Diese Hausarbeit wird zuerst zu einem tieferen Verständnis für die Theorie der erweiterten Kognition verhelfen, anschließend aufzeigen, wie aus dem Paritätsprinzip, welches im Aufsatz von Clark und Chalmers zu finden ist, das Problem der inflationären Erweiterung folgt und dieses Problem aus verschiedenen Perspektiven beleuchten.
Wir können beobachten: Ein Mensch sieht einen Unfall und greift im Folgenden zum Telefon, wählt eine Rufnummer und kontaktiert einen Notarzt. Doch was geschieht zwischen diesen beiden Ereignissen? Das klassische „Sandwich-Modell“ der Kognition beschreibt diesen Prozess folgendermaßen: Auf einen perzeptuellen Input (jemand sieht einen Unfall) folgt die computationale Manipulation interner, mentaler Repräsentationen (Kognition), woraufhin ein motorischer Output folgt (das Rufen des Notarztes).
Nach klassischer Auffassung sind die kognitiven Prozesse im Gehirn lokalisiert und werden als Aktivitäten des neuronalen Systems im Gehirn verstanden. Die Ergebnisse neuerer Forschung zeigen jedoch: kognitive Systeme sind nicht auf die neuronale Maschinerie im Gehirn beschränkt, sondern sind wesentlich von nicht-neuronalen Prozessen und Umwelteinflüssen abhängig. Demzufolge sind sie auch nicht einfach auf einer abstrakten, informationsverarbeitenden Ebene charakterisierbar, sondern werden von der konkret gegebenen Körperlichkeit und Situiertheit mitbestimmt. Wo wir also die Grenzen eines kognitiven Systems ziehen können, zwischen dem, was sich im Geist und dem, was sich außerhalb des Geistes abspielt, ist nicht so klar, wie angenommen. Auch die Frage, ob der Inhalt kognitiver Prozesse nur von internen Zuständen des kognitiven Systems, oder aber auch von externen Faktoren abhängt, ist unklar.
Wenn also gilt, dass die Umwelt nicht nur eine kausal aktive Rolle bei der Steuerung kognitiver Prozesse spielt, sondern für einige Prozesse gilt, dass sie durch kausal aktive Merkmale der Umwelt konstituiert werden, dann sind kognitive Prozesse nicht nur auf die neuronale Maschinerie bzw. die Grenzen unseres Körpers beschränkt, sondern erstrecken sich über diese Grenze hinaus in die Welt. Dies ist der These der erweiterten Kognition („extended cognition“) und wurde erstmals durch den Aufsatz „The Extended Mind“ von Andy Clark und David Chalmers bekannt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1. Die These der erweiterten Kognition (EC-These)
2.2. Paritätsprinzip und das Problem „inflationärer Erweiterung“
3. Schluss
4. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die philosophische These der erweiterten Kognition (EC-These) von Clark und Chalmers, wobei der Fokus auf dem Paritätsprinzip und dem daraus resultierenden Problem der „inflationären Erweiterung“ des Kognitiven liegt.
- Klassische vs. erweiterte Kognitionsmodelle
- Das Paritätsprinzip als funktionalistisches Kriterium
- Das Problem der inflationären Erweiterung (Dammbruch-Gefahr)
- Limitierende Kriterien für die kognitive Kopplung
- Systemtheoretische Perspektiven nach Margret Wilson
Auszug aus dem Buch
2.2. Paritätsprinzip und das Problem „inflationärer Erweiterung“
In der Debatte über die EC-Diese sind zwei Themen besonders relevant: 1. Das Paritätsprinzip, 2. inflationäre Erweiterungen. Diese wollen wir nun genauer betrachten.
1. Die zentrale Frage ist: „Wie lassen sich kognitive Erweiterungskomponenten identifizieren und individuieren?“ Als zentrales Kriterium gilt das sogenannte „Paritätsprinzip“ („parity principle“), welches, wenn auch noch nicht unter diesem Namen, bei Clark und Chalmers zu finden ist: „Wenn, sobald wir einer Aufgabe gegenüberstehen, ein Teil der Welt wie ein Prozess funktioniert, und wenn dieser Prozess - würde er im Kopf vollzogen - von uns ohne zu zögern als kognitiver Prozess anerkannt würde, dann ist (so behaupten wir) dieser Teil der Welt tatsächlich ein Teil des kognitiven Prozesses.“ Anders ausgedrückt besagt das Paritätsprinzip, dass alle Komponenten und Prozesse, die wir, würden sie im Kopf von statten gehen, als „kognitiv“ bezeichnen würden, unabhängig davon, dass wir sie alleinstehend nicht als „kognitiv“ bezeichnen würden, im gekoppelten System als kognitiv betrachtet werden sollten.
Das Paritätsprinzip ist ein funktionalistisches Prinzip insofern, als dass funktionale Äquivalenz zwischen den externen Komponenten oder Prozessen und ihren „gedachten internen Pendants“ vorausgesetzt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt das klassische „Sandwich-Modell“ der Kognition der These der erweiterten Kognition gegenüber und führt in die Problematik der Systemgrenzen ein.
2. Hauptteil: Der Hauptteil erläutert zunächst die EC-These anhand von Alltagsbeispielen und untersucht anschließend das Paritätsprinzip sowie die Problematik der inflationären Erweiterung.
2.1. Die These der erweiterten Kognition (EC-These): Hier wird definiert, wie kognitive Systeme durch externe Hilfsmittel und die Umgebung erweitert werden können, illustriert durch Tetris-Beispiele.
2.2. Paritätsprinzip und das Problem „inflationärer Erweiterung“: Dieses Kapitel analysiert das Paritätsprinzip als funktionalistisches Kriterium und diskutiert die Notwendigkeit von Limitierungskriterien, um eine Trivialisierung der Theorie zu verhindern.
3. Schluss: Der Schluss fasst die Argumente zusammen und bekräftigt die Notwendigkeit, limitierende Kriterien für die Identifikation und Individuation erweiterter kognitiver Systeme zu verwenden.
4. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen.
Schlüsselwörter
Erweiterte Kognition, EC-These, Paritätsprinzip, inflationäre Erweiterung, funktionalistischer Ansatz, kognitive Kopplung, Geist im Kopf, externe Gedächtnisstützen, kognitive Architektur, Systemtheorie, mentale Repräsentation, epistemische Handlungen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Philosophie des Geistes, insbesondere mit der These, dass kognitive Prozesse nicht auf das Gehirn oder den Körper begrenzt sind, sondern sich in die Umwelt hinein erstrecken können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die funktionale Äquivalenz zwischen internen und externen Prozessen, die Definition kognitiver Systeme und die Abgrenzung dieser Systeme gegenüber einer grenzenlosen, inflationären Ausweitung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu analysieren, wie das von Clark und Chalmers eingeführte Paritätsprinzip als Kriterium für erweiterte Kognition funktioniert und welche Probleme hinsichtlich der Abgrenzung (inflationäre Erweiterung) dabei auftreten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Analyse, die durch Gedankenexperimente (wie das Inga/Otto-Szenario) und die Einbeziehung systemtheoretischer Unterscheidungen nach Margret Wilson methodisch gestützt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der EC-These und eine kritische Auseinandersetzung mit dem Paritätsprinzip inklusive der Diskussion über notwendige limitierende Kriterien wie Zugänglichkeit, Stabilität und Zuverlässigkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind erweiterte Kognition, Paritätsprinzip, funktionale Äquivalenz, kognitive Systeme und inflationäre Erweiterung.
Wie unterscheidet sich Ingas Wissensabruf von Ottos Notizbuch-Nutzung?
Inga nutzt ihr biologisches Gedächtnis, während Otto ein externes Notizbuch verwendet. Die Arbeit argumentiert, dass beide Prozesse funktional äquivalent sind und somit beide als kognitiv betrachtet werden sollten.
Warum droht der These der erweiterten Kognition eine „inflationäre Erweiterung“?
Ohne klare Kriterien könnten theoretisch unendlich viele Dinge (wie Vitalfunktionen oder Umweltfaktoren) als Teil des kognitiven Systems gewertet werden, was die Theorie trivialisieren würde.
Welche Rolle spielt der Systembegriff von Margret Wilson in der Arbeit?
Wilson hilft bei der Einordnung, dass für eine sinnvolle wissenschaftliche Theorie der erweiterten Kognition das kognitive System als „geschlossen“ und „obligat“ betrachtet werden muss, um der inflationären Beliebigkeit zu entgehen.
Ist die Überzeugung von Otto trotz Notizbuch als solche anzuerkennen?
Ja, sofern das Notizbuch die gleichen funktionalen Kriterien wie ein biologisches Gedächtnis erfüllt, wird in der Arbeit argumentiert, dass man Otto die Überzeugung gerechtfertigt zusprechen kann.
- Arbeit zitieren
- Nicolas Guérin (Autor:in), 2019, The Extended Mind. Zum Problem der "inflationären Erweiterung" ("cognitive bloat") in der Theorie des erweiterten Geistes und wie es aus dem Paritätsprinzip folgt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501789