Ein Vergleich von Joshua Reynolds Rollenportraits "Kitty Fisher as Cleopatra Dissolving the Pearl" und "Annabella, Lady Blake, as Juno receiving the Cestus from Venus"


Hausarbeit, 2017
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung in das Thema: Rollenportraits in England im 18. Jahrhundert

2. Analyse und Vergleich zweier Rollenportraits
2.1 Kitty Fisher as Cleopatra Dissolving the Pearl
2.1.1 Bildbeschreibung
2.1.2 Analyse und Interpretation
2.2 Annabella, Lady Blake, as Juno receiving the Cestus from Venus
2.2.1 Bildbeschreibung
2.2.2 Analyse und Interpretation
2.3 Vergleich
2.4 Auswertung

3. Abbildungsverzeichnis

4. Quellenverzeichnis

1. Einführung in das Thema: Rollenportraits in England im 18. Jahrhundert

Die englische Ausführung des Rollenportraits hatte ihren Höhepunkt Anfang des 18. Jahrhun- derts.1 Übernommen aus Frankreich, wo die Gattung zuvor auf Kritik stieß2, erfuhr es in Eng- land wahre Blüte.3 „(…) es geht bewusst auf die Diskrepanz von Rolle und realer Existenz ein, sodass es keine Aufwertung durch Allegorisierung kennt, wie das theomorphe Portrait (…)“. Der Künstler versinnbildlicht das Modell also nicht mit einer göttlichen Gestalt, wie beim the- omorphen Portrait oder der Historienmalerei, sondern lässt den Betrachter bewusst erkennen, dass eine Widersprüchlichkeit zwischen dem Portraitierten und dessen Rolle besteht. Daher benötigt man ein Publikum, „das fähig [ist], die Kombination des realen Modells und der Ide- algestalt, mit dem richtigen Verständnis nachzuvollziehen.“4 Da mythologische Portraits im damaligen England wenig bekannt waren, orientierte man sich bei den Rollenportraits eher an mythologischen Assoziationen und fand so Gefallen an gestellten Rollenbildnissen.5 Damit das Modell seiner Rolle nahezu gleicht, werden persönliche Züge durch Beifügen einer Requisite oder eines Attributs erweitert. 6 Im Vergleich zum traditionellen theomorphen Portrait, unter- scheidet sich das Rollenportrait allerdings darin, dass es auch einen direkten Bezug zur portrai- tierten Person darstellt und eine gewisse Spannung zwischen Mythos und Realität aufweist. Es spricht also unterschiedliche Ebenen an.7

Die vorliegende Arbeit soll zwei Rollenportraits von Joshua Reynolds, einem der führenden Portraitisten im 18. Jahrhundert, analysieren und vergleichen, um dann deren Aussageabsichten als Rollenportrait deuten zu können. Den Anfang wird die Bildbeschreibung des Portraits „Kitty Fisher as Cleopatra Dissolving the Pearl“ bilden, worauf eine Analyse und Interpretation der zuvor gesammelten Erkenntnisse folgt. Daraufhin wird das Portrait „Annabella, Lady Blake, as Juno receiving the Cestus from Venus“ beschrieben und später wie zuvor analysiert und inter- pretiert. Darauf folgt dann der Vergleich der beiden Portraits sowie eine Auswertung der ge- wonnenen Erkenntnisse.

2. Analyse und Vergleich

2.1 Kitty Fisher as Cleopatra dissolving the pearl (Abb.1)

2.1.1 Bildbeschreibung

Das Gemälde (Abb.1) von Joshua Reynolds, das mittlerweile im Kenwood House in London ausgestellt ist, zeigt die junge Edelprostituierte Kitty Fisher in ihrer Rolle als ägyptische Köni- gin Kleopatra.8 Es wurde 1759 mit Öl auf Leinwand gemalt und misst 76.2 x 63.5 Zentimeter9, ist also ein Hochformat. Der Gravur des Gemäldes zufolge ist Kitty Fisher selbst als Besitzerin des Portraits genannt10,was darauf schließen könnte, dass sie dieses auch in Auftrag gegeben habe.

Es ist ein Bildausschnitt zu sehen, auf den der Betrachter aus der Zentralperspektive blickt. Dieser Ausschnitt zeigt den Oberkörper der jungen Kurtisane11, der das Gemälde nahezu aus- füllt. Das formatfüllende Portrait hat also eine drei Viertel Ansicht, zeigt das Modell nicht kom- plett. Die Farben sind eher dezent gehalten und wirken trist. Das Licht fällt auf Fisher und rückt sie somit in den Fokus. Auf hinterster Ebene erstreckt sich eine dunkle Wand, die den Hinter- grund des Bildes komplett füllt. Auf rechter, mittlerer Höhe im Mittelgrund lässt sich ein Stuhl erkennen, der mit rotem Stoff gepolstert und mit goldener Verzierung versehen ist. Auf diesem Stuhl sitzt Kitty Fisher, im Vordergrund platziert, als zentrales Objekt des Gemäldes. Sie wird im Profil gezeigt, ihr Kopf ist nach rechts gewandt. Die Körperhaltung ist entspannt, es scheint fast so, als würde sie nach unten gleiten. Die rechte Hand führt sie elegant über einen goldenen Kelch, der von ihrer linken Hand gehalten wird. Betrachtet man Fisher genauer, so fällt wohl zuerst ihr blasser Teint und die ebenmäßige, glatte Haut auf, die einen Kontrast zur dunklen Wand im Hintergrund schafft und den Blick des Betrachters so auf sich lenkt. Auch das Stoff- kleid, das sie trägt, ist Hautfarben und lenkt die Aufmerksamkeit auf den Vordergrund. Es liegt nicht besonders eng an, da es Falten wirft und hat einen weiten Ausschnitt, der mit Perlen be- stickt ist. Weder Schultern noch Unterarme sind ganz bedeckt. Es scheint fast so, als ob es jeden Moment von den Armen rutschen würde. An das Kleid schmiegt sich eine dunkelblaue Stola aus Samt, die ebenfalls mit Perlen versehen ist. Die Farbe der Stola verleiht den Perlen einen eisblauen Stich, sie sind also genau wie Kitty in blau gewickelt.12 Weder die Stola noch das Kleid bedecken Hals, Schultern oder Dekolleté der jungen Frau. Der schräg nach unten ge- wandte Blick geht ins Leere, Kitty wirkt fast introvertiert und teilnahmslos. Durch ihren leicht geöffneten Mund wird allerdings ein Ausdruck der Ruhe und Besinnlichkeit geschaffen, der durch die kleine Nase, welche das sinnliche Gesicht abrundet, verstärkt wird. Eine dezente gol- dene Krone hält die dunkelbraunen, langen, gelockten Haare zusammen. Einige Haarsträhnen stehen allerdings wild durcheinander, was die Gesamterscheinung deutlich auflockert. Ein wei- terer zentraler Punkt im Bild ist der Goldkelch ,den Kitty mit ihrer linken Hand hält. Zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger ihrer rechten Hand hält sie eine Perle über das Gefäß, die sie zuvor an ihrem Ohr trug.13 Betrachtet man die Haltung der Hand genauer, fällt auf, dass die Perle direkt auf der Höhe des Herzens gehalten wird. Sie ist jedoch nicht in gewohnter runder Form dargestellt, denn an ihr haftet ein Tropfen. Es scheint so, als würde die Perle flüssig wer- den und in den Kelch tropfen.

2.1.2 Analyse und Interpretation

Das Portrait der Kitty Fisher als Kleopatra richtet sich, wie der Name schon sagt, nach der ägyptischen Königin Kleopatra. Hierbei hat sich Joshua Reynolds am Gemälde „The Banquet of Marc Anthony and Cleopatra“ (Abb.2) orientiert.14 Dieses zeigt ein prächtiges Bankett im Palazzo Spada in Rom15, an dem unter anderem Kleopatra und Markus Antonius beteiligt sind. Kleopatra, die als Königin von Ägypten zu ihrer Zeit über große politische Macht und Wohl- stand verfügte, genoss Ruhm und Ehre und war regelrecht süchtig nach mehr Kontrolle. So verführte sie schon Julias Caesar, um von dessen Einfluss zu profitieren. Auch Markus Anto- nius sollte ihr zum Opfer fallen. Beim Bankett im Palazzo Spada nahm sie sich eine Perle von ihrem Ohr und löste diese in einem Kelch voller Wein auf und konnte Markus Antonius so verführen. 16 Dies diente als Vorlage für das Portrait von Joshua Reynolds. „Adopting the per- sona of Cleopatra allows Fisher to (…) stage herself as a desirable object (…) while retaining an active and powerful position within representation.” 17 Kittys Ziel war es jedoch nicht Kle- opatra optisch nachzustellen, sondern deren machtvolle und verführerische Ausstrahlung zu übernehmen.18 Auch der Lebensstil der Kurtisane ähnelt dem der ägyptischen Königin sehr. Es wird ihr nachgesagt einen Geldschein eines Verehrers auf einem Butterbrot gegessen zu haben und über 12.000 Pfund in neun Monaten ausgegeben zu haben.19

Ein wiederkehrendes Motiv im Gemälde von Reynolds ist die Perle. So dient sie zum Beispiel als modisches Accessoire an Kittys Kleid und Stola aber auch als Ohrschmuck. Auch die Trop- fenform der Perle in Kittys Hand wird vermehrt aufgegriffen, so erkennt man diese in den Hen- keln des Kelches wieder, im Raum den ihr Daumen und der Zeigefinger der rechten Hand bil- det, in den Fransen an der Stola und an den wallenden Haaren unter ihrer Krone.20 „This drama of controlled falling, leads us to imagine the next moment in the stilled narrative; the destruction of the pearl.”21 Im Gemälde wird also immer wieder das Motiv des Fallens beziehungsweise Tropfens aufgegriffen. So erreicht Reynolds Spannung und Bewegung innerhalb des Portraits. Dieses Motiv steht hier eng in Verbindung mit Perlen. Sie stehen für Reinheit, denn sie werden ohne sexuelle Aktivität von Muscheln erzeugt22, aber auch für das weibliche Geschlechtsorgan. Die Perle die zuvor Fishers Ohr schmückte, wird nun über den goldenen Kelch gehalten. Das Ohr ist also leer, wird dem Betrachter nahezu präsentiert. Es steht für spirituelle Penetration und sexuelle Verführung, ebenso wie der unbekleidete Hals. Das Motiv des Geschlechtsorgans wird im Gemälde mehrfach aufgegriffen, nicht nur die Perle verweist auf das weibliche Organ hin, sondern auch die Form des Goldkelches. Die Perle die zuvor am Ohr für Reinheit stand wird also nun in einem Kelch aufgelöst, der für das weibliche Geschlechtsorgan beziehungs- weise für den weiblichen Körper steht, sie wird also von Kleopatras/Kittys Körper verschlun- gen. Das Auflösen der Perle wird zu einer Art Verführung für den Betrachter und weckt Ver- langen 23 , denn es verwandelt den Körper in ein Objekt der Begierde, das alles Biologische Überschreitet.

Speziell der Blickwinkel spielt für den Betrachter sowie für den Maler eine große Rolle. Ver- gleicht man die Gemälde von Reynolds und Trevisani so fällt auf, dass Reynolds lediglich die Person der Kleopatra in seinem Portrait detailgetreu übernommen hat. Markus Antonius, der sich gegenüber von Kleopatra über das Bankett lehnt, wird von Reynolds nicht gezeichnet. Dies hat einen speziellen Grund. Betrachtet man das Portrait von Fisher länger, so fällt auf, dass der Betrachter aus dem gleichen Winkel auf das Modell blickt wie Markus Antonius auf seine Ge- liebte in Trevisanis Werk. „The painter/viewer becomes Marc Anthony.“24 Die Distanz zwischen Betrachter und Modell schwindet. Zusätzlich wird das Motiv der Verführung und der sexuellen Anziehung durch die Einbindung des Betrachters verstärkt, denn dieser empfindet so größeres Verlangen. Andererseits lässt sich auch auf eine sexuelle Beziehung zwischen Modell und Maler schließen, denn auch der Künstler selbst nimmt automatisch die Rolle des Markus Antonius ein, der auf seine Geliebte blickt.25 Eine Liebesbeziehung zwischen Reynolds und Fisher wird in der Literatur ohnehin häufig vermutet26 ,denn der Besitzer und somit Auftragge- ber des Gemäldes war Fisher selbst27. Mit welchen Mitteln und ob sie es überhaupt bezahlt hat ist jedoch nicht nachgewiesen.

Die Rolle der Kleopatra erlaubt Kitty Fisher also sich als machtvolle, sexuell unabhängige und selbstbestimme Frau zu präsentieren.28 Gleichzeitig möchte sie ihren Beruf als Prostituierte le- gitimieren und provoziert so ihre konservativen Kritiker wie zum Beispiel die Queen.29 Wie zuvor erwähnt existiert bei den englischen Rollenportraits des 18. Jahrhundert jedoch eine ge- wisse Diskrepanz zwischen Modell und Rolle, worüber sich auch Fisher bewusst war. Denn “Fisher does not appear in ‘actual behavior’ but performs an idea of herself (…).”30 Sie war sich durchaus bewusst nicht in der Rolle als Königin Kleopatra wahrgenommen zu werden, für sie war es weitaus wichtiger Unabhängigkeit, Einfluss und sexuelle Anziehung widerzuspie- geln.31 Dass sie so wahrgenommen wurde, wie sie sich darstelle, beweist ein Ausschnitt eines Gedichtes von T. Waller, das an Fisher gerichtet ist:

“You was sent by the God of Desires,

That he might his Empire maintain;

For tho’ Bacchus had put out Love’s Fires,

He knew You cou’d light them again.”32

[...]


1 Vgl. Kluxen ,1989, S.147.

2 Vgl. Ebd. S.148.

3 Vgl. Ebd. S. 147

4 Malissa, 2013, S.6.

5 Vgl. Kluxen, 1989, S.148.

6 Vgl. Malissa, 2013, S. 6.

7 Vgl. Ebd. S.6.

8 Vgl. Rosenthal, 2012, S.67.

9 Auf https://artuk.org/discover/artworks/kitty-fisher-as-cleopatra-dissolving-the-pearl-191817, Zugriff 27.03.17.

10 Vgl. Rosenthal, 2012, S.67.

11 Vgl. ebd. S.55.

12 Vgl. ebd. S.67.

13 Vgl. Rosenthal, 2012, S. 69.

14 Vgl. Ebd. S.70.

15 Vgl. Ebd. S.70.

16 Vgl. Ebd. S.67.

17 Vgl. Ebd. S.68.

18 Vgl. Ebd. S:68.

19 Vgl. Rosenthal, 2012, S.68.

20 Vgl. Ebd. S.68.

21 Rosenthal, 2012, S.68.

22 Vgl. Ebd. S.70.

23 Vgl. Ebd. S.69.

24 Rosenthal, 2012, S.71.

25 Vgl. Rosenthal, 2012, S.71.

26 Vgl. Ebd.S.71.

27 Vgl. Ebd. S.67.

28 Vgl. Ebd. S. 71.

29 Vgl. Ebd., 2012, S.72.

30 Rosenthal, 2012, S.70.

31 Vgl. Rosenthal, 2012, S. 71 f.

32 Waller, 1762, S.6.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Ein Vergleich von Joshua Reynolds Rollenportraits "Kitty Fisher as Cleopatra Dissolving the Pearl" und "Annabella, Lady Blake, as Juno receiving the Cestus from Venus"
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Medien, Sprache und Kultur)
Veranstaltung
Vom Portrait zum Selfie
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V501220
ISBN (eBook)
9783346025807
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Portrait zum Selfie, Joshua Reynolds, Kitty Fisher, Kitty Fisher as Cleopatra Dissolving the Pearl, Annabella Lady Blake as Juno receiving the Cestus from Venus
Arbeit zitieren
Nina Stahlberger (Autor), 2017, Ein Vergleich von Joshua Reynolds Rollenportraits "Kitty Fisher as Cleopatra Dissolving the Pearl" und "Annabella, Lady Blake, as Juno receiving the Cestus from Venus", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501220

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Ein Vergleich von Joshua Reynolds Rollenportraits "Kitty Fisher as Cleopatra Dissolving the Pearl" und "Annabella, Lady Blake, as Juno receiving the Cestus from Venus"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden