Monstra und monströse Völker sind eine Erfindung, die seit der Antike eine zentrale Rolle in der Literatur, wie auch in der Historiographie, Philosophie und Theologie eingenommen haben. Bereits im 5. Jh. v. Chr. berichtete der griechische Arzt Ktesias von Fabelwesen und ganzen Wundervölkern, welche er in Indien verortete.
Doch was genau sind Monstra und monströse Völker? Was zeichnet sie aus? Weshalb haben sie diesen Namen erhalten? Wie wurden sie dargestellt und welche Form der Fremdheit wurde ihnen zugesprochen? In der Literatur von der Antike bis ins späte Mittelalter wurden viele Augenzeugenberichte über diese fremden Völker überliefert, die absolut fiktiver Natur entstammen, schließlich wissen wir heute, dass monströse Völker und normwidrige Wesen bloße Erfindungen des Menschen sind, die ausschließlich auf seiner Vorstellungskraft beruhen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Monstra und monströse Völker
2.1 Begriff und Verständnis der Monstra in der Antike
2.2 Begriff und Verständnis der Monstra im Mittelalter
2.3 Problematik der monströsen Völker mit der christlichen Religion
2.3.1 Der ordo-Gedanke
3. Jean de Mandeville
3.1 Beschreibungen der Monstra bei Jean de Mandeville
3.2 Mandevilles Quellen für die Monstra
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion und Wahrnehmung von monströsen Völkern in der Literatur von der Antike bis zum Mittelalter, mit einem besonderen Fokus auf den Reisebericht von Jean de Mandeville, um zu klären, wie diese fiktiven Wesen innerhalb der damaligen Weltbilder und Schöpfungslehren begründet und legitimiert wurden.
- Historische Entwicklung des Monstren-Begriffs in Antike und Mittelalter
- Theologische Einordnung monströser Völker durch den Ordo-Gedanken
- Analyse des Reiseberichts von Jean de Mandeville als fiktive Erzählform
- Die Funktion von Augenzeugenberichten zur Konstruktion von Glaubwürdigkeit
- Das Verhältnis von Fiktion, Tradition und Wirklichkeitserfahrung im Mittelalter
Auszug aus dem Buch
3.1 Beschreibungen der Monstra bei Jean de Mandeville
In seinem Werk ´Reisen´ berichtet Jean de Mandeville auch von den monströsen Völker, die durch ihr ungewöhnliches Aussehen und ihre eigenartigen Gewohnheiten charakterisiert werden. In folgendem wird auf die Version aus dem Erstdruck der deutsche Übersetzung von Otto von Diemeringen eingegangen, welche 1481 in Basel entstanden ist.
Dort berichtet Mandeville von mehreren Völkern, mit hässlicher Gestalt und schlimmer Natur. Es soll ein Volk geben, dass keinen Kopf hat, stattdessen haben sie die Augen an den Achseln und ihren Mund auf der Brust. Dessen Mund ist zudem wie ein Hufeisen geformt. Ebenso soll es Wesen geben, deren Augen und Mund hinten auf den Schultern sind. Genauso soll es Leute geben, die keine Nasen und keine Augen haben, sondern nur zwei kleine Löcher anstelle der Augen und sie haben einen Mund der wie ein Spalt ist, mit dem sie hässlich lachen. Außerdem haben sie ein Gesicht, dass so glatt und lang ist wie ein Teller. Ferner soll es auch Menschen geben, die eine so lange Unterlippen haben, dass sie ihren ganzen Leib damit bedecken können, wenn sie schlafen wollen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der monströsen Völker als literarisches Motiv und Aufwerfen der zentralen Forschungsfrage nach ihrer Funktion und Legitimation.
2. Monstra und monströse Völker: Untersuchung der Begriffsgeschichte in Antike und Mittelalter sowie die Herausforderung, die diese Wesen für das christliche Weltbild darstellten.
2.1 Begriff und Verständnis der Monstra in der Antike: Analyse der antiken Bezeichnungen und der Verknüpfung von Monstra mit göttlichen Vorzeichen oder Warnungen.
2.2 Begriff und Verständnis der Monstra im Mittelalter: Darstellung der Erweiterung des Monstrenkatalogs und der Einbindung in einen theologischen Diskurs, der Gott als Schöpfer aller Wesen betont.
2.3 Problematik der monströsen Völker mit der christlichen Religion: Auseinandersetzung mit dem Konflikt, wie monströse Völker innerhalb der Schöpfungslehre und des Primogenitur-Prinzips existieren können.
2.3.1 Der ordo-Gedanke: Erklärung der Weltordnung durch den ordo-Gedanken, der Ungleichheit und Unvollkommenheit als notwendigen Teil der göttlichen Schöpfung rechtfertigt.
3. Jean de Mandeville: Einführung in das Werk und die Person Mandevilles sowie die Einordnung seines Reiseberichts als fiktive, literarische Konstruktion.
3.1 Beschreibungen der Monstra bei Jean de Mandeville: Zusammenstellung der konkreten, fantastischen Völkerschaften, die Mandeville in seinem Bericht schildert.
3.2 Mandevilles Quellen für die Monstra: Analyse der literarischen Vorbilder Mandevilles, die maßgeblich aus antiken und mittelalterlichen Enzyklopädien sowie anderen Reiseberichten stammen.
4. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Entstehung von Mythen und der Bedeutung der Überlieferung für das Wirklichkeitsverständnis des Mittelalters.
Schlüsselwörter
Monstra, monströse Völker, Jean de Mandeville, Mittelalter, Antike, Ordo-Gedanke, Schöpfungslehre, Reisebericht, Fiktion, Fremdheit, Plinius, Isidor von Sevilla, Wundervölker, Mythos, Augenzeugenbericht
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der kulturellen und literarischen Bedeutung von monströsen Völkern von der Antike bis zum Mittelalter und untersucht, wie diese fiktiven Wesen in verschiedenen Epochen wahrgenommen wurden.
Welche thematischen Schwerpunkte werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Begriffsgeschichte der Monstrosität, der theologischen Einordnung im Mittelalter, der Analyse des Reiseberichts von Jean de Mandeville sowie der Rolle von fiktiven Reiseberichten als Konstrukte der Wirklichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu verstehen, wie und warum Gesellschaften monströse Völker erfanden und diese in ihre Ordnungssysteme, insbesondere die christliche Schöpfungslehre, integrierten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literatur- und kulturwissenschaftliche Analyse, die Quellentexte (Enzyklopädien, Reiseberichte) auswertet und diese in den historischen Kontext der jeweiligen Epochen einordnet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Im Hauptteil werden die antiken Wurzeln der Monstrosität, die mittelalterliche Umdeutung durch den Ordo-Gedanken sowie eine detaillierte Quellenkritik an Jean de Mandevilles Werk „Reisen“ durchgeführt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Monstra, Ordo-Gedanke, Fiktion, Tradition, Fremdheit und die literarische Inszenierung des Augenzeugenberichts.
Wie legitimierte das Mittelalter die Existenz solcher Fabelwesen theologisch?
Durch den sogenannten ordo-Gedanken wurde die Existenz monströser Völker als Ausdruck der schöpferischen Vielfalt Gottes begründet, bei der auch das Unvollkommene oder Hässliche seinen festen, gottgewollten Platz in der Weltordnung hat.
Warum wird Mandevilles Werk heute als fiktiv eingestuft?
Die Forschung konnte belegen, dass Mandeville nicht selbst gereist ist, sondern sein Werk eine geschickte Kombination aus früheren, als faktisch geltenden Reiseberichten und enzyklopädischem Wissen ist, die durch die Ich-Perspektive lediglich authentisch wirken sollte.
- Quote paper
- B.Ed. Barbara Lampert (Author), 2012, Monstra und monströse Völker in der Antike und im Mittelalter mit Einbezug des Reiseberichts von Jean de Mandeville, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502107