Der Stadtmensch bei Georg Simmel


Essay, 2019
5 Seiten, Note: unbenotet

Leseprobe

Georg Simmel stellt bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in seinem Werk „Philosophie des Geldes“ fest, dass die Entwicklung des Lebens der Menschen in der Stadt fraglich ist. Er bezieht dies auf die gesamte kulturelle Entwicklung, welche die Menschen in der Stadt durchliefen und fasst diese Gruppe als Kulturmenschen zusammen. Als Hauptproblem dieser Entwicklung nennt er die aus dem Rhythmus gekommenen Abläufe innerhalb des Lebens des Kulturmenschen, welche deutlich von denen der Biologie abweichen. Am auffälligsten für diese Phänomen hält er, dass der Kulturmensch im Gegensatz zum Naturmenschen und den Tieren keine bestimmte Paarungszeit mehr hätte, welches dadurch bedingt sei, dass sich der Kulturmensch jederzeit an genügend Nahrung und Wetterschutz bedienen könne und nicht auf Dürrezeiten achten müsse.1 Inwieweit die riskante Entwicklung des Rhythmusverlusts in der modernen Gesellschaft heutzutage vielleicht aktueller denn je ist, wird in diesem Essay erörtert. Bezug genommen wird hierbei speziell auf die von der Natur vorgegeben Rhythmen als Ausgangspunkt des menschlichen Lebens. Anhand dessen werden mögliche gesundheitliche, persönliche oder evolutionäre Folgen dargestellt.

Simmel sieht die permanente Sinnesreizung und -regungen, denen die Menschen ausgesetzt sind, als Ursache der oben beschriebenen Entwicklung an. Die Menschen können sich alles und zu jederzeit kaufen, da es das neue Tauschmittel „Geld“ ermögliche. Sie seien zudem paralysiert durch künstliche Beleuchtung, welche den von der Natur gegebenen Wechsel von Tag und Nacht, aus dem natürlichen Rhythmus bringe. Die ununterbrochene Verbindung von Telegraphen und Telefon binde sich auch auf der Ebene der Kommunikation an keine Zeitbestimmtheit mehr und bringe die Menschen auch in dieser Hinsicht aus dem natürlichen Rhythmus zwischen Produktivität und Ruhephase.2

Im Gegensatz zum Naturmenschen, hat der Kulturmensch sich angeeignet zu bestimmten Zeiten Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Dieser getaktete Ablauf schlägt sich auch in den Arbeitszeiten des modernen Kulturmenschen nieder. Der Naturmensch hingegen isst und arbeitet unregelmäßig und achtet auf sein individuelles Empfinden. Den Höhepunkt der aus dem Gleichgewicht geratenen Rhythmik erreicht der Kulturmensch laut Simmel in der Arbeitswelt höherer Fabrikarbeit. Diese Art von Arbeit ist meist in unterschiedliche Schichten aufgeteilt. Gearbeitet wird 24 Stunden pro Tag, also auch nachts. Insbesondere die Nachtschichten stellen eine große und vorallem unrhythmische Belastung für die Arbeiter dar. Zwar sei die Rhythmik an sich in den objektiven Maschinenbewegungen wiederzufinden, nicht jedoch in den physiologisch-psychologischen Forderungen des menschlichen Seins.3

Der Rhythmus grundlegender Bedingungen ist auseinandergegangen, um der Individualität mehr Freiheit und Unregelmäßigkeit zu gewähren. Dadurch haben die Menschen mehr Möglichkeiten und eine individuelle Freiheit jedes Einzelnen kann sich entwickeln. Dass dadurch jedoch auch persönliche Einbußen gemacht werden müssen, ist wohl den wenigsten bewusst. Beispielsweise werden durch geldwirtschaftliche Verhältnisse lediglich von „dem Arbeitgeber“, „dem Arbeitnehmer“, „dem Lieferanten“, etc. gesprochen. Persönlichkeit oder individuelle Bedürfnisse des Individuums werden hierbei nicht berücksichtigt.4 Kant hat sich ebenfalls in seiner Moralphilosophie mit dieser Problematik befasst. Der kategorische Imperativ besagt unter anderem, dass Personen nicht instrumentalisiert werden dürfen. Anhaltspunkt ist die besondere Berücksichtigung der Würde jedes einzelnen und individuellen Menschen. Der Mensch darf demnach nicht als Ressource angesehen werden, wie es in dem oben beschriebenen Bespiel bei der Betrachtung des „Arbeitnehmers“ und nicht der Persönlichkeit, jedoch der Fall wäre.

Simmel hat bereits sehr früh erkannt, dass sich eine Diskrepanz entwickelt und der Mensch entgegen seiner biologischen Uhr bzw. seiner physiologisch-psychologischen Konstitution handelt. Bezogen auf die heutige Zeit könnte man sein Beispiel mit dem Telegraphen und dem Telefon (s.o.) weiterführen, indem man die ständige Erreichbarkeit durch sogenannte Smartphones anführt. Hinzugekommen ist das Internet, was den Menschen ebenfalls ständig begleitet mit all seinem Informationsüberfluss. Seien es einkommende Anrufe, der Live-Ticker der Nachrichten-Applikation oder andere App-Benachrichtigungen. Dem Menschen wird kaum Zeit und Raum dafür gegeben, sich hiervon zurückzuziehen. Nicht zuletzt, weil sich die Arbeitswelt ebenfalls mit diesen Innovationen gerüstet hat, sind die Menschen verpflichtet diese zu nutzen. Dies bedingt auch, dass das (Arbeits-)Leben der Menschen eine wahnsinnige Geschwindigkeit erreicht hat. Zudem ist die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit kaum noch vorhanden. Durch digitale Kommunikationssysteme wird häufig von den Menschen verlangt, dass sie ihr Arbeitspensum, welches sie während der regulären Arbeitszeit nicht geschafft haben, mit nach Hause zu nehmen und dort zu beenden.

Ebenfalls kann man das Beispiel der Fabrikarbeit weiterführen, indem die heutige Arbeitswelt betrachtet wird. Die Fabrikarbeit hat sich zunehmend zur ausschließlichen Schichtarbeit entwickelt. Eine Störung zwischen äußerer und innerer Zeitordnung ist die Folge. Dietmar Weinert bezeichnet dies in seinem Aufsatz über die Relevanz der biologischen Rhythmen für den modernen Menschen als eine Diskrepanz zwischen sozialer und biologischer Zeit. Ebenfalls sieht er die Arbeitszeiten nicht als optimale Zeit für beste Leistungsfähigkeit an. Dadurch würden sich die Quoten für Fehlerrate und Unfälle erhöhen.5

[...]


1 Vgl. Simmel, Georg. Philosophie des Geldes. Frankfurt am Main 1989. S. 677f.

2 Vgl. Simmel: Philosophie des Geldes, S. 680.

3 Vgl. Simmel: Philosophie des Geldes, S.683-685.

4 Vgl. Simmel: Philosophie des Geldes, S. 393.

5 Vgl. Weinert, Dietmar: „Biologische Rhythmen. Resultat der Evolution in einer periodischen Umwelt und notwendige Voraussetzung für die Antizipation von sowie die Einordnung in Umweltperiodizitäten“. In: Gerald Hartung (Hg.): Mensch und Zeit. Wiesbaden 2015. S. 116.

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Der Stadtmensch bei Georg Simmel
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
unbenotet
Autor
Jahr
2019
Seiten
5
Katalognummer
V501523
ISBN (eBook)
9783346039378
Sprache
Deutsch
Schlagworte
stadtmensch, georg, simmel
Arbeit zitieren
Annie Münzberg (Autor), 2019, Der Stadtmensch bei Georg Simmel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501523

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