Descartes über die hybride Stellung des Vorstellungsvermögens und die daraus folgenden Konsequenzen für seinen Substanzdualismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

20 Seiten, Note: 1,7

B.Ed. Barbara Lampert (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Descartes' Konzept von Substanz, Attribut und Modus

3 Descartes' Entwicklung vom Vorstellungsvermögen in den Meditationen
3.1 Das Vorstellungsvermögen als Modus des Geistes
3.2 Intellekt versus Vorstellungsvermögen
3.3 Das Vorstellungsvermögen als Modus des Geistes und des Körpers

4 Konsequenzen des hybriden Zustandes des Vorstellungsvermögens
4.1 Substanzen teilen Modi miteinander
4.2 Geist und Körper als eine Substanz.

5 Fazit.

Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Descartes' Auffassung von dem Vorstellungsvermögen. Descartes ordnet dem Modus der Vorstellungskraft eine zweideutige und hybride Stellung bei, die jedoch nicht mit seinem Konzept von Substanzen und Modi vereinbar ist. Darüber hinaus liefert seine Auffassung von der Vorstellungskraft einen Schnittpunkt in seinem Substanzdualismus, der zwei unterschiedlich voneinander bestehende Substanzen etabliert, den Geist und den Körper, die trotz ihrer Verschiedenheit miteinander interagieren.

Ich werde (i) aufzeigen, dass Descartes' Verständnis von der Vorstellungskraft in Kontrast mit seinem Konzept von Substanzen steht, die nach seiner Auffassung keine Eigenschaften miteinander teilen und argumentieren, dass Descartes durchaus annehmen muss, dass Substanzen nicht gänzlich verschieden sind, sondern dass sie bestimmte Modi, in dem Fall das Vorstellungsvermögen, miteinander teilen. Des Weiteren werde ich zeigen, dass (ii) sein Substanzdualismus aufgrund der hybriden Stellung der Vorstellungskraft nicht haltbar ist und er sich gezwungen sehen muss, dass Geist und Körper als eine Substanz begriffen werden müssen. Wenn das Denken als Eigenschaft des Geistes und die Ausdehnung als Eigenschaft des Körpers verstanden werde und sie demnach gänzlich unterschiedlich voneinander sind, läuft die Frage, wie die Vorstellungskraft funktioniert, die neben der sensorischen Wahrnehmung als Verbindungsglied zwischen den beiden Substanzen steht, auf ein schwieriges Vorhaben hinaus.

Auch wenn es andere Modi gibt, die ambig sind, wie zum Beispiel die sensorische Wahrnehmung, werde ich mich in dieser Arbeit auf die Vorstellungskraft beschränken. Ich fokussiere mich auf d a s Vorstellungsvermögen in erster Linie deswegen, da die Vorstellungskraft nicht nur vorrangig als Argumentation verwendet wird, überhaupt erst körperliche Substanzen zu etablieren, auch wenn diese nicht als sicheres Argument für die tatsächliche Existenz von Körpern verwendet wird, so stellt sie doch den Ausgangspunkt dar, der für die spätere Untersuchung von der Existenz von Körpern und der darauffolgenden Argumentation für den Substanzdualismus eine entscheidende Rolle spielt. Außerdem ist das Vorstellungsvermögen besonders in den Meditationen wichtig, da dieser Modus verwendet wird, um herauszufinden, was der Protagonist weiß. Es gibt keine andere Eigenschaft des Geistes, welche in der Lage ist herauszufinden, was möglich sein könnte und untersuchen kann, was oder welche Eigenschaft es ist, die sicheres Wissen liefern könnte. Tatsächlich ist es die Vorstellungskraft, die während der gesamten Meditation wirkt. Ohne die Vorstellungskraft, wäre das Unternehmen in den Meditationen nicht möglich. Der Versuch, alles in Zweifel zu ziehen, sowie auch die darauffolgende Wiederherstellung von dem, was sicheres Wissen sei, wäre ohne das Vorstellungsvermögen nicht möglich.

Bevor ich jedoch mit meiner Argumentation beginne, werde ich zunächst einen Überblick über Descartes' Auffassung von Substanzen und ihren zugehörigen Eigenschaften liefern. Anschließend erfolgt eine Analyse über seine Konzeption von der Vorstellungskraft in den Meditationen. Bis ich anschließend für die oben genannten Punkte argumentieren werde.

2 DescartesKonzeptvonSubstanz, Attribut und Modus

Um ein grundlegendes Verständnis für Descartes' Substanzdualismus sicher zu stellen, wird zunächst dargelegt, wie Descartes Substanz, Attribut und Modus definiert. Dabei werde ich bereits auf Ungenauigkeiten in Descartes Definitionen für Substanzen, Attribute und Modi eingehen und zeigen, dass den Modi durchaus eine größere Bedeutung zuzukommen hat, als Descartes annimmt.

Eine Substanz ist für Descartes nichts anderes, als ein Ding, welches aus sich selbst heraus existieren kann und von nichts anderem abhängig ist, um zu existieren. Hierbei unterscheidet er zwischen zwei Substanzen, die des Geistes und die des Körpers. Dabei gehört jeder Substanz ein ganz bestimmtes Attribut an, welches seine wesentliche Natur und seine Essenz auszeichnet. „A substance […] has many attributes […] but for each substance there is one principal property […], which constitutes its nature and essence, and to which all [its other attributes] are referred.“1 Für Descartes ist die Essenz des Geistes Denken, während die Essenz des Körpers Ausdehnung sei. Er definiert den Geist demnach als res cogitans und den Körper als res extensa. Der Geist impliziert also keine körperlichen Eigenschaften, wie Ausdehnung, sowie auch der Körper keine geistigen Eigenschaften aufweist, sodass sie demnach grundlegend verschieden seien. Allerdings muss hinzugesagt werden, dass Descartes Substanzen zwar als unabhängige Dinge definiert, andererseits können Substanzen nur aufgrund ihres Attributs erkannt werden. “[...] [W]e cannot initially become aware of a substance merely through its being an existing thing, since this alone does not of itself have any effect on us2.”Ohne ihr Attribut ist eine Substanz nicht wahrnehmbar. So kann zum Beispiel ein Dreieck, ohne seiner Ausdehnung, nicht als Dreieck erkannt werden. Attribute sind also essentiell für eine Substanz, damit die Substanz überhaupt erkannt werden kann. 3 Des Weiteren bemerkt Descartes, dass es unterschiedliche Arten des Denkens gibt, wie Vorstellungskraft, Verstehen, Perzeption, usw. Auch haben Körper unterschiedliche Formen in ihrer Ausdehnung, wie Position und Größe. Dies seien die Modi, welche von Descartes jedoch nur in einem gewissen Grade als essentiell verstanden werden. Ein Dreieck muss zwar nicht nur ausgedehnt sein, sondern auch über eine Größe und Form verfügen, dennoch sind Modi diejenigen Eigenschaften, die eine Substanz nicht eindeutig definieren, da sie bloß vorübergehend sind. Im Gegensatz zu Attributen bestimmten sie nicht die Essenz der Substanz. Eine Vorstellung kann geändert werden oder ganz verschwinden, ein Wachsstück kann in seiner Größe und Form wandelbar sein. Dennoch sind Modi wichtig, da sie einen wesentlichen Beitrag zu unserem Wissen von Substanzen leisten. Substanzen können nur durch ihr zugehöriges Attribut erkannt werden, Attribute wiederum können nur durch ihre zugehörigen Modi spezifiziert und erkannt werden. Wir können etwas denken, aber dieses Denken muss einen Modus als Inhalt haben, d.h. der Gedanke muss etwas verstehen, sich etwas vorstellen, usw. und kann nicht bloß ein Gedanke sein, da ein Gedanke immer von oder über etwas handelt. Ebenso wie ein Dreieck ausgedehnt ist, aber seine Ausdehnung nicht als Dreieck begriffen werden kann, wenn es nicht eine ihm zugehörige Form und Größe aufweist. Descartes jedoch schließt Modi in ihrer Essentialität aus und stellt sie hierarchisch unter die Substanzen und die Attribute, obwohl die Modi die Fähigkeiten und die Ideen des Geistes beinhalten, sowie auch Eigenschaften, die Körper erst überhaupt messbar machen. Allerdings gibt es nach Descartes' Auffassung einige Modi, die als essentieller bezeichnet werden, als andere. Beispielweise sieht Descartes den Intellekt oder auch das pure Verstehen als wesentlich bedeutsamer an für die Substanz des Geistes, da sie von nichts als dem Geist selbst abhängen. Dagegen sind das Vorstellungsvermögen und die sensorische Wahrnehmung weniger entscheidend. Den Grund hierfür sieht Descartes in der Tatsache, dass diese Modi in ihrem Inhalt von Körpern abhängig sind. In d e n Meditationen schließt Descartes d a s Vorstellungsvermögen ganz klar aus der Notwendigkeit aus, die Essenz des Geistes zu bilden. „Demgemäß betrachte ich diese in mir vorhandene Kraft, vorzustellen, insoweit sie sich von der Kraft, einzusehen unterscheidet nicht als zum Wesen meiner selbst, d.h. zum Wesen meines Geistes erforderlich.“4 Da das Vorstellungsvermögen von Körpern abhängt und somit von äußerlichen Eigenschaften determiniert wird, sieht Descartes den Modus der Vorstellungskraft hierarchisch untergeordnet. Es ist interessant, dass Descartes zwar behauptet, dass ein Modus nicht ebenfalls entscheidend für die Essenz einer Substanz ist, da er zu seinem cogito nur durch den Modus des Zweifelns, sowie durch den Modus der Vorstellungskraft, dass es einen Dämon geben könnte, der ihn über die Außenwelt und die Existenz von Körpern täuschen könnte, gelangt ist. Descartes hierarchische Stellung von Substanz und Modus ist hierbei fraglich, weil das eine das andere fordert. Sowie ein Modus nicht ohne eine Substanz existieren kann, so kann auch eine Substanz nicht ohne ihre Modi erfasst werden.

Eine Substanz erfordert nach Descartes' Auffassung zudem nicht, dass jeder einzelne, ihm zugerechnete Modus notwendig in ihr existieren muss. Einige Modi könnten auch abwesend sein oder verschwinden, ohne die Existenz der Substanz zu beeinflussen. Anders als die Scholastiker, hat Descartes jedoch die Möglichkeit ausgeschlossen, dass ein Modus, nachdem es in einer Substanz existiert, in einer anderen Substanz ebenfalls existieren kann.5 Substanzen beinhalten also ein Attribut und Modi, die jedoch nur in Abhängigkeit einer Substanz existieren können. Wenn es die Substanz nicht gäbe, würden Attribut und Modi auch nicht existieren. Das heißt, die Substanz ist der Träger von seinem Attribut und seinen zugehörigen Modi. Wichtig zu verstehen ist, dass selbst wenn Descartes' Definition von Substanz durchaus uneindeutig ist, liegt sein Hauptanliegen darin, zu zeigen, dass Substanzen grundlegend unterschiedlich voneinander sind, das heißt, dass sie nichts Gemeinsames teilen und keine gemeinsamen Attribute oder Modi aufweisen. Diese Auffassung von Descartes über Modi ist wichtig für die weitere Untersuchung, da die Vorstellungskraft und die sensorische Wahrnehmung eine hybride Stellung in seinem Konzept von Modi besitzen. Er bezeichnet sie als Eigenschaften des Geistes, sie sind jedoch von körperlichen Zuständen abhängig. So hätte eine sensorischen Wahrnehmung keinen Inhalt, wenn sie sich nicht auf etwas körperliches richtet und dieses Objekt repräsentiert. Auch kann nichts vorgestellt werden, dass nicht etwas körperliches als Inhalt trägt. Ich kann mir zwar eine Melodie oder einen süßlichen Geschmack vorstellen, doch auch diese beruhen auf der Erfahrung des Körpers. Ich kann mir nicht etwas vorstellen, dass ich noch nie durch sensorische Erfahrung wahrgenommen habe, welche daraufhin jedoch neu modelliert bzw. abstrahiert werden können. Descartes jedoch behauptet, dass im Intellekt durchaus Ideen bestehen, die unabhängig von der vorherigen sensorischen Wahrnehmung sind. „[...] [Die] Idee des Dreiecks sei vielleicht von äußeren Dingen durch die Sinnesorgane zu mir gelangt, etwa weil ich zuweilen Körper gesehen habe, die eine dreieckige Gestalt besitzen. Ich kann mir [...] unzählige andere Figuren ausdenken, in bezug auf die kein Verdacht bestehen kann, daß sie jemals durch die Sinne in mich eingedrungen wären […6 ].“Es ist richtig, dass ich zum Beispiel kein Tausendeck mit meinen Sinnen wahrgenommen haben muss, um von seinem Körper zu wissen, gleichwohl ist es jedoch die abstrakte Vorstellungskraft, die aufgrund verschiedener, bereits erfahrener Objekte ein anderes Gebilde formen kann.

3 Descartes' Entwicklung vom Vorstellungsvermögen in denMeditationen

Im Folgenden befasse ich mich mit Descartes' Auffassung des Vorstellungsvermögens und stelle ihre ambige Stellung heraus. Dabei lege ich die Entwicklung des Vorstellungsvermögens dar, wie sie Descartes in den Meditationen beschreibt. Zu Beginn wird sie als Modus des Geistes gezählt, daraufhin entwickelt Descartes einen Unterschied zwischen der Vorstellungskraft und dem Intellekt, bis er der Vorstellungskraft schließlich eine hybride Stellung zuschreibt. Ich werde im Besonderem auf die II. und VI. Meditation eingehen.

3.1 Das Vorstellungsvermögen als Modus des Geistes

In der II. Meditation zeigt Descartes auf, das die Vorstellungskraft ganz deutlich zu ihm als denkendes Ding, also zum Geist, gehört. “Was aber bin ich demnach? Ein denkendes Ding. Was ist das? Nun – ein denkendes, einsehendes, behauptendes, bestreitendes, wollendes, nicht wollendes, und auch etwas sich vorstellendes und sinnlich wahrnehmendes Ding.”7 In seinen Meditationen stellt Descartes ebenso zum Ziel, herauszufinden, was wirklich zu ihm gehört und was sich von seinem Denken unterscheidet, d.h. wenn es wegfällt, dass es ihn in seinem Wesen nicht verändert.

[...]


1 Chappell, Vere: Descartes on Substances. In: Broughton, Janet/ Carriero, John (Hrsg.): A Companion to Descartes. Blackwell Publishing 2008, S.251-270, hier:S.266.

2 AT VIII, p. 25; CSM I, p. 210, zitiert nach: Scholl, Ann: Descartes's Dreams: Imagination in The Meditations. New York 2005, S.107.

3 Rozemond, Marleen: Descartes's Dualism. In:Broughton, Janet/ Carriero, John (Hrsg.): A Companion to Descartes. Blackwell Publishing 2008, S.372-389, hier: S.377f.

4 Wohlers, Christian (Hrsg.): Descartes, René: Meditationen. Philosophische Bibliothek Bd. 569, Hamburg 2009, S.80.

5 Chappell, S.255.

6 Descartes, S.70.

7 Descartes, S.32.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Descartes über die hybride Stellung des Vorstellungsvermögens und die daraus folgenden Konsequenzen für seinen Substanzdualismus
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V501990
ISBN (eBook)
9783346029874
ISBN (Buch)
9783346029881
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Descartes, Philosophie, Substanzdualismus, Dualismus, Substanzen, Cogitoergosum
Arbeit zitieren
B.Ed. Barbara Lampert (Autor), 2016, Descartes über die hybride Stellung des Vorstellungsvermögens und die daraus folgenden Konsequenzen für seinen Substanzdualismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501990

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