Kritik des idealisierten adeligen Frauenbildes im 19. Jahrhundert in E. T. A. Hoffmanns "Der Sandmann"


Seminararbeit, 2017

33 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Hintergrund

3. Darstellung des adeligen und bürgerlichen Frauenbildes
3.1. Die adelige Frau
3.2. Kritik am adeligen Frauenbild
3.3. Die bürgerliche Frau

4. E.T.A. Hoffmanns ‚Der Sandmann‘
4.1. Kritik am adeligen Frauenbild in Hoffmanns Werk
4.1.1. Die Etikette am Hof
4.1.2. Das Sich-bewegen-Können
4.1.3. Die geistreiche Konversation
4.1.4. Das Zur-Schau-Stellen des Äußeren
4.1.5. Das Unterdrücken von Gefühlen und Emotionen
4.1.6. Die höfische Frauenmode
4.1.7. Die Untätigkeit adeliger Damen
4.1.8. Die Unnatürlichkeit adeliger Frauen
4.2. Vergleich zwischen der bürgerlichen und adeligen Frauenfigur in Hoffmanns ‚Der Sandmann‘

5. Fazit und Schlussworte

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die europäische Geschichte wurde über tausend Jahre maßgeblich vom Adel beeinflusst und bestimmt und stellte über diesen Zeitraum eine der mächtigsten sozialen Schichten dar. Während der Klerus die Spitze dieser Ständegesellschaft, gefolgt vom Adel bildete, belegten städtische Bürger und Bauern die Plätze der untersten sozialen Schicht1. Solange Eliten in Regierung, Gesellschaft und Kirche geeint waren, hatte man in Gesellschaften, in denen die große Mehrheit der Bevölkerung aus traditionsgebundenen und kaum des Lesens und Schreibens mächtigen Menschen bestand, eine erfolgreiche Revolution von unten kaum zu befürchten. Mit dem Beginn der Aufklärung und der Französischen Revolution im Jahre 1789 änderte sich aber diese bis dato vorherrschende Hierarchie, und so kam es, dass die Umwälzungen, die speziell das 19. Jahrhundert in Industrie, Verkehrswesen und Ausbildung mit sich brachten, Europa veränderte, eine Massenbasis für die Ideen von 1789 lieferten und eine Gesellschaft schufen, über die in der traditionellen Manier zu herrschen dem Adel unmöglich wurde, wodurch am Beginn des 20. Jahrhunderts eine über eintausend Jahre alte Ära ihr Ende fand2.

Die vorliegende Arbeit befasst sich oberflächlich mit den bereits angesprochenen Unruhen im 18. und 19. Jahrhundert und dem damit einhergehenden Niedergang des Adels im 20. Jahrhundert. Im Fokus aber steht das adelige Frauenbild dieser Zeit. Nicht nur der Adel allgemein, sondern auch deren idealisiertes Bild der perfekten Frau wurde in dieser zunehmend kritischen Zeit angeprangert. Die vorliegende Arbeit unternimmt den Versuch, dieses so lautstark kritisierte adelige Frauenbild mit E.T.A. Hoffmann ‚Der Sandmann‘ in Verbindung zu bringen und somit die Annahme, Hoffmanns Werk sei durchaus als Kritik am damaligen adeligen Frauenbild zu verstehen, zu bestätigen. Hoffmanns Werk wurde das erste Mal 1816 veröffentlich und fällt zeitlich somit genau in die ersten Jahre des 19. Jahrhunderts, welche von Unruhen seitens der Bourgeouis, sowie politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen gekennzeichnet waren. Ziel dieser Arbeit ist es, die zuvor genannte Annahme zu begründen und somit eine weitere Interpretationsmöglichkeit dieses Werkes zu geben. Im Vorfeld der intensiven Auseinandersetzung mit der Thematik wurden unter Berücksichtigung dieses speziellen Fokus‘ 4 Fragestellungen formuliert, welche innerhalb dieser Arbeit beantwortet werden sollen:

(1) Wodurch unterscheiden sich das adelige und bürgerliche Frauenbild voneinander?
(2) Wie und warum wird das damalige Idealbild der adeligen Frau kritisiert?
(3) Wie und durch welche Figur äußert sich die Kritik am adeligen Frauenbild in Hoffmanns ‚Der Sandmann‘ ?
(4) Gibt es Unterschiede bzw. Parallelen zwischen den beiden weiblichen Figuren Olimpia und Clara, welche als Vertreterinnen für das adelige und bürgerliche Frauenbild fungieren?

Die Gliederung der vorliegenden Arbeit gestaltet sich wie folgt: In Kapitel 2 wird ein allgemeiner historischer Hintergrund zum Verlauf der Entwicklung der gesellschaftlichen Schicht des Adels vom Ende des 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gegeben. In Kapitel 3 werden sowohl das adelige, als auch das bürgerliche Frauenbild der damaligen Zeit beleuchtet, wobei der Fokus auf der Dame am Hofe und der Kritik an dieser liegt. In Kapitel 4 wird auf die Kritik des adeligen Frauenbildes in E.T.A. Hoffmanns Werks ‚Der Sandmann‘ eingegangen, welches den Hauptteil der vorliegenden Arbeit bildet. Dazu werden ausgewählte Passagen aus dem Werk angeführt und kommentiert. Zudem findet hier noch ein Vergleich zwischen dem adeligen und bürgerlichen Frauenbild in Hoffmanns Werk statt. Kapitel 5 bildet mit dem Fazit den Abschluss der Arbeit.

2. Historischer Hintergrund

Das Wort ‚Adel‘ leitet sich vom althochdeutschen Wort ‚adal‘ ab, was so viel wie Geschlecht oder Abstammung bedeutet3. Der Adel lässt sich daher am besten als eine historische Herrscherschicht definieren, deren Mitglieder sich nur durch deren Abstammung rekrutieren4. Die Entstehung des Adels geht zurück auf das Feudalwesen des Mittelalters. Wesentlich ist hier der Begriff der ‚Ministerialität‘. Dieser meint ein Verhältnis, bei dem sich ein Freier einem König zu Hof- und Kriegsdienst verpflichtete, wofür er kleinere oder größere Grundstücke zugesprochen bekam. Um diese Herrengeschlechter nun an sich zu binden, gestanden ihnen die Könige die Erblichkeit der Lehen zu. Die freien Herren ließen sich von den Königen vielerlei Privilegien zugestehen, welche sie auf ihre Nachkommen vererben konnten, um ihre Macht zu festigen. Daraus hat sich in Deutschland seit dem 10. Jahrhundert der Stand des Erbadels entwickelt. Zudem gab es in weiterer Folge noch eine Unterteilung in einen hohen und einen niederen Adel. Dem hohen Adel gehörten diejenigen an, welche Reichsstandschaft, das heißt einen Sitz und eine Stimme aus den Reichstagen hatten und niemand als den Kaiser über sich anerkannten. Die, unter einem Landesherren stehenden, Adeligen machten den in sechs Klassen (Titulargrafen, Reichsfreiherren oder Barone, Edle oder Bannerherren, Ritter des Heiligen römischen Reiches, Edle von, auf oder zu und endlich Adelige mit dem Prädikat ‚von‘) zerfallenen niederen Adel aus5.

Die gut eintausend Jahre anhaltende Ständegesellschaft, bestehend aus Klerus, Adel und Bürgertum, die der Vorstellung entsprach, dass jeder Mensch einen ihm von Gott durch die Geburt zugedachten Rang hat, war entstanden. Rechte und Pflichten ergaben sich also aus der jeweiligen Korporation, der man aufgrund seines Standes angehörte. Nur jene, die die Pflichten dieses ihm zugeteilten Standes angemessen erfüllten, verhielten sich laut Klerus gottgefällig und erlangten somit Erlösung im Jenseits6. Das Denken und Handeln der Menschen zur damaligen Zeit war ausschließlich bestimmt von der Kirche, welche als irdische Vertreter Gottes galten, weswegen sie von dem fast ausschließlich ungebildeten Bürgertum nicht in Frage gestellt wurden. Da laut Kirche die Einteilung der Gesellschaft in Stände gottgewollt war, wurde somit auch der Adel als herrschende Macht nicht in seiner Daseinsberechtigung angezweifelt. Adelige bezeichneten sich zur damaligen Zeit selbst als ‚Herren von Gottes Gnaden‘7 . Vor 1800 war der Adel eine hochprivilegierte elitäre Gruppe, welche hohes Ansehen genoss. Ausgestattet mit Sonderprivilegien, Sonderrechten und einem Hoheitsrecht über Personen und Sachen (Eigentumskonzeption) bildete sie die Spitze der sozialen Ordnung. Vor 1800 war der Adel in eine soziopolitische Verfassung eingebunden, genoss eine klare Abgrenzung zu Nicht-Adeligen und legitimierte seinen Stand mit dem Gottesgnadentum. All diese Vorzüge wurden mit der Revolution im Jahre 1848 in Deutschland abgeschafft8. Im 18. Jahrhundert stellte der Adel nach wie vor den höchst privilegiertesten Stand dar, welchem Macht und Herrschaft vorbehalten waren9. Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts machte sich im Bürgertum aber ein allgemeines soziales Unbehagen breit10. Aufgrund der sowohl numerischen, als auch wirtschaftlichen Unterlegenheit, hatte das Bürgertum aber nicht die Macht, dem Adel den Rang streitig zu machen. Zudem fehlte es der Bourgeois an kulturellem und gesellschaftlichem Selbstbewusstsein11, weswegen sie, von stetigen Selbstzweifeln und Minderwertigkeitskomplexen geplagt, politisch ohnmächtig blieben12. Mit der 1789 stattfindenden Französischen Revolution verschwand dieses Gefühl der Machtlosigkeit aber allmählich. Die Französische Revolution welche, untermalt von dem Schlachtruf „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ für das Einführen der Menschenrechte kämpfte13, wurde als Austragungsort der politischen Ziele der Aufklärung gesehen und gab der Bourgeois in verschiedensten europäischen Ländern den Mut, für ihre Rechte einzustehen und dafür zu kämpfen, und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft14. Die Französische Revolution verstärkte die Bedrohung des Niederganges der adeligen Schicht15. Nicht nur der Aufstand französischer Bürgerlicher, sondern auch die Aufklärung führte dazu, dass die alte ständische Ordnung als nicht mehr selbstverständlich hingenommen wurde und sich das Bürgertum langsam aber sicher aufbäumte. In diesen stürmischen Zeiten spielte diese Epoche eine entscheidende Rolle. Doch worauf basierte die Aufklärung? Zum einen fand durch sie eine fundamentale Veränderung der Gesellschaft statt, die sich zuvor maßgeblich als eine feudale Ordnung konstituierte. Zum anderen begann allmählich, aufgrund der modernen Wissenschaft, das christliche Weltbild zu zerfallen. Zu guter Letzt fand eine neue Deutung der Welt und des Menschen selbst statt. Es vollzog sich also zusätzlich ein anthropologischer Wandel16. Was diesen Wandel betrifft, so kann man diesen auch mit den wohl bekanntesten Worten Immanuel Kants beschreiben: „Die Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“17 . Die Aufklärung war gegen die Ansicht, dass die irdische Ordnung einen göttlichen Willen wiederspiegle. Es bildete sich ein neues, modernes Bewusstsein, nach dem jeder Mensch selbst, und nicht mehr Gott seine Bestimmung lenkte. Die Aufklärung stellte somit eine Phase dar, in der sich die Basisstrukturen des modernen Weltbildes herausbildeten18. Demnach sei das menschliche Elend nicht das Ergebnis einer Erbsünde, sondern der fehlerhaften Einrichtung von Regierung, Gesellschaft und Wirtschaft. Die traditionellen Werte, die veraltete Ordnung und die Standesprivilegien seien es, welche der Schaffung einer guten Gesellschaft im Wege standen und abgeschafft werden sollten19. Da Frankreich die größte aller absoluten Monarchien in Europa darstellte, hatte sie für den Rest des europäischen Adels einen Vorbildcharakter. Umso beschämender, dass die Bourbonen nicht im Stande dazu waren, ihr eigenes Volk unter Kontrolle zu halten20. Die, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkeimende Welle der Aufklärung war es also, die der Bourgeois den Mut und die Kraft gab, sich gegen das ‚Anciene regime‘ aufzulehnen und für seine Rechte einzustehen und dafür zu kämpfen21.

In den Augen der Aufklärer stellte der Adel eine alte und überholte Regierungsform dar, welche abgeschafft werden sollte. Die zunehmenden Unruhen innerhalb des Bürgertums führten 1848 schließlich zu einer Revolution in ganz Deutschland. Obgleich die Bourgeois scheiterte und die Revolution niedergeschlagen wurde, gab es trotzdem Veränderungen. Unter anderem die Abschaffung der Feudalordnung. Man spricht auch von einer Entfeudalisierung. Das Leben am Hofe hatte zu Ende des Jahrhunderts zwar nicht mehr die gesellschaftliche Dominanz wie zu Beginn, stellte aber trotzdem den zentralen Bezugspunkt der Gesellschaft dar22. Der Adel blieb zwar nach wie vor als soziale Schicht erhalten, er wurde aber zunehmend seiner gesetzlichen, militärischen, politischen und juristischen Privilegien und Verpflichtungen beraubt23. Im Mittelalter war man der Auffassung, dass es die Aufgabe Adeliger wäre, sich in Tugend zu üben. Diese musste durch körperliche als auch geistige Fähigkeiten, durch Proben körperlicher Kraft, Gewandtheit, Mut, Scharfsinn, Weisheit, aber auch Reichtum und Freigiebigkeit erwiesen werden24. Viele dieser Charakterzüge und Eigenschaften eines Adeligen blieben bis in die frühe Neuzeit erhalten. Da dem Adel als Hauptfunktion aber in erster Linie das Kriegswesen innewohnte, dieser gesellschaftlichen Schicht aber mit voranschreiten der Zeit immer mehr Verpflichtungen entzogen wurde, verlor der Adel mehr und mehr an Nutzen. Seiner eigentlichen Aufgaben, welche zugleich die Berechtigung für deren Existenz waren beraubt, pflegte deren Gesellschaft nun die höfische Geselligkeit mit verfeinerten Sitten und Moden und einem freizügigen Lebensstil. Dem Adel blieb also nur mehr die Repräsentation seines eigenen Standes, was die Mitglieder dieser Gesellschaft zwar viel Geld kostete, sie aber keinesfalls vor dem bevorstehenden Untergang bewahrte25.

Durch die in der Mitte des 18. Jahrhunderts in England entstehende Industrialisierung, welche Europa Anfang des 19. Jahrhunderts erreichte, veränderte sich die gesellschaftliche Lage in Deutschland enorm. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebten bereits mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Städten. Dadurch hatten die Menschen die Chance, den Fängen des Adels, adeliger Grundbesitzer und der Kirche zu entkommen und unabhängig zu sein. Industrie, Handel und Bankwesen brachten Gewinne, die mit Landwirtschaft nie erzielt werden konnten. Dieser Reichtum ermöglichten der zunehmend unabhängigen Bourgeoise Zugang zu Bildung und somit Sicherheit und Unabhängigkeit. Durch eine angemessene Ausbildung konnten einflussreiche Positionen eingenommen werden26. Das neue industrielle, kommerzielle und finanzielle Bürgertum stellte für den Adel eine enorme Herausforderung dar27.

Im Mittelpunkt der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stand für die Aristokratie der Kampf mit dem zentralisierenden bürokratischen Staat, welcher zu dieser Zeit auf Kostend es Adels immer mehr an Macht gewann. Der Adel kämpfte gegen Modernisierungsbestrebungen und die Allmacht des Staates, die Abschaffung seiner gesetzlichen Rechte, seines Status und seiner politischen Unabhängigkeit28. Als wäre dieser Kampf noch nicht genug, musste die adelige Elite im 19. Jahrhundert zwei weiteren entgegenwirken: Zum einen den Ideen der Französischen Revolution, und zum anderen dem wirtschaftlichen Wandel29. Um weiter als gesellschaftliche Schicht bestehen zu können, musste der Adel etwas unternehmen. Er war gezwungen, eine Politik der Entwicklung und Verbesserung rückständiger Wirtschaftsformen, Rechtsordnungen und Gesellschaften einzuleiten30. Der expandierende Handel und die Frühindustrialisierung ermöglichten dem Bürgertum einen sozialen Aufstieg31. Durch die zunehmende Bildung und Betätigung im Handwerk und Handel spaltete sich das Bürgertum, wodurch sich eine neue soziale Klasse, der gebildete Mittelstand, bildete32. Für den Adel gab es nur mehr eine Möglichkeit, um als Stand sein Überleben zu sichern. Er musste sich mit dem gebildeten Bürgertum ‚vermischen‘. Somit wurde der Adel zu einem geschlossenen und zugleich offenen System. Durch den Kauf von Ämtern und Privilegien, aber auch durch Ehen konnten die gut situierten Bürger in den adeligen Stand aufsteigen, wodurch es zur Auflösung der Grenze zwischen Adel und Bürgertum kam33. Das Bürgertum konnte in den Adelsstand aufsteigen, wodurch ihnen ein gesichertes Leben, soziale Anerkennung und die Möglichkeit, in ihren Reformanliegen wirksam zu werden sicher waren34. Dieses Vermischen der Stände fand Gegner wie auch Befürworter. Während die Konservativen der adeligen Schicht Angst hatten, dass die Neuen unter ihren Reihen ihr Blut, den sozialen Verhaltenskodex und den Lebensstil verhunzen würden, sahen die Integrationisten die Beimischung frischen Blutes durchaus positiv, was von einer modernen Denkweise zeugte35. Durch die Verschmelzung beider gesellschaftlicher Schichten, kam es auch zu einer Vermischung adeliger und bürgerlicher Werte. Beide Kulturen beeinflussten einander stark. Während das gebildete Bürgertum durch den Aufstieg in die adelige Gesellschaft deutlich an Einfluss gewann, wurde der gute Ruf und das Ansehen des Adels immer mehr abgewertet36. Um sich weiterhin den verschwenderischen und teuren Lebensstil leisten zu können, mussten die Söhne Adeliger deshalb als Offiziere, Beamte, in der Staatsverwaltung, Land- oder Forstwirtschaft, als Feldherr oder Kriegswissenschaftler arbeiten37. Zudem sollten Aristokraten Bürger werden und die Tugenden des Maßes, sowie der Güte, Vernunft und harten Arbeit pflegen38.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und speziell Anfang des 20. Jahrhunderts verlor der Adel immer mehr seine Gültigkeit. Der Adelige war mit seiner Funktion in der Gesellschaft überflüssig geworden und wurde nicht mehr gebraucht39. Sein Schicksal wurde von Krieg und Geopolitik beeinflusst, welche seinen Niedergang beschleunigten40. Mit dem Umsturz von 1918 fielen die letzten Reste einer uralten Adelsherrschaft. Diese schlagartige Beendigung einer über tausend Jahre andauernden Ära wirkte für viele wie ein betäubender Schlag. Das Ende der Monarchie entzog den Familien des Adels von heute auf morgen die Grundlagen, auf der sich ihr gesamtes bisheriges Leben aufgebaut hatte41.

Einhergehend mit den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen im Deutschland des 18. und 19. Jahrhunderts und wesentlich für die weitere Auseinandersetzung mit der Thematik in der vorliegenden Arbeit sind die beiden Epochen Empfindsamkeit und Romantik. Speziell im 18. Jahrhundert befinden wir uns in der Epoche der Aufklärung, bei der das rationale, aufgeklärte, selbstständige Denken des Individuums eines der wesentlichen Merkmale darstellt42. Die Empfindsamkeit finden wir speziell in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts, welche als Teil der Aufklärung gesehen werden kann. Mit Empfindsamkeit wird auch oft der Begriff der Sentimentalität verbunden43. Sie stellt somit eine Ergänzung der reinen Rationalität der Aufklärer mit Empfindungen dar und kann als Flucht des (Bildungs-) Bürgertums vor der Unterdrückung durch die Obrigkeit gesehen werden. Der Alltag der Menschen ist gekennzeichnet von heftigen Auseinandersetzungen zwischen der adeligen und der bürgerlichen Klasse. Die Empfindsamkeit ist der Ausdruck des Unvermögens, aktiv und entscheidend in Zeitverhältnisse einzugreifen und zugleich ein Protest gegen die rationalistische Gefühlskälte der Obrigkeit. Die Bourgeois flüchtet mit Hilfe dieser Epoche in die Innerlichkeit. Im Mittelpunkt des Lebens steht die innere Erweckung, das Gefühl, die Empfindung44. Auch in der Literatur spiegelte sich das Gefühl der Ohnmacht gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen und Widersprüchen wider. Emotionen, Gefühle, Empfindungen und Natur werden als Fluchtmöglichkeiten gesehen45. Es geht um die bewusste Förderung sentimentaler Emotionen, wobei nicht nur Themen wie Natur, Liebe und Freundschaft, sondern auch Freiheit und Vaterland reflektiert werden46. Das Ich, das einfache Leben und feinen, zwischenmenschlichen Beziehungen werden wichtig. Auch die Liebesbeziehung verändert sich. Das sinnliche Element tritt zugunsten der schwärmerischen, unkörperlichen Auffassung von der Liebe zurück. Wichtiger ist die Seelenfreundschaft, als die erotische Liebe47. Ebenso die Epoche der Romantik spielt im Übergang zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert eine wesentliche Rolle. Sie entstand im Wechsel von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft und injizierte und verstärkte die Entwicklung eines bürgerlichen Selbstbewusstseins und Selbstwertgefühls. Durch die aufkommende Industrialisierung und die scheinbar ungewisse Zukunft sind die Menschen verunsichert und suchen Zuflucht in ihrer Innerlichkeit. Romantisch bedeutet etwas Sinnliches, Abenteuerliches, Wunderbare, Phantastisches, Abwendung von der Zivilisation und Hingabe zur Natur. Diese Epoche ist gekennzeichnet von romantischem Denken, Naturnähe, Kritik an der Vernunft und rationalem Denken und vielem mehr48. Eine genaue Definition dafür zu geben, was Romantik denn eigentlich sei, ist wahrscheinlich nicht möglich. Dennoch kann man sie beschreiben. Sie ist eine Auflehnung gegen Regeln und Normen49. Verdammt alles, was mit Rationalismus und Materialismus zu tun hat50. Sie ist ein ewiger Bürgerkrieg zwischen dem Naturmensch und dem in seiner Höhle eingedrungenen künstlichen Mensch der Zivilisation51. Die Französische Revolution vereinte die Trümmer der Menschheit zu einer Gesamtheit, wodurch der Mensch eins mit sich selbst und mit der Natur wird. Diese Humanisierung der Natur und Naturalisierung des Menschen ist ein zentrales Thema der Romantik. Weg von der Künstlichkeit hin zur Natürlichkeit52.

3. Darstellung des adeligen und bürgerlichen Frauenbildes

Das Ende des 18. Jahrhunderts aber speziell das ganze 19. Jahrhundert sind gekennzeichnet von politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftliche und sozialen Veränderungen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts sorgt die Französische Revolution für die Abschaffung der Feudalordnung, wodurch eine neue Ära eingeleitet wird. Der Adel verliert zunehmend an Bedeutung, gerät immer mehr ins Kreuzfeuer und kämpft in dieser Zeit um seine Daseinsberechtigung und sein Überleben. Nicht nur der Adel an sich, auch das zur damaligen Zeit idealisierte Frauenbild am Hofe wird zunehmend kritisiert53. Im Folgenden werden sowohl das Frauenbild der adeligen Dame am Hofe, als auch das bürgerliche Frauenbild dargestellt und näher erläutert und eine Antwort auf die Frage, wieso das adelige Frauenbild in diesem Jahrhundert so stark kritisiert wurde, gegeben.

[...]


1 Rogalla von Bieberstein, Johannes: Adelsherrschaft und Adelskultur in Deutschland. Frankfurt am Main: Verlag Peter Lang 1989, S. 33

2 Lieven, Dominic: Abschied von Macht und Würden. Der europäische Adel 1815 – 1914. Frankfurt am Main: Fischer 1995, S. 30

3 Der neue Brock Haus. Lexikon und Wörterbuch in fünf Bänden: Bd. 1. A – EK. 7., völlig neu überarbeitete Auflage, Wiesbaden: F. A. Brock Haus 1984, S. 26

4 Lieven, Abschied von Macht und Würden, S. 14

5 Konversations-Lexikon. Eine Enzyklopädie des allgemeinen Wissens. Leipzig: Verlag des bibliographischen Instituts 1889, S. 108

6 Meyer, Annette: Die Epoche der Aufklärung. Berlin: Akademie Verlag 2010, S. 56

7 Rogalla von Bieberstein, Adelsherrschaft und Adelskultur in Deutschland, S. 14

8 Braun, Rudolf: Konzeptionelle Bemerkungen zum Obenbleiben: Adel im 19. Jahrhundert. In: Wehler, Hans-Ulrich (Hg.). Europäischer Adel 1750-1950. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1990, S. 88f.

9 Dülmen van, Richard: Die Gesellschaft der Aufklärer. Zur bürgerlichen Emanzipation und aufklärerischen Kultur in Deutschland. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1996, S. 11

10 Ebd. S. 15

11 Mayer, Arno J.: Adelsmacht und Bürgertum. Die Krise der europäischen Gesellschaft 1848 – 1914. München: Verlag C. H. Beck 1984, S. 83

12 Ebd. S. 90

13 Krüger, Renate: Das Zeitalter der Empfindsamkeit. Kunst und Kultur des späten 18. Jahrhunderts in Deutschland. Wien und München: Verlag Anton Schroll & Co 1972, S. 13

14 Meyer, Die Epoche der Aufklärung, S. 16

15 Lieven, Abschied von Macht und Würden, S. 28

16 Meyer, Die Epoche der Aufklärung, S. 25

17 Ebd. S. 14

18 Ebd. S. 15

19 Lieven, Abschied von Macht und Würden, S. 27

20 Ebd. S. 28

21 Mayer, Adelsmacht und Bürgertum, S. 89

22 Dülmen van, Die Gesellschaft der Aufklärer, S. 12

23 Mayer, Adelsmacht und Bürgertum, S. 83

24 Rogalla von Bieberstein, Adelsherrschaft und Adelskultur in Deutschland, S. 116

25 Dülmen van, Die Gesellschaft der Aufklärer, S. 12

26 Ebd. S. 17.

27 Lieven, Abschied von Macht und Würden, S.30f.

28 Ebd. S. 37

29 Ebd. S. 36

30 Ebd. S. 35

31 Meyer, Die Epoche der Aufklärung, S. 57

32 Dülmen van, Die Gesellschaft der Aufklärer, S. 11

33 Meyer, Die Epoche der Aufklärer, S. 57

34 Dülmen van, Die Gesellschaft der Aufklärer, S. 12

35 Mayer, Adelsmacht und Bürgertum, S. 87

36 Lieven, Abschied von macht und Würden, S. 34

37 Rogalla von Bieberstein, S. 286

38 Lieven, Abschied von Macht und Würden, S. 28

39 Ebd. S. 34

40 Lieven, Abschied von Macht und Würden, S. 40

41 Rogalla von Bieberstein, Adelsherrschaft und Adelskultur in Deutschland, S. 289f.

42 Dülmen van, Die Gesellschaft der Aufklärer, S. 11

43 Mende, Claudio: Empfindsamkeit, 2012

44 Krüger, das Zeitalter der Empfindsamkeit, S. 19

45 Krüger, Das Zeitalter der Epmfindsamkeit, S. 35

46 Ebd. S. 37f.

47 Ebd. S. 92ff.

48 Mende, Romantik, 2012

49 Fischer, Ernst, Ursprung und Wesen der Romantik. Frankfurt am Main: 1986, S. 142

50 Ebd. S. 157

51 Ebd. S. 146

52 Ebd. S. 156

53 Diemel, Christa: Adelige Frauen im bürgerlichen Jahrhundert. Hofdamen, Stiftsdamen, Salondamen 1800-1870. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1998, S. 17

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Kritik des idealisierten adeligen Frauenbildes im 19. Jahrhundert in E. T. A. Hoffmanns "Der Sandmann"
Hochschule
Universität Salzburg
Note
2
Autor
Jahr
2017
Seiten
33
Katalognummer
V502094
ISBN (eBook)
9783346043085
ISBN (Buch)
9783346043092
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kritik, frauenbildes, jahrhundert, hoffmanns, sandmann
Arbeit zitieren
Josepha Stangassinger (Autor), 2017, Kritik des idealisierten adeligen Frauenbildes im 19. Jahrhundert in E. T. A. Hoffmanns "Der Sandmann", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502094

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Kritik des idealisierten adeligen Frauenbildes im 19. Jahrhundert in E. T. A. Hoffmanns "Der Sandmann"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden