Anne Boleyn und ihr Einfluss auf die Entscheidungen und Handlungen von Heinrich VIII.


Hausarbeit, 2019
22 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Anne Boleyn – Ihre französisch geprägte Bildung und ihr Aussehen
2.1 Anne und ihr reformatorischer Geist

3 Die traditionellen Vorstellungen der Gesellschaft bezüglich der Geschlechterrollen im 16. Jahrhundert und weitere Einflüsse Anne Boleyns

4 Die Liebesbriefe Heinrichs VIII. an Anne Boleyn
4.1 Ausgewählte Liebesbriefe Heinrich VIII. von England. an Anne Boleyn zur Untersuchung des bedeutenden Einflusses

5 Fazit

Quellen -und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Sie war eine sehr auffällige Person am englischen Hof: jung, gebildet und immer nach der neuesten französischen Mode gekleidet. Je intensiver die Auseinandersetzung mit Anne Boleyns Leben ausfällt, desto mehr wird deutlich, dass sie sowohl eine der umstrittensten Königinnen in der englischen Geschichte ist als auch die brillanteste und vollkommensten Frauen dank ihrer am Hofe von Margaret von Österreich und Königin Claude von Frankreich erworbenen höheren Bildung und Trainings war. Auch aus kultureller Perspektive verkörpert sie bestmöglich die französische Renaissance in England.1 Sie war eine Frau, die ihre Stimme in der damals vorzufindenden Gesellschaftsordnung hob, die den Frauen vorschrieb, sich zurückzuhalten und sich den Männern unterzuordnen.2

Ihre prominente Rolle und ihre Beliebtheit in der Welt der Historiker verdankt sie besonders ihrem direkten und indirekten Einfluss auf verschiedene Männer, wie z.B. auf Heinrich VIII., Wolsey, More, Wyatt, Fischer, Cranmer. Diese Hausarbeit soll im Rahmen dieser Arbeit ein besonderes Augenmerk auf Heinrich VIII. und auf seine Beziehung zu Anne Boleyn legen. Anne Boleyn war die zweite und gleichzeitig die bekannteste von den sechs Frauen des Königs Heinrichs VIII. von England. König Heinrich VIII. war sehr bald von ihr besessen, sodass er sich von seiner ersten Ehefrau Katharina von Aragon scheiden ließ und dazu noch den Bruch mit der römisch-katholischen Kirche vorantrieb. Ihr gelang es, mit ihrer Faszination erfolgreich das Interesse des Königs zu wecken.3 Sehr bald nach ihrer Krönung zur Königin, ließ Heinrich VIII. sie zum Tode verurteilen. Als Hure verspottet, starb sie 1536 auf dem Schafott. Eine spannende Frage, die bleibt, ist jedoch, inwieweit Anne Boleyn einen Einfluss auf Heinrichs Handlungen hatte und welche Begeisterung Heinrich für Anne hatte, dass er dafür den Bruch mit der römisch-katholischen Kirche vorantrieb. Einer geeigneten möglichen Antwort und Interpretation auf diese interessanten Fragen werden in dieser wissenschaftlichen Hausarbeit nachgegangen. Um Rückschlüsse auf Annes Persönlichkeit und ihre Handlungen ziehen zu können und systematisch Antworten auf die zuvor erwähnten Fragen zu finden, ist es von besonderer Wichtigkeit sich zunächst den historischen Zusammenhängen (im Zeitraum von 1500-1536) zu widmen - im Speziellen Annes Vorgeschichte und ihrer Beziehung zu Heinrich VIII. Für die Tatsache, dass sie eine Frau mit einer bedeutenden Rolle in der englischen Geschichte war, ist sehr wenig über ihre Kindheit bekannt.4 Bereits ihr Geburtsjahr stößt auf Uneinigkeit. Einige Historiker nennen das Jahr 1507, jedoch spricht auch einiges dafür, dass Anne Boleyn bereits 1501 zur Welt kam.5 6 Anne Boleyns Vater Thomas Boleyn, der zum niederen Adel gehörte, wurde unter König Heinrich VII. Diplomat.7 Elizabeth Howard, seine Gattin und die Mutter der Kinder Anne, Mary und George, war die Tochter des Herzogs von Norfolk und hatte damit einen höheren Rang als ihr Mann.8 Thomas Boleyn - englischer Botschafter bei Margarete von Österreich - schaffte es im Jahr 1513, die Unterbringung seiner Töchter Anne und Mary als Hofdamen der Statthalterin der spanischen Niederlande in Mechelen zu veranlassen. 1515 wechselten Anne und Mary Boleyn an den Hof des französischen Königs.9 Während ihres Aufenthalts in Frankreich lernte Anne fließend Französisch zu sprechen und entwickelte ihren Sinn für Mode, Dichtung und Musik Frankreichs.10 Anne Boleyn kam im folgenden Jahr - wie ihre Schwester - an den Hof des englischen Königs. Bei einem Maskenball im März 1522 fiel Anne Boleyn durch ihre Eleganz, Selbstsicherheit und Schlagfertigkeit auf.11 Besonders aufsehenerregend und bemerkenswert war Anne Boleyns religiöse Lebenseinstellung. Das erste zeitgenössische Anzeichen für ihre religiöse Position war ihre Bindung zu bekannten Reformatoren.12 1525 trennte sich Heinrich VIII. von Mary Carey und verliebte sich in Marys Schwester Anne Boleyn.13 Siebzehn Liebesbriefe, die er ihr 1528 schrieb, sind bis zum heutigen Tage erhalten geblieben.14 Bemerkenswert war Anne Boleyns individuelle Weltanschauung und ihre Hartnäckigkeit gegenüber Heinrich VIII., die sie immer wieder bewies, als sie ihm nicht genügend Aufmerksamkeit schenkte wie dieser ihr.15 Von den sexuellen Gefälligkeiten Heinrichs VIII. hielt sie stets Abstand.16 Annes Interesse an Heinrich war stark von seiner Zustimmung, sie zur Königin zu nehmen, abhängig.17 Im Jahr 1527 treibt Heinrich die Annullierung der Ehe mit Katharina von Aragon voran, wonach er beabsichtigte Anne zu heiraten. 1503 hatte sich Heinrich VIII. von Papst Julius II. gesondert einen Dispens für seine Eheschließung mit Katharina von Aragon erteilen lassen, da es die Witwe seines Bruders Arthur war.18 Anschließend forderte er das päpstliche Plazet für die Trennung.19 Trotz der Weigerung Anne Boleyns, die Mätresse des Königs Heinrich VIII. zu werden, ließ er Annes Vater zum Viscount Rochford erheben und zog sie bei Hoffesten vor.20 Mit Katharina von Aragon zeigte sich der König nur bei wichtigen, offiziellen Anlässen. Zu einem Treffen mit dem französischen König Franz I. im Oktober 1532 hatte er nicht seine Ehefrau mitgenommen, sondern Anne Boleyn, die er damals kürzlich zuvor zur „Marchioness of Pembroke“ erhoben hatte. Im Jahr 1532 wurde Anne von Heinrich schwanger.21 Um den Ruf des ungeborenen Kindes als Bastard zu verhindern, traute sich König Heinrich VIII. am 25. Januar 1533 in einer Kapelle nahe des Greenwich-Palastes mit Anne Boleyn.22 Thomas Cranmer, der zum Erzbischof von Canterbury geweiht wurde, erklärte zunächst Heinrichs Ehe mit Anne Boleyn am 28. Mai 1533 für gültig.23 Als der Papst den Kirchenfürsten folglich 1534 mit dem Bann belegte, trennte sich der englische Monarch von der römisch-katholischen Kirche.24 Der König ließ sich am 3. November 1534 vom Parlament zum Oberhaupt der von Rom unabhängigen Kirche Englands erklären.25 Am 23. Mai 1533 wurde auf Wunsch die Ehe von Heinrich VIII. und Katharina von Aragon annulliert.26 Am 1. Juni 1533 wurde Anne Boleyn zur Königin gekrönt und gesalbt.27 Drei Monate später, am 7. September 1533, gebar sie ihm eine Tochter: Elizabeth.28 Da sich Heinrich VIII. einen männlichen Thronfolger erhofft hatte, nahm der König nicht an der Taufe des Kindes teil.29 Nach einer Fehlgeburt wandte sich Heinrich VIII. enttäuscht von Anne Boleyn ab und gleichzeitig deren Hofdame Jane Seymour zu.30 Am 2. Mai 1536 ließ er Anne Boleyn wegen mehrfachen Ehebruchs und Inzests mit ihrem Bruder anklagen und verhaften.31 Am 19. Mai 1536 wurde Anne Boleyn vor dem Tower of London hingerichtet.32

Diese Beschreibung des Zeitraums von 1500 bis 1536 sollten als eine Übersicht des historischen Kontexts dienen. Die Arbeit legt besonderen Fokus auf folgender Literatur: “Heinrich VIII. von England in Augenzeugenberichten“ und ausgewählte Liebesbriefe, die Heinrich für Anne Boleyn verfasste. Die Bearbeitung und Interpretation dieser Werke werden den Hauptteil meiner Hausarbeit einnehmen, da diese sich besonders dafür eignen, sich speziell mit der anfangs dargestellten Fragestellung zu beschäftigen und vor allem gezielte Antworten auf die Fragestellung zu liefern.

Das Werk „Heinrich VIII. von England in Augenzeugenberichten“ eignet sich besonders gut für die Auseinandersetzung mit der ausgewählten Fragestellung, da diese den Lesern einen chronologischen, historischen Ablauf über das Leben und das Wirken des Königs Heinrich VIII. bietet. Zudem enthält das Werk Dokumente, Berichte und Briefe aus Heinrichs unmittelbarer Umgebung, welche die Kredibilität und Reliabilität des Werks erhöhen. Einen besonderen Charakter erhält die Literatur dadurch, dass sie Äußerungen und Eindrücke von zeitgenössischen Augenzeugenberichten beinhaltet. Diese sind Botschafter am Hofe Heinrichs VIII., Kirchenvertreter, Diplomaten, Diener, Angehörige des Hofes und Heinrich VIII. Aus diesem Grund gilt diese Literatur sowohl als zitierfähig als auch als eine am damaligen Geschehen nah gebundene Sekundärquelle. Die Leser dieser Quelle sind jene, die sich über das detaillierte Leben des Königs Heinrich VIII. informieren möchten.

Die Hauptquelle dieser Arbeit sind die Liebesbriefe Heinrichs VIII., die ebenfalls in der zuvor genannten Literatur zu finden sind. Diese stellen eine unmittelbare Nähe zu seiner Gefühlswelt her und ermöglichen somit einen intensiven Einblick in seine Beziehung mit Anne Boleyn. Die Liebesbriefe wurden lediglich für Anne Boleyn verfasst und gelten daher als Überrest, da diese lediglich für die Gegenwart des Königs und Anne Boleyn bestimmt waren. Allerdings bieten diese einen speziellen Mehrwert für die Leser, die in die Gefühlswelt Heinrichs eintauchen möchten und etwas mehr über seinen Charakter erfahren möchten. Die Briefe vermitteln dem Leser das Gefühl, nah dran am Geschehen zu sein.

2 Anne Boleyn – Ihre französisch geprägte Bildung und ihr Aussehen

Ziemlich früh wurde sie von England für ihre „Bildung“ und zur Vollendung ihrer Person zu einer „Dame“ nach Frankreich geschickt.33 Im Jahr 1515 kam Anne als Dienerin an den Hof der Königin Claude von Frankreich. Der französische Hof stellte sich als der optimale Ort heraus, an dem sie sich neue Fähigkeiten aneignen konnte.34 Der Aufenthalt hatte auf Anne einen bedeutenden Einfluss, der ihren Kleidungsstil veränderte, ihre tänzerischen und musikalischen Fähigkeiten erweiterte und ihre Französischkenntnisse verbesserte.1522 kam sie wieder zurück nach England „voll[er] Zucht und Anmut“ und wurde „Ehrendame der Königin“.35 Sie sei von kleiner Statur mit dünnem Hals gewesen und habe sehr auffallende „schöne schwarze Augen“ und „langes braunes Haar“ gehabt.36 Zudem zeichne sie sich durch „Geist“ sowie „Temperament“ aus.37 Ein Gedicht von Lancelot de Carles über Anne Boleyn beschreibt sie als eine eher „französisch“ geprägte Frau, die gute Tanz -und Gesangsfähigkeiten besitzt und ein gutes Sprachgefühl und Ausdrucksvermögen besitzt.38 Besonders aufsehenerregend waren ihr Talent dafür, Worte in bestimmten Situationen richtig einzusetzen, sodass diese für sich gewinnbringend auswirkten.39 Ihre Augen werden als sehr anziehend, signifikant und „liebenswert“ beschrieben.40 Ihre Blicke haben nach Lancelot de Carles sie ihr dazu verholfen, Heinrich VIII. für sich zu gewinnen und sie zu „hohen Orten“, also zu einem höheren sozialen Status und gesellschaftlichen Aufstieg zu bringen.41 Dem König seien besonders ihre Lebhaftigkeit und ihre Heiterkeit positiv aufgefallen.42 Auch ihre Kenntnisse in der französischen Sprache haben sie zu einer außergewöhnlichen und beträchtlichen Stellung in der Gesellschaft und auf dem Königshof zu der Zeit verholfen.43 Dies stellte sie in das Rampenlicht und verlieh ihr eine besondere Stellung.44 Ihr Aussehen sei ein grundlegender Faktor dafür gewesen, dass Heinrich VIII. rasch eine große, leidenschaftliche Liebe für sie entwickelte, denn ihre „schönen Augen, ihre langen, mit Edelsteinen durchgeflochtenem Haar“ sowie „ihre pikante Koketterie“ erweckten mehr und mehr Interesse in Heinrich VIII und zogen ihn stark an.45 Dies lässt sich auch unter anderem in seinen zugeneigten Handlungen zur Familie Anne Boleyns erkennen, wie z.B. das Verhelfen der bürgerlichen Familie „mit Ehren und Ämtern“ zu einem höheren sozialen Status.46 Annes Vater, Thomas Boleyn, wird beispielsweise unter Heinrich „Schatzmeister“ des Königshauses.47 Zudem wird dieser trotz seines bürgerlichen Entstammens „Pair des Königreiches“.48 Unter Beachtung der damaligen Gesellschaftsordnung und Hierarchie in England kann der soziale Aufstieg der Boleyn-Familie als besonders bemerkenswert und einzigartig bezeichnet werden. Nicht nur Annes Präsenz und Bildung, sondern auch ihre reformatorisch geprägte Einstellung hat in der Gesellschaft für enormen Gesprächsstoff gesorgt und war in der damaligen Zeit untypisch in Bezug auf die Rolle der Frau.49

2.1 Anne und ihr reformatorischer Geist

Sehr auffällig war neben ihrem Aussehen ihr reformatorischer Charakter. Anne gilt als Auslöser für die Verbreitung des „Luthertum[s] in England“. Zudem war Anne die eigentliche Zielscheibe eines „Verbrechens“, dessen Kläger mehrere Jahre anstelle von ihr im Gefängnis für den verbotenen Besitz von religiösen Büchern verbrachte.50 Im Jahr 1534 beteiligte sich Anne an der Wiederherstellung des Vermögens von wichtigen Befürwortern und finanziellen Sponsoren des neuen Testaments von Tyndale, was die Übersetzung der Bibel ins Englische in Gang setzen sollte.51 Zudem sei ihr Kontakt und ihre Zusammenarbeit mit dem protestantischen Reformator und Parlament-Mitglied Richard Tracey sehr offensichtlich gewesen, was ein deutliches Indiz dafür ist, dass Anne das protestantische Gedankengut aktiv in England zu verbreiten versuchte.52 Auch klagte Anne Thomas Patmore an, dessen Ketzerei die Infragestellung des Zölibats beinhaltete.53 Diese Ereignisse verdeutlichen, dass Anne einen großen reformatorischen Enthusiasmus besaß und sich nicht von ihrem lutheranischem Glauben abbringen ließ. Wichtig ist hierbei noch zu betonen, dass Anne eine aktive Rolle in der Durchsetzung des Luthertums gespielt hat und einen Drang besaß, ihre Ideen der Welt mitzuteilen. Ihr reformatorischer Geist wird durch die zuvor genannten Ereignisse in ganz Europa bekannt. Anne wollte etwas Grundlegendes verändern: Das Luthertum durchsetzen.54

Um ihre Ideen noch intensiver der Welt näher zu bringen und das Luthertum durchzusetzen, benötigte Anne eine höhere soziale Stellung. Diese kam mit dem großem Glück, als Heinrich sich in sie verliebt und von ihr erwartet, seine Liebe zu erwidern. Es gelingt ihr schlussendlich, Heinrichs Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und ihn für sich zu gewinnen. Allerdings muss an dieser Stelle die Rolle der Frau in der Tudor-Zeit betont werden, da es nahezu unmöglich war, als Frau eine höhere soziale Position in der Gesellschaft zu erreichen. Das folgende Kapitel soll verdeutlichen, welch ein hohes Durchsetzungsvermögen Anne gehabt haben musste, um in der Gesellschaft aufzusteigen.

3 Die traditionellen Vorstellungen der Gesellschaft bezüglich der Geschlechterrollen im 16. Jahrhundertund weitere Einflüsse Anne Boelyns

Im engen Zusammenhang mit Annes reformatorischem Enthusiasmus soll an dieser Stelle auch die Zeit des 16. Jahrhunderts im Hinblick auf die Analyse Anne Boleyns herangezogen werden. Zu diesen Zeiten war die Gleichberechtigung von Männern und Frauen in der Bevölkerung Englands völlig fremd. Die feministische Bewegung und die Gleichberechtigung von Frauen etablierte sich allmählich erst in den 1850ern.55 Die einflussreiche amerikanische Feministenbewegung (“The Women´s movement“) entwickelte sich erst nahezu hundert Jahre später.56 Während der moderne Feminismus als eine Wertschätzung und als einen Glauben an der sozialen, ökonomischen und politischen Gleichberechtigung von beiden Geschlechtern verstanden werden kann, ist es schwierig den Feminismus vor der Existenz dieser Definition und der Einführung der ersten „Welle“ der Frauenbewegung einzusetzen.57 Auch kann der Begriff aus diesem Grund keine Verwendung für das Plädieren der Frauenrechte finden.58 Aus diesem Grunde entwickelte die Geschichtswissenschaft den Begriff des „Proto-Feminismus“, das sich auf die Zeit vor der offiziellen Frauenbewegung bezieht und das Antizipieren dieser Bewegung meint, ohne jedoch aktiver und eindeutiger Teilnehmer der Feminismusbewegung zu sein.59

In der Zeit des Protestantismus begann sich allmählich die Definition der Frauenrolle zu wandeln.60 Obwohl diese Zeit keine strukturierte feministische Kampagne verzeichnen kann, unterstützten die Individuen die Frauenrechte mit ihren Handlungen und ihren Worten. Auch setzten sie sich vermehrt gegen limitierende Geschlechtervorstellung innerhalb der Gesellschaft ein.61

Das 16. Jahrhundert war von zahlreichen Unruhen und Veränderungen bezüglich der Rollenvorstellungen von Männern und Frauen geprägt.62 Die traditionellen Vorstellungen der Gesellschaft von der Stellung einer Frau blieben jedoch erhalten.63 So waren die Männer zu dieser Zeit das stark dominierende Geschlecht. Vom weiblichen Geschlecht wurden insbesondere Unterwürfigkeit und Gehorsamkeit erwartet.64 Da zu der Zeit das weibliche Geschlecht als das „Schwächere“ im Hinblick auf die körperliche Stärke und Ausdauer in der Gesellschaft angesehen wurde, etablierte sich der Gedanke, dass sie demzufolge Schutz und Fürsorge von der Seite der Männer benötigten.65 Frauen hatten wenige Möglichkeiten ihr Leben nach ihren Wünschen zu gestalten.66 Beispielsweise wurden Ehen arrangiert und Bildung verboten. Zudem war eine Karriere ebenfalls nicht möglich. Frauen agierten lediglich als Hausfrauen.67 Zudem stand es Frauen nicht zu, Familientitel und Geldsummen zu erben, was einen Besitzergriff über die Familie oder dem Ehemann ausgelöst hätte.68 Dies hatte zur Folge, dass die Frauen nicht ihre Meinung äußern sowie ihre Wünsche und Belange aussprechen konnten.69 Die Frauen waren zudem aufgrund der eingeschränkten sozialen Position nicht in der Lage, ihre individuellen Kräfte zum Ausdruck zu bringen und der Außenwelt davon teilhaben zu lassen.70 Auf diese Art geriet auch die intellektuelle Fähigkeit der Frau in den Hintergrund und erfuhr keine Anerkennung und Wertschätzung in der Bevölkerung.71 Ihre Talente und Fähigkeiten wurden unterdrückt. Die Gesellschaft schrieb ihnen von Anfang an vor, welchen Weg die Frauen zu gehen hatten. Auch wurde der Grundbaustein dafür gelegt, dass die Frau später eine gute Hausfrau wurde und sich um den Mann sorgen sowie den Haushalt führen konnte.72

Werden die gewöhnlichen Standards sowie die gesellschaftlichen Normen und Werte des 16. Jahrhunderts genauer unter die Lupe genommen, ist deutlich zu erkennen, dass Anne Boleyn auf ihrem Lebensweg aus der Sicht der Bevölkerung diese Limitationen deutlich überschreitet und viele Schritte wagte, die die Zeit, in der sie lebte, ihr nicht erlaubte. Ihr bewusster und deutlicher Widerstand lässt sich aus ihren Verhaltensmustern und aus ihren Handlungen entnehmen. Sie ist nicht nur – für die damalige Zeit sehr untypisch als Frau – gebildet, was besonders aus den Interaktionen mit Heinrich hervorgeht. Auch besteht sie hartnäckig auf die Eheschließung mit Heinrich, drängt ihn zu dieser und handelt dabei sehr zielgerichtet.73 An dieser Handlung lässt sich deutlich erkennen, dass sie eine sehr rational und zielgerichtet denkende und weniger eine an Emotionen und Gefühlen gebundene Frau war.74 Um nicht – wie ihre Schwester Mary Boley - als Mätresse Heinrichs zu enden, machte sie sich ihre enorme Überzeugungskraft zu Nutze und wurde zur Ehefrau Heinrichs und schaffte es gleichzeitig mit ihrer Ernennung zur Königin an die Spitze Englands.75 Einerseits wollte Anne mit hoher Wahrscheinlichkeit den schlechten Ruf, die eine Mätresse mit sich bringt, vermeiden. Andererseits war sie eine Frau, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen wollte, nichts dem Zufall überließ und eine gewisse Unabhängigkeit anstrebte. An ihren Handlungen ist deutlich zu erkennen, dass sie die meiste Zeit ihres Lebens den gesellschaftlichen Standards und den sozialen Normen der damaligen Zeit trotzte und sich diesen nicht anpasste.76 Ihr Leben nahm ein unglückliches Ende als sie des Hochverrats, Ehebruchs und Inzests beschuldigt und anschließend hingerichtet wurde.77 Die Anklagen bestritt Anne sehr deutlich vor ihrer Hinrichtung und teilte mit, dass diese Anschuldigungen unbegründet seien.78 Heinrichs Entscheidung, sie hinzurichten, anstatt sich von ihr zu trennen und die Scheidung zu veranlassen, zeigt seine Angst darüber, dass sie immer noch Kontrolle über ihn zu jenem Zeitpunkt gehabt haben könnte und in der Zukunft hätte haben können.79

[...]


1 Vgl. Ives, E. W.: Ann Boleyn and the early reformation in England: the contemporary evidence, S. 392.

2 Vgl. Dunn, Wendy: Revising Anne Boleyn: Why does the story of Anne Boleyn draw so many women writers across the threshold into the realm of imagination?, S. 2.

3 Vgl. Jacobs, Eberhard: Heinrich VIII. von England in Augenzeugenberichten, S. 107.

4 Vgl. Fisher, Herbert A.L.: The history of England. From the accession of Henry VII. to the death of Henry VIII., S. 267.

5 Vgl. Ebd.

6 Vgl. Warnicke, Retha M.: Anne Boleyn's Childhood and Adolescence, S. 939.

7 Vgl. Fisher, Herbert A.L.: The history of England. From the accession of Henry VII. to the death of Henry VIII., S. 267.

8 Vgl. Ebd.

9 Vgl. Ebd.

10 Vgl. Warnicke, Retha M.: Anne Boleyn’s Childhood and Adolescence, S. 946.

11 Vgl. Ebd.

12 Vgl. Ives, E.W.: Anne Boleyn and the Early Reformation in England: The Contemporary Evidence, S. 390.

13 Vgl. Fisher, Herbert A.L.: The history of England. From the accession of Henry VII. to the death of Henry VIII., S. 268.

14 Vgl. Grayeff, Felix: Heinrich der Achte. Das Leben eines Königs – Schicksal eines Reiches, S. 117.

15 Vgl. Ebd.

16 Vgl. Ebd.

17 Vgl. Mackie, J.D.: The earlier Tudors 1485-1558, S. 323ff.

18 Vgl. Fisher, Herbert A.L.: The history of England. From the accession of Henry VII. to the death of Henry VIII., S. 272.

19 Vgl. Ebd.

20 Vgl. Ebd.

21 Vgl. Ebd.

22 Vgl. Ebd.

23 Vgl. Doran, Susan: Queen Elizabeth I., S. 8.

24 Vgl. Ebd.

25 Vgl. Ebd.

26 Vgl. Ebd.

27 Vgl. Ebd.

28 Vgl. Ebd.

29 Vgl. Ebd.

30 Vgl. Mackie, J.D.: The earlier Tudors 1485-1558, S. 379.

31 Vgl. Ebd.

32 Vgl. Ebd.

33 Vgl. Jacobs, Eberhard; Vitray, Eva de: Heinrich VIII. von England in Augenzeugenberichten, S. 107.

34 Vgl. Ebd.

35 Vgl. Ebd.

36 Vgl. Ebd.

37 Vgl. Ebd.

38 Vgl. Ebd.

39 Vgl. Jacobs, Eberhard; Vitray, Eva de: Heinrich VIII. von England in Augenzeugenberichten, S.106.

40 Vgl. Ebd.

41 Vgl. Jacobs, Eberhard; Vitray, Eva de: Heinrich VIII. von England in Augenzeugenberichten, S.107.

42 Vgl. Ebd.

43 Vgl. Ebd

44 Vgl. Ebd.

45 Vgl. Ives, E.W.: Anne and the early reformation in England, S. 391.

46 Vgl. Ebd.

47 Vgl. Ebd.

48 Vgl. Ebd.

49 Vgl. Ebd.

50 Vgl. Ebd.

51 Vgl. Ebd.

52 Vgl. Ebd.

53 Vgl. Ebd.

54 Vgl. Ebd.

55 Vgl. Abrams, Cynthia L.: The Role and Influence of Anne Boleyn, S. 1.

56 Vgl. Ebd.

57 Vgl. Ebd.

58 Vgl. Ebd.

59 Vgl. Ebd.

60 Vgl. Abrams, Cynthia L.: The Role and Influence of Anne Boleyn, S. 2.

61 Vgl. Ebd.

62 Vgl. Ebd.

63 Vgl. Ebd.

64 Vgl. Ebd.

65 Vgl. Ebd.

66 Vgl. Ebd.

67 Vgl. Ebd.

68 Vgl. Ebd.

69 Vgl. Ebd.

70 Vgl. Ebd.

71 Vgl. Ebd.

72 Vgl. Abrams, Cynthia L.: The Role and Influence of Anne Boleyn, S. 3.

73 Vgl. Ebd.

74 Vgl. Ebd.

75 Vgl. Ebd.

76 Vgl. Ebd.

77 Vgl. Ebd.

78 Vgl. Ebd.

79 Vgl. Ebd.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Anne Boleyn und ihr Einfluss auf die Entscheidungen und Handlungen von Heinrich VIII.
Autor
Jahr
2019
Seiten
22
Katalognummer
V502314
ISBN (eBook)
9783346042873
ISBN (Buch)
9783346042880
Sprache
Deutsch
Schlagworte
anne, boleyn, einfluss, entscheidungen, handlungen, heinrich, viii
Arbeit zitieren
Joana Lima (Autor), 2019, Anne Boleyn und ihr Einfluss auf die Entscheidungen und Handlungen von Heinrich VIII., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502314

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