Ist Martin Gorkes Argument für die "Umkehr der Beweislast" in seinem umweltethisch-holistischen Ansatz überzeugend?


Hausarbeit, 2018

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Der Holismus im Allgemeinen
2.2 Gorkes Begründung des Holismus und der „Beweislastum- kehr“
2.2.1 „Der universale Charakter des moralischen Standpunkts“
2.2.2 „Die Grenze der Begründbarkeit“
2.2.3 Die Umkehr der Begründungslast
2.3 Kritiken am pluralistischen Holismus Gorkes
2.4 Kritische Positionierung unter Einbezug des Gesagten und meiner weiterführenden Gedanken

3 Fazit

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Diese Hausarbeit forscht im Rahmen der Umweltethik. Die Umweltethik ist ein Teilgebiet der Philosophie, die nach dem guten Umgang des Menschen mit der Natur fragt. Es herrscht weithin Einigkeit darüber, dass der gute Um- gang mit der Natur mit einem Naturschutz einhergeht. Es stellen sich folgen- de grundlegende Fragen: „Welche Teile der Umwelt sollten wir direkt mora- lisch berücksichtigen, dass heißt, weil sie einen inhärenten Wert haben oder bestimmten Anforderungen genügen?“ Beziehungsweise: „Welche Reichwei- te der ökologischen Ethik ist rechtfertigbar?“ Martin Gorke knüpft in seinem Text „Artensterben“1 an diese Stelle an und liefert eine Argumentation zu- gunsten des Holismus - eine der wichtigsten physiozentrischen Strömungen in der Umweltethik. Folgt man Gorke, so führt seine Argumentation hinsicht- lich der Frage von moralischer Berücksichtigungswürdigkeit zu einer „Um- kehr der Beweislast“2: Nicht mehr die Vertreter egalitärer, universal-ethischer Theorien stehen in primärer Begründungslast für ihre Position, sondern die Vertreter nicht-universaler Ethikkonzepte, welche meinen bestimmte Bereiche der Natur aus der Moral ausschließen zu müssen.

Dieser Text will nun prüfen, ob Gorkes Argument zur Umkehr der Beweislast in seinem umweltethisch-holistischen Ansatz überzeugend ist. Dazu werde ich im ersten Teil, unter Berücksichtigung der umgekehrten Beweislast, Gor- kes Argumentation darstellen und anschließend Kritikpunkte heranziehen, die in dem Artikel von Dierks im „Handbuch Umweltethik“3 formuliert sind. Es folgt eine kritische Positionierung unter Einbezug des Gesagten, sowie mei- ner eigenen, weiterführenden Gedanken, und zuletzt ein Fazit, in dem ich den Inhalt erneut zusammenfasse und unter Berücksichtigung des Genannten die Forschungsfrage beantworte.

2 Hauptteil

2.1 Der Holismus im Allgemeinen

Beginnen wir mit einer grundlegenden Erläuterung und Eingliederung des Ho- lismus in den Kontext der Umweltethik. Holismus leitet sich vom griechischen Wort holos, was sich mit „ganz“ übersetzen lässt, ab. Der Holismus ist dieje- nige Lehre, die das Ganze betrachtet bzw. eine Sache ganzheitlich zu begrei- fen versucht und dabei von der Annahme ausgeht, „[…] dass das Ganze mehr darstellt als die Summe seiner Teile“4. Es gibt demnach also „bestimm- te Eigenschaften und Qualitäten, welche auf der Ebene von Ganzheiten her- vortreten, [die aber] weder auf der Ebene der Einzelteile existieren, noch auf- grund der Eigenschaften der einzelnen Teile vorhersagbar sind.“5 Damit steht der Holismus wissenschaftlichem Reduktionismus gegenüber, nach dem wir die Realität von Ganzheiten durch die genaue Untersuchung seiner Kompo- nenten begreifen können. Dieser Text wird sich auf die Begründung eines umweltethischen Holismus beschränken. Während viele umweltethische Po- sitionen, wie z.B. der Sentientismus oder der Biozentrismus, individuenba- siert argumentieren, berücksichtigt der Holismus zusätzlich Ganzheiten, wie Ökosysteme und Arten und plädiert für eine universale moralische Berück- sichtigung von allem Existierenden. Für den Holismus sprechen verschiedene Argumente. In diesem Text werde ich mich auf die Argumentation von Martin Gorke beschränken und diese schrittweise erläutern.

2.2 Gorkes Begründung des Holismus und der „Beweislastumkehr“

2.2.1 „Der universale Charakter des moralischen Standpunkts“

Anders als viele holistische Argumentationen, kommt Gorke ohne aufwändige Metaphysik aus. Seine These lautet, dass eine formale Analyse des Moralbe- griffs zwangsläufig zur Anerkennung des naturethischen pluralistischen Ho- lismus führen müsse und, dass „der prima facie universale Charakter der Mo- ral […] [s]eines Erachtens [nach] eine Umkehr der […] Beweislast“6 7 erfordere. Um dies besser zu verstehen, werde ich an den Anfang seiner Begründung springen und sie Stück für Stück darstellen. Seine Argumentation beginnt mit der Darstellung von Tugendhats Begründung einer „Moral der [zwischen- menschlichen] universellen Achtung“8. Nach Tugendhat habe jeder Mensch in der Ethik eine Urwahl zu treffen, mit der er sich zwischen dem moralischen und dem egoistischen Standpunkt entscheide. Entweder er wähle den mora- lischen Standpunkt oder den egoistischen. Ein Mensch mit egoistischem Standpunkt wird von Tugendhat „Machtmensch“ genannt und zeichne sich dadurch aus, dass er Andere ausschließlich als Mittel zur Befriedigung seiner Bedürfnisse benutze. Im Gegensatz dazu nehme der moralische Mensch Rücksicht und zwar nicht nur dann, wenn es ihm gefalle. Sein Handeln richte sich nach verallgemeinerbaren, ethischen Prinzipien und lasse sich letztlich mit folgendem Imperativ beschreiben: „Instrumentalisiere niemanden!“9

Obwohl Tugendhat seine Begründung als eine formale Analyse des Moralbe- griffs bezeichnet, beruhe diese nach Gorke auf inhaltlichen, anthropologi- schen Vorannahmen „und zwar insofern, als sie die Moralgemeinschaft a priori als auf Vernunftwesen (Kant) bzw. Kooperationswesen (Tugendhat) be- grenzt wissen wollen.“10 Hieraus folge, dass nur Menschen Gegenstand der Moral seien und Tugendhats Analyse sich ausschließlich auf die zwischen- menschliche Ethik beziehe. Wenn man bedenkt, dass Tugendhats Ergebnis seiner Analyse ist, dass eine solche Diskriminierung mit dem moralischen Standpunkt nicht vereinbar ist, erkennt man schnell, dass seine impliziten Annahmen auf einen Widerspruch hinauslaufen. Natürlich nur, wenn man be- reits akzeptiert hat, dass ein anthropozentrisches Weltbild und Ethikver- ständnis nicht rechtfertigbar ist. Gorke tut dies und weist auf „drei Aspekte der Gemeinschaft des Menschen mit der Natur“11 hin, die Tugendhat und an- dere Anthropozentriker zu übersehen scheinen.

1. Der Mensch bildet mit den anderen Lebewesen, Arten und Systemen eine ökologische Gemeinschaft, die im Gemeinwesen durch eine enge Wech- selwirkung mit gegenseitiger Abhängigkeit gekennzeichnet ist.
2. Der Mensch bildet evolutionsbiologisch mit allen anderen Arten des Pla- neten eine stammesgeschichtliche Gemeinschaft.
3. Der Mensch bildet nicht nur mit seinesgleichen, sondern auch mit der au- ßermenschlichen Natur, eine Gemeinschaft des Seienden.

Unter der Annahme, dass der Anthropozentrismus in der Ethik nicht haltbar ist, folgert Gorke nun zugunsten einer universalen Moral:

„Wenn Tugendhats formale Analyse des Moralbegriffs richtig war, nach der der moralische Standpunkt automatisch zum Universalismus führt, wenn aber sein inhaltliches Vorverständnis von Ethik als einer auf Men- schen beschränkten Angelegenheit heute als ungerechtfertigt gelten muß, so ist klar, daß seine Überlegungen einen umfassenderen als einen nur humanistischen Universalismus fordern: Konsequent gedacht führen sie unausweichlich in den pluralistischen Holismus.“12

Um die Bedeutsamkeit der Urwahl deutlich zu machen, ist nach Tugendhat weiterhin „[e]ntscheidend […], daß die altruistische Alternative zum Egoismus grundsätzlich nicht wählerisch sein kann.“13 Jede Unterscheidung in der Be- rücksichtigungswürdigkeit bestimmter Entitäten komme „aus einer Macht- vollkommenheit [oder egoistischen Perspektive] heraus“14 und sei somit per Definition nicht mit einer moralischen Haltung vereinbar. Denn: „Nichts, was nicht von Menschenhand gemacht ist, ist nur Ressource. Alles hat auch sei- nen Eigenwert und ist als Selbstzweck zu achten.“15 Wenn dem so ist, müsse ein Mensch, so Tugendhat und Gorke, welcher Teile seiner Umwelt instru- mentalisiert und dessen Selbstzweck und Eigenwert nicht achtet, ein Machtmensch mit einer grundlegend egoistischen Haltung sein.

Nach Gorke und Tugendhat seien die Begriffe Eigenwert und Selbstzweck einstellige Prädikate und können als solche „weder funktional abgeleitet noch unter Bezüglichkeit auf etwas anderes definiert werden“ und sie seien auch nicht „a priori quantifizierbar oder gar verrechenbar“16. Sie können lediglich abstrakt oder durch indirekte Umschreibungen beschrieben werden. Auf- grund dieser Eigenschaften ließen sich zum Zwecke dieser Untersuchung die beiden Begriffe mit Kants Begriff der Würde vergleichen. Alle diese Begriffe können aufgrund ihrer inhärenten Eigenschaften, so Gorke, nicht befriedi- gend expliziert werden. Es scheint jedoch unzureichend zu sein, sich in einer ethischen Theorie ausschließlich auf eine rein instrumentelle Werte-Kategorie zu beziehen.17 In der zwischenmenschlichen Ethik z.B. sprechen viele selbst- verständlich von der „Würde des Menschen“. Es scheint etwas zu geben, aufgrund dessen wir „von Natur aus“ oder „an sich“, und nicht nur instru- mentell für jemand oder etwas anderes, wertvoll sind. Gorke nimmt die Exis- tenz einer solchen nicht-instrumentellen Werte-Kategorie an und stimmt Burkhardt zu, dass „aus dieser Würde die Verpflichtung eines möglichst schonenden Umgangs mit der Natur abzuleiten [ist].“18 Eine Würde, die sich nur auf den Menschen bezieht ist nämlich, so wie der humanistische zum pluralistischen Holismus führt, zugleich eine Würde, die allem Existenten in- newohnt.

In seiner Argumentation folgt nun ein theoretischer Einwand von Wolters, dessen Auflösung die Argumentation für den Holismus weiter untermauern soll: „Wo praktisch alles inneren Wert besitzt, ist am Ende gar nichts wertvoll.

[...]


1 Gorke, Martin: Artensterben. Klett Cotta: 1999.

2 Ebd. S. 257.

3 Ott, Dierks, Voget-Kleschin: Handbuch Umweltethik. Stuttgart: Springer-Verlag, 2016. Artikel 27: Holismus.

4 siehe: Aristoteles: Philosophische Schriften, Bd. 5: Metaphysik VII 17. Hamburg 1995. S. 168.

5 Ott, Dierks, Voget-Kleschin (2016), S. 177.

6 Gorke (1999), S. 247.

7 Ebd. S. 257.

8 Ebd. S. 247.

9 Ebd. S. 247.

10 Ebd. S. 248.

11 Ebd. S. 248.

12 Ebd. S. 249.

13 Ebd. S. 247.

14 Ebd. S. 247.

15 Ebd. S. 250.

16 Ebd. S. 251.

17 Vgl. ebd. S. 250f.

18 Ebd. S. 252.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Ist Martin Gorkes Argument für die "Umkehr der Beweislast" in seinem umweltethisch-holistischen Ansatz überzeugend?
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Philosophie)
Veranstaltung
Der Physiozentrismus in der Umweltethik
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V501780
ISBN (eBook)
9783346028068
ISBN (Buch)
9783346028075
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Martin Gorke, Beweislast, Beweislastumkehr, Physiozentrismus, Umweltethik, Holismus, holistische Umweltethik
Arbeit zitieren
Nicolas Guérin (Autor), 2018, Ist Martin Gorkes Argument für die "Umkehr der Beweislast" in seinem umweltethisch-holistischen Ansatz überzeugend?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501780

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