Die Verwirklichung des menschlichen Lebens und ihr Fehlschlagen bei Erich Fromm


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Menschenbild
2.2 Mittel zur Überwindung der Isolation
2.3 Die Moderne
2.3.1 Der Kapitalismus
2.3.2 Das Wesen des Menschen in der Moderne
2.3.2.1 Die Entfremdung
2.3.2.2 Die Markt-Orientierung
2.3.3 Der Verfall der menschlichen Beziehungen und der Liebe in der Moderne
2.4 Die Überwindung der existenziellen menschlichen Situation
2.4.1 Die produktive Charakterorientierung
2.4.2 Die produktive Liebe

3 Fazit

4 Literaturverzeichnis

5 Erklärung zur wissenschaftlichen Redlichkeit

1 Einleitung

„Der Einzelne repräsentiert die Menschheit. […] Zugleich repräsentiert er alle Eigenarten der Menschheit.“1 Erich Fromm zeigt in diesem Zitat, welche Beziehung er zwischen dem Individuum und der gesamten Menschheit sieht. Offen bleibt dabei allerdings, was für ihn die Eigenarten der Menschheit sind. Die zentrale Eigenschaft des menschlichen Lebens ist für Fromm die Beziehung der Menschen zur Natur. Der Mensch ist, wie das Tier, Teil der Natur. Im Gegensatz zum Tier ist er sich aber seiner eigenen Existenz bewusst und transzendiert die Natur. Daher ist der Mensch Teil der Natur, steht aber gleichzeitig für sich. Er hat die Einheit mit der Natur verloren.2 Diese existenzielle Situation des Menschen stellt der Ausgangspunkt dieser Arbeit dar. Die Überwindung dieser Isolation stellt für Fromm die Verwirklichung des Menschen dar. Wie später noch aufgezeigt wird, schlägt diese Verwirklichung in der Moderne allerdings fehl. Es stellt sich die Frage: Worin liegt die Verwirklichung des menschlichen Wesens für Fromm und inwiefern geht diese in der modernen Gesellschaft fehl?

Um diese Frage zu beantworten soll zunächst das Menschenbild Fromms näher betrachtet werden. Dabei wird auch die eben bereits kurz erläuterte menschliche Situation genauer beleuchtet. Die einzige Möglichkeit der Überwindung der menschlichen Isolation sieht Fromm in der Liebe. Welche anderen, vergeblichen Möglichkeiten zu dieser Überwindung vom Menschen genutzt werden, wird in Kapitel 2.2 erläutert. Der darin behandelte Konformitätsgedanke spielt auch für den Menschen in der Moderne eine Rolle. Da der Mensch in der Moderne vor allem durch den Kapitalismus beeinflusst ist, wird daraufhin geklärt, welche Aspekte des Kapitalismus nach Fromm zentral sind. Daraufhin widmet sich die Arbeit dem Menschenbild Fromms in der Moderne. Zentrale Aspekte sind hierbei die Entfremdung und die Markt-Orientierung des Menschen. Erst durch Darlegung dieser Aspekte kann verstanden werden, inwiefern die Liebe in der Moderne verfällt und so keine Verwirklichung des menschlichen Wesens mehr darstellt. Anschließend wird erläutert, wie die Überwindung der existenziellen, menschlichen Situation für Fromm aussieht. Dabei ist zunächst die produktive Charakterorientierung zentral. Daraufhin wird in einem letzten Kapitel erläutert, wie die menschliche Isolation durch die Liebe überwunden werden kann. Angemerkt sei an dieser Stelle, dass sich einzelne Aspekte in Erich Fromms Darstellungen überschneiden oder erst in ihrem Gegensatz konstituieren. Aus diesem Grund kommt es auch in dieser Arbeit zu inhaltlichen Überschneidungen in den verschiedenen Kapiteln, da eine klare Trennung der behandelten Phänomene oftmals nicht möglich ist.

2 Hauptteil

2.1 Menschenbild

Laut Fromm grenzt sich der Mensch vor allem durch seinen Instinktapparat vom Tier ab. Während das Tier vor allem durch seine Instinkte geprägt ist, so sind beim Menschen nur Reste seines Instinktapparates vorhanden.3 Die Instinkte ermöglichen dem Tier eine Anpassung an seine Umwelt. Dadurch sichert das Tier den Fortbestand der eigenen Rasse oder Gattung. In diesem Sinne lebt das Tier in Harmonie zu seiner Umwelt. Diese Anpassungsfähigkeit ist dem Menschen durch den nur schwach ausgeprägten Instinktapparat nicht gegeben.4 Zum Ausgleich für die schwachen Instinkte, verfügt der Mensch über ein weiter entwickeltes Gehirn. Dieses befähigt ihn zu zahlreichen Dingen, die dem Tier nicht möglich sind: „Er wird sich seiner selbst als einer besonderen Wesenheit bewußt, kann sich an Vergangenes erinnern, kann Zukünftiges sich vorstellen und kann Gegenstände und Handlungen durch Symbole bezeichnen.“5 Die spezifisch menschlichen Eigenschaften resultieren aus der Entwicklung des Gehirns und der menschlichen Fähigkeit zur Vernunft.

Die Loslösung von Instinkten und die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten sind für den Menschen allerdings nicht nur positiv. Durch die Losgelöstheit von seinen Instinkten und das Bewusstsein seiner selbst verliert der Mensch einen Zustand der Einheit und des Einsseins mit der Natur. Der Mensch ist von der Natur getrennt und leidet unter dieser Trennung. Er ist sich und seiner Umwelt entfremdet und sucht nach einer neuen Harmonie, nach einer neuen Verbindung und Einheit.6 Laut Bierhoff sieht Fromm die existenzielle, menschliche Situation darin, dass der Mensch einerseits der Natur immer noch angehört, ihr andererseits aber auch entwachsen ist.7 Fromm nennt diese Situation „das Problem der menschlichen Existenz“.8 Es ist das Problem der menschlichen Existenz, da sich dieses Problem nicht auf bestimmte Gesellschaften oder eine bestimmte Zeit bezieht, sondern universell über die Jahrhunderte hinweg existiert und den grundsätzlichen Bedingungen der menschlichen Existenz entspringt.

Die menschliche Vernunft führt außerdem zu unüberwindbaren, existenziellen Widersprüchen. Der zentrale Widerspruch liegt in dem menschlichen Bewusstsein seiner Sterblichkeit. Der Mensch weiß um sein unabwendbares Dahinscheiden. Der Tod stellt etwas Gegenteiliges zum Leben dar und beendet es, hat aber gleichzeitig keine konkrete Bedeutung für das menschliche Leben.9 Daraus resultiert eine Einsamkeit, da „er allein und abgesondert und den Kräften der Natur und der Gesellschaft hilflos ausgeliefert ist“.10 Der Mensch ist allein, da jeder Mensch einmalig ist und er individuelle Entscheidungen treffen muss. Diese Trennung von seiner Umwelt ist für den Menschen nicht zu ertragen, weshalb er versucht, sie zu überwinden.11 Wie diese Überwindung für Fromm aussieht, wird weiter unten erläutert. Widersprüchlich ist diese Situation, da der Mensch zwar alleine ist, gleichzeitig aber ein Zusammengehörigkeitsgefühl braucht, also nicht völlig getrennt von anderen leben kann.12 Es gibt einen zweiten Widerspruch, der eng mit dem ersten verknüpft ist. Dieser liegt darin, dass der Mensch grundsätzlich alle Möglichkeiten für sein Leben hat, sein Leben allerdings zu kurz ist, um die Möglichkeiten zu verwirklichen. Dieser Situation ist sich der Mensch bewusst.13

Diese beiden Widersprüche herrschen bei allen Menschen gleichermaßen. Unterschiede treten hinsichtlich des Charakters auf. Da verschiedene Charakterorientierungen in dieser Arbeit des Öfteren von Bedeutung sein werden, soll an dieser Stelle kurz erläutert werden, was Fromm unter dem Begriff Charakter versteht. Der Charakter eines Menschen ist bis zu einem gewissen Grad veränderlich. Diese Veränderungen geschehen durch Erfahrungen und Erlebnisse.14 Fromm definiert den Charakter „als die (relativ permanente) Form, in welche die Energie des Menschen während des Prozesses der Assimilierung und Vergesellschaftung geleitet wird“.15 Unter Assimilierung und Vergesellschaftung versteht er wiederum die Aneignung von Dingen und das in Beziehung setzen zu den Menschen.16 Beim Assimilierungsprozess handelt es sich somit um die Bezogenheit zu Dingen und beim Sozialisationsprozess um die Bezogenheit zu Menschen. Charakterorientierungen können sich auf beide Aspekte erstrecken.17

2.2 Mittel zur Überwindung der Isolation

Der Mensch hat verschiedene Wege entwickelt, um das Getrenntsein von der Natur zu überwinden. Eine Möglichkeit sieht Fromm in orgiastischen Zuständen. In diesen Erlebnissen wird die Außenwelt ausgeblendet, weshalb sich der Mensch nicht mehr von ihr abgetrennt fühlt. Da dieser Zustand aber zeitlich begrenzt ist, muss er immer wieder wiederholt werden. Ein Problem dieser Methode in modernen Gesellschaften ist, dass diese Gesellschaften keine orgiastische Kultur haben, das heißt, dass die orgiastischen Riten in diesen Gesellschaften aufgegeben wurden und sozial nicht erwünscht sind. Menschen die ihr Abgetrenntsein dennoch durch orgiastische Zustände zu überwinden versuchen (beispielsweise mit Drogen), fühlen sich nach dem orgiastischen Erlebnis noch isolierter als zuvor.18 Orgiastische Vereinigungen haben drei zentrale Merkmale: „Sie sind intensiv […]; sie erfassen die Gesamtpersönlichkeit, Geist und Körper; und sie sind vorübergehend und müssen regelmäßig wiederholt werden.“19 Da die Vereinigung nur vorübergehend ist, sind orgiastische Zustände keine zufriedenstellende Antwort auf die Trennung des Menschen von der Natur.

Ein weiterer Versuch der Überwindung der Abgetrenntheit ist die schöpferische Tätigkeit. Dies ist beispielsweise bei Malern oder Handwerkern der Fall. Dabei vereinigt sich der Mensch mit seiner Außenwelt und seinem Material. Dadurch kann er in einem gewissen Maße seine Isolierung aufheben. Da diese Einheit, die bei der schöpferischen Tätigkeit erreicht wird, allerdings nicht zwischenmenschlicher Natur ist und die Beziehung zu anderen Menschen ein zentrales Bedürfnis des Menschen ist, ist auch diese Methode keine zufriedenstellende Antwort auf das menschliche Existenzproblem.20

Die häufigste Vereinigung ist die, die auf der Konformität mit Anderen beruht. „Es ist eine Vereinigung, in der das individuelle Selbst weitgehend aufgeht und bei der man sich zum Ziel setzt, der Herde anzugehören.“21 Durch die Anpassung und Angleichung an andere Menschen, lässt sich die Erfahrung des Alleinseins verhindern. Wie später noch genauer aufgeführt wird, führt diese Konformität in modernen, kapitalistischen Gesellschaften zu einer nicht-individualisierten Gleichheit. Der Nachteil der Konformität ist, dass sie vor allem den Geist aber nicht den Körper betrifft und zudem nicht intensiv ist. Daher ist auch die Konformität keine zufriedenstellende Möglichkeit die menschliche Isolation zu überwinden.22

„Es gibt nur eine Leidenschaft, die das Bedürfnis des Menschen befriedigt, mit der Welt eins zu werden und gleichzeitig ein Gefühl der Integrität und Individualität zu erlangen: die Liebe.“23 Fromm konstatiert in modernen, kapitalistischen Gesellschaften allerdings einen Verfall der Liebe.24 Die Überwindung des menschlichen Existenzproblems schlägt dabei fehl.

2.3 Die Moderne

Um zu verstehen, inwiefern und warum diese Überwindung fehlschlägt, muss zunächst Fromms Sichtweise des Menschen in der Moderne bzw. im Kapitalismus dargestellt werden. Dabei wird der Mensch stark vom Wirtschaftssystem geprägt, weshalb einer Darstellung des Menschen in der Moderne eine Darstellung des Kapitalismus und seiner Prinzipien vorangehen muss. Es soll hierbei nur die grundlegende Funktionsweise des Kapitalismus erläutert werden, die für das Verständnis des Menschen im Kapitalismus von Bedeutung ist. Das folgende Kapitel kann daher nicht als vollumfängliches Bild des Kapitalismus und sämtlicher seiner Funktionsweisen verstanden werden. Eine klare Trennung des kapitalistischen Wirtschaftssystems von dem kapitalistisch geprägten Menschen ist nicht immer möglich, weshalb es bei den beiden Darstellungen vereinzelt zu Überschneidungen kommen kann.

2.3.1 Der Kapitalismus

Fromm sieht im Kapitalismus die entscheidende Kraft in der modernen, westlichen Gesellschaft. Die kapitalistische Gesellschaft hat für Fromm zwei zugrundeliegende Faktoren: zum einen das Prinzip der politischen Freiheit und zum anderen den Markt als Regulator. Dabei ist der Tauschwert von Gütern entscheidend. Der Gebrauchswert ist laut Fromm sekundär. Dinge werden primär als Verkörperungen ihres jeweiligen Tauschwerts gesehen.25 Fromm räumt zwar ein, dass diese Analyse vereinfachend ist, betont aber dennoch, dass diese regulierende Funktion des Marktes von entscheidender Bedeutung für die Veränderung des Charakters und des Bewusstseins im modernen Menschen sei.26 Um etwas auf dem Markt zu handeln, werden Dinge in Gebrauchsgüter verwandelt. Es handelt sich dabei um nutzbringende Dinge, aber auch um menschliche Energie. Da menschliche Arbeitskraft wie Dinge auf dem Markt gehandelt werden, müssen Menschen ihre Energie an Kapitalisten verkaufen, die diese Arbeitskraft möglichst gewinnbringend einzusetzen versuchen.27 Der Mensch ist im Kapitalismus dazu gezwungen, zum Erfolg des Wirtschaftssystems beizutragen. Diese Art des Wirtschaftens hat dabei nicht das Glück des Menschen als Ziel, sondern der materielle Gewinn ist zum Selbstzweck verkommen. Erwirtschaftete Gewinne werden in diesem System in der Regel nicht ausgegeben, sondern dienen neuen Kapitalinvestitionen. Diesem Verhalten liegt demnach eine asketische Einstellung zugrunde. Dieser asketische Geist herrschte zunächst in den mächtigeren Schichten der Gesellschaft, wurde aber letztlich zu einer gesamtgesellschaftlichen Einstellung.28 Fromm beschreibt den Kapitalismus folgendermaßen:

Der moderne Kapitalismus braucht Menschen, die in großer Zahl reibungslos funktionieren, die immer mehr konsumieren wollen, deren Geschmack standardisiert ist und leicht vorausgesehen und beeinflußt werden kann. Er braucht Menschen, die sich frei und unabhängig vorkommen und meinen, für sie gebe es keine Autorität, keine Prinzipien und kein Gewissen – und die trotzdem bereit sind, sich kommandieren zu lassen, zu tun, was man von ihnen erwartet, und sich reibungslos in die Gesellschaftsmaschinerie einzufügen; Menschen, die sich führen lassen, ohne daß man Gewalt anwenden müßte, die sich ohne Führer führen lassen und die kein eigentliches Ziel haben außer dem, den Erwartungen zu entsprechen, in Bewegung zu bleiben, zu funktionieren und voranzukommen.29

In diesem Zitat offenbart sich neben der allgemeinen Funktionsweise des modernen Kapitalismus bereits viel von dem Bild das Fromm vom modernen Menschen hat, auf das im folgenden Kapitel näher eingegangen werden soll.

2.3.2 Das Wesen des Menschen in der Moderne

Fromm sieht grundsätzlich einen ambivalenten Einfluss des Kapitalismus auf den Menschen, bei dem der Mensch positive und negative Eigenschaften entwickelt. Dargestellt werden sollen im Folgenden allerdings nur die negativen Aspekte, da diese zeigen, wie der moderne Mensch an der Verwirklichung seines wahren Wesens scheitert. Der Mensch in der Moderne ist dabei in erster Linie durch die Entfremdung geprägt, die den Anfang der folgenden Darstellung macht. Anzumerken ist, dass der Gegenbegriff der Entfremdung – die Produktivität – erst in Kapitel 2.4 erläutert wird und ein vollumfängliches Verständnis der beiden Begriffe erst in ihrem Gegensatz möglich wird. Innerhalb dieser Entfremdung ist die Markt-Orientierung die prägende Charakterorientierung.30 Nach der Erläuterung dieser werden noch einzelne Aspekte vorgestellt, die innerhalb der Markt-Orientierung eine besondere Bedeutung für den Menschen in der Moderne haben.

2.3.2.1 Entfremdung

Die zentrale Auswirkung des Kapitalismus auf den modernen Menschen sieht Fromm im Phänomen der Entfremdung. Fromm verwendet zwei unterschiedliche Entfremdungsbegriffe, die er nicht klar voneinander abgrenzt. Die erste Bedeutung beschreibt die existenzielle Entfremdung des Menschen von der Natur. Diese Entfremdung ist der menschlichen Existenz inhärent und unabhängig von der Gesellschaft oder dem Wirtschaftssystem (diese Bedeutung des Wortes Entfremdung kam in 2.1 zur Sprache). Die zweite Bedeutung des Begriffs bezieht sich auf die Situation in modernen Gesellschaften.31 Diese Begriffsbedeutung soll im Folgenden näher betrachtet werden.

Fromm vergleicht die Entfremdung mit dem Götzendienst. Unter Götzendienst versteht er, dass der Mensch etwas mit seinen eigenen Händen herstellt und dieses dann anbetet.32 Dabei geht laut Fromm ein Übertragungsmechanismus von statten, bei dem „[d]er Mensch […] das Erlebnis seiner eigenen Tätigkeit oder seiner eigenen Erfahrungen – seiner Liebeskraft, seiner Denkkraft – auf ein Objekt jenseits seiner selbst [überträgt]“.33 Nach dieser Übertragung steht der Mensch in einer Beziehung der Unterwerfung zu diesem Objekt.34 Dadurch erlebt sich der Mensch nicht mehr als Urheber seiner Tätigkeiten, sondern als Fremder. Das Werk seiner Tätigkeit ist zu seinem Herrn geworden.

Fromm sieht in jeder unterwürfigen Anbetung einen Akt der Entfremdung. Das bezieht sich für ihn nicht ausschließlich auf Dinge, die der Mensch geschaffen hat, sondern kann auch in Bezug auf andere Personen stattfinden. Dieses Phänomen wird in der modernen Gesellschaft häufig als Liebe bezeichnet. Der Liebesbegriff Fromms, der weiter unten erläutert wird, schließt diesen Mechanismus allerdings nicht mit ein. Für Fromm wird bei dieser Liebe das Gegenüber angebetet, wie das beim Götzendienst mit dem Werk des eigenen Schaffens oder einem Gott der Fall ist. Dabei findet eine Projektion der eigenen Gedanken und Liebe auf die geliebte Person statt. Der Liebende nimmt das Gegenüber in diesem Prozess nicht mehr als menschliche Person wahr und erfährt auch sich selbst nicht „in seiner ganzen Wirklichkeit, als Träger produktiver menschlicher Kräfte“.35 Der Mensch ist also sich selbst und seinen Mitmenschen entfremdet und nimmt sich selbst und andere Menschen wie Dinge wahr, ohne dabei in eine produktive Beziehung mit ihnen zu treten.36 Der Begriff der Produktivität wird unten näher beleuchtet. An dieser Stelle sei nur angemerkt, dass Produktivität als Gegenteil der Entfremdung gesehen werden kann.

[...]


1 Fromm, Erich, Psychoanalyse und Ethik, Stuttgart: Diana Verlag 1954 (Erstveröffentlichung 1947), S. 53.

2 Vgl. ebd. S. 55–56; Fromm, Erich, Die Kunst des Liebens, 15. Aufl., o.O.: Ullstein Taschenbuch 2017 (Erstveröffentlichung 1956), S. 17.

3 Vgl. ebd., S. 17.

4 Vgl. Fromm (Anm. 1), S. 54.

5 Ebd.: S. 54.

6 Vgl. ebd., S. 56, 111; Fromm (Anm. 2 – dKdL), S. 21; Fromm, Erich, Wege aus einer kranken Gesellschaft (vorheriger deutscher Titel: Der moderne Mensch und seine Zukunft), 10. Aufl., Frankfurt a.M.: Europäische Verlagsanstalt 1980 (Erstveröffentlichung 1955), S.30.

7 Vgl. Bierhoff, Burkhard, Erziehung und Identität zwischen Haben und Sein, in: Johannes Claßen (Hrsg.), Erich Fromm und die Pädagogik. Gesellschafts-Charakter und Erziehung, Weinheim: Beltz Verlag 1987, S. 98.

8 Fromm (Anm. 2), S. 17.

9 Vgl. Fromm (Anm. 1), S. 56–57.

10 Fromm (Anm. 2), S. 18.

11 Vgl. Fromm (Anm. 1), S. 58, 111.

12 Vgl. ebd., S. 58.

13 Vgl. ebd., S. 57.

14 Vgl. ebd., S. 67.

15 Ebd., S. 74.

16 Vgl. ebd., S. 73.

17 Vgl. Wirz, Stephan, Vom Mangel zum Überfluß. Die bedürfnisethische Frage in der Industriegesellschaft, in: Franz Furger (Hrsg.), Schriften des Instituts für christliche Sozialwissenschaften, Bd. 27, Münster: Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung GmbH & Co. 1993, S. 126.

18 Vgl. Fromm (Anm. 2), S.21–22.

19 Ebd., S. 23.

20 Vgl. ebd., S. 28.

21 Ebd., S. 23.

22 Vgl. ebd., S. 23, 26–28.

23 Fromm (Anm. 6), S. 38.

24 Vgl. Fromm (Anm. 2), S. 109–110.

25 Vgl. ebd., S. 98–99; Fromm (Anm. 1), S. 83; Fromm (Anm. 6), S. 114–115.

26 Vgl. Fromm (Anm. 1), S. 83.

27 Vgl. Fromm (Anm. 2), S. 99.

28 Vgl. Fromm, Erich, Die Furcht vor der Freiheit, 22. Aufl., München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG 2018 (Erstveröffentlichung: 1941), S. 85–87.

29 Fromm (Anm. 2), S. 100–101.

30 Vgl. Fromm (Anm. 6), S.111; Bierhoff (Anm. 7), S. 103.

31 Vgl. Kraski, Tim Philipp, Die Grenze des Haben-Wollens. Das rechte Maß des Erwerbs bei Aristoteles und „Haben oder Sein“ bei Erich Fromm. Ein Vergleich, Diplomarbeit im Fach Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien am Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte der Universität Passau, Sommersemester 2009, S. 54.

32 Vgl. Fromm (Anm. 6), S, 120–121; Fromm, Erich, Der moderne Mensch und seine Zukunft, in: Rainer Funk (Hrsg.), Humanismus als reale Utopie: der Glaube an den Menschen, Schriften aus dem Nachlass Bd. 8, Weinheim: Beltz Verlag 1992, S. 17–35, hier S. 27.

33 Ebd., S. 27.

34 Vgl. ebd., S.28.

35 Fromm (Anm. 6), S. 122.

36 Vgl. ebd., S. 120.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Verwirklichung des menschlichen Lebens und ihr Fehlschlagen bei Erich Fromm
Hochschule
Universität Passau
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
24
Katalognummer
V501239
ISBN (eBook)
9783346029096
ISBN (Buch)
9783346029102
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verwirklichung, lebens, fehlschlagen, erich, fromm
Arbeit zitieren
Christoph Rogenhofer (Autor), 2019, Die Verwirklichung des menschlichen Lebens und ihr Fehlschlagen bei Erich Fromm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501239

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