Formen der Unterhaltung mit Tieren im Mittelalter - Das Tier als Sensations- und Prestigeobjekt, Gefährte, Kuscheltier und geschundene Kreatur


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

33 Seiten, Note: 1-2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Fragestellung
1.2. Quellenlage
1.3. Forschungsstand

2. Die Einstellung des mittelalterlichen Menschen zu Tieren Ein allgemeiner Überblick über das Verhältnis zwischen Mensch und Tier

3. Formen der Unterhaltung mit Tieren im Mittelalter
3.1. Die Jagd als sportliches Ereignis und Ausdruck adliger Lebensform
3.2. Wildparks und Menagerien
3.3. Tiervorführungen auf Jahrmärkten
3.4. Heimtierhaltung: Das Tier zum Kuscheln und als Gefährte
3.5. Die „andere“ Form des menschlichen Unterhaltungsverständnisses: Tierquälerei zum Vergnügen

4. Schluss

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Fragestellung

Anders als in unserer heutigen technisierten Gesellschaft, war das Leben des mittelalterlichen Menschen noch eng mit der Natur und der in ihr lebenden Geschöpfe verbunden. Besonders die Nähe zu Tieren bestimmte schon seit Urzeiten seine Existenz. Der Umgang mit Tieren war sowohl für den Adligen als auch für den gemeinen Mann eine Selbstverständlichkeit. So verwendete der Mensch unabhängig von seinem Status das Tier als Nahrungs- und Kleidungslieferant, als Arbeitshilfe oder als Transportmittel, um nur einige wichtige Funktionen zu nennen. Ergänzt werden kann dieser Katalog schließlich um die Elemente der Unterhaltung und des Vergnügens, wobei diese Nutzung von Tieren je nach Ausprägung mehr oder weniger nur bestimmten Ständen vorbehalten war.

Bereits seit der Antike ging der Mensch vielfältigen Spielen oder sportlichen Betätigungen nach, bei denen ihm bestimmte Tiere als Instrument (z.B. Reittiere und Beizvögel) oder als Zielobjekt (z.B. Jagdwild) dienten. Viele dieser Unterhaltungsformen haben sich bis in die heutige Zeit hinein erhalten, wie die Jagd oder das Pferderennen. Andere wiederum hat der Mensch zunehmend abgelehnt, da sie seinem ethischen Empfinden vom artgerechten Umgang mit Tieren zuwiderliefen, wie Tierkämpfe.

Doch worin lag im Mittelalter der Reiz, sich mit den Formen der „tierischen“ Unterhaltung zu beschäftigen? Die folgende Ausarbeitung wird sich schwerpunktmäßig diesen Unterhaltungsmöglichkeiten widmen und versuchen darzustellen, welche Arten des Sport- und Freizeitvergnügens es für den mittelalterlichen Menschen gab und aus welchen Gründen heraus er sich damit beschäftigte.[1]

Zuvor soll noch erläutert werden, wie sich das Verhältnis zwischen Mensch und Tier im so genannten „dunklen Zeitalter“ gestaltete und inwiefern dieses einen Einfluss hatte bei der Gestaltung der Sport- und Spielarten. Abschließend soll der Frage nachgegangen werden, ob im Mittelalter bereits von Tierliebe gesprochen werden kann oder ob es sich dabei um eine Empfindung handelt, die erst der moderne Mensch entwickelt und kultiviert hat.

1.2. Quellenlage

Da der Umgang mit Tieren im Allgemeinen sehr viele Lebensbereiche des mittelalterlichen Menschen betroffen hat, ist die Auswertung diverser Quellenarten unerlässlich, wobei die Dichte der Quellen je nach Zeitabschnitt geringer oder größer ausfällt. So fällt die Quellenlage für das Früh- und Hochmittelalter insgesamt sehr ungünstig aus. Im Hinblick auf das Jagdwesen ist der Rückgriff auf Annalen, Chroniken und Urkunden zwar möglich, es wird jedoch nur in Ausnahmefällen über Jagdverhältnisse- und ereignisse berichtet. Zudem sind bestimmte Quellen, wie z.B. Dichtwerke der höfischen Literatur des Mittelalters, nur mit Vorsicht zu genießen. Dies betrifft u.a. die Darstellung der karolingischen Brühle oder die Jagdverhältnisse im Allgemeinen, die keineswegs immer den Anspruch einer wahrheitsgemäßen Berichterstattung erfüllen, sondern mehr einer panegyrischen Tradition entsprechen.[2]

Im Spätmittelalter verbessert sich die Quellenlage etwas. So treten neben historischen und dichterischen Werken zunehmend Jagdtraktate und Jagdbücher auf, die über verschiedene Jagdarten- und methoden unterrichten und Anweisungen zur weidmännisch ausgeübten Jagd geben.

Im Hinblick auf die Tierhaltung geben z.B. die Kapitularien und Urkunden Aufschluss über die in Wildgehegen gehaltenen Tiere, ihre Herkunft und Haltungsweisen. Hinzukommen diverse Werke der Rechtssprechung, die zum einen Informationen enthalten, wie in bestimmten Situationen mit gewissen Tieren zu verfahren ist und zum anderen einen Einblick gewähren in die allgemeine Einstellung des mittelalterlichen Menschen zu Tieren, wie z.B. die Darstellung von Strafen, in denen zur Herabsetzung eines Delinquenten ein negativ konnotiertes Tier mit eingebunden wird. In Ergänzung hierzu können die Bibel, Hagiografien sowie theologische Texte herangezogen werden, die sich für die symbolische Ausdeutung von Tieren und die damit verbundene Einstellung im Umgang mit ihnen verantwortlich zeigen.

Zudem geben zahlreiche Werke in Kunst und Literatur darüber Aufschluss, welch vielfältige Rolle das Tier in der Vorstellung des Menschen einnahm. Zu nennen sind im Bereich der Literatur u.a. die höfischen Epen und in der Kunst die Miniaturen des Codex Manesse.

Zuletzt sei noch auf die zahlreichen Stadtchroniken hingewiesen, in denen gelegentlich von Schaustellern, berichtet wird, die oft sensationelle Tiere mit sich führten.

1.3. Forschungsstand

Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier sowie speziell der Einsatz von Tieren zu Unterhaltungszwecken sind Aspekte, mit denen sich die mittelalterliche Forschung noch sehr unzureichend auseinander gesetzt hat. Erst seit einigen Jahren scheint sich das Interesse der Mediävistik zunehmend auf diese vernachlässigten Themen zu verlagern. So beklagte u.a. Rösener 1995, dass sich die hohe Bedeutung der Jagd im Mittelalter keineswegs in der Forschung widerspiegele. Es wurden kaum die wesentlichen Elemente dieses Phänomens auf einer zuverlässigen Quellenbasis untersucht und dargestellt. Vielmehr beschränkte man sich auf jagdhistorische Bereiche, wie das Weidwerk oder auf allgemeingeschichtliche Fragen, wie das Recht der Jagdausübung. Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Aspekte wurden dagegen ausgeklammert. Das von Rösener herausgegebene Werk „Jagd und höfische Kultur im Mittelalter“, dass versucht, diverse Bereiche der Jagd in mehreren Aufsätzen vorzustellen, kann somit als eines der ersten ernstzunehmenden Überblicksdarstellungen der letzten Jahre gelten.

Ebenfalls hervorzuheben ist das von Dinzelbacher herausgegebene Buch „Mensch und Tier in der Geschichte Europas“, das ausgehend von den materiellen Gegebenheiten, die Haupttendenzen der Beziehungen von Tier und Mensch sehr vielseitig nachzeichnet und durch konkrete Beispiele illustriert. Dabei erfolgt die Darstellung zunächst faktengeschichtlich und schließlich kultur- und mentalitätsgeschichtlich. Abgedeckt werden sämtliche Epochen von der Urgeschichte bis zum 20. Jahrhundert. Das Buch ist sehr verständlich geschrieben und schafft es meines Erachtens sehr eindrucksvoll, einen kompakten, dabei aber sehr detaillierten Überblick über die einzelnen Bereiche des Umgangs mit Tieren zu vermitteln.

Eine kürzere Darbietung, die lediglich einer ersten Hinführung zu dem Thema entspricht, ist dem Buch Schuberts „Alltag im Mittelalter“ zu entnehmen, in dem er versucht einen ersten Eindruck vom Verhältnis des Menschen zum Tier zu geben.

Das gilt prinzipiell auch für das Werk von Paul Münch „Tiere und Menschen. Geschichte und Aktualität eines prekären Verhältnisses“, dass zumindest ansatzweise versucht, einen etwas differenzierteren Einblick zu geben und dabei auch Gebiete mit einbezieht, wie das Tier im Islam.

2. Die Einstellung des mittelalterlichen Menschen zu Tieren

Allgemeiner Überblick über das Verhältnis zwischen Mensch und Tier

Obwohl das Tier einen wesentlichen Bestandteil des mittelalterlichen Lebens darstellt, ist seine Beziehung zum Menschen als äußerst ambivalent zu bezeichnen, was besonders der theologischen und rechtswissenschaftlichen Deutung des Tieres zuzuschreiben ist. Vor allem die christliche Religion hat das Verhältnis zwischen Mensch und Tier geformt, das keineswegs durch Respektabilität und Schonung gekennzeichnet war. Die Bibel lehre zwar, dass der Umgang des Menschen mit anderen Geschöpfen legitim sei, in erster Linie aber ein unüberwindbarer Gegensatz bestehe zwischen Menschen und Tieren. Denn Letztere seien lediglich wilde, sprach- und vernunftlose Kreaturen, die Gott im Gegensatz zum Menschen nicht nach seinem Ebenbild erschaffen habe. Dem Menschen sei vielmehr die Herrschaft über die Erde verliehen worden, wodurch alle Kreaturen ihm zu „debitum servitutis“ verpflichtet seien. Dinzelbacher sieht deshalb auch den Ursprung der grenzenlosen Ausbeutung von Tieren in der Autorität der Genesis begründet, die der gläubige Mensch des Mittelalters zur biblischen Legitimation für sein Handeln gegenüber Tieren heranziehen konnte.[3]

Diese Exegese verwundert umso mehr, als dass in der Bibel auch durchaus tierfreundliche Passagen zu finden sind, wie die Errettung der Tiere durch die Arche Noah, wodurch eigentlich die Gemeinschaft zwischen Mensch und Tier bekräftigt wird. Zudem wurden Tiere in hagiografischen Schriften nicht selten als Begleiter von Heiligen dargestellt, die noch in einer „dialogischen Beziehung“ mit den Tieren lebten und damit eigentlich ein positives Bewusstsein von der Natur geschaffen haben müssten. Denn der freundliche, wenn nicht sogar tierliebe Umgang des Heiligen mit der Kreatur, galt im Mittelalter als Beweis seiner Tugend. Die Beziehung zwischen Tieren und Heiligen konnte unterschiedliche Formen annehmen. So soll St. Patrick einen Wolf den göttlichen Geboten unterworfen haben, in dem er ihm befahl, ein gestohlenes Schaf wieder zurückzugeben.[4] Von anderen Heiligen wird wiederum berichtet, dass sie sich gern mit Tieren umgaben und die Freundschaft mit ihnen pflegten. Oft handelt dieser auch aus Mitleid gegenüber dem gejagten oder geschundenem Tier, wie Anselm von Canterbury, der einen von einem Hund gejagten Hasen vor dem Tod bewahrte.[5]

Dennoch schienen die Kirchenväter, die in der Tradition des Augustinus verwurzelt waren, weniger an den Tieren selbst oder gar dem Verhalten des Menschen zu ihnen interessiert zu sein, als vielmehr an ihrer symbolischen Ausdeutung. Dadurch kam es zu einer regelrechten Stigmatisierung bestimmter Tiere, wie Hunden, Schweinen oder Schlangen, die als unrein galten und als Gottesstrafe oder sogar Teufelstiere betrachtet wurden.[6] Dabei erfolgte die gelehrte Interpretation vor allem in Form von Allegorien, für die der „Physiologus“ als beispielhaft gelten kann. Dieses Werk schreibt Tieren aufgrund ihrer natürlichen Eigenschaften bestimmte Deutungen zu, die aber keineswegs eindeutig ausfallen müssen. Ein Tier, wie der Löwe, kann deshalb sowohl ein Symbol für das Gute als auch das Böse sein. Es gilt das Prinzip der Kontextdependenz.[7]

Ein weiterer Streitpunkt der mittelalterlichen Gelehrten war ferner die Frage, ob die Kreatur über eine Seele verfügen würde. Tendenziell wurde dies zwar nicht negiert, aber es wurde dennoch eine strikte Trennung zwischen den Seelen der unterschiedlichen Arten vorgenommen. Bereits Aristoteles differenzierte Tiere und Menschen aufgrund ihrer Seelen. So seien Tiere durch ihre Seele in der Lage, etwas wahrzunehmen und sich fortzubewegen. Die Fähigkeit, „aus Gegebenem Schlüsse auf das Folgende zu ziehen“ besäßen sie aber trotz ihrer Seele nicht, wodurch bewiesen sei, dass sie über keinen Verstand verfügen würden.[8] Die Lehren des griechischen Philosophen wurden schließlich Ausgangspunkt der theologischen Wissenschaftler des Mittelalters. Gregor von Nyssa hatte allein der menschlichen Seele die Unsterblichkeit zugeschrieben, wohingegen die Seele der vernunftlosen Kreatur, die durch Begierden und Leidenschaften gekennzeichnet sei, lediglich einen vergänglichen Charakter habe.[9] Aus diesem Grund sei den Tieren auch der Weg ins künftige Paradies verwehrt geblieben. Schließlich, folgt man der Argumentation Thomas von Aquins, sei der Mensch hier auch nicht mehr auf das Tier als Nahrungslieferant angewiesen.[10] Damit machte der Theologe deutlich, worin für den Menschen selbst im Jenseits die alleinige Relevanz des Tieres liegt, nämlich in der des Nutzens. Einen wichtigen Hinweis für diesen Aspekt bietet hier die höfische Dichtung, in denen die Pferde den Rittern lediglich als Standesabzeichen und Mittel ihres Wirkens dienen. Von einer persönlichen Beziehung zwischen Mensch und Tier oder seiner Betrachtung als fühlendes Geschöpf, kann nur in wenigen Fällen die Rede sein. Als eine der wenigen emotional besetzten Beziehungen der höfischen Literatur kann jedoch der Iwein Hartmann von Aues erwähnt werden, in dem der Titelheld eine enge Freundschaft zu einem Löwen eingeht, dem er einst im Kampf zur Seite stand und der sich ihm darauf als treuer Gefährte anschließt.[11]

Obwohl die mittelalterliche Gesellschaft ihre Beziehung zum Tier in erster Linie auf den Nutzen ausgerichtet hat, nahm die Tierwelt doch im Bereich der Vorstellungen eine sehr vielfältige und gewichtige Rolle ein. Dies betraf besonders den Status des Tieres als Repräsentations- und Statussymbol. Denn jedem musste im Mittelalter bewusst gewesen sein, dass der Besitzer eines Rosses nur der Oberschicht angehören konnte, wohingegen der Anblick einer „Schindmähre“ eher auf jemanden aus der niederen Bevölkerung als Eigentümer verwies. Das Gleiche galt für reine Statustiere, wie Beizvögel oder reinrassige Jagdhunde, deren Anschaffung und Aufzucht sich nur ein wohlhabender Mensch leisten konnte. Dass sich der Adlige häufig mit einem edlen Jagdfalken sehen ließ, lässt laut Dinzelbacher allerdings keine Rückschlüsse auf eine spezielle Einstellung zum Tier zu, da ihm lediglich eine sozial-repräsentative Funktion zukommt, wie es heute bei modernen materiellen Statussymbolen üblich ist.[12] Sicherlich wird diese Einstellung in der damaligen Zeit nicht selten anzutreffen gewesen sein. Dennoch kann meines Erachtens diese Schlussfolgerung nicht unbedingt verallgemeinert und ein emotionales Verhältnis zwischen Mensch und Tier, die möglicherweise mehrere Stunden am Tag miteinander verbrachten und gegenseitig aufeinander angewiesen waren, nicht ausgeschlossen werden.

Im Vergleich zum Hochmittelalter nimmt die Forschung für die Zeit des Übergangs von der Spätantike zum Frühmittelalter einen noch ungezwungeneren Umgang mit dem Tier an, was darauf zurückgeführt wird, dass der Mensch sich noch sein archaisches Weltbild erhalten hatte. Es wird sogar eine relativ enge Bindung zwischen Mensch und Tier angenommen, was sich an den überlieferten Märchen (in denen sich z.B. Menschen in Tiere verwandeln oder mit ihnen sprechen konnten), der Sprache oder der Namensgebung gezeigt hat. Viele Namen alter germanischer Stämme trugen die Namen von Tieren, die Sagen zufolge ihre Urahnen gewesen sind. Dies traf u.a. auf den Stamm der Cherusker zu, was übersetzt „Junghirsche“ bedeuten soll, oder auf die Wulfingas, die ihren Namen dem Wolf zu verdanken haben. Besonders im frühmittelalterlichen Kriegswesen wird der Bezug zur Tierwelt deutlich, wie an den Helmformen der „Soldaten“ genauer zu erkennen ist, die häufig die Formen von Adlern, Bären oder Eberköpfen aufweisen. Es waren also überwiegend Tiere, denen eine herausragende, zumeist körperliche Eigenschaft zugeschrieben wurde, die der Krieger im Kampf, wenn auch nur symbolisch, auf sich übertragen wollte.[13] Auf diese noch archaische Tradition griff im Hochmittelalter auch die Heraldik zurück, in dem sie die Rüstungen der Ritter, speziell den Waffenrock und den Schild mit bestimmten Tierattributen versah, um sie im Kampf besser auseinander halten zu können. Dieser Trend blieb bis in die Gegenwart existent, wo immer noch gerne für Wappenverzierungen auf Tiere wie Löwen, Panter oder Drachen zurückgegriffen wird.[14]

Die noch vorhandene archaische Permeabilität im frühen Mittelalter zeigte sich auch im Aberglauben der Menschen, durch den sich die Vorstellung manifestierte, dass Menschen sich in Tiere verwandeln können, die in dieser Phase der Verwandlung zu fürchterlichen Gräueltaten fähig wären. In diesen Zusammenhang ist wohl auch die Entstehung des Mythos vom Werwolf einzuordnen, der auch heute noch in Sagen und Erzählungen weiterlebt. Das mittelalterliche Rechtswesen selbst hat den Glauben an Werwölfe verworfen, wie dem Hexenhammer zu entnehmen war. Demzufolge handelte es sich bei den Untaten verübenden „Monstern“ um normale Tiere, die jedoch von einem Dämon besessen gewesen sind. Verfolgt wurden diese angeblichen Bestien laut Dinzelbacher aber erst in der frühen Neuzeit, wo man sie nach ihrer Ergreifung oft grausam hinrichtete.[15]

Wie bereits zu Beginn dieses Kapitels beschrieben, veränderte sich mit dem verstärkten Einzug des Christentums das zuvor archaisch geprägte Verhältnis zwischen Mensch und Tier insoweit, als dass die Kirchenväter vermehrt auf eine scharfe Trennung der Arten bestanden. Dies äußerte sich u.a. in dem Verbot, dass kein verunreinigtes Fleisch gegessen werden durfte und in den rechtlichen Vorschriften, die bei sodomistischen Handlungen nicht das Tier zur Rechenschaft zogen, da der große Unterschied zwischen den Arten dies nicht notwendig erscheinen ließ. Später wurde die Tötung eines Tieres, mit dem Sodomie betrieben wurde, eine übliche Vorgehensweise. Nach Dinzelbacher trat nun ein Wandel im Rechts- und Theologieverständnis des Mittelalters ein. So sollen ab dem 12. Jahrhundert Mensch und Tier nun vielmehr als analoge Arten angesehen worden sein. Damit setzte eine neue Phase der Nähe von animalischer und humaner Sphäre ein, „eine Phase, die anscheinend nicht in Kontinuität zu der archaischen „Permeabilität“ steht, sondern eine eigene Entwicklung darstellt. Sie beruht nicht auf einem unreflektierten Näheerlebnis, [...], sondern auf einer rationalen Funktionalisierung der Tierwelt als Spiegel der menschlichen.“[16]

Im Hochmittelalter öffnete man sich schließlich für eine Vielzahl innovativer Formen in der Auseinandersetzung des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier. Hierzu zählen viele neue literarische Texte und Bilddarstellungen über Tiere, die meistens menschliche Charaktere verkörpern, wie z.B. in den Reineke-Fuchs-Romanen. In der weltlichen Literatur wurden Tiervergleiche ebenso populär, wie die Darstellung von anthropo-theriomorphen Mischwesen in der Kunst und auch in religiösen Texten sparte man nicht mit Verweisen auf Tiere, deren Verhalten als Exemplum für den Menschen herangezogen wurde.

Besonders gerne wurden Tiervergleiche aber verwendet, wenn es darum ging, einen (politischen) Gegner zu diffamieren, in dem man sein als unangemessen empfundenes Verhalten mit dem bestimmter Tiere gleichsetzte, deren Vergleich als nicht sonderlich schmeichelhaft gelten konnte. So hat beispielsweise die katholische Kirche den Namen der „Katharer“, die sich eigentlich als die „Reinen“ verstanden, auf die Bezeichnung „Catus“ zurückgeführt, und damit auf die „negativen“ Eigenschaften der Katze verwiesen, die aufgrund ihrer heuchlerischen Schmeichelei und ihrer bevorzugten nächtlichen Aktivitäten nur mit dem Teufel im Bunde sein konnte. Diese „Tradition“ hat sich auch heute noch in unserer Gesellschaft bewahrt, denn so mancher Mensch zieht bei verbalen Wortgefechten gerne einen Vergleich zwischen seinem Kontrahenten und einem negativ interpretierten Tier. Der moderne Mensch empfindet die Gleichsetzung mit bestimmten Tieren in den meisten Fällen jedoch nicht mehr als sonderlich erniedrigend, wohingegen dies für den mittelalterlichen Menschen einer furchtbaren Herabsetzung gleichkam, wie viele Strafen bezeugen, welche die Justiz bei besonders verabscheuungswürdigen Verbrechen verhängte. So stellte das Gericht verurteilte Verbrecher, die mit dem Tod durch den Strang hingerichtet werden sollten, mit Tieren auf eine Stufe, in dem neben den Exekutierten (vor oder nach der Hinrichtung) ein Tier, häufig ein Hund, gehängt wurde. Mit diesem symbolischen Akt, der aber zugleich einen qualvollen Tod für das unschuldige Tier bedeutete, sollte der Delinquent gedemütigt werden, in dem man ihn mit einer unvernünftigen Kreatur gleichstellte. Für Dinzelbacher scheint das nur mehr die „prinzipielle Gefühllosigkeit“ dieser Epoche gegenüber Tieren zu bestätigen, die das Leiden hilfloser Kreaturen vollkommen ungerührt hinnahm.[17]

Für das Hochmittelalter ist schließlich eine erneute Modifikation in der Einstellung des Menschen zur Tierwelt zu konstatieren. Es erfolgt nunmehr eine Gleichsetzung mit dem Tier, da es dem Menschen garnicht so unähnlich sei, wie zuvor festgesetzt worden war. Dies bezeugen in besonderem Maße die im 13. Jahrhundert einsetzenden Tierprozesse. Sie wurden von den geistlichen Gerichten gegen Ungeziefer angestrebt (wahrscheinlich im Hinblick auf die von Gott verhängten Strafen, wie Heuschreckenplagen) und von den weltlichen sowohl gegen schädliche Tiere als auch Nutztiere, die man eines konkreten Verbrechens angeklagt hatte. Dabei hielt man sich bei der Durchführung solcher Prozesse strikt an alle juristischen Formalitäten, wie es auch bei einer Gerichtsverhandlung in denen ein Mensch der Angeklagte ist, üblich gewesen wäre. Die weltlichen Gerichte beschäftigten sich überwiegend mit Schweinen, die Kinder an- oder aufgefressen hatten, aber auch mit anderen Haus- und Nutztieren, wie Ochsen und Hunden. Am Ende eines solchen Verfahrens stand dann in der Regel ein Urteilsspruch, der das Tier für schuldig befand und es zum Tode verurteilte, entweder durch den Strang oder durch Lebendigbegraben. Begründet wurden diese Verurteilungen damit, dass sie anderen Tieren als Warnung und Abschreckung dienen sollten.

Auch die geistlichen Gerichtshöfe vollzogen ihre Prozesse mit den unmittelbar ins Gericht gebrachten Mäusen und Heuschrecken. Diese Verfahren endeten häufig mit einer Beschwörung, in der das Ungeziefer mit göttlicher Hilfe von seinen bösen Geistern befreit werden sollte. Dies entsprach jedoch einem Vorgehen, dass Theologen nicht nachvollziehen konnten, wie Thomas von Aquin. Tiere können ihm zufolge nicht exorziert werden, da sie unvernünftige Kreaturen seien, die die menschliche Sprache nicht verstünden und deshalb nicht für ihre Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden könnten. Dies sei allein Gottes Aufgabe.[18] Bei den Tierprozessen wandte sich das Gericht jedoch nicht an mögliche unheilbringende Geister, die hinter einem angeklagten Tier vermutet wurden, sondern an den Delinquenten selbst. Es wurde also eine Art Personifizierung der Tiere vorgenommen, in dem man mit ihnen verfuhr, als ob sie der menschlichen Sprache mächtig seien und ihnen z.B. bestimmte Fristen setzte, um sie dazu zu bewegen, von ihrem bisherigen Verhalten abzusehen.

[...]


[1] Diese Arbeit kann jedoch nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erfüllen, da dies ihren Rahmen bei weitem sprengen würde. Ich habe vielmehr versucht, eine repräsentative Auswahl an Unterhaltungsmöglichkeiten vorzunehmen, wobei Aspekte, wie das Ritterturnier oder das Tier in der Dichtung, ausgelassen wurden, obwohl sie sicherlich wichtige Formen des mittelalterlichen Unterhaltungswesens darstellen.

[2] Rösener, Jagd und höfische Kultur, S. 13.

[3] Dinzelbacher, S. 267 f.

[4] Schubert, Alltag, S. 109.

[5] Dinzelbacher, S. 285.

[6] Ebenda, S. 266.

[7] Weddige, S. 69 f. Ein gern genommenes Paradigma zur Demonstration der Interpretationsweise des Physiologus ist der Löwe. Ihm werden folgende Eigenschaften zugeschrieben: 1.) Der Löwe verwischt mit dem Schwanz seine Spuren, sobald er gejagt wird. 2.) Seine Augen sind auch noch geöffnet, wenn er schläft. 3.) Der Löwenvater ist in der Lage, am dritten Tag seine totgeborenen Jungen zum Leben zu erwecken. Diesen Eigenschaften werden nun diese drei Bedeutungen zugeschrieben: zu 1.) Christus war ein Mensch unter Menschen, um dem Teufel zu verbergen, dass er der Sohn Gottes sei. Zu 2.) Christus ruhte in seinem menschlichen Leib, wachte aber in seiner Gottheit. Zu 3.) Der Gottvater erweckte seinen Sohn am dritten Tag vom Tode.

[8] Nitschke, S. 233.

[9] Ebenda.

[10] Dinzelbacher, S. 268.

[11] Hartmann von Aue: Iwein, V. 3839-3883.

[12] Dinzelbacher, S. 269 f.

[13] Ebenda, S. 272.

[14] Ebenda, S. 277. Vgl. auch Schubert, Alltag, S. 113.

[15] Dinzelbacher, S. 271 und 274.

[16] Ebenda, S. 278.

[17] Ebenda, S. 280.

[18] Eine Einschränkung in Bezug auf den Exorzismus macht Aquin dennoch. Denn da in Heiligenlegenden, die für den Theologen eine historische Tatsache waren, durchaus Tierbeschwörungen vorkamen, empfahl er, Bitten an Gott zu entsenden und an den Teufel Beschwörungen. Schließlich stünden hinter solchen tierischen Handlungen stets deren beider Kräfte. Dinzelbacher, S. 282.

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Details

Titel
Formen der Unterhaltung mit Tieren im Mittelalter - Das Tier als Sensations- und Prestigeobjekt, Gefährte, Kuscheltier und geschundene Kreatur
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Veranstaltung
Spiel, Sport und freie Zeit im Mittelalter
Note
1-2
Autor
Jahr
2004
Seiten
33
Katalognummer
V50144
ISBN (eBook)
9783638464208
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Formen, Unterhaltung, Tieren, Mittelalter, Tier, Sensations-, Prestigeobjekt, Gefährte, Kuscheltier, Kreatur, Spiel, Sport, Zeit, Mittelalter
Arbeit zitieren
Nicole Rösingh (Autor:in), 2004, Formen der Unterhaltung mit Tieren im Mittelalter - Das Tier als Sensations- und Prestigeobjekt, Gefährte, Kuscheltier und geschundene Kreatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50144

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