitunter werden hierunter die intensiven oder anhaltenden psychischen Belastungen wie auch physische Reaktionen bei der Konfrontation mit Aspekten der traumatischen Ereignisse, die an derselben erinnern, miteinbezogen sowie „wiederkehrende, unwillkürlich sich aufdrängende belastende Erinnerungen ([sog.] Intrusionen) an das oder die traumatischen Ereignisse [gefasst]“ (DSM-V, APA, 2013), die als real erlebt werden (Stangl, 2018). Hier wird deutlich, dass es nicht obligatorisch einem Auslöser bedarf, um sich an die traumatischen Geschehnisse zu erinnern.

Ferner zeigen Untersuchungen an Patienten mit PTBS, dass extrem emotionale negative Reize (z. B. Folter) bei diesen Personen schwer löschbar im impliziten Langzeitgedächtnis verankert sind (Birbaumer & Schmidt, 2010, S. 639). Während die Speicherung eines traumatischen Ereignisses im expliziten Gedächtnis durch Stresshormone geschädigt bis zu verhindert wird (Birbaumer & Schmidt, 2010, S. 653) und sich Patienten mit PTBS nur schwer an den Kontext der Ereignisse explizit erinnern (Birbaumer & Schmidt, 2010, S. 639). Diese Ergebnisse untermauern eindeutig den neuropsychologischen Ansatz, welcher postuliert, dass traumatische Ereignisse implizit gespeichert werden und daher nur schwer verbal zugänglich sind.

Demzufolge ist die Leitfrage, ob sich traumatische Erinnerungen von anderen Erinnerungen unterscheiden, strukturell und inhaltlich innerhalb der PTBS anzusiedeln. Damit bilden Erinnerungen traumatischer Ereignisse ein charakteristisches Teilprodukt des Störungsbildes PTBS. Jedoch sollte beachtet werden, dass sich die Diagnose PTBS in ihrer Pathogenese und Manifestation insgesamt heterogen zeigt.

Zusammenfassend kann vorerst festgehalten werden, dass begriffstechnisch ein traumatisches Ereignis einer Verletzung entspricht, die external (z. B. einem katastrophenartigen Ausmaß ausgeliefert sein) und internal (z. B. tiefe Verzweiflung hervorrufend) in außergewöhnlichem Maße gekennzeichnet ist. Tautologisch impliziert eine Wunde gleichzeitig einen Heilungsprozess. Dies unterstützt die Annahme, dass es sich bei Erinnerungen an traumatische Ereignisse um einen veränderbaren, transienten Zustand handeln muss. Diese Herleitung wird auch auf neurofunktioneller Ebene durch die Dissoziation zwischen implizitem und explizitem Gedächtnis bekräftigt sowie von den Forschungsergebnissen zu PTBS fundiert.

3 Kognitive theoretische Modelle

Zur Ätiologie und Aufrechterhaltung einer PTBS finden sich unzählige Theorien, die aufgrund der Heterogenität des Störungsbilds unterschiedlich konzeptualisiert sind (psychodynamische, lerntheoretische, kognitive, neurobiologische Störungsmodelle). Im vorliegenden Kapitel sollen daher zwei ausgewählte, empirisch etablierte Ausrichtungen erörtert werden: (a) die Duale Repräsentationstheorie nach Brewin, Dalgleish & Joseph (1996) (Kap. 3.1) und (b) das Mnemonische Modell nach Rubin, Berntsen & Klindt (2008) (Kap. 3.2).

Gemein ist beiden Ansätzen, dass sie die Ausprägung der Symptome von PTBS im Zusammenhang mit der nachhaltigen strukturellen und funktionalen Veränderung der Gedächtnisinhalte durch das traumatische Ereignis betrachten. Ersteres nimmt dabei eine gedächtnispsychologische Sicht ein, die einem Trauma eine Art eigenes Gedächtnis zuschreibt. Kohärent zum DSM-V wird davon ausgegangen, dass, bedingt durch das Trauma, andere Gedächtnismechanismen obwalten als bei anderen emotionalen Erinnerungen. Alternativ postuliert Zweiteres, dass keine besonderen Gedächtnisleistungen bei PTBS erforderlich sind, sondern es sich um „normale“ Erinnerungen in Extremsituationen handelt. Somit nimmt diese Theorie, entgegen dem Verständnis nach DSM, keine ereignisbasierte Position ein, sondern versteht PTBS als einen Extremfall vom menschlichen Gedächtnis und Emotionen aufgrund eines stark negativen Ereignisses.

[...]


1 Dieser Vorgang wird unter dem Phänomen „tunnel memory“ gefasst. Hierbei findet eine Relevanz orientierte Verengung der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses statt.

2 Im psychologischen Sinne besagt Dissoziation die pathologische Entwicklung, in deren Verlauf zusammengehörige Denk-, Handlungs- oder Verhaltenssequenzen weitgehend inkohärent ablaufen (Duden, o. J.).

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Unterscheiden sich Erinnerungen traumatischer Ereignisse von anderen emotionalen Erinnerungen?
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
25
Katalognummer
V501046
ISBN (eBook)
9783346039347
ISBN (Buch)
9783346039354
Sprache
Deutsch
Schlagworte
PTBS, Mnemonisches Modell, Duale Repräsentationstheorie, Intrusionen, Post-traumatische Belastungsstörung, PTSD, Trauma
Arbeit zitieren
Nathalie Neuberger (Autor), 2018, Unterscheiden sich Erinnerungen traumatischer Ereignisse von anderen emotionalen Erinnerungen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501046

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Unterscheiden sich Erinnerungen traumatischer Ereignisse von anderen emotionalen Erinnerungen?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden