Sind moralische Verantwortung und freier Wille identisch?


Hausarbeit, 2019
12 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Moralische Verantwortung und freier Wille
2.1 Moralische Verantwortung
2.2 Freier Wille

3. Jemand ist für seine Taten verantwortlich, auch wenn er keinen freien Willen hatte

4. Die Frage nach moralischer Verantwortung, ist keine Frage nach Alternativen

5. Frankfurts „Principle of Alternative Possibilities“

6. Das Verhältnis von moralischer Verantwortung und freiem Willen – ein neurowissenschaftlicher Ansatz

7. Moralische Verantwortung ist kompatibel mit Determinismus, freier Wille nicht

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Frage nach moralischer Verantwortung und freiem Willen ist sowohl philosophisch, gesellschaftlich, politisch als auch unter sozialen Aspekten sehr wichtig und fortwährend von aktuellem Interesse.

In dieser Hausarbeit wird die These aufgestellt, dass moralische Verantwortung und freier Wille nicht identisch sind. Zunächst wird ein Überblick über die Bedeutung von moralischer Verantwortung und freiem Willen gegeben. Die Argumentation, welche die These stützt, ist für einen besseren Überblick kapitelweise aufgebaut. Einige Beispiele sollen die komplexen Argumente anschaulicher machen und dienen als Beleg für das vorgestellte Argument. Schlussendlich wird ein Fazit zu der anfänglich aufgestellten These formuliert.

Die Argumentation und Darstellung beziehen sich weitestgehend auf die Literatur von Harry G. Frankfurt und Robert Kane, die die Pioniere für Fragen nach moralischer Verantwortung und freiem Willen sind.

2. Moralische Verantwortung und freier Wille

2.1 Moralische Verantwortung

Die Schuldfrage in einem Mordprozess ist ein klassisches Beispiel, wenn es um die Frage nach moralischer Verantwortung einer Tat geht. Angenommen ein Mann bringt eine andere Person um, ohne ersichtliches Motiv. Es war weder Notwehr noch gab es andere ersichtliche Gründe, die ihn derart handeln ließen. Der Mensch wurde ihm aus reiner Mordlust zum Opfer. Die meisten Menschen würden vermutlich verärgert und ohne Verständnis für den Täter reagieren. Doch inwieweit verändert sich diese Annahme, wenn bekannt würde, dass der Täter eine schwere Kindheit und Misshandlungen im Kindesalter durchlebt hat. Außerdem hatte er stets schlechte Vorbilder. Die Wut, die die Menschen verspüren, würde sich nun wohl auch – eventuell sogar in einem stärkeren Maß – auf die Personen beziehen, die dem Täter diese Dinge angetan haben. Die Frage, ob der Täter wirklich verantwortlich gemacht werden kann, wenn ihm diese Dinge in seinem Leben widerfahren sind und ihm zu dem Menschen machten, der er ist, steht zur Debatte.[1] Und somit auch die Frage nach der moralischen Verantwortung eines Menschen für seine Taten.

Harry G. Frankfurt ist der Meinung, dass ein Mensch verantwortlich ist für alle die Taten, die er vollbrachte, ohne dass eine andere Person eingriff.[2]

2.2 Freier Wille

Die Frage, was Freiheit bedeutet, würden die meisten Menschen vermutlich damit beantworten, dass sie sich selbst verwirklichen können. Dass sie ihren Wohnort, ihren Job, ihre Beziehungen, etc. frei wählen können.

Doch bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass diese Antworten allesamt sehr oberflächlich sind. Denn unsere individuelle Freiheit ist nur so groß, wie sie die Macht der anderen Menschen erlaubt. Auch wenn wir denken, dass wir frei handeln, ist es doch nur eine Wahl zwischen bestimmten Optionen, die Macht und Manipulation zulassen. Die Gesellschaft wird durch verschiedene Faktoren wie Werbung, Fernsehen, Verkäufer, etc. manipuliert. Manchmal sind es sogar Bezugspersonen wie Eltern, Geschwister oder Freunde, die durch manipulative Handlungen überzeugen können.[3] Aus diesem Grund treffen wir unsere eigenen Entscheidungen und meinen deshalb den eigenen freien Willen zu haben, jedoch befinden sich diese Entscheidungen häufig nur in den Rahmen, wie es uns möglich ist.

Wenn Menschen erkennen, dass sie manipuliert wurden, fühlen sie sich häufig erniedrigt und merken, dass sie nicht sie selbst waren. Doch nach Robert Kane bedeutet einen eigenen freien Willen zu haben, seine eigene Person zu sein.[4]

Frankfurt veranschaulicht an dem Beispiel, dass Tiere in beliebige Richtungen laufen können, obwohl wir annehmen, dass sie keinen freien Willen haben, dass Freiheit keine hinreichende Bedingung dafür ist, einen freien Willen zu haben. Ebenso ist sie keine notwendige Bedingung, denn „jemanden seiner Handlungsfreiheit zu berauben heißt nicht notwendig, seine Willensfreiheit zu untergraben.“[5]

Um den freien Willen näher zu definieren, stellt Frankfurt ein Modell dar, welches Wünsche in eine erste und eine zweite Stufe unterteilt. Bei einem Wunsch erster Stufe handelt es sich um etwas, was jemand tun oder nicht tun möchte.[6] Ein Wunsch zweiter Stufe ist, wenn jemand einen Wunsch erster Stufe haben möchte oder nicht haben möchte „oder wenn er möchte, daß ein bestimmter Wunsch sein Wille sei.“[7] Frankfurt definiert Willensfreiheit folgendermaßen: Eine Person hat dann einen freien Willen, wenn ihr Wille und ihre Volition zweiter Stufe übereinstimmen.[8]

Aus neurowissenschaftlicher Sicht, ist der freie Wille für Michael Gazzaniga lediglich eine Illusion. Der Neurowissenschaftler P. Read Montague definiert freien Willen als Entscheidungsfreiheit und Gedankenfreiheit, die unabhängig von physischen Prozessen sind und den individuellen Menschen ausmachen.[9]

3. Jemand ist für seine Taten verantwortlich, auch wenn er keinen freien Willen hatte

Frankfurt behauptet, dass jemand für seine Taten verantwortlich ist, auch wenn derjenige zum Zeitpunkt der Tat keinen freien Willen hatte. Die Willensfreiheit einer Person besteht nach Frankfurt darin, dass sie einen Willen hat, der aber auch ein anderer hätte sein können, als der, der es tatsächlich war. Außerdem sei der Wille einer Person erst dann frei, „wenn sie frei ist, den Willen zu haben, den sie möchte.“[10]

Alfred Mele formuliert in seinem Artikel Free will and moral responsibility: does either require the other? einen Beleg dafür, dass jemand auch für seine Taten verantwortlich ist, wenn er keinen freien Willen gehabt hat. Mele konstruiert die Situation, dass ein betrunkener Fahrer einen Fußgänger tötet. Niemand hat den Fahrer gezwungen Alkohol zu trinken oder alkoholisiert Auto zu fahren. Der Fahrer hatte ebenfalls Kenntnis darüber, welchen Effekt Alkohol hat. Trotzdem setzte er sich in sein Auto und fuhr los. Dabei übersah er einen Fußgänger und tötete diesen in Folge eines Aufpralls. Im Allgemeinen würde behauptet, dass dieser Mann für seinen Tat moralische Verantwortung trägt und auch Mele vertritt diese Meinung. Nach Mele ist es jedoch fragwürdig zu behaupten, dass der Mann ebenfalls nach seinem freien Willen tötete.[11]

Wenn moralische Verantwortung und freier Wille identisch wären, müssten ihre Auswirkungen in diesem Fall auch gleichberechtigt behandelt werden. Wenn – wie in dem vorangegangenen Beispiel – der betrunkene Fahrer verantwortlich gemacht wird und moralische Verantwortung mit freiem Willen einhergehen würde, dann müsste der Fahrer innerhalb dieser Tat auch nach seinem freien Willen gehandelt haben.

Da dies jedoch nicht der Fall ist und der Fahrer natürlich verantwortlich gemacht wird für seine Tat, obwohl es zweifelhaft ist, dass er zum Zeitpunkt des Unfalls durch den Alkohol auch einen freien Willen gehabt haben kann, sind moralische Verantwortung und freier Wille nicht vergleichbar und damit auch nicht identisch. Die Existenz von moralischer Verantwortung und Nicht-Existenz von freiem Willen zum selben Zeitpunkt, beweist die Annahme, dass moralische Verantwortung und freier Wille nicht identisch sind.

[...]


[1] Vgl. Kane, Robert: A Contemporary Introduction to Free Will. Oxford 2005. S. 5.

[2] Vgl. Kane, Robert: A Contemporary Introduction to Free Will. S. 86.

[3] Vgl. Kane, Robert: A Contemporary Introduction to Free Will. S. 2.

[4] Vgl. Kane, Robert: A Contemporary Introduction to Free Will. S. 3.

[5] Frankfurt, Harry G.: Willensfreiheit und der Begriff der Person. Frankfurt 2001. S. 76.

[6] Vgl. Frankfurt, Harry G.: Willensfreiheit und der Begriff der Person. S. 67.

[7] Frankfurt, Harry G.: Willensfreiheit und der Begriff der Person. S. 71.

[8] Vgl. Frankfurt, Harry G.: Willensfreiheit und der Begriff der Person. S. 77.

[9] Vgl. Mele, Alfred: Free will and moral responsibility: does either require the other? In: Philosophical Explorations: An International Journal for the Philosophy of Mind and Action. Florida 2014. S. 4f.

[10] Frankfurt, Harry G.: Willensfreiheit und der Begriff der Person. S. 81.

[11] Vgl. Mele, Alfred: Free will and moral responsibility: does either require the other?, S. 3.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Sind moralische Verantwortung und freier Wille identisch?
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
2,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
12
Katalognummer
V501524
ISBN (eBook)
9783346023247
ISBN (Buch)
9783346023254
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sind, verantwortung, wille
Arbeit zitieren
Annie Münzberg (Autor), 2019, Sind moralische Verantwortung und freier Wille identisch?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501524

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