Ästhetische Wahrnehmungen. Wie können sie im Musikunterricht gemessen und bewertet werden?


Hausarbeit, 2017

16 Seiten, Note: 15


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Ästhetische Wahrnehmung
2.1 Was macht die ästhetische Wahrnehmung aus?
2.2 Wie kann ästhetische Wahrnehmung im Unterricht stattfinden

3. Messverfahren – Gütekriterien

4. Realisierbarkeit

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Zu den Aufgaben jeder Lehrkraft gehört es, Leistungen von Schülerinnen und Schülern zu bewerten. Basis dieser Bewertung sollte eine valide, reliable und objektive, aber auch viable Messung sein.

Auf welche Weise kann eine solche Messung in einem Musikunterricht stattfinden, der sich ästhetischer Bildung verschreibt? Wie können ästhetische Wahrnehmung und ästhetische Erfahrungen gemessen werden, um eine Bewertung überhaupt erst möglich zu machen? Bei welchen Gütekriterien kommt es zwangsweise zu Einbußen und können diese kompensiert werden? Mit diesen Fragen setzt sich die folgende Arbeit mit dem Ziel, im Musikunterricht nicht nur Theoriewissen bewertbar zu machen, auseinander.

Dazu werde ich zunächst beschreiben, was eine ästhetische Wahrnehmung ausmacht, um auf dieser Grundlage zu überprüfen, wie ästhetische Wahrnehmung im Unterricht begünstigt werden kann. In einem zweiten Schritt werde ich Grundsätzliches zu Messungen darlegen, damit schließlich in einem dritten Schritt, das Vorangegangene zusammenführend, die Frage beantwortet werden kann, ob die Möglichkeit der Messung und Bewertung von ästhetischer Wahrnehmung gegeben ist.

2. Ästhetische Wahrnehmung

Ästhetische Wahrnehmung ist für Menschen alltäglich. Sie kann überall stattfinden – ob im Konzertsaal, in der Stadt oder in der Natur. Es gibt allerdings Situationen und Objekte, die von vornherein für ästhetische Wahrnehmung konzipiert sind (z.B. Aufführungen, Kunstwerke, Dekorationsartikel usw.). Zu diesen gehört selbstredend auch die Musik, die ästhetische Wahrnehmung als einen ihrer zentralen Vollzüge (wenn nicht als den zentralen Vollzug) behaupten kann. Im Unterricht muss es Schülerinnen und Schülern darum ermöglicht werden, ästhetische Wahrnehmung zu vollziehen.

2.1 Was macht die ästhetische Wahrnehmung aus?

Ästhetische Wahrnehmung bedeutet dem Wortsinn nach zu allererst sensitive Wahrnehmung (αἴσθησις). Nur das was seh-, hör-, spür-, riech- oder schmeckbar ist, kann ästhetisch wahrgenommen werden. Trotzdem ist nicht jede sensitive Wahrnehmung eine ästhetische. Was nämlich konstituierend für eine solche ist, beschreibt Martin Seel in seinem Buch „Ästhetik des Erscheinens“, dessen zentrale Aussagen ich hier nun kurz erläutern werde.

Eine Besonderheit des ästhetischen Wahrnehmungsmodus ist die zeitliche Abgrenzung. Zwar ist es möglich gleichzeitig ästhetisch und analytisch wahrzunehmen, aber im Falle der ästhetischen Wahrnehmung nehmen wir uns „Zeit für den Augenblick“. Wir treten also aus dem rein funktionalen Denken heraus und gewinnen „Gespür für die Gegenwart des Lebens“.1

Des Weiteren ist eine reziproke Beziehung zwischen dem wahrnehmenden Subjekt und dem wahrgenommen ästhetischen Objekt vonnöten:

„Die Verfassung ästhetischer Objekte ist nur im Licht ihrer möglichen Wahrnehmung und die Verfassung der ästhetischen Wahrnehmung nur im Licht ihrer möglichen Gegenstände begreiflich“.2

Dementsprechend ist ein ästhetisches Objekt immer eines, das in einem besonderen Modus, in einer besonderen Situation wahrgenommen wird oder, wie oben beschrieben, für eine besondere Situation hergestellt ist. Alles was sinnlich (sensitiv) wahrgenommen werden kann, kann auch ästhetisch wahrgenommen werden. Dennoch ist nicht jedes wahrnehmbare Objekt ein ästhetisches Objekt.3

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Was macht nun ästhetische Objekte aus? Seel differenziert hier zwischen „ sinnlichem Sosein und ästhetischem Erscheinen4 eines Objektes oder Gegenstands. Dabei handelt es sich aber nicht um etwaige Unterschiede in den Eigenschaften desselben Objekts, sondern vielmehr um einen anderen Anschauungsmodus. Das ästhetische Erscheinen löst sich von den „begrifflich fixierbaren“ Eigenschaften. Dabei gibt es drei Stufen der Wahrnehmung: Erstens die Wahrnehmung -von etwas, d.h. Wahrnehmung ohne Interpretation oder ein Bewusstsein der Bedeutung. Zweitens die Wahrnehmung -dass. Sie hängt mit, drittens, der Wahrnehmung -als etwas zusammen. Dinge werden als wirklich (dass) und begrifflich (als) wahrgenommen. Dieses begriffliche Wahrnehmen ist Voraussetzung für ästhetische Wahrnehmung. Ohne es gibt es nämlich keine Möglichkeit, sich von der rein sinnlichen Wahrnehmung zu lösen.5

Was genau ist aber dieses ästhetische Erscheinen? „Das ästhetische Erscheinen eines Gegenstandes ist ein Spiel seiner Erscheinungen6. In dieser kurzen Definition stecken drei entscheidende Begriffe: Gegenstand, Erscheinungen und deren Spiel. Der Gegenstand ist ein Objekt, das sinnlich wahrgenommen werden kann (s.o.). Seine Erscheinungen sind das, was Seel als „sinnliches Sosein“ bezeichnet. Also alle Aspekte an ihm, die wahrnehmbar sind: Optik, Haptik, Akustik, Geruch, Geschmack. Deren Spiel ist das Verhältnis der Aspekte zueinander. Der ästhetisch Wahrnehmende hat ein Auge für Kontraste, Lichtreflexe, Proportionen usw. und lässt sie ohne Intention auf sich wirken. Entscheidend sind für die ästhetische Wahrnehmung die „Simultaneität und Momentaneität“.7

Da im ästhetischen Wahrnehmungsmodus das Erscheinen fokussiert wird, gibt es in diesem keine theoretischen oder praktischen Vernehmungsprozesse. Somit gibt das Subjekt ein Stück seines faktensammelnden Konstruierens seiner Wirklichkeit auf und erliegt mehr oder weniger (je nach Verhältnis von ästhetischer zu analytischer Wahrnehmung) dem Schein der Wirklichkeit.

Was ist der Schein? Seel unterscheidet zunächst zwischen illuminativem (Schein) und imaginiertem (Imagination) Schein. Illuminativ bedeutet, dass man etwas anders wahrnimmt, als es real ist. Ein Beispiel ist hier der Theaterdonner. Imaginativ bedeutet, dass man etwas vergegenwärtigt, das gar nicht da ist, wenn man beispielsweise einen Roman liest. Die Worte Schein und Imagination nutzt er, um die beiden Phänomene auseinanderzuhalten.8

Ein Schein ist eine Täuschung unserer Sinne. Etwas sensitiv Erfahrbares wird falsch interpretiert. Wird dieser Schein nicht durchschaut, handelt es sich um eine Täuschung. Wird er durchschaut, gibt es zwei Möglichkeiten: Der Widerspruch wird korrigiert und das Subjekt ändert seine Interpretation des Wahrgenommenen. Der Schein wird affirmiert, also begrüßend wahrgenommen. Im zweiten Fall handelt es sich um den ästhetischen Schein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für den Schein muss aber gelten, dass er intersubjektiv wahrnehmbar ist. Wenn etwas nur individuell auf mich einen Eindruck macht, trifft dies nicht zu. Das Stichwort, das hier fallen muss ist intersubjektiv. Der Schein muss Teil der Realität sein, der aber anders wahrgenommen wird. Eine Halluzination gehört also nicht dazu. [9]

Der Schein, wie gerade beschrieben, ist ein Element ästhetischer Objekte, das häufig im Theater, im Kino und eher selten in der bildenden Kunst zur Geltung kommt. Er ist keine notwendige Bedingung für ein ästhetisches Objekt oder für ästhetische Wahrnehmung.10

Eine ästhetische Erfahrung ermöglicht nicht nur einen besonderen Zugang zum Wirklichen, sondern auch einen besonderen Ausgang aus dem Wirklichen heraus. Hierfür führt Seel den Begriff der Imagination ein. Es ist der Aspekt der Vorstellung, die über die jetzige Situation hinausgeht. Ästhetische Vorstellung und ästhetische Wahrnehmung können dabei Hand in Hand gehen. „An den Objekten, an denen es zu dieser Verbindung kommt, haben wir beides: eine gesteigerte Hinwendung zur Gegenwart und ein gesteigertes Hinausgehen aus ihr“11. Seel spricht hier von Objekten der Imagination.12

Vorstellung unterscheidet sich von Wahrnehmung insofern, als dass für sie ihre Objekte nicht anwesend sein müssen. Diese ist somit ein Kontrastbegriff zu jener. Ästhetisches Vorstellen ist ein besonderer Modus des sinnlichen Vorstellens (Vorstellen von sinnlichen Objekten). Sinnliche Objekte zeichnen sich dadurch aus, dass sie in ihrem Erscheinen vorgestellt werden.13

Was sind diese Objekte sinnlichen Bewusstseins?

„Zu den Gegenständen sinnlichen Bewusstseins gehören erstens nicht allein gegenwärtige, sondern darüber hinaus vergangene und künftige Objekte; zweitens nicht allein reale, sondern darüber hinaus irreale Objekte.“14

In dieser Definition ist besonders darauf zu achten, dass real und irreal nicht mit präsent und abwesend zu verwechseln ist. Real sind auch Objekte, die sich nicht in aktueller sinnlicher Reichweite befinden. Real sind ebenso Objekte, die nicht mehr oder noch nicht existieren. Es geht vielmehr um die Möglichkeit ihrer Existenz.15

Es gibt drei Arten von Situationen und damit drei Dimensionen des Erscheinens. Seel spricht von bloßem Erscheinen, wenn sich das Subjekt auf das sinnliche Gegenwärtigsein von etwas beschränkt. Mit atmosphärischem Erscheinen meint er die Wahrnehmung des Objekts oder der Situation im Kontext der eigenen Lebenssituation. Artistisches Erscheinen bedeutet, dass Wahrnehmungsobjekte „als (meist imaginative) Darbietungen einer besonderen Art verstanden“16 werden. Auf diese drei Weisen können uns sinnliche Objekte also gewahr werden. Die Grenzen sind dabei fließend. Die Dimensionen „können ineinander übergehen, sie können miteinander koexistieren, aber sie können auch in Spannung zueinander stehen.“17

Das bloße Erscheinen eines Gegenstands nehmen wir wahr, wenn wir nur auf ihn selbst, unabhängig von Situation, Vorwissen, Kontexten und Umwelt achten. Dabei nehmen wir das Spiel seiner Erscheinungen wahr und auch die Effekte eines eventuell existenten Scheins. Diese Dimension der ästhetischen Wahrnehmung zeichnet sich durch radikale Momentaneität aus, weil der Fokus ausschließlich auf dem Erscheinenden liegt.18

Atmosphärisches Erscheinen ist gegeben, wenn die Wahrnehmenden dem Wahrgenommenen Bedeutung zuschreiben. Objekte mit atmosphärischem Erscheinen wirken in den Raum, die Situation hinein. Sie stellen eine Atmosphäre her. Einrichtungsgegenstände, Hintergrundmusik und Kleidungsstücke sind hierfür anschauliche Beispiele. Seel meint, wenn er von atmosphärischem Erscheinen spricht, „ein sinnlich-emotionales Gewahrsein existentieller Korrespondenzen“19, also auch persönliche Betroffenheit.

Artistisches Erscheinen ist nur bei Kunstobjekten vorhanden, also alles was ästhetisches Wahrnehmen schon im Schaffensprozess intendiert. Sie sind dazu gemacht, interpretiert zu werden. Kunstobjekte haben außerdem eine doppelte Gegenwärtigkeit. Hergestellte und dargebotene Gegenwart können kontrastieren oder deckungsgleich sein. Oder die beiden Gegenwarten verschwimmen ineinander, werden unscharf. Das Spiel der Intention, der Kontexte, in denen Kunst zu verstehen ist und der doppelten Gegenwärtigkeit ist das artistische Erscheinen. Es ist im Gegensatz zur atmosphärischen Kunst nicht nur individuell bedeutsam, sondern hat allgemeingültige Relevanz für die Lebenssituationen aller Menschen.20

2.2 Wie kann ästhetische Wahrnehmung im Unterricht stattfinden

Für ästhetische Wahrnehmung im (Musik-)Unterricht ist es notwendig das Lehren als „Vorbereiten fruchtbarer Momente“21 zu verstehen. Statt einen Lernstoff aufzubereiten und den Schülerinnen zu präsentieren, kommt es darauf an den Schülern Situationen zu schaffen in denen „bildende Erfahrungsprozesse“22 stattfinden können. Ästhetische Wahrnehmung ist in allen gängigen Methoden des Musikunterrichts möglich, jedoch ist die Produktion von Musik am besten geeignet um diese Erfahrungsräume zu eröffnen. In produktionsorientierten Projekten kommen alle Vollzüge von Musik – von Komposition, über Interpretation bis hin zu ästhetischem Streit und Vielem mehr – vor. Schriftliche Aufgaben sind problematisch, da sie per se keinen ästhetischen Vollzug von Musik darstellen, eignen sich aber zur Reflexion von ebensolchen.23

[...]


1 Vgl. Seel, Martin: Ästhetik des Erscheinens. München, 2000. S.44 f.

2 Seel, 2000. S.45

3 Vgl.: Seel, 2000. S.45 f.

4 Seel, 2000. S.47

5 Vgl.: Seel, 2000. S.50 f.

6 Seel, 2000. S.70

7 Vgl.: Seel, 2000. S.55

8 Vgl.: Seel, 2000. S.102 f.

9 Vgl.: Seel, 2000. S.110 f.

10 Vgl.: Seel, 2000. S.113 - 118

11 Seel, 2000. S.119

12 Vgl.: Seel, 2000. S.118 f.

13 Vgl.: Seel, 2000. S.120

14 Seel, 2000. S.121

15 Vgl.: Seel, 2000. S.121 - 124

16 Seel, 2000. S.149

17 Ebd.

18 Vgl.: Seel, 2000. S.150 f.

19 Seel, 2000. S.153

20 Vgl.: Seel, 2000. S.159

21 Rolle, Christian: Musikalisch-ästhetische Bildung. Über die Bedeutung ästhetischer Erfahrung für musikalische Bildungsprozesse. In: Gieseler, Helms, Schneider (Hrsg.): Perspektiven zur Musikpädagogik und Musikwissenschaft. Band 24. Kassel, 1999. S.161

22 Ebd.

23 Rolle, 1999. S.162

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Ästhetische Wahrnehmungen. Wie können sie im Musikunterricht gemessen und bewertet werden?
Hochschule
Universität Kassel  (Institut für Musik)
Note
15
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V502202
ISBN (eBook)
9783346043931
ISBN (Buch)
9783346043948
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ästhetische, wahrnehmungen, musikunterricht
Arbeit zitieren
Raimund Lippok (Autor), 2017, Ästhetische Wahrnehmungen. Wie können sie im Musikunterricht gemessen und bewertet werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502202

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