Zwischen Neutralität und Fehleinschätzung - Hitlers 'großzügiges Angebot' vom 25. August 1939


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2001

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Polen als nächstes außenpolitisches Opfer des Nationalsozialismus

II. Englands Haltung nach dem „Griff nach Prag“

III. Die Letzten Friedenstage
1. Vorbereitung des Angriffs auf Polen
2. Der Briefwechsel Chamberlains mit Hitler am 23. August 1939
3. Das „großzügige Angebot“ Hitlers an Chamberlain am 25.August 1939

IV. Verschiebung und Wiederaufnahme des „Überfalls“ auf Polen

V. Außenpolitischer Wahn oder eine grobe Fehleinschätzung des Führers? (Schlussbetrachtung)

Literatur

Einleitung

„Die Sicherheit des britischen Empire liegt im Interesse der ganzen weißen Rasse“[1] (Adolf Hitler zu Lord Rothermere im Jahre 1935)

So undurchsichtig die außenpolitische Haltung Hitlers gegenüber England gewesen sein mochte, diese Aussage spiegelt seine innere Einstellung gegenüber England exakt wieder. Seit seinem Werk „Mein Kampf“, dass er während seiner Haftzeit nach dem Putschversuch 1923 verfasste, strebte Hitler nach einem Bündnis mit England. Auch als ein Abkommen mit England in weite Ferne rückte, sah sich Hitler in einer guten Ausgangslage. Sein Versuch das nationalsozialistische Deutschland Bündnisreif zu machen, zieht sich über die gesamte Periode des „Dritten Reiches“. Für Hitler war der echte Engländer der geborene Herrenmensch, dessen Selbstbewusstsein, Überlegenheit und Selbstsicherheit, ihn zum berufenen Hüter der Weltsuprematie des Germanentums machte. Die Idee eines Bündnisses mit England beruhte nicht nur aus Überlegungen nüchterner Interessenpolitik, sondern auch aus Motiven die rein weltanschaulicher Art waren und von der Hervorhebung der rassischen Verwandtschaft zwischen Deutschen und Briten. Die Errichtung eines Weltkondominats der beiden nordischen Völker stammen demnach auch aus der sentimentalen Bewunderung für die imperiale Leistung des germanischen Herrenvolkes. Das britische Weltreich zu erhalten schien Hitler als eine gesamteuropäische Aufgabe.

Die britische Gleichgewichtsdoktrin war im Sinne Hitlers eine Art Rückendeckung für große weltpolitische Ziele. England hielt sich so lange aus dem kontinentalen Verhältnissen heraus, solange kein drohender Weltkonkurrent entstand. Eine Bedrohung dieser imperialen Stellung wäre nur dann erfolgt, wenn die britische See-und Kolonialherrschaft bedroht zu sein schien. Da Hitler die Zukunft Deutschlands im kontinentalen Bereich ansah, würden sich ihre Interessen nicht überkreuzen. Im Gegenteil nach seiner Meinung drohe eine Gefahr, nicht mehr von Europa aus, sondern von Nord- Amerika. Die Gleichgewichtsdoktrin wäre somit überaaltet und ein Bündnis mit Deutschland unausweichlich. Deutschland als stärkste Militärmacht und England als die stärkste See-und Kolonialmacht sollten sich, nach Hitler, die Weltherrschaft teilen.

Durch den Antikomminternpakt 1936, der ursprünglich als Bündnis gegen die Sowjetunion gedacht war, sollte England doch noch ins deutsche Lager gezwungen werden, jedoch bewirkte dieser genau das Gegenteil. Die plötzlichen Kolonialforderungen an England standen im Widerspruch zu den Vorstellungen der Teilung von Interessensphären. Hitler musste erkennen das ein Bündnis mit England in weiter Ferne gerückt war. Nach der Absetzung Ribbentrops als Botschafter in London 1938, wurde ein härterer Englandkurs eingeschlagen. Der Historiker Klaus Hildebrand vertritt in seinem Werk: „Vom Reich zum Weltreich“ die Meinung, dass die aggressivere Politik Hitlers gegenüber England ein Resultat der „enttäuschten Liebe zu England“ gewesen sein könnte.[2]

Die Verschärfung der deutsch-polnischen Krise wird der erste Bestandteil der folgenden Arbeit sein. Nur bei Kenntnis des historischen Kontexts kann das „großzügige Angebot“ Hitlers an England, am 25. August 1939, nachvollzogen werden. Englands Stellung während dieser Krise war bestimmend für die Handlungen des Führers.

I. Polen als nächstes außenpolitisches Opfer des Nationalsozialismus

Der Marsch nach Prag am 15. März 1939 war ein klarer Verstoß des Münchener Abkommens. Unter dem schweigen der Bevölkerung erfolgte die militärische Besetzung und die Errichtung des „Protektorats Böhmen und Mähren“. Hitler war der Annahme das diese Intervention ungeachtet bleiben würde. Jedoch lag er genau in diesem Punkt falsch. Gerade für England bedeutete dieser Gewaltakt einen endgültigen Bruch der Appeasement-Politik, welche auf der Grundlage von Verhandlungen über deutsche Revisionsforderungen basierte. Auch Chamberlain musste erkennen, dass für Hitler weder Konzessionen noch Verträge ein Rolle spielten.[3] Die Zerschlagung der Tschechoslowakei musste man als Wendepunkt der nationalsozialistischen Außenpolitik werten.[4] Hitler war sich dessen wohl nicht Bewusst, er hielt weiterhin an seiner Taktik fest, ein Objekt nach dem anderen zu isolieren und von innen nach außen zu zerstören. Polen war das letzte Land wogegen der Vorwand der nationalpolitischen Revision noch anwendbar war. Die NS-Regierung in Danzig konnte fünf Jahre davon abgehalten werden eine Propaganda gegen den polnischen Korridor zu betreiben. Aber sofort nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei gab Berlin grünes Licht für eine härtere Politik gegen Polen.

Der polnische Nichtangriffspakt mit Deutschland vom Jahr 1934 blieb bis zur Münchener Konferenz bestehen. Der damalige Außenminister Polens Beck, war auf eine Verständigung mit Deutschland aus. Er gehörte zu den Hauptverfechtern der Annäherung mit dem Deutsche Volk. Mit dieser Politik war er innenpolitisch nicht ganz unumstritten. Die Beziehungen beider Länder von 1934-1938 musste man als eine Zwecksfreundschaft ansehen. Die Staatlich gelenkten Pressen hatten die Aufgabe die Beziehungen als positiv darzustellen. Die deutsche Seite konnte jedoch nie auf einen unterschwellig-negativen Ton verzichten. Nach „München“ zielte Hitler darauf ab, mit Polen zu einem Arrangement unter deutschen Bedingungen zu gelangen. Polen sollte zu einem Satellitenstaat Deutschlands degradiert werden.[5]

Bereits am 24. Oktober 1938 bemühte sich das deutsche Reich, Polen als Bündnispartner gegen die Sowjetunion (ÞAntikomminternpakt) zu gewinnen. Ribbentrop der die Gespräche mit dem polnischen Botschafter in Berlin, Lipsky, führte erhob erstmals die Forderung nach Rückkehr der „Freien Stadt Danzig“ zum deutschen Reich. Eine weitere Bedingung für ein Bündnis war die Forderung einer exterritorialen Autobahn-und Eisenbahnverbindung zwischen Ostpreußen und dem übrigen Reichsgebiet. Diese „Verbindung“, die bis zu vier Kilometer breit sein sollte, wäre ein enormer Territorialverlust seitens Polen gewesen. Die erwähnten Elemente des Gespräches waren in den deutsch-polnischen Beziehungen bereits früher aufgetaucht; das Neue lag hier nur in der Bündelung.[6] Polen lehnte dieses Angebot ab. Es erkannte das bei einer Bewilligung eines solchen Abkommens Polen zum deutschen Sattelitenstaat degradiert werden würde. Einen „Ausbruch“[7] aus dieser Umklammerung wäre nicht mehr möglich gewesen. Der Versuch Polen bündnispolitisch (Beitritt zum Antikomminternpakt) eindeutig und fest an das nationalsozialistische Deutschland einzubeziehen scheiterte. Diesem Angebot folgten noch weitere. Die Inhalte waren stets die selben, die Forderungen die gleichen. Weder ein Gespräch Becks mit Hitler in Berchtesgaden (5./.6. Januar 1939), noch der Besuch Ribbentrops am Ende des gleichen Monats in Warschau brachten die Einwilligung Polens. Hitler machte Beck ein Angebot zur gemeinsamen Lösung der Judenfrage. Nach Ansicht Hitlers betraf das

„Judenproblem“ beide Staaten gleichermaßen. Die Juden Deutschlands und Polens sollten in ein Territorium nach Afrika deportiert werden. Dieser Vorschlag stammte ursprünglich vom südafrikanischen Verteidigungsminister Oswald Pirow mit dem sich Hitler im November des Vorjahres getroffen hatte. Hitler lehnte damals diese Lösung ab, weil er keine Verknüpfung der Judenfrage mit der Kolonialpolitik wollte.[8] Trotz der Bestärkung gemeinsamer Interessen war Polen an ein Bündnis mit Deutschland nicht interessiert. Amerikanische und britische Einflüsse verstärkten die polnische Entschlossenheit das Angebot nicht anzunehmen.

Nach dem „Griff nach Prag“ startete Hitler einen erneuten Versuch Polen für ein Bündnis zu gewinnen. Dieses Gespräch verlief weitaus radikaler als die Vorhergegangenen. Die letztmalige und ultimative, wenn auch ohne Terminnennung, vorgetragene Forderung an Lipsky am 21. März, endlich der „großen Lösung“ zuzustimmen, geschah offensichtlich ohne Erfolgserwartung. Die polnische Regierung lehnte offiziell am 26. März das Angebot ab. Am 28. März kündigte Adolf Hitler in seiner Reichstagsrede den deutsch-polnischen Nichtangriffspakt aus dem Jahre 1934. Von diesem Tag an gab es keine diplomatischen Kontakte mehr zwischen den beiden Ländern.[9]

[...]


[1] Zit. Nach: Aigner, Dietrich: Das Ringen um England. Das deutsch-britische Verhältnis. Die öffentliche Meinung 1933-1939. Tragödie zweier Völker, München, Esslingen 1969, S.9.

[2] Vollständiger Titel: Hildebrand, Klaus: Vom Reich zum Weltreich. Hitler, NSDAP und koloniale Frage 1919-1945, München 1969, S. 591.

[3] Vgl.: Recker, Marie-Luise: Die Aussenpolitik des Dritten Reiches, München 1990, S. 24.

[4] Vgl.: Bracher, Karl Dietrich: Die deutsche Diktatur. Entstehung, Struktur, Folgen des Nationalsozialismus, Berlin, Köln 1969, S. 343.

[5] Vgl.: Kosmola, Beate: Der deutsche Überfall auf Polen. Vorgeschichte und Kampfhandlungen, in: Borodziej, Wlodzimierz/Ziemer, Klaus (Hg.): Deutsch-polnische Beziehungen1939-1945-1949. Eine Einführung, Bonn 2000.

[6] Vgl.: Kosmola: Deutsch-polnische Beziehungen, S. 29

Fechner, Helmuth: Deutschland und Polen 1772-1945, Würzburg 1964, S. 185.

Hildebrand, Klaus: Das Dritte Reich, 2. Auflage, München, Wien 1980, S.41.

Hillgruber, Andreas: Deutschland und Polen in der internationalen Politik 1933-1939, in: Hinrichs,

Ernst (Hg.): Deutschland und Polen von der nationalsozialistischen Machtergreifung bis zum Ende des

zweiten Weltkrieges, Braunschweig 1986, S.52.

Hoensch, Jörg K.: Der Hitler-Stalin-Pakt und Polen, in: Oberländer, Erwin (Hg.):Hitler-Stalin-Pakt 1939. Das Ende Ostmitteleuropas?, Frankfurt a.M. 1989, S.45.- 46.

[7] Zit. Nach: Hillgruber: Deutschland und Polen..., S. 53.

[8] Vgl.: Hildebrand: Vom Reich zum Weltreich, S.598.- 599.

[9] Vgl.: Aurich, Peter: Der deutsch-polnische September 1939. Eine Volksgruppe zwischen den Fronten, 3. Aufl., Berlin, Bonn 1985, S. 20.

Hillgruber: Deutschland und Polen..., S. 55.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Zwischen Neutralität und Fehleinschätzung - Hitlers 'großzügiges Angebot' vom 25. August 1939
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Historisches Seminar Bonn)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
16
Katalognummer
V50221
ISBN (eBook)
9783638464833
ISBN (Buch)
9783640256204
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwischen, Neutralität, Fehleinschätzung, Hitlers, Angebot, August, Proseminar, Außenpolitik, Drittes Reich, Englandpolitik
Arbeit zitieren
Ioannis Orfanidis (Autor), 2001, Zwischen Neutralität und Fehleinschätzung - Hitlers 'großzügiges Angebot' vom 25. August 1939, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50221

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