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Marco Polos Beschreibung der Welt. Die Glaubwürdigkeit seines Augenzeugenberichts in Bezug auf die monströsen Völker des Erdrandes

Title: Marco Polos Beschreibung der Welt. Die Glaubwürdigkeit seines Augenzeugenberichts in Bezug auf die monströsen Völker des Erdrandes

Bachelor Thesis , 2014 , 39 Pages , Grade: 1,7

Autor:in: B.Ed. Barbara Lampert (Author)

German Studies - Miscellaneous
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Die Beschreibungen phantastischer Wesen und ganzer monströser Völker spielen seit der Antike eine zentrale Rolle und nehmen seit jeher Einzug in Enzyklopädien, Historiographien, in Landkarten, Kosmographien und zahlreichen weiteren Wissenschaften ein. Diese Wunder, von denen der griechische Arzt Ktesias erstmals im 5. Jh. v. Chr. berichtete, wurden in Indien und Äthiopien verortet und bestimmten fast 2000 Jahre lang die westliche Vorstellung des Ostens. Die damaligen Gelehrten des Abendlandes hatten noch keine Vorstellung von der asiatischen Welt, sodass über realgeographische und -ethnographische Strukturen so gut wie nichts bekannt war. Um die weißen Flecken auf den mappae mundi, die so deutlich über die mangelnden Kenntnisse ferne Länder zeugten füllen zu können, bedienten sich die alten Kartographen der Wundererzählungen, die durch ihre monströse Physis ein geeignetes Signum für die abnehmende Menschlichkeit symbolisierten, je ferner sich etwas von der Ordnung im Zentrum bewegte. Auffallend ist jedoch, dass selbst Reiseberichte, die sich zur Orientierung gerade nicht an den mappae mundi bedienten, von diesen Wundervölkern ebenfalls immer zahlreicher berichteten.

„Es wohnen gar wundersame Leute jenseits des fließenden Gewässers, [...] die so groß wie Riesen sind, die ganz leicht über einen Elefanten springen, der doch ein großes Tier ist. Es gibt auch kleine Menschen, die nicht viel länger als eine Elle lang sind. Es gibt auch Frauen, die gebären einmal grauhaarige Nachkommen. Und wenn die Nachkommen lang leben, dann wird ihr Haar im Alter schwarz. (...) Andere Leute gibt es, die rohen Fisch essen und das salzige Meerwasser trinken. (...) Es gibt auch Leute, die haben die Fersen an den Füßen nach vorne gedreht. Hieronymus [...] sagt von Leuten, die er cynocephalos nennt, dass sie Hundsköpfe haben, scharfe krumme Nägel an den Gliedmaßen haben und beharrt sind und nicht sprechen, sondern bellen wie die Hunde. (...) Es gibt Leute, die nur einen Fuß haben und sehr schnell laufen können. Und der Fuß ist so breit, dass er ihnen in der Sonne großen Schatten gibt, und sie ruhen unter ihrem Fuß wie unter einem Dach.“

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung.

2. Marco Polo. Leben und Werk

3. Jean de Mandeville. Leben und Werk

4. Fremderfahrung im Mittelalter

4.1 Das Fremde im Mittelalter und die Bedeutung von Reiseberichten

4.2 Das Topos- und Erfahrungswissen und die Bedeutung der auctoritas

5. Monstra und monströse Völker

5.1 Die Ursprünge der monstra und ihre Situierung in der Antike

5.2 Die Situierung der monstra im Mittelalter

5.2.1 Die Problematik der monstra mit der christlichen Schöpfungslehre

5.2.2 Der Ordo-Gedanke

6. Untersuchungen zu Marco Polos Reisebericht

6.1 Marco Polos Intention

6.2 Marco Polos monstra

6.2.1 Die Hundsköpfigen

6.2.2 Die Pygmäen

6.2.3 Das Einhorn

6.3 Auswertung

7. Fazit

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht, weshalb Marco Polos Reisebericht im Mittelalter im Vergleich zu Jean de Mandevilles fiktionalem Werk weniger Glauben fand, obwohl Polo tatsächlich den Orient bereiste. Im Kern steht die Forschungsfrage, wie das damalige "Toposwissen" und die mittelalterliche Erwartungshaltung an Wundererzählungen die Rezeption von empirischen Reiseberichten beeinflussten und warum Polos Zurückhaltung gegenüber monströsen Völkern und Fabelwesen zu seiner Diskreditierung führte.

  • Die Rolle der "auctoritas" und des "Toposwissens" für die mittelalterliche Glaubwürdigkeit.
  • Die Funktion von "monstra" und "mirabilia" als Ausdruck göttlicher Ordnung ("ordo").
  • Vergleichende Analyse der Reiseberichte von Marco Polo und Jean de Mandeville.
  • Die Rezeption von Augenzeugenwissen versus überlieferter Mythen in der mittelalterlichen Kartographie.

Auszug aus dem Buch

6.2.1 Die Hundsköpfigen

Verglichen mit anderen Reiseberichten finden sich in Marco Polos Reisebericht erstaunlicherweise nur zwei Völker von monströser Physis. Eines davon sind die Einwohner der Insel Angaman, welche im »Divisament dou monde« folgendermaßen beschrieben werden: „Nun wisst ganz wahrhaftig, dass alle Menschen dieser Insel Köpfe wie Hunde und Zähne und Augen wie Hunde haben: denn ich sage euch, dass sie ganz den Köpfen von großen Bluthunden ähnlich sind.“ Eine vergleichbare Beschreibung findet sich auch in der Admonter Handschrift: „Von wundirlichin luytin mit hundis houbtin […]. Si han keyn korn, sie essin rys, des han si vil, unde trinkin milch und essin allirleye vleysch, czu vordirst menschin vleysch […] sy han houbte czu mole glich den rodin, ougin unde czenze czumole glich den hundin.“

, und auch im Erstdruck 1477: „[...] es leben dort Leute, die die Abgötter anbeten. Sie leben von Reis und Milch und essen Menschenfleisch und sind von böser Natur. Und haben den Kopf wie ein Hund und auch Zähne wie ein Hund.“

Die Erscheinung des angetroffenen Volkes erinnert zwar stark an die aus der Antike bekannten Kynocephalen, entscheidend ist jedoch, dass Polo das Volk nicht bei seinem Namen nennt oder explizit behauptet, das Volk hat den Kopf eines Hundes, sondern lediglich auf die Ähnlichkeit zu Hundeköpfen verweist. Mandeville hingegeben liefert eine viel deutlichere Beschreibung. „[...] [Man] findet […] Leute, die die Köpfe von Hunden haben […] und [sie] heißen Kenophali.“ Ich meine, Marco Polo hat sich bei seiner Beschreibung absichtlich der Beglaubigungsstrategie bedient, indem er sein Erfahrungswissen aus dem Osten durch die überlieferten Topoibestände zu legitimieren versucht. Denn würde sich Polo dem Toposwissen völlig entziehen, würde seine Augenzeugenschaft im Mittelalter vermutlich gänzlich in Frage gestellt werden.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung monströser Völker für das mittelalterliche Weltbild ein und stellt die zentrale These auf, dass Polos Bericht wegen der Auslassung dieser Mythen an Glaubwürdigkeit verlor.

2. Marco Polo. Leben und Werk: Dieses Kapitel skizziert die biographischen Hintergründe Marco Polos und die Entstehung seines Reiseberichts während der Gefangenschaft in Genua.

3. Jean de Mandeville. Leben und Werk: Es wird die fiktionale Natur von Mandevilles Werk beleuchtet, das im Gegensatz zu Polo stark auf antiken Topoi basierte und daher als hochgradig glaubwürdig galt.

4. Fremderfahrung im Mittelalter: Das Kapitel analysiert, wie das Mittelalter das Fremde nicht als Andersheit, sondern als Raum der Mirabilia und des Unvertrauten definierte, der nur durch bekannte Schemata beschreibbar war.

5. Monstra und monströse Völker: Hier werden die antiken Ursprünge der Monstra und deren Integration in das christliche Weltbild durch den Ordo-Gedanken untersucht, um ihre scheinbare Existenz zu rechtfertigen.

6. Untersuchungen zu Marco Polos Reisebericht: Dieser Hauptteil analysiert, wie Polo durch seine Nüchternheit und empirische Beobachtung, insbesondere bei den Hundsköpfigen, Zwergen und dem Einhorn, versuchte, die überlieferten Mythen kritisch zu hinterfragen.

7. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Polos Scheitern in der Rezeption daraus resultierte, dass seine Erfahrungswelt nicht mit dem heilsgeschichtlichen Weltbild des Mittelalters kompatibel war.

Schlüsselwörter

Marco Polo, Jean de Mandeville, Monstra, Fremderfahrung, Toposwissen, Augenzeugenschaft, Ordo-Gedanke, Mirabilia, Mittelalter, Reisebericht, Kynocephalen, Einhorn, Glaubwürdigkeit, Empirie, Weltbild.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen empirischer Reisebeschreibung und mittelalterlichem Weltbild am Beispiel von Marco Polo und Jean de Mandeville.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die Untersuchung konzentriert sich auf die Rezeption des Fremden, die Bedeutung von monströsen Völkern im Mittelalter und die Rolle von Tradition gegenüber Augenzeugenschaft.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Das Ziel ist es, zu erklären, warum Marco Polos Reisebericht trotz seines hohen Informationsgehalts im Mittelalter oft als unglaubwürdig abgelehnt wurde, während fiktive Texte breite Anerkennung fanden.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse verschiedener Manuskripte und Druckversionen der Reiseberichte sowie eine literaturwissenschaftliche Betrachtung der zeitgenössischen Wissensformen.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert kritische Textstellen zu monströsen Wesen (Hundsköpfige, Pygmäen, Einhörner) und den Konflikt zwischen Polos Erfahrungen und den antiken Autoritäten.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Monstra, Toposwissen, Augenzeugenschaft, Fremderfahrung und Glaubwürdigkeit definiert.

Warum wurde Marco Polo als Lügner verdächtigt?

Weil Polo die bekannten Mythen über den Orient durch nüchterne Beobachtungen ersetzte, anstatt die von der Leserschaft erwarteten Wunder und monströsen Völker zu bestätigen.

Inwiefern beeinflussten Illustrationen das Verständnis von Polos Bericht?

Illustratoren passten Polos Texte oft an das bekannte Schema der Monstra an, um sie an die traditionellen Erwartungen der Leser anzunähern, wodurch Polos Intention teilweise verfälscht wurde.

Warum spielt der Ordo-Gedanke eine so große Rolle für die Existenz von Monstra?

Der Ordo-Gedanke diente als theologisches Gerüst, um auch vermeintlich unvollkommene oder "monströse" Wesen als Teil von Gottes Schöpfungsplan zu legitimieren.

Welche Rolle spielt das Einhorn als Symbol im Mittelalter?

Das Einhorn galt als Sinnbild für Christus und die christliche Heilslehre, weshalb Polos entzaubernde Beschreibung als Nashorn auf starken kulturellen Widerstand stieß.

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Details

Title
Marco Polos Beschreibung der Welt. Die Glaubwürdigkeit seines Augenzeugenberichts in Bezug auf die monströsen Völker des Erdrandes
College
Johannes Gutenberg University Mainz
Grade
1,7
Author
B.Ed. Barbara Lampert (Author)
Publication Year
2014
Pages
39
Catalog Number
V501992
ISBN (eBook)
9783346029911
ISBN (Book)
9783346029928
Language
German
Tags
Marco Polo Monströs Völker Erdrand Reise Reiseliteratur Glaubwürdigkeit Antike Mittelalter ordo Mandeville Monstra
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
B.Ed. Barbara Lampert (Author), 2014, Marco Polos Beschreibung der Welt. Die Glaubwürdigkeit seines Augenzeugenberichts in Bezug auf die monströsen Völker des Erdrandes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501992
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