Kulturelle Differenzen im Prozess der Identitätsfindung von Jugendlichen aus türkischstämmigen Familien


Bachelorarbeit, 2019

30 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Der Kulturbegriff
2.2 Kultur und Identität
2.3 Jugendphase
2.4 Türkischstämmige MigrantInnen in Österreich

3. Methodisches Vorgehen

4. Ergebnisse

5. Zusammenfassung der Ergebnisse

6. Fazit

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Große Aufmerksamkeit wird in der heutigen Gesellschaft der Befindlichkeit von türkischstämmigen MigrantInnen im Rahmen von wissenschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen und auch in den Medien geschenkt. Diverse Studien zeigen auf, dass an erster Stelle Gehorsam und Respekt bei den türkischen Familien liegen, was dazu führen soll, dass die familiären Bindungen gefestigt werden, jedoch wird das Verständnis dieser Werte innerhalb dieser Familien in verschiedener Weise interpretiert. Bei den türkischstämmigen Personen bedeutet Respekt, dass man nichts gegen die Eltern sagen darf, vor allem nicht gegen Väter, „inwiefern ist es da möglich, über wichtige Themen zu diskutieren bzw. die Meinung frei auszusprechen, wenn der Vater nicht mal der Meinung ist“, lautet die Aussage einer betroffenen Person in einem Zeitungsbericht (vgl. DIE PRESSE, 2017). Dieser Artikel, der am 25.2.2012 veröffentlich wurde, beschreibt, dass die türkischen Familien ihren Nachwuchs viel emotionaler erziehen würden als österreichische Familien im Vergleich; demnach würden österreichische Familien ihren Kindern mehr erlauben als türkische, was eine junge türkische Mutter namens Tuba el Kashef gegenüber der PRESSE in einem Interview äußert. Sie ist der Meinung, sie sei zwar nicht religiös, aber dafür traditionsbewusst, und demnach werde ihre Erziehung von dieser Haltung beeinflusst. Türkischstämmige Familien praktizieren, wie dem Artikel weiter entnommen werden kann, bestimmte Erziehungsstile, die eher kulturell und traditionell geprägt sind, was sich u.a. darin äußert, dass etwa Selbstständigkeit bei den Jugendlichen weniger gelehrt wird, im Gegensatz zu den einheimischen Familien, wie auch in den weiteren Ausführungen im Rahmen dieser Untersuchung aufgegriffen wird.

Die Erziehung innerhalb der betroffenen Familien unterscheidet sich aufgrund verschiedener Faktoren von der Erziehung hierzulande; ein Faktor ist der Migrationshintergrund oder die Kultur, die damit verbunden ist. Migration ist in vielen Fällen ein Familienprojekt, das sich über mehrere Generationen hinweg erstreckt. Die Kinder der türkischstämmigen Familien mit Migrationshintergrund stehen im Prozess der Akkulturation meistens zwischen zwei Kulturen: der Herkunftskultur ihrer Eltern und der Mehrheitskultur des Aufnahmelandes (vgl. Fuhrer, Mayer, 2005). Konflikte zwischen den Generationen können häufig dadurch entstehen, dass die erfahrenen Einflüsse innerhalb der Familie in wesentlichen lebenswichtigen Bereichen im Widerspruch zu den außerfamiliären Einflüssen stehen. Weiters steht in enger Verbindung mit der familiären Situation die Entwicklung der Identität – hierbei kann es zu Problemen kommen. Aufgrund von unterschiedlichen kulturellen und sozialen Kontexten können Sozialisationswidersprüche und daher auch Hürden bei der Entwicklung der Identität entstehen. Diese Situation, in der sich die Jugendlichen weder der Herkunfts- noch der Aufnahmekultur zugehörig fühlen, wird mit dem „ Marginal-man “-Konzept von Stonequist (1937) näher erläutert. In der Forschungsliteratur (Hämmig, 2000) wird argumentiert, dass häufig auftretenden Spannungsverhältnissen zwischen den in der Familie lebendigen Normen des Herkunftslandes und der modernen Kultur des Aufnahmelandes die Folge sind, aufgrund des vorherrschenden Traditionalismus in den zugewanderten Familien und der damit verbundenen Wertevermittlungen, wie dies bspw. in der Aufrechterhaltung der Autoritätsverhältnisse oder der geschlechtsspezifischen Erziehung zum Ausdruck gelangt. Die Jugendlichen müssen diesen widersprüchlichen Anforderungen und Erwartungen gerecht werden und geraten somit in das für sie charakteristische „Loyalitätsdilemma“: Familie und Verwandtschaft stehen auf der einen Seite, Peers und soziale Kontakte auf der anderen. Die Erziehungsstile der Eltern unterscheiden sich in vielen Punkten und unterliegen einer bestimmten Vorstellung davon, wie eine „perfekte“ Erziehung sein sollte, um das Kind auf einen guten Weg zu leiten.

Dem Begriff der Kultur werden mehrere Definitionen zugeordnet; dies erschwert somit das Verständnis der eigentlichen Problematik. In der Literatur wird gesagt, dass die Kultur als etwas „Starres“ angesehen wird, sodass auch die neueren Thesen keine weiterführenden Einsichten darin bieten. Der Begriff „Marginalität“ wird in der Literatur (Hämmig, 2000; Gapp, 2003) ebenfalls häufig verwendet und auf eine niedrige Statusposition bezogen. Der Jugendliche der zweiten Generation, der zugewandert ist, lebt an einer Grenze beider Kulturen, zu denen er sich nicht zugehörig fühlt. In der Forschungsliteratur wird mehreren Fragen nachgegangen, da diese Thematik mit weiteren relevanten Fragestellungen in Relation steht; etwa damit, ob die Jugendlichen der zweiten Generation mehr Konflikte und Probleme haben als Jugendliche ohne Migrationshintergrund oder welche Rolle Leistungserwartungen seitens der Eltern spielen. Ebenso werden weitere Fragen behandelt, die eng mit jener nach der Identitätsentwicklung von Jugendlichen aus türkischstämmigen Migrantenfamilien verknüpft sind. Obwohl Menschen mit türkischstämmigem Hintergrund in der österreichischen Gesellschaft leben, bewegt sich ihr Leben eher in anderen Bahnen. Jugendliche türkischer Herkunft entfernen sich immer mehr von der österreichischen Gesellschaft. Für manche Einheimische droht die Gefahr der Bildung einer eigenen „Parallelgesellschaft, die mit der ‚inländischen‘ in einem Konflikt stehen könnte. (vgl. Heitmeyer, 1997).

Vor dem Hintergrund der beschriebenen Problematik soll in der vorliegenden Untersuchung folgende Forschungsfrage beantwortet werden:

„Welche Rolle spielen kulturelle Differenzen bei der Erziehung in türkischstämmigen Familien während der Verfestigung der Identität der jugendlichen Kinder?“

Zielsetzung dieser Arbeit ist es zu untersuchen, wie diese Thematik in der aktuellen Literatur behandelt wird. Weiters sollen die Rolle der kulturellen Differenzen in der Erziehung, die Bildung der Identität und ihre Folgen für die Jugendlichen im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Untersuchungsgegenstand ermittelt werden.

Der Aufbau dieser Bachelorarbeit wird sich wie folgt zusammensetzen: Im ersten Kapitel „theoretische Grundlagen“ werden verschiedene Erklärungsansätze zu den relevanten Begriffen zur Thematik zusammenfassend wiedergegeben. Nach einer Einführung in den allgemeinen Begriff „Kultur“, der sehr komplex ist, und der Erklärung dessen, was unter „Migrationshintergrund“ zu verstehen ist, wird in weiterer Folge auf die Kulturkonflikte eingegangen und auf die Identität, in Anlehnung an das Modell von Erikson. Danach wird erläutert, welchem Alter Jugendliche zugeordnet werden können. Der Begriff „ marginal man “ kommt in der Literatur einige Mal vor und bedarf ebenfalls der Erläuterung, um ein gewisses Verständnis zu erhalten. Auf diesen Grundlagen basierend wird der Bezugsrahmen der Arbeit definiert, was schließlich in den Hauptteil (Ergebnisse), die Literaturanalyse, einleiten wird.

In diesem Abschnitt werden die Quellen und ihre Auswahl nach den zuvor im Bezugsrahmen beschriebenen Kriterien analysiert. Alle Quellen behandeln in jeglicher Form die Erziehung der Eltern in türkischstämmigen Familien und wie sich diese von den einheimischen und den Auswirkungen auf die Identität der Jugendlichen unterscheidet.

Nachdem die Analyse abgeschlossen ist, werden die Ergebnisse dieser Untersuchung zusammengefasst und diskutiert. Die erzielten Erkenntnisfortschritte werden hierbei interpretiert, bewertet und dem Leser verdeutlicht, woraufhin im letzten, abschließenden Teil der Arbeit ein Resümee gezogen wird.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Der Kulturbegriff

Da diese Arbeit mit kulturellen Begriffen verbunden ist (Kulturkonflikt, kulturelle Differenzen, kulturelle Identität, kulturelle Anpassung), soll dieser Terminus nicht unbehandelt bleiben. Es handelt sich dabei um eine begriffliche Konstituierung, wie folgende Passage erkennen lässt:

„Die ‚Kultur‘ einer Gruppe umfasst die besondere und distinkte Lebensweise dieser Gemeinschaft oder Klasse, die Bedeutungen, Werte und Ideen, wie sie in den Institutionen, in den gesellschaftlichen Beziehungen, in den Glaubenssystemen, in den Sitten und Gebräuchen, im Gebrauch der Objekte und im materiellen Leben verkörpert sind.“ (vgl. Clarke, 1979, S.41-42)

Nach Clarke (1979) liegt darin ein Konzept vor, in dem Kultur als ein unabgeschlossenes, prozesshaftes und als ein sich in Bewegung befindliches Systeme erscheint. Die Schwierigkeit, die mit der Verwendung des Kulturbegriffes in der wissenschaftlichen Literatur einhergeht, ist zunächst der alltagssprachliche Gebrauch. Dadurch ist der Begriff unscharf und nicht genau von anderen Phänomenen abgrenzbar. Um den Terminus für das eigene Forschungsvorhaben zu verwenden, greifen viele Autoren auf eine eigens erstellte Definition von Kultur zurück, z.B. Makarova (2008, S.32). Dadurch existiert eine große Brandbreite an verschiedenen Kulturbegriffen, die sich jeweils auf andere Forschungsschwerpunkte fokussieren (vgl. Zick 2010, S.78).

Im Zusammenhang der vorliegenden Arbeit ist erstens die Tatsache zu berücksichtigen, dass Menschen immer in einen kulturellen Kontext eingegliedert sind. Paul Mecheril betont, dass „es keinen kulturfreien Standpunkt und kein kulturloses Handeln gibt, Kultur somit als Dimension handlungsrelevanter Selbst- und Fremdidentifikation bedeutsam ist.“ (vgl. Mecheril 2004, S.95) Zweitens muss die Verwendung des Kulturbegriffes vor dem Hintergrund des ständigen Wandels der Zeit betrachtet werden. Somit verändern sich auch nationale Kulturen kontinuierlich und haben einen ebenso hybriden Charakter wie Persönlichkeitsstrukturen (vgl. Werbner und Modood 1997 zitiert nach Weiss 2007, S. 20).

Makarova definiert den Kulturbegriff wie folgt:

„Kultur ist ein Aushandlungs- und Entstehungsprozess, der in der Interaktion ihrer Subkomponenten und Akteure sichtbar wird und in diesem Sinne eine sich kontinuierlich wandelnde materielle und symbolische Interkultur darstellt. In diesem Prozess ist das Individuum als ein aktives handelndes Subjekt zu verstehen, das einen Beitrag zum Kulturwandel leistet und sich in dieser Dynamik ständig verändert und neu definiert.“ (Makarova 2008, 32)

Anhand dieser zitierten Passage ist somit ersichtlich, dass Kultur nichts Feststehendes darstellt, sondern einen Prozess bildet und immer mehrere Akteure beinhaltet, zwischen denen es zu Interaktionen kommt, welche es zu berücksichtigen gilt.

2.2 Kultur und Identität

Erik Erikson hat im Jahre 1968 einen Identitätsbegriff eingeführt und sieht in dem damit beschriebenen Phänomen in Anlehnung an Fend die „einzigartige Kombination von persönlichen, unverwechselbaren Daten des Individuums, wie Namen, Alter, Geschlecht und Beruf. Durch sie ist das Individuum gekennzeichnet und kann von allen anderen Personen unterschieden werden.“ (vgl. Fend, 2000, S.290) Fend spricht von einer einzigartigen Persönlichkeitsstruktur – diese ist mit einem Bild, welches andere Menschen von dem jeweiligen Individuum haben, verknüpft. Identität bedeutet auch, dass einem bewusst sein sollte, wer man ist bzw. wer man sein will (vgl. Fend, 2000, S.290). Blasi hat gleichfalls den Identitätsbegriff nach Erikson zusammengefasst und führt ihn folgenderweise aus: Identität sei nach seiner Ansicht zunächst als Antwort auf die Frage nach dem: „Wer bin ich?“, zu verstehen. Bisherige Erfahrungen sowie Erwartungen im Zusammenhang mit der Zukunft werden in das eigene Selbstkonzept integriert – man sieht sich selbst als kontinuierliche „Ganzheit“. In diesem Selbstkonzept fließen ebenso gesellschaftliche Traditionen und Erwartungen ein, die reflektiert und schließlich in die eigene Identität eingefügt werden. Hierzu gehört ebenso die Auseinandersetzung mit Vorstellungen von eigenen Lebensentwürfen vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Erwartungen. Ein Gefühl der Verwurzelung ergibt sich aus der Integration in die Gesellschaft, welche in der Folge ein zentraler Bestandteil der Identität ist (vgl. Erikson, 1988).Mehrere Autoren lehnen sich an den Begriff der Identität von Erikson an und fassen diesen unter ihrer eigenen Interpretation zusammen. Des Weiteren wird in dieser Arbeit öfter der Begriff der Identitätsbildung bzw. Identitätsfindung aufkommen, der sich als ein Vorgang der Sozialisation, in dem die Identität entsteht, definieren lässt. Dieser Terminus ermöglicht es, ein tieferes Verständnis für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen mit ihren zentralen Entwicklungsaufgaben zu gewinnen (vgl. Erikson, 1996).

Nach Erikson (1966) ist die Adoleszenz eine der Hauptkrisen, die Menschen im Laufe ihrer Entwicklung durchlaufen, denn Jugendliche müssen in dieser Lebensphase nach einem eigenen Standpunkt suchen und diesen auch herausbilden. Wenn dieser Prozess bewältigt wurde, so kann der junge Heranwachsende zu einer Ich-Identiät gelangen. Diese wird nach Erikson durch die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Erwartungen und mit den eigenen Fähigkeiten erreicht (vgl. Erikson 1988)

Nach Erikson muss der Mensch seine soziale Position festigen. In den meisten Kulturen werden die Jugend und die Pubertätsphase als eine Zeit des Rollen-Experimentierens, als „psychosoziales Moratorium“ gesehen, was eine Lebensphase im Lebenszyklus des Menschen darstellt, nämlich die Übergangsphase zwischen der Kindheit und der Erwachsenenidentität. (vgl. Erikson 1988). Diese Phase ist von hoher Relevanz, da in genau dieser Zeit die Betroffenen in der Gesellschaft ihren „richtigen“ Platz finden. (vgl. Erikson, 1988)

Erst in der späten Jugendphase findet nach Erikson die „Verfestigung“ (consolidation) der Identität statt. Hier endet das Kindsein, und das Erwachsensein beginnt. Das Gefühl des einheitlichen, abgeschlossenen und kohärenten Ganzseins versorgt den jungen Erwachsenen mit einem Sinn für Kontinuität, um die Vergangenheit und die Zukunft zu integrieren. Zwei Bereiche nach Erikson sind für die Identitätsbildung in der Adoleszenz ausschlaggebend, nämlich „ occupation “ (was die Berufstätigkeit meint) und „ ideology “ (diese betrifft die Weltanschauung der Person) (vgl. Erikson, 1988, 1975).

Wie oben schon erwähnt, wird der Begriff der Kultur in verschiedenen Disziplinen auf vielfältige Weise verwendet, weshalb sich zahlreiche Definitionen und Kontroversen finden. Der Mensch bzw. der Jugendliche orientiert sich an in einer sozialen Umgebung und handelt gemäß dem kulturellen Wissen der Bedeutung von Handlungen. Er ist von der Kenntnis der kulturellen Werte und Normen der Gesellschaft abhängig (vgl. Acar, 2015, S. 224). Demnach hat die Kultur einen großen Einfluss auf das Alltagsleben jedes Einzelnen, das sich auf diese Weise auch in den Verhältnisformen und Institutionen reflektiert, desgleichen in der Identität (Acar, 2015, 224f). Nun werden Jugendliche mit Migrationshintergrund vor dem Hintergrund dieser Zusammenhänge betrachtet, um auszuführen, wie Kultur und Identität von Zugewanderten erfahren werden.

Nach Phinney (2003) wird die „ethnische“ Identität“ so verstanden, dass „vor allem das subjektive Gefühl der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie“ damit bezeichnet wird (vgl. Phinney 2003 zitiert nach et. al Tietzmann, 2005, S.96). Für die Jugendlichen mit Migrationshintergrund stellt sich im Hinblick auf ihre kulturelle Identität dementsprechend die Frage, ob sie sich eher ihrer Herkunftskultur, samt ihren Werten und Normen, oder der Kultur des Aufnahmelandes zugehörig fühlen. In der Auseinandersetzung mit der Thematik kommt häufig der Begriff „ marignal man “ auf, der genau diese Grenze zwischen den beiden Kulturen des Herkunfts- und Aufnahmelandes aufgreift und erklärt.

Wichtig zu erwähnen ist hierbei, dass die erste Generation der türkischen MigrantInnen mit der mitgebrachten Kultur lebt und die VertreterInnen dieser viele Veränderungen im Aufnahmeland nicht akzeptieren, was demnach als Widerstand gegen die Integration angesehen wird. Zahlreiche Studien zur Identifikation mit der Herkunftskultur (Hämmig, 2000; Hans, 2010) lassen erkennen, dass die kulturelle Identität bei der zweiten Generation über die Eltern vermittelt und auch die Fremdzuschreibung verstärkt wird. Jugendliche mit Migrationshintergrund können in die besondere Situation gelangen, dass sie sich mit den Kulturen der Aufnahmegesellschaft und der eigenen Gesellschaft identifizieren, womit eine neue kulturelle Identifikation (bikulturelle Identität) sich entwickeln kann. (vgl. Acar 2015, S. 225)

2.3 Jugendphase

In der Forschungsliteratur werden Jugendliche als eigenverantwortliche und handelnde Akteure der eigenen Entwicklung laut Göppel (2005), Ferchthoff (2007), Riegel (2007) und Geisen (2007) angesehen. Vor diesem Hintergrund erklärt Rolf Göppel (2005) folgende Entwicklungsaufgaben, welche in seinem Werk: „Das Jugendalter. Entwicklungsaufgaben – Entwicklungskrisen – Bewältigungsformen“, dargestellt werden: Eine wichtige Aufgabe sei, dass man zum einen mit den körperlichen Veränderungen, die mit dem Eintritt in die Pubertät einhergehen, zurechtkommen und zu einem positiven Verständnis des eigenen Körpers finden muss; zum anderen bedarf es der Entwicklung eines lustvollen, selbstverständlichen und verantwortlichen Verhältnisses zur Sexualität. Wichtig ist es auch, sich mit Sinnfragen auseinanderzusetzen und eigenständige Standpunkte hinsichtlich moralischer, politischer und religiöser Frage einzunehmen, zudem gibt es noch andere Entwicklungsaufgaben, die in dieser Phase zum Tragen kommen. Überdies kommt hinzu, dass die durch die Pubertät bedingten körperlichen Veränderungen, die bei Jugendlichen, deren Eltern aus anderen Kulturen kommen, ebenso auftreten, mit anderen Bräuchen und Sitten behandelt werden. Für Jugendliche, welche mit und in zwei Kulturen aufwachsen, gestaltet sich die Frage nach dem Sinn des Lebens anspruchsvoller: Sie orientieren ihre Meinung zum Thema Moral, Politik und Religion eher an der Herkunfts- oder eher an der Aufnahmekultur. Laut Erikson (1988) werden die Identifizierungen und Sicherheiten durch die Ansichten der Eltern und durch deren Eltern wiederum geprägt. Frise (2004) lehnt sich an diese Auffassung an und vertritt die Ansicht, dass Kinder und Jugendliche die Werte und Normen der Eltern übernehmen – wenn Jugendliche diese Identifizierungen und Sicherungen aber hinterfragen, beginnt eine Abtrennung von den Orientierungen der Eltern, ebenso wird eine eigene Meinung gebildet (vgl. Freise (2004), S. 11 und Geisen (2007), S.40). Die Ablösung von den Eltern bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund steht in einem besonderen Licht, was bedeutet, dass sie eng mit der Entwicklung der kulturellen Identität einhergeht und demnach einen starken Einfluss auf die kulturelle Anpassung ausübt. (vgl. Kapitel 2.2.1)

Die schulische Bildung bzw. die Institution Schule nimmt in diesem Zusammenhang die Rolle eines besonderen Ortes ein, da dieser Ort einen anderen Einfluss auf einheimische Jugendliche als auf Angehörige einer ethnischen Minderheit nimmt. Dies liegt an der Tatsache, dass die Schule die Kultur des Aufnahmelandes repräsentiert, welche im Widerspruch zu der Kultur des Herkunftslandes (dargestellt durch die Eltern) stehen kann.

Göppel (2005) beschreibt folglich die Herausbildung der eigenen Identität als bewusste „ Explorationsversuche “, in deren Zuge die Jugendlichen spielerisch Identitätsentwürfe erproben und sich selbst in neue Rollen, neue Verhaltensmuster und neue Sichtweisen hineinbegeben (vgl. Göppel, 2005, S.234). Die Rollen, Sichtweisen und Verhaltensmuster der Jugendlichen mit Migrationshintergrund orientieren sich vornehmlich an den Eltern und deren Herkunftskultur, wobei zu sehen ist, dass Jugendliche, die Angehörige einer Minorität sind, vermehrt eher der neuen Aufnahmekultur (mit dem Eintritt in die Schule) angehören.

Bei diesen Explorationsversuchen kann ein „Widerspruch zwischen den inneren Bedürfnissen und den Ansprüchen der Umwelt entstehen, welcher ständig neu ausgehandelt und passend gemacht werden muss.“ (vgl. Haertl, 2004, S.98)

2.4 Türkischstämmige MigrantInnen in Österreich

Migration an sich ist ein komplexer Begriff, der mehr als eine Defintion kennt. Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung wurde die Entscheidung getroffen, auf die temporäre Migration einzugehen. In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde in Deutschland und in anderen westeuropäischen Ländern der Begriff „Gastarbeiter“ für die große Anzahl an angeworbenen ArbeitsmigrantInnen populär. Diese Gastarbeiter stammten hauptsächlich aus der Türkei, dem ehemaligen Jugoslawien, aber auch aus Italien, Griechenland, Spanien und Portugal. Der Grund für die Anwerbung dieser Personen war die notwendig gewordene Deckung des Bedarfs an Arbeitskräften, der zum Erhalt der Leistungsfähigkeit der Ökonomie des Aufnahmelandes vonnöten war. (vgl. Polat 1998, S.13). Hierbei handelte sich um eine temporäre Migration, was ursprünglich einen kurzen Aufenthalt der Arbeitskräfte meint. Die Intention war die maximale Ausnützung der Arbeitskräfte. Viele dieser MigrantInnen jedoch haben sich eine Existenz im Aufnahmeland aufgebaut und waren somit in eine Gesellschaft eingebunden – sie wollten den hart erarbeiteten Lebensstandard nicht aufgeben, was ein Opfer gewesen wäre, das mit einer Rückkehr verbunden gewesen wäre. Daher haben die MigrantInnen in der Folge die Staatsbürgerschaft des entsprechenden Aufnahmelandes angenommen. (vgl. Hessenberger, 2004, S.10). Dies fand auch in Österreich statt. Das Land hat aufgrund eines Mangels an Arbeitskräften ein Anwerbeabkommen mit der Türkei im Jahr 1964 geschlossen. Nachdem beobachtet werden konnte, dass sich in Österreich viele Familien niederließen und ihre Angehörigen nachgeholt hatten, wurde die Anwerbung weiterer GastarbeiterInnen in den 1970er-Jahren beendet (vgl. Bauer, 2008, S.5).

Es ist somit zu sehen, dass die ursprünglichen Absichten der Einwanderung von türkischstämmigen Familien zunächst temporär und somit zeitlich begrenzt waren, sodass keine langfristige Perspektive der Migration und des Verbleibs in der zweiten Heimat verfolgt wurde.

3. Methodisches Vorgehen

Im Nachfolgenden wird das methodische Vorgehen beschrieben, über das die Forschungsfrage dieser Arbeit anhand von Recherchen beantwortet wurde.

Bei der Durchführung der in dieser Arbeit dargestellten Untersuchung wurde wie folgt vorgegangen: Zunächst wurden relevante Beiträge bzw. Artikel in Datenbanken identifiziert. Hierzu wurden zwei Datenbanken verwendet: Zunächst ist SCOPUS zu nennen, eine Abstract- und Zitationsdatenbank, die hauptsächlich Beiträge aus wissenschaftlichen Zeitschriften, aber auch aus ca. 120.000 Tagungsbänden und Monographien beinhaltet. Scopus enthält über 55 Millionen Literaturnachweise aus zahlreichen Verlagen und ist eine Datenbank, die täglich aktualisiert wird. Zusätzlich bietet Scopus Analysetools zur Auswertung der Suchergebnisse. Die Möglichkeit der Analyse ist ein wesentlicher Bestandteil dieser verwendeten Datenbank und kann zusätzliche Anhaltspunkte für weitere Recherchen liefern.

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Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Kulturelle Differenzen im Prozess der Identitätsfindung von Jugendlichen aus türkischstämmigen Familien
Hochschule
Universität Wien  (Sensengasse Bildungswissenschaften)
Note
3,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
30
Katalognummer
V501070
ISBN (eBook)
9783346024251
ISBN (Buch)
9783346024268
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kulturelle, differenzen, prozess, identitätsfindung, jugendlichen, familien
Arbeit zitieren
Emina Malkic (Autor), 2019, Kulturelle Differenzen im Prozess der Identitätsfindung von Jugendlichen aus türkischstämmigen Familien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501070

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