Auswirkungen frühkindlicher Erziehung auf mütterliche Depression. Steigerung mütterlicher Feinfühligkeit durch positive Interaktion mit Säuglingen


Hausarbeit, 2019
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Allgemeine Einleitung
1.1 Überführung des Goodness of fit-Modells in das transaktionale Modell
1.2 Diathese-Stress-Hypothese vs. differenzielle-Suszeptibilität-Hypothese

2 Studie
2.1 Versuchspersonen
2.2 Methode und Erhebung

3 Ergebnisse

4 Allgemeine Diskussion

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Allgemeine Einleitung

Einer allgemein bekannten Redewendung zufolge heißt es, der Apfel falle nicht weit vom Stamm – ein ubiquitärer Topos, dessen Aussage versinnbildlicht, dass Kinder nicht nur phänotypische, sondern oft auch Eigenschaften und Charakteristiken von ihren Eltern „erben“. Dieser Transfer kann vor allem durch Erziehung transportiert werden. Allgemein spielt Erziehung in jeder Gesellschaft in sowohl der Entwicklung eines Individuums als auch in der Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwohl eine zentrale Rolle. Die Wichtigkeit sein Kind förderlich zu erziehen, sodass man seinen Teil zu einer adäquaten psychosozialen, persönlichen und beruflichen Entwicklung seines Kindes beiträgt, ist für die meisten Eltern der zentrale Aspekt, an denen die Erziehungsmethoden ausgerichtet werden. Doch was versteht man in erster Linie unter Erziehung? Im Allgemeinen bezeichnet Erziehung die Gesamtheit allen erzieherischen Handelns, welches die Personalisation, Sozialisation und Enkulturation eines Menschen steuert. Dabei handelt es sich um einen zielgerichteten und beabsichtigten Sozialisationsprozess eines Erziehenden, welcher bestimmte Lernprozesse bewusst und gewillt herbeiführen und unterstützen will, um relativ dauerhafte Veränderungen des Verhaltens zu erreichen, die wiederum bestimmten Erziehungszielen entsprechen (Stangl, 2019; Wiater, 2013). Der damit angedeutete hierarchischer Aspekt schließt einen Lehrenden mit Erfahrung, der die Verantwortung gegenüber dem unerfahrenen Lernenden hat, ein.

Erziehung ist demnach maßgeblich durch die Eltern bestimmt, welche somit die verschiedenen Entwicklungspfade der Kinder oder Jugendlichen zur Erreichung eines zugrundeliegenden Erziehungsziels mittels eines Erziehungsstils beeinflussen. Erziehungsziele stellen dabei die erwünschte psychische Disposition des Kindes oder Jugendlichen dar (Wiater, 2013). Ein für das Gemeinwohl der Gesellschaft förderliches Ziel wäre es, seine Kinder zu selbstständigen, reflektierenden und verantwortungsbewussten Individuen zu erziehen. Hingegen umfasst der Begriff Erziehungsstil die charakteristische Konstellation grundlegender Einstellungen und typischer Verhaltensweisen des Erziehenden (Daring & Steinberg, 1993). Dies kann sich auf zielgerichteter (z. B. Erziehungsmethoden wie körperliche Bestrafung) und nicht zielgerichteter Ebene (z. B. Gesten, Tonfalländerungen) zeigen und somit das sozioemotionale Klima innerhalb der Familie beeinflussen (Darling & Steinberg, 1993).

Aufbauend auf Baumrinds Typologie zu Erziehungsstilen (1971, 1983; Darling & Steinbeck, 1993; Lewis, 1981) kann Erziehung im Wesentlichen durch zwei Dimensionen beschrieben werden: zum einen durch Lenkung und zum anderen durch Wärme/ Zuneigung (Darling & Steinbeck, 1993). Lenkung beschreibt dabei die Art und Weise, wie Rechte, Pflichten und Grenzen aufgestellt und durchgesetzt werden. Daneben kennzeichnet Wärme/ Zuneigung das Ausmaß, indem dem Kind Toleranz und Akzeptanz entgegengebracht wird, wie auch physische und emotionale Nähe. Daraus ergeben sich vier Erziehungsstile: der autoritative Stil, der auf beiden Dimensionen hoch ausgeprägt ist, der vernachlässigende Stil, der auf beiden Dimensionen niedrig ausgeprägt ist, der permissive Stil, bei dem Lenkung niedrig und Wärme/ Zuneigung hoch ausgeprägt ist sowie der autoritäre Stil, bei dem Lenkung hoch und Wärme/ Zuneigung niedrig ausgeprägt ist.

Bei der Betrachtung von Entwicklungsunterschieden in der Kindheit und Jugend, steht in der Entwicklungspsychologie grundsätzlich zur Frage, wodurch diese bestimmt werden. In diversen Studien konnten zahlreiche Determinanten bestimmt werden, die Einfluss auf die Erziehung nehmen: die genetische Ausstattung (Dougherty, Klein, Rose & Laptook, 2011; Bakermans-Kranenburg, van IJzendoorn, Pilman, Mesman & Juffer, 2008; Belsky & Pluess, 2009; Boyce & Ellis, 2005), das Temperament und die mütterliche Feinfühligkeit (Hane & Fox, 2006; Pluess & Belsky, 2010; Roisman et al., 2009; Thomas, Letourneau, Campbell, Tomfohr-Madsen, Giesbrecht & APrON Study Team, 2017), die psychische Verfassung der Eltern (Murray, Arteche, Fearon, Halligan, Goodyer, & Cooper, 2011; Taraban et al., 2017), die Bindungsqualität bzw. -desorganisation (Leerkes & Zhou, 2018; NICHD Early Child Care Research Network, 2006) und im späteren Jugendalter auch der Einfluss von Peers (Harring, Böhm-Kasper, Rohlfs & Palentien, 2010). Dadurch ergibt sich die Forschungsfrage, ob Entwicklungsunterschiede maßgeblich durch genetische, personale oder Umweltfaktoren bedingt sind und wie diese miteinander interagieren (vgl. Kap. 1.1). Auf Seiten der Kinder wird in der Literatur primär das Konstrukt des Temperaments als personaler Faktor zur Erklärung für Entwicklungsunterschiede herangezogen. Temperamt ist ein psychobiologisches, regulatives Konzept, dass individuelle Unterschiede in Form und Art des Verhaltens beschreibt, also das Wie des Verhaltens (Rothbart & Derryberry, 1981; Thomas & Chess, 1977). Rothbart & Derryberry (1981) differenzieren Temperamentseigenschaften auf zwei grundlegenden Dimensionen der Informationsverarbeitung: einerseits der Reaktivität, einschließlich individualtypischer Reaktionsmuster auf Verhaltens- und physiologischer Ebene sowie Fluktuationen hinsichtlich der Schwelle, Latenz, Intensität und Anstiegs-/ Abfallgradient der Reaktion. Andererseits umfasst die Dimension Selbstregulation die individualtypischen Parameter von Regulationsprozessen, die die Reaktivität beeinflussen, wie z. B. Aufmerksamkeits- oder Hemmungsprozesse.

Thomas & Chess (1977) klassifizieren dabei in drei Temperamentsgruppen: einfach, schwierig und langsam-auftauend. Kinder mit sog. schwierigem Temperament (erhöhte Frequenz an negativen Affekten, schwer ablenkbar und zu regulieren, niedrige Ausdauer, wenig Regelmäßigkeit) fordern i. d. R. mehr Kapazitäten ihrer Eltern aufgrund einer als geringer wahrgenommenen Umgänglichkeit (Crockenberg & Leerkes, 2003; Leerkes & Crockenberg, 2006). Als Konsequenz der psychobiologischen Disposition des Kindes könnten Mütter negative Gefühle mit ihren Kindern assoziieren und mit der Zeit weniger prompt und weniger angemessen auf die Signale des Kindes reagieren – ergo weniger feinfühlig handeln. Feinfühligkeit bezeichnet die Fähigkeit, die Signale des Kindes wahrzunehmen, korrekt zu interpretieren, prompt und angemessen darauf zu reagieren. Negative korrelative und prädiktive Zusammenhänge zwischen mütterlicher Feinfühligkeit und kindlichem Temperament (Frick, Forslund, Fransson, Johansson, Bohlin & Brocki, 2017; Jonas, Atkinson, Steiner, Meaney, Wazana & Fleming, 2015; Kim & Kochanska, 2012; Kochanska & Kim, 2013; Thomas et al., 2017) sowie zwischen Temperament, mütterlicher Feinfühligkeit und Bindung (Gartstein & Iverson, 2014; McElwain & Booth-LaForce, 2006; Susman-Stillman, Kalkoske, Egeland & Waldman, 1996) untermauern diesen Sachverhalt. Demzufolge wirkt die Disposition des Kindes ebenso wie die der Eltern nachhaltig und qualitativverschieden auf das Interaktionsverhalten. Auf Seiten der Eltern kann ihre physische oder psychische Verfassung wiederum Einfluss auf die Erziehung bzw. den Erziehungsstil nehmen, sodass dies einen Umweltfaktor darstellt. Psychische Erkrankungen, wie z. B. elterliche Depressionen, sind nicht zwingend für eine maladaptive Stressverarbeitung des Kindes verantwortlich (Dougherty et al., 2011). Jedoch zeigt sich grundsätzlich, dass Stressoren in der frühen Kindheit Risikofaktoren für die spätere Stressverarbeitung und psychopathologische Entwicklung (im Jugendalter) darstellen (Dougherty et al., 2011, Hane & Fox, 2006; Leerkes & Crockenberg, 2006; Murray et al., 2011; Olino, McMakin, Nicely, Forbes, Dahl & Silk, 2016; Roisman et al., 2009; Seifer et al., 2014; Wen et al., 2017). Dabei spielen mitunter auch Charakteristika und Verhaltensweisen der Eltern eine Rolle. Empirisch zeigen diverse Studien, dass Kinder, die mütterlicher Depression ausgesetzt sind, mit erhöhtem Risiko negative kognitive, sozioemotionale und Verhaltensentwicklungen zur Folge tragen (Azak & Raeder, 2013; Dougherty et al., 2011; Murray et al., 2011; Murray, Halligan, Goodyer & Herbert, 2010; Seifer, Dickstein, Parade, Hayden, Magee & Schiller, 2014; Taraban et al., 2017; Wen et al., 2017). Depressive Mütter reagieren weniger feinfühlig auf Distress des Säuglings, das unterstützende Verhalten sinkt und die Interaktion ist weniger kindzentriert (Dix, Gershoff, Meunier & Miller, 2004; Leerkes & Crockenberg, 2006). Kinder wenig feinfühliger Mütter zeigen wiederum mit höherer Wahrscheinlichkeit negatives Interaktionsverhalten (Hane & Fox, 2006; Leerkes, 2010), ein schwieriges Temperament (Leerkes & Zhou, 2018) und niedrigere Cortisolwerte (Dougherty et al., 2011; Roisman et al., 2009). Dies könnte wiederum selbstverstärkend i. S. des transaktionalen Modells wirken (vgl. Kap. 1.1). Somit können Affekte und Verhaltensweisen, die durch die mütterliche Depression bedingt oder aufrechterhalten werden, Einfluss auf das Interaktionsverhalten der Mutter gegenüber dem Kind nehmen. Dies lässt sich wiederum im Erziehungsstil nieder und übt somit neben direkten auch indirekten Einfluss auf das Interaktionsverhalten des Kindes aus.

Bei Zusammenführung dieser Sachverhalte ergibt sich, dass die Relevanz früher Mutter-Säuglings-Interaktionen für die spätere psychopathologische Entwicklung mannigfaltig bestätigt werden konnte (Azak & Raeder, 2013; Dougherty et al., 2011, Hane & Fox, 2006; Kim & Kochanska, 2012; Kochanska & Kim, 2013; Leerkes, 2010; Leerkes & Crockenberg, 2006; McElwain & Booth-LaForce, 2006; Murray et al., 2011; NICHD Early Child Care Research Network, 2006; Olino et al., 2016; Roisman et al., 2009; Seifer et al., 2014; Taraban et al., 2017; Thomas et al., 2017). Es zeigte sich außerdem, dass selbst für adoptierte Kinder, und demnach biologisch nicht-Verwandte der Adoptiveltern, frühe Mutter-Säuglings-Interaktionen und Bindung spätere sozioemotionale und kognitive Entwicklung prognostizierte (Stams, Juffer & van IJzendoorn, 2002; Rutter & ERA Study Team, 1998; Taraban et al., 2017). Dieser Ausschluss der biologischen Komponente unterstreicht zusätzlich die potenzielle Wirkungskraft durch Umweltfaktoren, wie z. B. die mütterliche Feinfühligkeit.

1.1 Überführung des Goodness of fit-Modells in das transaktionale Modell

Aufbauend auf Bells (1968) These über die multiplen Determinanten von Eltern-Kind-Beziehungen, anstelle von singulären Determinanten, liegt der Grundgedanke des Goodness of fit-Modells darin, dass Einflüsse in Eltern-Kind-Beziehungen bidirektional sind (Seifer et al., 2014). Diese allgemein anerkannte Idee bedeutet, dass nicht nur der Erzieher Einfluss auf die Entwicklung des Kindes nimmt, sondern auch das Kind die Entwicklung der Bezugsperson beeinflusst.

Während das Goodness of fit-Modell den bidirektionalen Zusammenhang zwischen personalen und Umweltfaktoren umfasst, hat das transaktionale Modell darüber hinaus zur Grundidee, dass zwischen Biologie, der Umwelt und Person eine Wechselwirkung besteht, welche sich gegenseitig und stetig beeinflusst (Sameroff, 1975, 2009). Anders als im Goodness of fit-Modells akkumulieren die Einflüsse von Beziehungspartnern nicht nur, sondern fusionieren im Beziehungsgefüge auf fundamentaler Ebene (Seifer et al., 2014). Diese durch die Interaktion zwischen Anlage, Umwelt und Person herbeigeführten Entwicklungsveränderungen können entscheidend für die Aufklärung unterschiedliche Entwicklungspfade von Kindern sein. Somit ist das Goodness of fit-Modell transaktionaler Natur.

Vor diesem Hintergrund besteht die entwicklungspsychologische Idee, dass sowohl das Interaktionsverhalten der Mutter als auch das Interaktionsverhalten des Säuglings sich gegenseitig bedingen und beeinflussen. Säuglinge, die von Geburt an hohe Muster temperamentvoller Reaktivität zeigen, rufen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit weniger feinfühlige Mütter hervor. Mütter können aber auch aufgrund ihrer personalen Anlage- und Umweltbedingungen eine geringere Feinfühligkeit aufweisen. Unabhängig davon, wie eine geringere Feinfühligkeit zustande kommt, setzen wenig feinfühlige Mütter ein Muster phänotypischer Veränderungen in Kraft, die sowohl auf das Verhalten des Säuglings als auch das eigene Verhalten Einfluss ausüben (s. o. für Empirie). Dies wirkt sich auf die Adaptation derartig aus, dass in zukünftigen, vergleichbaren Situationen ähnlich reagiert wird. D. h., dass sich eine ursprüngliche biologische Tendenz (das Temperament) in einem personalen Faktor (das Verhaltensmuster) aufgrund von Umweltfaktoren (der mütterlichen Feinfühligkeit) manifestiert. In der Folge könnten Säuglinge mit einer gering feinfühligen Mutter eine erhöhte Reaktivität gegenüber ähnlichen Stressoren zeigen.

Dieser theoretische Ansatz über den bidirektionalen bzw. transaktionalen Zusammenhang in der Eltern-Kind-Beziehung konnte empirisch bereits in sowohl Tierversuchen (Caldji, Tannenbaum, Sharma, Francis, Plotsky & Meaney, 1998; Champagne, Francis, Mar & Meaney, 2003; Francis & Diorio, 1999; Liu et al., 1997) als auch in menschlichen Mutter-Säuglings-Interaktionen bestätigt werden (s. o.).

1.2 Diathese-Stress-Hypothese vs. differenzielle-Suszeptibilität-Hypothese

Mit der grundsätzlichen Leitfrage der Psychopathologie im psychologischen Sinne – wie entwickeln sich Kinder trotz Risikofaktoren zu adaptiven Individuen – werden im Zusammenhang mit der Eltern-Kind-Beziehung verschiedene Ansätze herangezogen. Dabei bilden die Diathese-Stress- und differenzielle-Suszeptibilität-Hypothese populäre und wissenschaftlich anerkannte Annahmen, die sich mit der Erklärung psychopathologischer Entwicklung beschäftigen. Die Diathese-Stress-Hypothese beinhaltet die Idee, dass sowohl Stress als auch Diathese (d. h. Disposition) gegeben sein müssen zur Entwicklung einer psychischen Störung (Belsky & Pluess, 2009), folglich die Kombination aus negativem personalen und Umweltfaktor gegeben sein müssen. Erst wenn beides zu groß ist, also eine bestimmte Schwelle übertreten wird, erfolgt die Symptomausbildung. Dabei gilt allgemein, dass je vulnerabler ein Kind aufgrund von Risikofaktoren (z. B. 5-HTTLPR-Polymorphismus), desto weniger Umweltstressoren braucht es zur Überschreitung der Schwelle. Somit liegt der Fokus hierbei auf den negativen Einflüssen auf die Entwicklung. Daneben nimmt die differenzielle-Suszeptibilität-Hypothese an, dass sich Individuen in ihrer Empfindlichkeit gegenüber Eigenschaften der Umwelt unterscheiden (Belsky & Pluess, 2009). Demnach unterscheiden sich Personen hinsichtlich ihrer Plastizität, sodass der Fokus auf sowohl negativen als auch positiven Einflüssen liegt. Dahinter steht die evolutionär-biologische Argumentation, dass bestimmte Individuen besonders anfällig gegenüber negativen Expositionen sind, während sie gleichzeitig besonders anfällig für positive Auswirkungen von unterstützenden Maßnahmen sind (Belsky & Pluess, 2009), d. h. entsprechende Individuen sind formbar durch bzw. adaptiv gegenüber der Umwelt.

Die phänotypische Plastizität beschreibt dabei die Fähigkeit des Menschen, unter verschiedenen Umwelteinflüssen seine strukturellen, physiologischen und ökologischen Eigenschaften sowie Verhaltenstendenzen individuell so zu modifizieren, dass diese an die vorherrschenden Umweltbedingungen angepasst sind (Belsky & Pluess, 2009). Boyce & Ellis (2005) zeigen beispielsweise, dass Kinder bei gleicher biologischer Ausstattung ein hohes Maß an physiologischer Stressreaktivität in unterstützendem und nicht-unterstützenden Kontexten entwickeln. Dieses für die Diathese-Stress-Hypothese kontraintuitive und widersprüchliche Ergebnis verdeutlicht den plastischen Prozess, welcher in der differenziellen-Suszeptibilitä-Hypothese eingebettet ist. Die Unterstützung durch die Umwelt zeigt sich dabei als direkter positiver Einfluss. Daneben zeigt sich aufgrund der nicht-unterstützenden Umwelt zwar ein Risikofaktor, jedoch auch ein indirekter positiver Einfluss, da sich die Wachsamkeit des Kindes gegenüber Bedrohungen erhöht. Beide Mechanismen, die durch die Umwelt herbeigeführt wurden, führen trotz gleicher Anlage zu einem für das Kind positivem Outcome. Hingegen wäre die Diathese-Stress-Hypothese nicht hinreichend als Erklärung, da hiernach Individuen nicht formbar sind, sondern es sich um eine dichotome Kategorisierung handelt (vorhanden vs. nicht vorhanden bzw. Schwelle überschritten vs. nicht überschritten), während die differenzielle-Suszeptibilität-Hypothese eher dimensional zu verstehen ist.

Allgemein gibt es für sowohl die Diathese-Stress-Hypothese (z. B. Kochanska & Kim, 2012) als auch für die differenzielle-Suszeptibilität-Hypothese (z. B. Bakermans-Kranenburg et al., 2008; Boyce & Ellis, 2005; Kim & Kochanska, 2012; Pluess & Belsky, 2010) empirische Belege, die gegenwärtig in Diskurs zueinanderstehen. Wissenschaftlich betrachtet hat die Diathese-Stress-Hypothese eine anhaltende Daseinsberechtigung, da im Zuge dessen Risikofaktoren für die Entwicklung psychopathologoscher Störungen herausgestellt werden können. Jedoch reicht diese nicht vollends aus, um komplexe Prozesse abzubilden und zu erklären. Deshalb kann die differenzielle-Suszeptibilität-Hypothese an dieser Stelle für plastische Mechanismen herangezogen werden.

Zusammengefasst verdeutlicht die Definition des Konstrukts Erziehung und etwaige empirische Forschung die Interaktion von personalen, Anlage- und Umweltfaktoren. Insbesondere der Prozess der Vermittlung des Erziehenden gegenüber dem Heranwachsenden ist von zentraler Bedeutung, sodass sowohl die Eltern als auch das Kind erzieherische Veränderungen initiieren können. Demnach handelt es sich bei Erziehung auch um einen dyadischen und reziproken Interaktionsprozess innerhalb des Systems Familie.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen frühkindlicher Erziehung auf mütterliche Depression. Steigerung mütterlicher Feinfühligkeit durch positive Interaktion mit Säuglingen
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal  (Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
24
Katalognummer
V501954
ISBN (eBook)
9783346043122
ISBN (Buch)
9783346043139
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mütterliche Depression, Depression, sensitivity, Elternverhalten, Säuglingsalter, Säuglinge, infancy, parenting, Goodness of fit Modell, transaktionales Modell, Diathese-Stress-Hypothese, differenzielle-Suszeptibilitäts-Hypothese, Erziehung, Entwicklung, mütterliche Feinfühligkeit, Feinfühligkeit, Längsschnittstudie, Interaktionsverhalten, emotionale belastung, bindung, Integratives Modell, Erziehungsstil, Baumrind, Bindungsqualität, Temperament, kindliches Temperament
Arbeit zitieren
Nathalie Neuberger (Autor), 2019, Auswirkungen frühkindlicher Erziehung auf mütterliche Depression. Steigerung mütterlicher Feinfühligkeit durch positive Interaktion mit Säuglingen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501954

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