Monstra und monströse Völker in der Antike und im Mittelalter mit Einbezug des Reiseberichts von Jean de Mandeville


Hausarbeit, 2012

13 Seiten, Note: 1,7

B.Ed. Barbara Lampert (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Monstra und monströse Völker
2.1 Begriff und Verständnis der Monstra in der Antike
2.2 Begriff und Verständnis der Monstra im Mittelalter
2.3 Problematik der monströsen Völker mit der christlichen Religion
2.3.1 Der ordo-Gedanke

3. Jean de Mandeville
3.1 Beschreibungen der Monstra bei Jean de Mandeville
3.2 Mandevilles Quellen für die Monstra

4. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Es wohnen gar wundersame Leute jenseits des fließenden Gewässers […] die so groß wie Riesen sind, die ganz leicht über einen Elefanten springen, der doch ein großes Tier ist. Es gibt auch kleine Menschen, die nicht viel länger als eine Elle lang sind. Es gibt auch Frauen, die gebären einmal grauhaarige Nachkommen. Und wenn die Nachkommen lang leben, dann wird ihr Haar im Alter schwarz. (…) Andere Leute gibt es, die rohen Fisch essen und das salzige Meerwasser trinken. (…) Es gibt auch Leute, die haben die Fersen an den Füßen nach vorne gedreht. Hieronymus […] sagt von Leuten, die er cynocephalos nennt, dass sie Hundsköpfe haben, scharfe krumme Nägel an den Gliedmaßen haben und beharrt sind und nicht sprechen, sondern bellen wie die Hunde. (…) Es gibt Leute, die nur einen Fuß haben und sehr schnell laufen können. Und der Fuß ist so breit, dass er ihnen in der Sonne großen Schatten gibt, und sie ruhen unter ihrem Fuß wie unter einem Dach.“1

Monstra und monströse Völker sind eine Erfindung, die seit der Antike eine zentrale Rolle in der Literatur, wie auch in der Historiographie, Philosophie und Theologie eingenommen haben. Bereits im 5. Jh. v. Chr. berichtete der griechische Arzt Ktesias von Fabelwesen und ganzen Wundervölkern, welche er in Indien verortete.2

Doch was genau sind Monstra und monströse Völker? Was zeichnet sie aus? Weshalb haben sie diesen Namen erhalten? Wie wurden sie dargestellt und welche Form der Fremdheit wurde ihnen zugesprochen? In der Literatur von der Antike bis ins späte Mittelalter wurden viele Augenzeugenberichte über diese fremden Völker überliefert, die absolut fiktiver Natur entstammen, schließlich wissen wir heute, dass monströse Völker und normwidrige Wesen bloße Erfindungen des Menschen sind, die ausschließlich auf seiner Vorstellungskraft beruhen.

2. Monstra und monströse Völker

Monströse Völker kennzeichnet vor allen Dingen, wie der Name bereits verrät, ihre Monstrosität aus. Dies verlangt zunächst nach einer Definition des Begriffs ´monströs´. Der Schriftsteller Isidor von Sevilla bezeichnet ´monströs´ als andersartige Abweichungen von der natürlichen Größe, der Deformation von Gliedmaßen, wie auch die Vermischung von Mensch und Tierkörpern. Ferner sagt Isidor aber auch aus, dass das monströse sich ebenso in den verschiedenen Gebräuchen, Sitten und in der sozialen Organisationsform, wie etwa der Vertauschung von Geschlechtsrollen, zeigt. Die Monstra wurden folglich sowohl pathographischen, wie auch ethnographischen Merkmalen unterzogen.3 Zudem waren die Ernährungsgewohnheiten von entscheidender Bedeutung, denn diese begründeten oftmals den Namen, den man den Wundervölkern verliehen hat. Zum Beispiel Ichthyophagi (Fischesser), Astomi (Apfelriecher) oder Anthropophagi (Menschenesser).4

2.1 Begriff und Verständnis der Monstra in der Antike

In der Antike hatte man von Monstren ein anderes Verständnis als im Mittelalter oder heute. Um dies zu verdeutlichen, wird zunächst der Terminus und seine Definition in Blick genommen. In der Antike gab es vier Bezeichnungen, die für das Monströse standen. Nämlich: monstrum, portentum, prodigium und ostentum. Lateinisch-griechische Wörterbücher zeigen, dass diese Benennungen mögliche Übersetzungen des griechischen ´teras´5 waren. Nonius Marcellus verband bei seiner Untersuchung die Begriffe mit möglichen Intentionen der Götter, die diese den Menschen in dem Monströsen verdeutlichen wollten. Monstra und ostenta sah er als direkte Warnung von Göttern an, portenta war eine drohende Gefahr, welche von den Göttern ausging und prodigia letztendlich war ein bedrohlicher Ausdruck ihres Zornes. Monströse Erscheinungen waren folglich Phänomene, die stets beunruhigend oder Besorgnis erregend waren, weil sie als eine Ankündigung schrecklicher Ereignisse galten. 6 Man war in der Tat der festen Überzeugung, dass die Existenz der phantastischen Kreaturen Wirklichkeit war, denn man konnte ihre tatsächliche Nicht-Existenz nur schwer nachprüfen, schließlich berichteten Reiseerzählungen davon, dass die Völker nur in exotischen Ländern vorkommen, die damals nur mühevoll und beschwerlich zu erreichen waren.7 Dennoch musste man eine Begründung für ihr scheinbares Dasein finden. Plinius sah das Vorhandensein der monströsen Völker in der Macht der Natur: “Dies und Ähnliches erschuf nur aus dem Menschengeschlechte die erfinderische Natur, sich zum Spiel, uns aber zum Wunder.“8 Von daher wandte Plinius sich auch gegen die Bemühungen, die Monstra in irgendeiner Form zu beurteilen oder ihre Gegebenheit in Zweifel zu ziehen. Er rechtfertigt ihre Existenz in dem Spiel der gewaltigen Natur, die der menschliche Verstand nicht fassen konnte. Plinius und sein Nachfolger Solinus bemühten sich in ihren Enzyklopädien um eine möglichst vollständige Auflistung der bekannten Monster, mit dem Ziel, die Welt in ihrer Vollständigkeit aufzuschreiben. Über die Werke von Plinius und Solinus fanden die Monstra letztendlich Einzug in das christliche Mittelalter.9

2.2 Begriff und Verständnis der Monstra im Mittelalter

Im Mittelalter hat sich der Katalog der Monstra um ein vielfaches erweitert, wofür hauptsächlich Plinius verantwortlich war. Aufgrund falscher Übersetzungen entstand zum Beispiel aus einem bereits bestehendem Volk, den Einbeinigen, griechisch Monocoli, ein zweites Volk, welchem die griechische, äußerst ähnliche Bezeichnung Monoculi zukommt, dass wiederum Einäugige bedeutet.10

Außerdem wurden die Monstra von nun an mit etwas Wunderbaren und Erstaunlichen verknüpft, als ein Ausdruck der schöpferischen Freiheit Gottes und es wurde sich gegen die antike Auffassung gesetzt, Monstra als ein bloßes Spiel der Natur anzusehen. Denn ab dem Mittelalter galt der theologische Diskurs als Metadiskurs, der alle naturkundlichen und ethnographischen Diskurse steuerte. Alles ging von Gott aus. Dieser Transformationsprozess verhinderte, dass den Monstra eine erschreckende oder beängstigende Qualität zugesprochen wurde. Als dann der Begriff ´monstra´ nicht nur auf einzelne Phänomene, sondern sich auf ganze exotische Völkerschaften bezog, erhielten die Völker den Begriff des ´monströsen´ selbst. Folglich fungierte der Begriff ´Monstrum´ nur noch als Signatur für fremde Völker.11

Doch was genau war das Fremde an diesen Völkern? Und wie wurde Fremdheit damals definiert? Man hat festgestellt, dass Fremdheit im Mittelalter primär ein räumlicher Aspekt war. Die monströsen Völker befanden sich in einem entfernten und unvertrauten Raum, über welchen man nicht viel wusste. „[...] alles, was außerhalb der Eigensphäre einer Gruppe liegt, wird [...] als fremd begriffen.“12 Aus geographischer Distanz entstand kulturelle Fremdheit, somit war das Fremde ein Zeichen von kultureller Unvertrautheit.13

2.3 Problematik der monströsen Völker mit der christlichen Religion

Während nun also in der Antike eine bloße deskriptive Beschreibung der Völker ausreichte, in denen sie in Enzyklopädien und Naturkundebüchern neutral aufgelistet wurden, trat in der Übernahme der antiken Monstra in die mittelalterlichen Schriften und speziell in den Glauben ein radikales Problem auf und verlangte nach einer Antwort: Wie kann die Existenz solcher Völker innerhalb der Schöpfungslehre begründet und gerechtfertigt werden? Wenn dem Prinzip der Primogenitur gefolgt wird, nachdem alle Menschen von Adam und Eva abstammen und ihnen allen eine gemeinsame Natur verliehen worden ist, wie können dann solche Wesen entstehen, wo ihre Deformierung so zweifellos die Unvollkommenheit der Schöpfung zu bezeugen schien. Welchen Platz nahmen dann die Wundervölker innerhalb der Schöpfung ein und welche Bedeutung kam ihnen dabei zu?

„[...] [Denn die monströsen Völker haben] die Grenze zwischen der Vielheit der Völker und Einheit des Menschengeschlechts, zwischen Mensch und Tier verwischt[...] und damit die Ordnungsschemata nicht nur der eigenen Kultur, sondern der ganzen Welt prinzipiell in Frage [ge]stellt[...].“14

Man konnte die Wundervölker beim Aufkommen dieses Problems auch nicht plötzlich als einfache, imaginäre Vorstellungen klassifizieren und sich somit einer Antwort entziehen. Die Beschreibungen der Monstra galten als faktisch, als auf Augenzeugen beruhende Tatsachen, die nicht bedürfnislos verworfen werden konnten. Außerdem hat das starke traditionsverhaftete Denken verhindert, dass überlieferte Nachrichten einer realistischen

Beurteilung unterworfen wurden. Fabulöse von realistischen Beschreibungen zu unterscheiden, galt als nahezu unmöglich.15

[...]


1 Vgl. von Megenburg, Konrad: Das ´Buch der Natur´. Bd. 2: Kritischer Text nach den Handschriften. Hrsg. Robert Luff/Georg Steer, Tübingen 2003, S. 525 zitiert nach Münkler, Marina: Die Wörter und die Fremden. Die monströsen Völker und ihre Lesarten im Mittelalter, in: Borgolte, Michael/Schneidmüller, Bernd (Hrsg.), Hybride Kulturen im mittelalterlichen Europa. Vorträge und Workshops einer internationalen Frühlingsschule (Europa im Mittelalter 16), Berlin 2010, S. 40f.

2 Münkler, Marina/Röcke, Werner: Der ordo-Gedanke und die Hermeneutik der Fremde im Mittelalter: Die Auseinandersetzung mit den monströsen Völkern des Erdrandes, in: Münkler, Herfried (Hrsg.): Die Herausforderung durch das Fremde, Berlin 1998, S. 703f.

3 Vgl. Münkler Berlin 2010, S. 35f.

4 Vgl. Münkler Berlin 2010, S. 36f.

5 Gemoll. Griechisch-deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 2006, S. 787. Τέρας , -aτoς, n (teras, -atos, n) a) Götterzeichen, Vorzeichen, Wunder b)Schreckbild, Zauber c)Ungeheuer.

6 Münkler 2010, S. 33.

7 Wunderlich, Werner: Dämonen, Monster, Fabelwesen. Eine kleine Einführung in Mythen und Typen phantastischer Geschöpfe, in: Müller, Ulrich/Wunderlich, Werner (Hrsg.), Dämonen, Monster, Fabelwesen (Mittelaltermythen 2), St. Gallen 1999, S. 23.

8 Vgl. Plinius Secundus, Historia Naturalis. Ed. Roderich König. Zürich 1975, S. 32 in: Münkler 2010, S.38.

9 Münkler 2010, S. 39.

10 Münkler 2010, S. 38

11 Vgl. Münkler 2010, S. 33-45.

12 Vgl. Ortfried Schäffter, Modi des Fremderlebens. Deutungsmuster im Umgang mit Fremdheit, in: Ders. (Hrsg.), Das Fremde: Erfahrungsmöglichkeiten zwischen Faszination und Bedrohung. Opladen 1991, S. 14. Zitiert nach: Münkler 2010, S. 42.

13 Münkler 2010, S. 42.

14 Münkler 2010, S. 45.

15 Vgl.Wunderlich 1999, S. 11-38.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Monstra und monströse Völker in der Antike und im Mittelalter mit Einbezug des Reiseberichts von Jean de Mandeville
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V502107
ISBN (eBook)
9783346030009
ISBN (Buch)
9783346030016
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mandeville, Monstra, Reisebericht, Antike, Mittelalter, Glaubwürdigkeit, Völker, monströs, ordo
Arbeit zitieren
B.Ed. Barbara Lampert (Autor), 2012, Monstra und monströse Völker in der Antike und im Mittelalter mit Einbezug des Reiseberichts von Jean de Mandeville, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502107

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