Das Modell deliberativer Öffentlichkeit und das Spiegelmodell von Öffentlichkeit

Ein Vergleich


Hausarbeit, 2019

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann
2.1 Soziale Systeme in der Systemtheorie
2.2 Typen von sozialen Systemen
2.2.1 Interaktionssysteme
2.2.2 Organisationssysteme
2.2.3 Gesellschaftssysteme
2.3 Autopoietische Systeme in der Systemtheorie
2.4 Die Differenz zwischen System und Umwelt
2.5 Das systemtheoretische Spiegelmodell

3 Die Habermas-Luhmann-Kontroverse

4 Das Modell deliberativer Öffentlichkeit
4.1 Öffentliche Meinung im Modell deliberativer Öffentlichkeit
4.1.1 Gleichheit der Teilnehmer
4.1.2 Prinzipielle Offenheit für Themen und Beiträge
4.1.3 Diskursive Struktur der Kommunikationsabläufe
4.2 Die Gesellschaft im Modell der deliberativen Öffentlichkeit

5 Vergleich der Öffentlichkeitsmodelle

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Öffentlichkeit und öffentliche Meinung gelten als zentrale Begriffe der Kommunikati- onswissenschaft. Massenmedien greifen diese beiden Begriffe häufig auf, ohne tatsächlich zu definieren, was damit gemeint ist. So ist es nicht selten, dass die Öffentlichkeit mit der Bevölkerung und die öffentliche Meinung mit der Bevölkerungs- meinung gleichgesetzt werden. Im Laufe der letzten Epochen hat sich der Begriff der öffentlichen Meinung sowie der Begriff der Öffentlichkeit stark gewandelt. Es entstehen stets neue und vielfältige Öffentlichkeitsmodelle, die neue Ansätze der Öffentlichkeit darstellen. Diese vielen unterschiedlichen Definitionen von Öffentlich- keit und öffentlicher Meinung in zahlreichen Modellen helfen nicht bei der Differenzie- rung der Begriffe und konnten bislang nicht zu einer einheitlichen Definition führen, bzw. Öffentlichkeit zu einer messbaren Größe machen (Gerhards 1990, S.4). Sobald eine Beschäftigung mit der Öffentlichkeit stattfindet, werden immer wieder gleiche Ansätze sichtbar. Die bekanntesten Modelle sind Jürgen Habermas’ sozialphilosophi- sches Idealmodell der bürgerlichen Öffentlichkeit, Niklas Luhmanns systemtheoreti- sches Spiegelmodell und Elisabeth Noelle-Neumanns sozialpsychologische Theorie der Schweigespirale. Das Modell der Schweigespirale beruft sich auf eine sozial- psychologische Erklärung und geht davon aus, dass eine sogenannte „Isolations- frucht“ bei Menschen entstehen kann. Innerhalb der Öffentlichkeit beobachten die Menschen ihre Umwelt und können so herausfinden mit welchen Meinungen sie sich nicht sozial isolieren (vgl. Beck 2017, S.126). Dieses Modell soll allerdings im Folgen- den nicht weitergehend betrachtet werden.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Vergleich von zwei konträren Öffentlichkeits- modellen: dem Modell der deliberativen Öffentlichkeit und dem systemtheoretischen Spiegelmodell der Öffentlichkeit. Um auf den Vergleich hinzuführen, werden im ersten Teil die beiden Modelle unabhängig voneinander untersucht und beschrieben. Jedes der beiden Modelle wird hierfür in einen Kontext eingebettet. Für das Spiegelmodell wird in erster Linie Bezug auf das Werk „Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme“ von Georg Kneer und Armin Nassehi aus dem Jahr 1993, sowie auf verschiedene Werke von Niklas Luhmann selbst genommen. Für das Modell der deliberativen Öffentlichkeit wird vordergründig auf Bernhard Peters, ebenso wie auf den Begründer des deliberativen Modells Jürgen Habermas verwiesen. Der Beschreibung der beiden Modelle folgt der Vergleich und anschließend das Fazit dieser Arbeit.

2 Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann

Bei dem Spiegelmodell der Öffentlichkeit handelt es sich um ein Modell der Systemtheorie. Als einer der Hauptbegründer der soziologischen Systemtheorie gilt der deutsche Soziologe und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann (1927-1998). Luhmann hat sich entschieden seine Theorie so wie die bereits in der Biologie bestehende allgemeine Systemtheorie aufzubauen, weil es für ihn eindeutig ist, dass Systeme in der Wirklichkeit existieren. Die Analyse dieser real existierenden Systeme sieht er dabei als sein Ziel (vgl. Luhmann 1984, S.30). „Diese Systemtheorie erhebt für sich den Anspruch, universell zu sein, das heißt, den gesamten Bereich der Wirklichkeit abzudecken“ (Luh- mann, 1987a). In diesem Teil der Arbeit, wird zunächst erläutert, was Niklas Luhmann unter Systemen versteht und in welche verscheiden Typen sie sich unterteilen lassen. Folgend werden die Eigenschaften der Systeme näher beleuchtet, um danach das zu betrachtende systemtheoretische Spiegelmodell beschreiben zu können.

2.1 Soziale Systeme in der Systemtheorie

Nach Luhmann beschreibt ein soziales System den Zusammenhang von zwei Hand- lungen, die aufeinander verweisen. Sobald eine Verknüpfung der Handlungen mehrerer Personen stattfindet, entsteht ein Handlungssystem, bzw. ein soziales System, welches sich von der Umwelt abgrenzt. Maßgeblich für das Verständnis des Systembegriffs ist somit die Vorstellung, dass eine Grenze entsteht, die Innen und Außen voneinander trennt. Folglich gehört etwas entweder zum System bzw. ist ein Teil dessen, oder zur Umwelt bzw. ist ein Teil dessen (vgl. Kneer 1993, S.33f). Um sich von dem US-amerikanischen Soziologen Talcott Parsons abzugrenzen, der Systeme als strukturell-funktional bezeichnete, ist die Systemtheorie nach Luhmann funktional-strukturelle, das heißt, dass der funktionale Teil ausgeweitet wird, wohin- gegen die strukturorientierte Sichtweise zurücktritt (vgl. Kneer 1993, S.36). Kommt es demnach zu einem Ausfall von bestimmten Systemleistungen, hört das soziale System nicht auf zu existieren, sondern kann Leistungen, die ausgefallen sind durch alternative Beiträge ersetzen. Außerdem besitzt das soziale System die Möglichkeit, durch eine Struktur- und Bedürfnisänderung auf das Ausfallen von Systemleistungen zu reagieren (vgl. Kneer 1993, S.38). Da es sich um eine funktional-strukturelle Theorie handelt, analysiert Luhmann den Aufbau und die Veränderungen von Syste- men und Strukturen mit Hilfe von funktionalen Methoden.

Laut Luhmann ist die Welt die oberste Bezugseinheit. Jedoch kann sie weder als System noch als Umwelt begriffen werden, da sie kein Außen besitzt gegen das sie sich abgrenzt, aber im Umkehrschluss auch kein Innen, welches nicht zur Umwelt gehört. Die Welt umgreift vielmehr alle Systeme mit ihren umliegenden Umwelten und bildet somit die Einheit von Systemen und Umwelt (vgl. Kneer 1993, S.40).

2.2 Typen von sozialen Systemen

Die drei Typen von sozialen Systemen, die man nach Luhmann unterscheiden kann, sind die Interaktionssysteme, Organisationssysteme und Gesellschaftssysteme.

2.2.1 Interaktionssysteme

Interaktionssysteme kommen immer dann zustande, wenn Personen, die sich gegen- seitig wahrnehmen, miteinander agieren. Ein Beispiel für ein Interaktionssystem ist an einer Universität stattfindendes Seminar. Alle Handlungen innerhalb dieses Semi- nars, beispielweise Wortbeiträge und Gespräche, gehören zu diesem Interaktions- system. Zur Umwelt gehören dementsprechend alle Personen und deren Handlungen außerhalb des Seminarraumes. Mit Beendigung dieses Seminar löst sich das Inter- aktionssystem auf (vgl. Kneer 1993 S. 42).

2.2.2 Organisationssysteme

Der zweite Typ der Handlungssysteme ist das organisierte System. Ein System ist ein solches Organisationssystem, wenn die Mitgliedschaft in diesem System an bestimmte Voraussetzungen und Bedingungen geknüpft ist. In diesem Fall kann eine gesamte Universität als Beispiel herangezogen werden. Dadurch, dass der Ein- und Austritt formal geregelt ist, kann man von Bedingungen für eine Mitgliedschaft sprechen. Damit Mitglieder und auch Personen, die keine Mitglieder der Organisation sind, informiert bleiben, besteht eine wichtige Funktion darin, spezielle Handlungsab- läufe, die in der Umwelt des Organisationssystems nicht zu erwarten sind, bekannt zu machen (vgl. Kneer 1993, S42f).

2.2.3 Gesellschaftssysteme

Das umfassendste Sozialsystem dieser drei betrachteten Systeme sieht Luhmann in dem Gesellschaftssystem. Zur Gesellschaft gehören alle Interaktions- und Organisa- tionssysteme, ohne dass die Gesellschaft dazu Bezug haben muss. Als Interaktions- system kann die Gesellschaft nicht aufgefasst werden, da auch Handlungen abwe- sender Personen berücksichtigt werden. Ebenso wenig kann sie als Organisations- system gesehen werden, da keine Regelungen zum Ein- oder Austritt bestehen. Folglich bildet die Gesellschaft ein System höherer Ordnung (vgl. Kneer 1993, S.43f).

2.3 Autopoietische Systeme in der Systemtheorie

Hauptbestandteil der Systemtheorie sind einzelne Systeme. „Ein System ist eine Menge von Elementen, zwischen denen Beziehungen vorliegen und, das sich gegen- über seiner Umwelt abgrenzen lässt“ (vgl. Krauch 1994). Die Entwicklung der Sys- temtheorie teilt Luhmann in drei Phasen. Die erste Phase beschreibt das System als geschlossene Ganzheit, das aus mehreren Teilen zusammengesetzt ist. In der zweiten Phase werden die Differenz des Ganzen und seiner Teile durch die Unter- scheidung zwischen System und Umwelt ersetzt. Im Rahmen dieses Ersetzens spricht Luhmann von dem Wandel des Beobachtungsmusters, das der allgemeinen Systemtheorie zugrunde liegt. Die letzte Entwicklung in der Systemtheorie wird voll- zogen bei dem Wandel hin zu autopoietischen Systemen (vgl. Kneer 1993, S.47). Zusätzlich zu den Strukturen, die ein System aufbaut, organisieren autopoietische Systeme nicht nur ihre eigenen internen Strukturen, sondern produzieren auch die Elemente, aus denen die Strukturen gebildet werden. Das Wort Autopoiesis stammt aus dem griechischen und setzt sich zusammen aus den Wortteilen „auto“, was über- setzt „selbst“ bedeutet und „poiesis“, was übersetzt „machen“ bedeutet. Der Begriff Autopoiesis stammt ursprünglich aus der Biologie und findet Verwendung bei dem Bestimmen lebender Systeme. Diese autopoietischen Systeme sind Systeme, die sich selbsterhalten und selbsterzeugen, also durch Interaktion das selbige Netzwerk reproduzieren (vgl. Kneer 1993, S57f). Luhmann verwendet das Wort Autopoiesis als zentralen Begriff in seiner Systemtheorie und formuliert im Zuge dessen zahlreiche Definitionen. Als Analogie zur biologischen Definition formuliert er beispielhaft: „Als autopoietisch wollen wir Systeme bezeichnen, die die Elemente, aus denen sie bestehen, durch Elemente, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und reprodu- zieren“ (Krause 2005 S.232).

2.4 Die Differenz zwischen System und Umwelt

Systeme erzeugen eine Umwelt indem sie operieren. Diese Umwelt kann nur im Be- zug zu dem bestehenden System existieren. Eine Umwelt ist dabei immer all das, was das System nicht ist, folglich die Außenseite der Systemgrenze. Für Luhmann steht fest, dass „der primäre Gegenstand der Systemtheorie nicht ein Gegenstand – System – ist, sondern die Differenz von System und Umwelt“ (Luh- mann 1984, S.115f). Auch für die Beobachtung ist die Differenz von System und Umwelt maßgeblich. So kopieren Systeme ihre Außengrenze in sich hinein und nut- zen diese Abgrenzung zum Unterscheiden und Bezeichnen. Nach Luhmann ist beobachten „unterscheiden und bezeichnen; nicht passiv, wie es dem Begriff in der Alltagssprache anhängen kann, sondern erkennen und handeln einschließend“ (Luh- mann 1987b). Besonders der Begriff des Beobachtens spielt in dem systemtheoreti- schen Spiegelmodell eine große Rolle, welches im folgenden Kapitel näher beleuch- tet wird.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Modell deliberativer Öffentlichkeit und das Spiegelmodell von Öffentlichkeit
Untertitel
Ein Vergleich
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V501547
ISBN (eBook)
9783346040060
ISBN (Buch)
9783346040077
Sprache
Deutsch
Schlagworte
modell, öffentlichkeit, spiegelmodell, vergleich
Arbeit zitieren
Antonia Jaschke (Autor), 2019, Das Modell deliberativer Öffentlichkeit und das Spiegelmodell von Öffentlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501547

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