Die historische Veränderung von Obstgärten in Deutschland

Schutz und Pflege der heutigen Streuobstwiese


Hausarbeit, 2019
14 Seiten, Note: 1,7

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Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichte der Obstgärten
2.1 Bandkeramiker ~4500 v.Chr.
2.2 Antike ~3000 v.Chr.
2.3 Mittelalterliche Städte und „Capitulare de villis“ ~500. bis 800. Jh.
2.3.1 Frühstädtische Zentren und Handelsplätze des Typs Haithabu 9. bis 12.Jh.
2.3.2 Vollentwickelte hochmittelalterliche Städte des Typs Lübeck (~13.Jh.) und spätmittelalterliche Großstädte des Typs Nürnberg
2.4 Neuzeit ~15.-17.Jh.
2.5 18. Jh. – Heute

3. Heutige Streuobstwiesen
3.1 Gesetzlicher Schutz
3.2 Pflege und Schutz

4. Zusammenfassung

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 2 Ein- und Ausfuhr von Tafeläpfeln nach/ aus Deutschland (2014-2018 in Mio. Euro) BMEL

Abbildung 3 Wertheim 1648 (Kupferstich von Merian)."Obstbäume stehen hauptsächlich in umzäunten Gärten, z.T. zusammen mit Rebstöcken (Haas & Treter 1988/89: 276)

Abbildung 4 U-Form Palmette und senkrechter einfacher Cordon aus Der Fruchtgarten 1894: 4

Abbildung 5 Pressenotiz aus der "Wetzlarer Zeitung" 29.10.1987 (Stranz 1988)

Abbildung 6 Vorschlag für eine gute Verteilung des Alters von Bäumen in einer Streuobstwiese (WEITZEL 1988: 113)

1. Einleitung

Wer heute seinen Appetit auf Obst stillen möchte, sucht für gewöhnlich in seinem heimischen Supermarkt. Dort findet man das Lieblingsobst der Deutschen, den Apfel. Dieser ist laut des Bundesamtes für Ernährung und Landwirtschaft 2015/2016 die meist gegessene Obstsorte in Deutschland mit durchschnittlich 19,1 Kg/ Kopf. Auf Platz zwei stehen Bananen mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Verbrauch von 11,7 Kg. Wer regionales Obst sucht, wird in vielen Läden nicht fündig. Häufig kommt das Supermarktobst aus entfernten Ländern wie Italien oder Frankreich, aber auch aus Übersee z.B. Chile oder Südafrika. So kann ein Apfel mittlerweile Strecken zurücklegen, die man eher bei den zweitplatzierten Bananen oder tropischen Früchten erwartet. Am Beispiel des Apfels ist kein Rückgang der Importe in Sicht. Ein Anstieg der Apfelimporte hingegen ist zu erkennen (s. Abb. 2), und dies, obwohl Deutschland ein potentielles Anbaugebiet darstellt. Letzteres kann man anhand der kulturhistorischen Entwicklung von Obstgärten in Deutschland belegen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Ein- und Ausfuhr von Tafeläpfeln nach/ aus Deutschland (2014-2018 in Mio. Euro) BMEL 2019

2. Geschichte der Obstgärten

In Zeiten ohne Supermarkt war man für seine Selbstversorgung zuständig. Nahezu jeder hatte Obstgehölze in seinem Garten beziehungsweise auf seinem Hof stehen. Diese Obst- oder auch Baumgärten zeichneten sich durch eine extensive Bewirtschaftung aus. Wie auf dem Titelbild von Camille Pissarro (1899) zu erkennen, wurden auch häufig Nutztiere zwischen den hochstämmigen Bäumen gehalten. Ebenso lässt das Bild erahnen, dass unterschiedliche Altersstrukturen vorherrschen. Heutzutage sind solche Anbaumethoden vom Intensivobstbau abgelöst worden. Jedoch wird versucht, diese altertümlichen Streuobstwiesen auf Grund ihrer hohen Biodiversität und ihrer kulturhistorischen Aspekte zu schützen. Im Folgendem wird auf die historischen Nutzungen dieser Wiesen und Gärten eingegangen und wie sich die Obstgartenkultur im Laufe der Zeit verändert hat.

2.1 Bandkeramiker ~4500 v.Chr.

Mit dem Rückzug der letzten Eiszeit vor rund zehntausend Jahren kamen die erste Obstgehölze nach Deutschland. Mit der Sesshaftigkeit des Menschen fanden auch die ersten Gehölze, meist Holzapfel und Holzbirne, ihren Nutzen. So stammt der älteste Fund eines Apfels aus einer Bandkeramikersiedlung bei Heilbronn und ist circa 6000 Jahre alt (Balling 2009: 13). Auch Süßkirschen, Pflaumen und Walnüsse wurden bereits genutzt. Bei allen Gehölzen handelte es sich durchweg um Wildformen, „deren Ursprung in Südrußland und Vorderasien (Apfel und Birne) oder im asiatischen Orient (Pflaume) gesehen wird (Rüblinger 1988: 1, nach Bertsch 1949).“

Entgegen der früheren Annahme eines Wanderfeldbaus, ist heutzutage die Bewirtschaftung einzelner gartenähnlicher Strukturen durch die Bandkeramiker gesichert. Auch sammelten sie Früchte der wohlschmeckenderen Wildsorten. Die Samen der Äpfel wurden unteranderem von den Siedlern mitgegessen und in der Nähe wieder ausgeschieden. Ebenso wurden Essensreste um die Behausungen verstreut, sodass Samen und Kerne vor Ort keimen konnten.

Zum Bau ihrer Behausungen und als Grundlage für Energie in Form von Feuer war Holz ein essentieller Rohstoff. Anzunehmen ist, dass die Siedler beim Holzeinschlag wohlschmeckende Obstgehölze verschont haben und diese durch die sinkende Konkurrenz stärker wachsen konnte. So führten die menschlichen Aktivitäten zu einer unbewussten Selektion und zu den vielleicht ersten Ansätzen einer Kultivierung (Rüblinger 1988: 1, nach Bertsch 1949).

2.2 Antike ~3000 v.Chr.

Bereits im antiken Griechenland wurden kleinere Nutzgärten mit unteranderem Äpfeln, Feigen, Oliven und Weinreben angelegt. Zudem wurden ganze Baumhaine meist in der Nähe von heiligen Quellen, Sportanlagen und öffentlichen Versammlungsorten gepflanzt. Diese gelten als frühe Lustgärten, in denen debattiert, gewandelt und gedacht wurde.

Im alten Rom rückte die Ernährung, neben dem Aspekt der Zierde, weiter in den Mittelpunkt (Pieper: Nabu online). „[Die] Römer (und Griechen) importierten Obst und Kulturpflanzen und betrieben deren Anbau in der Nähe ihrer Siedlungen (Rüblinger 1988: 1, nach Bertsch 1949).“ Auch sammelten sie das Wissen der Perser und Griechen, um die generative Vermehrung (pfropfen) der häufig sterilen Sorten. So konnten sie aus zwei Pflanzen ein Exemplar mit gewünschter Eigenschaft ziehen (Klock 2015: 8-9). Laut Balling 2009: 14 (nach Grill/Keppel) sind aus dieser Zeit bereits 36 Apfel- und 60 Birnensorten bekannt. Neben der Veredlung war auch bekannt, wie man das Obst zu ernten, zu lagern und zu verarbeiten hat. Dass die Antike sehr prägend für die Pomologie war, erkennt man unteranderem daran, dass viele Vokabeln ihren Ursprung im Lateinischen finden, wie z.B. das eben erwähnte pfropfen = propagare. Aber auch bei einzelnen Früchten ist dies auffällig: Nuss = Nux, Pfirsich = (malum) persicum, Zitrone = (malum) citreum.

2.3 Mittelalterliche Städte und „Capitulare de villis“ ~500. bis 800. Jh.

Das pomologische Wissen zog mit Hilfe der römischen Eroberungen auch in Deutschland ein, wo die Germanen bis dato ausschließlich Ackerbau und Viehzucht betrieben. Dort angekommen, ließen die ersten Mönche die antike Kunst des Gartenbaus aufleben. Jedoch galt dies zunächst als Privileg der weltlichen und kirchlichen Herrscher (Hartmann & Fritz 2008: 7-17 & Konold 2017: 25-26). Ein Umdenken fand 793 n.Chr. mit der „capitulare de villis“ Karls des Großen statt. Dies war eine Zusammenstellung von Anweisungen an die Verwalter seiner Königshöfe. Auf ihr wurden unteranderem 89 Pflanzen vermerkt, die seine Untertanen in ihren Gärten und entlang von Wegen und Feldern zu pflanzen hatten. Hiermit reagierte er unteranderem auf eine vorherrschende Hungersnot. Zudem sicherte er damit die Verpflegung während seiner Regierungsreisen. Neben Kräutern und Gemüse wurden in der „capitulare de villis“ auch Obstgehölze und Nussbäume genannt, wie zum Beispiel Äpfel (malorum), Birnen verschiedener Sorten (pirarios diversii generis) oder Walnüsse (nucarios) (Meurers-Balke et al. 2008: 50-51 & Konold 2017: 49-52). Hierbei erwies sich der (Obst-) Garten nicht als Bestandteil der Flur, sondern ist eher als Zubehör des bäuerlichen Hauses oder Wirtschaftshofes zu verstehen (Janssen 1985: 237). Die Nähe zu den Gebäuden wurde von den Klöstern übernommen und ist nahezu charakteristisch für das gesamte Mittelalter. Auf den freien Feldfluren hingegen finden sich meist nur vereinzelt Wildapfel- und Birnenbäume. Dies kann man unter anderem an einem Kupferstich aus Wertheim erkennen (s. Abb. 3) (Haas & Treter 1988/89: 275 nach Rommel 1924). Die später folgende mittelalterliche Gartenkultur der Städter wird nach Janssen 1985: 237 in drei weitere Epochen gegliedert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Wertheim 1648 (Kupferstich von Merian)."Obstbäume stehen hauptsächlich in umzäunten Gärten, z.T. zusammen mit Rebstöcken (Haas & Treter 1988/89: 276).

2.3.1 Frühstädtische Zentren und Handelsplätze des Typs Haithabu 9. bis 12.Jh.

Innerhalb des Halbkreiswalles der frühstädtischen Stadt Haithabu gab es noch keine ausgeprägte Gartenbaukultur. Eine Kultivierung im Feldbau ist für nachgewiesene Kulturpflanzen (z.B. Himbeere, Apfel, Süßkirsche, Pflaume) jedoch nicht ausgeschlossen. Ein Indiz hierfür ist der Austausch von Pflaumensorten von Haithabu und Schleswig. Diese Pflanzen wiesen den Einfluss einer Veredelung, vermutlich durch das Pfropfen, deutlich auf. Zu erklären ist dies mit dem Aufkommen der Klöster in Schleswig (Janssen 1985: 237 nach Behre 1978/1983).

2.3.2 Vollentwickelte hochmittelalterliche Städte des Typs Lübeck (~13.Jh.) und spätmittelalterliche Großstädte des Typs Nürnberg

„Im hohen und spät Mittelalter tritt die Bedeutung der innerstädtischen Gärten für die Versorgung der städtischen Bevölkerung immer deutlicher in Erscheinung.“ Unter anderem wurden dort Äpfel, Birnen und Walnüsse angebaut. Für Handelsstädte mit weitreichenden Wirtschaftsbeziehungen wie z.B. Lübeck, Hamburg oder Nürnberg wird zu dem ein Zustrom pflanzlicher Erzeugnisse, sowohl aus dem Umland als auch aus den Handelsgebieten vorausgesetzt. So kommt es zu einer sogenannten „Vergartung“ dieser Städte. Charakteristisch hierfür ist ein breiter, umgebender Gürtel von Obst- und Gemüsekulturen, auf den die Bewohner ausweichen mussten, um den städtischen Platzmangel zu umgehen. Dabei erreicht der Obstanbau erstmals die Form großmaßstäblicher Sonderkulturen, was für die Versorgung der Städter unentbehrlich war (Janssen 1985: 239 nach Abel1967 & Irsigler 1982).

Um die Versorgung effizienter zu gestalten, geht man davon aus, dass sich die ringförmigen Gürtel um die Städte unterschiedlich zoniert haben. Diese Zonen waren nach der Verderblichkeit der produzierten Waren ausgerichtet. In der engsten Zone wurden schnell verderbliche Waren wie Milch hergestellt. Im mittleren Gürtel kam der Obst- und Gemüseanbau hinzu. Die äußerste Zone lieferte Produkte, die einen längeren Transportweg per Schiff, Fuhrwerk oder Viehtrieb überstanden. „Das waren vor allem Getreide, Fleisch und gewerbliche Rohstoffe wie etwa Holz, Faser- und Färbepflanzen (Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte online).“

2.4 Neuzeit ~15.-17.Jh.

In der Renaissance und der beginnenden Neuzeit fingen die Obrigkeiten an, den Obstbau zu fördern. Neben Verordnungen gegen Baumfrevel, mussten die Bürger auch aktiv mitarbeiten. So wurden Bürgerrechte nur verliehen, wenn bestimmte Pflanzungen erfüllt wurden. Es gab zum Beispiel Ehestands-Baumgesetze oder Pflanzgebote für Zuziehende, die Pflanzungen an Wegen, Straßen oder auf Allmendeflächen anwiesen. Außerdem war vorgesehen, dass die Bäume nicht nur gepflanzt, sondern auch gepflegt werden mussten (Balling 2009: 26).

Beeinflusst wurde diese Zeit stark durch die Moden und Trends in Frankreich, insbesondere Versailles. So wundert es auch nicht, dass sich die Gartenkultur Deutschlands an der Frankreichs orientierte. Zu Zeiten der Renaissance legte man Wert auf regelmäßig angeordnete Baumpflanzungen. Zudem wurde Spalier- und Zwergobst erfunden, welche im Barock perfektioniert wurden (vgl. Abb. 4).

Auch die Fürsten des Barocks strebten weiterhin nach dem Vorbild Versailles. Circa hundert Jahre lang galt ein Buch des dortigen Leiters des Küchengartens als Maßstab. Neben dem kulinarischen Gebrauch von Obstbäumen wurden auch erstmals Zitrusfrüchte zur Parfumherstellung genutzt, was zu einer wahren „Zitrusmanie“ führte. Dies ging so weit, dass Zitrusgehölze auf Platz zwei der meist angebauten Obstgehölze wanderten; Birnen auf Platz eins. So soll Otto von Münchhausen (1768) berichtet haben, es gäbe über 300 Zitrussorten. Jedoch warnte Peter Joseph Lenné 30 Jahre zuvor vor Früchten, die keine eigenständigen Sorten seien (Wimmer et al. 2015: 180-182 & 221).

2.5 18. Jh. – Heute

Mit dem Verlust des Einflusses des Adels, verloren die Höfe auch ihre Vorbildfunktion. Außerdem wurde die Abhängigkeit vom eigenen Garten mit der stetigen Verkehrsverbesserung weniger. So kamen z.B. die Orangenhäuser aus der Mode, da man den Bedarf durch Importe decken konnte. Auch lockerten die Obrigkeiten das Reglement der Obstbauern, sodass die Obstkultur zunehmend in private Hände überging und die Bauern selbst über ihre Obstkulturen entscheiden durften. Dies hatte die Bepflanzung von wenig ertragreichen Flächen mit lukrativerem Obst zur Folge. Aus dieser Zeit stammen viele der heutigen Streuobstwiesen (Konold 2017 nach Heilmeyer 2004 & Wimmer 2003: 182 & Wimmer et al. 2015: 221).

Nicht nur Bauern legten Kulturen an. Wie aus Der Fruchtgarten 1894: 4-5 hervorgeht finden Obstgehölze ihren Weg auch in die heimischen Gärten; meist in Form des Spalier- und Zwergobstes, welches in der vorherigen Epoche dem Adel vorbehalten war (vgl. Abs. 2.4). Durch ihren reichen Ertrag und ihre leichte Pflege samt kleinem Platzbedarf kann auf den städtischen Raummangel reagiert werden. So können „Gärtner und Gartenfreunde“ mit unterschiedlichsten Spalierformen raumbeschränkte Haus- und Vorgärten, sowie Wände bepflanzen (vgl. Abb. 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4 U-Form Palmette und senkrechter einfacher Cordon aus Der Fruchtgarten 1894: 4

Abbildung 5 Pressenotiz aus der "Wetzlarer Zeitung" 29.10.1987 (STRANZ 1988)

„Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erreichte der Obstanbau in Deutschland seine größte Ausdehnung. Ganze Landschaften wurden von ihm geprägt [..]“ (Rüblinger 1988: 3). Vor allem in Regionen mit Kleinbetrieben und in den Realteilungsgebieten entwickelten sich viele Obstäcker und Obst-Weingärten mit Hochstämmen. Im Laufe der Industrialisierung und dem Anwachsen der Städte nahmen diese in der Landschaft stark zu und zahlreiche Regionalsorten bildeten sich, die ihren lokalen Gegebenheiten angepasst waren. Jedoch veränderte sich die Art der Ackerunterkultur, aufgrund der zunehmenden Technisierung, hin zu einer Grünlandnutzung mit Beweidung beziehungsweise ein- oder zweischüriger Mahd (Bayrische Landesanstalt für Landwirtschaft online & Rüblinger 1988: 2).

Deutliche Rückschläge für die Obstwiesen sind die (Nach-) Kriegszeiten des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Mit der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage und der zunehmenden Intensivierung und Technisierung der Landwirtschaft geht der Stellenwert und die Wirtschaftlichkeit des Streuobstes zurück. Obst aus Intensivkulturen setzt sich auf Grund seiner Optik durch (Rüblinger 1988: 2). Auch sind die Importe aus dem Ausland billiger, da dort der Obstanbau in Niederstammkulturen stattfindet. „Für Hoch- und Halbstämme ist kein Platz mehr“. Ab 1967 gelten zudem EWG-Qualitätsnormen. Ausschließlich Obst/ Waren, die diesem Standard entsprechen, dürfen auf den Markt gebracht werden. Ungefähr zeitgleich wurde zudem ein Fruchtüberschuss in Deutschland erwirtschaftet. Daraufhin wurde von den Bundesernährungsministerien eine Rodungsprämie beschlossen (s. Abb. 5). Circa 70% der Obstflächen wurden somit vernichtet und die Sortenvielfalt stark dezimiert (Landesbund für Vogelschutz in Bayern e. V. online). So bestand z.B. das Apfelangebot Ende der 80er Jahre aus fast ausschließlich drei Sorten (italienischem Golden Delicious, Cox Orange und Boskoop). Die heutige Europäische Union beschränkt sich hingegen auf Zehn Sorten, was trotzdem ein starker Rückgang für die Sortenvielfalt bedeutet (Balling 2009: 51).

3. Heutige Streuobstwiesen

Heutige Streuobstwiesen und -bestände wurden von dem Intensivobstbau verdrängt. Vielfach wurden sie im Rahmen von Flurbereinigungen geräumt und mussten den wachsenden Städten weichen. Dabei werten diese Obstgärten das Landschaftsbild auf und sind in den immer eintöniger werdenden Kulturlandschaften ein Ballungspunkt der Vielfalt. Durch ihre extensive Nutzung bieten sie einer Vielzahl an Tieren eine Lebensgrundlage, welche auf altertümliche Strukturen angewiesen sind. Darunter fallen z.B. die ein- bis zweischürige Mahd oder unterschiedliche Altersstrukturen der Bäume (vgl. Abb.4). Es wundert also nicht, dass Streuobstwiesen laut Naturschutzbund Deutschland e.V. (2017: online) mit 5000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten einer der artenreichsten Lebensräume Mitteleuropas sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 Vorschlag für eine gute Verteilung des Alters von Bäumen in einer Streuobstwiese (WEITZEL 1988: 113)

3.1 Gesetzlicher Schutz

„Bestimmte Teile von Natur und Landschaft, die eine besondere Bedeutung als Biotope haben, werden gesetzlich geschützt“, so lautet der allgemeine Grundsatz der gesetzlich geschützten Biotope (§30 BNatschG 2018). Diese besondere Bedeutung als Biotop kann man Streuobstwiesen nicht abstreiten. Einige Bundesländer haben deshalb Streuobstwiesen als gesetzlich schützenswertes Biotop festgelegt, wie am Beispiel des ThürNatG §18: „(1) Die folgenden Biotope werden, ohne dass im Einzelfall eine Rechtsverordnung erlassen werden muss, unter besonderen Schutz gestellt: 3. […] Staudenfluren trockenwarmer Standorte, […] und Streuobstwiesen;“ Die Regionen, die diesen Schutz gewähren sind meist jene mit historisch vielen Kleinbetrieben und dem Realerbteilungsrecht. Gelegen sind sie in Mittel- und größtenteils in Süddeutschland. Neben dem Biotop selbst, kann auch der Unterwuchs z.B. Trocken- oder Magerrasen geschützt sein (NatSchAG M-V 2019: 35). Dadurch besteht ebenfalls eine Möglichkeit des Schutzes in den übrigen Bundesländern (Knebel 2017). Außerdem kann den Streuobstwiesen ein gewisser Erholungswert nachgesagt werden, womit alle Kriterien des §1 BNatschG 2017 Abs. 3 erfüllt werden. Hiernach soll die Vielfalt (vgl. Abs. 3), Eigenart und Schönheit (vgl. Abs. 2.5) sowie der Erholungswert von Natur und Landschaft geschützt werden (in Anlehnung an Knebel 2017 von der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie).

3.2 Pflege und Schutz

Ein Großteil der Schutzmaßnahmen für Obstwiesen befasst sich mit der Öffentlichkeitsarbeit. Pflanz,- Blüh- und Erntefeste sind traditionell in den Regionen verankert. Diese Traditionen wieder aufleben zu lassen, bietet die Gelegenheit Menschen zusammenzubringen und über die Wiesen zu informieren. Auch kann man so mögliche Mithelfer ansprechen. Vielen Engagierten fehlt es jedoch an fundiertem Fachwissen über die richtige Pflege (beispielsweise richtige Mahd und Obstbaumschnitt). Um Ehrenamtliche diese Kenntnisse zu vermitteln, kann man Kurse und Pflegeeinsätze auf der Wiese anbieten.

Auch die Streuobstpädagogik ist Bestandteil der Öffentlichkeitsarbeit. Dabei werden Kindern und Erwachsenen Aspekte des Lebensraums in Theorie und Praxis nähergebracht. Hinzu kommt die Ausbildung von Multiplikatoren. Einige Naturschutzverbände bieten eine Ausbildung zum Streuobstpädagogen an (vgl. www.streuobst-paedagogen.de Stand: 28.07.19). Ziel der Pädagogen ist es, an Schulen und in Vereinen Jugendliche und Erwachsene für das Thema zu gewinnen (bingo-umweltstiftung online).

Neben diesen Aktionen, die meist von Ehrenamtlichen unterstützt werden, ist die aktive Nutzung der Streuobstwiesen die beste Schutzmaßnahme. Da das Obst nicht konkurrenzfähig zu Obst aus dem Intensivobstbau ist, muss dieses jedoch erst veredelt werden (Märker 2005: 50). So werben einige Mostereien unter anderem mit der Vermarktung des Streuobstes und ihrer Regionalität.

4. Zusammenfassung

Deutschland hat eine lange kulturhistorische Verbindung zum Obstbau. Geprägt wurde er durch unterschiedlichste Ströme aus ganz Europa, wobei die wichtigsten hier die Römer der Antike und die Franzosen zu Zeiten der Renaissance sind. Über viele Generationen wurde das pomologische Wissen in Klöstern archiviert und für das Volk unter Verschluss gehalten. Mit dem sinkenden Einfluss der Obrigkeiten, wurde die Pomologie der Öffentlichkeit erschlossen. Zunächst im Garten und auf dem Hof, später in Grüngürteln um die Stadt, hat die Deutschen ihr Lieblingsobst der Apfel begleitet. Dieser hat eine Mannigfaltigkeit an Sorten hervorgebracht. Jedoch wurde mit der Intensivierung des Obstbaus und diversen Regelungen die Sortenvielfalt dezimiert. Falls man heutzutage solche Sorten sucht, kann man auf Streuobstwiesen fündig werden. Diese extensiv bewirtschafteten Baumgärten sind ein Refugium für Arten, die in der heutigen Kulturlandschaft ihren Lebensraum verloren haben. Diese Lebensräume zu schützen ist deshalb sehr wichtig geworden, weshalb manche Bundesländer ihnen gesetzlichen Schutz zusprechen. In den anderen Ländern gibt es aufgrund ihrer Diversität aber auch schützende Paragraphen. Neben dem gesetzlichen Schutz sind es hauptsächlich Ehrenamtliche, die sich für die Wiesen einsetzen und sie pflegen. Für den Schutz der Wiesen steht die Öffentlichkeitsarbeit an erster Stelle. So kann man sich zum Beispiel als Streuobstpädagoge schulen lassen, der eine Multiplikatorrolle übernimmt. Dabei versucht man Jugendliche und Erwachsene die Streuobstwiesen näher zu bringen, nach dem Motto: Man kann nur das schützen, was man kennt!

Quellenverzeichnis

(Abrufdatum: 28.05.2019)

Balling, E. (2009): Die Kulturgeschichte des Obstbaus. URL: http://www.lfl.bayern.de/mam/cms07/iab/dateien/kulturgeschichte_obstbau_extern.pdf

Bayrische Landesanstalt für Landwirtschaft (o.J.): Geschichtliche Entwicklung des Streuobstbaus. URL: https://www.lfl.bayern.de/iab/kulturlandschaft/029994/index.php bingo-umweltstiftung (2016): Handbuch Streuobstwiesenpraxis. URL: https://www.bingo-umweltstiftung.de/Umwelt/Image/Jubilaumsprojekt/Dateien/BUND_Handbuch_SWP_300dpi.pdf

Bundesamtes für Ernährung und Landwirtschaft (2015/2016): Pro-Kopf-Verbrauch von Obst nach Arten. URL: https://www.bmel-statistik.de/fileadmin/user_upload/monatsberichte/GBT-0070002-2017.pdf

Bundesamtes für Ernährung und Landwirtschaft (2019): Außenhandelsstatistik: Obst und Gemüse. URL: https://www.bmel-statistik.de/landwirtschaft/gartenbau/aussenhandel-gartenbauerzeugnisse/obst-und-gemuese/

Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte (o.J.): Versorgung der Städte im Mittelalter und frühen Neuzeit. URL: http://www.geschichte-s-h.de/versorgung-der-staedte/

Haas, D. & Treter, U. (1988/1989): Die Bedeutung des Streuobstbaus für die Süddeutsche Kulturlandschaft am Beispiel von Wertheim/ Main, in: Mitteilungen der Fränkischen Geographischen Gesellschaft 1988/1989, Bd. 35/36. Erlangen, S.273-334. URL:

Hartmann, W. & Fritz, E. (2008): Farbatlas Alte Obstsorten dritte Auflage. Ulmer-Verlag, Stuttgart/ Hohenheim: S. 7-17.

Jablanzy, J. (1894): Der Fruchtgarten Jahrgang IX. Köhler und Hamburger Verlag, Wien. S. 4-5, URL: http://gartentexte-digital.ub.tu-berlin.de/pomologie/Der_Fruchtgarten/Der_Fruchtgarten_1894.pdf

Janssen, W. (1985): Mittelalterliche Gartenkultur. Nahrung und Rekreation, in: Bernd Herrmann (Hrsg.), Mensch und Umwelt im Mittelalter 1989, Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, S. 225-243.

Klock, P. (2015): Veredeln: Obstgehölze und Zierpflanzen. BLV Buchverlag, München: S. 8-9.

Knebel, R. (2017): Streuobstwiesen als gesetzlich geschützte Biotope. URL: https://www.thueringen.de/mam/th8/tlug/content/abt_1/v_material/2017/40/knebel_ggb_streuobstwiese_171114.pdf

Konold, W.& Regnath, R. J. (Hrsg.) (2017): Gezähmte Natur. Jan Thorbecke Verlag, Alemannische Institut Freiburg. S. 25-182.

Landesbund für Vogelschutz in Bayern e. V. (o.J.): Industrieobst und Verlust der Vielfalt. URL: http://praxistipps.lbv.de/praxistipps/streuobstwiese/geschichte-der-streuobstwiesen.html

LfL Bayern (2006): Fachtagung Streuobst in der Kulturlandschaft. IN: Schriftenreihe LfL Vol. 13: 57 S.

Märker, F. (2005): Erhalt und Förderung von Streuobstbeständen durch wirtschaftiche Nutzung des Obstes in einer kleinen Brennerei / vorgelegt von Frank Märker. Fachhochschule Neubrandenburg: S. 5 & S.50.

Meurers-Balke, J. (Hrsg.), Strank, K. J. (2008): Obst, Gemüse und Kräuter Karls des Grossen. Zabern, Mainz: 416 S.

NABU: Förderprogramme im Streuobstbau. URL: https://www.nabu.de/infomaterial/foerderprogramme-streuobstbau.pdf

Nill, D. & Ziegler, B. (1998): Naturerlebnis Streuobstwiese. Digitalskalar, Mössingen: S. 7-22.

Pieper, B. (o.J.): Eine kurze Geschichte des Gartens: URL: https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/oekologisch-leben/balkon-und-garten/grundlagen/23213.html

Rüblinger, B. (1988): Die Entwicklung des Obstbaues in Mitteleuropa, in: Naturkundlicher Arbeitskreis Wetterau (Hrsg.), Streuobstwiese Schwerpunktheft zum Biotop des Jahres 1988, 8. Jahrgang Heft 1+2, Reichelsheim: Selbstverlag Naturkundlicher Arbeitskreis, S. 1-14.

Stranz, W. (1988): Erzeugung und Vermarktung von Produkten des Streuobstbaues im Nebenerwerb – Erfahrungen aus der Praxis, in: Naturkundlicher Arbeitskreis Wetterau (Hrsg.), Streuobstwiese Schwerpunktheft zum Biotop des Jahres 1988, 8. Jahrgang Heft 1+2, Reichelsheim: Selbstverlag Naturkundlicher Arbeitskreis, S. 1-14.

Wimmer, C. A. (2003): Geschichte und Verwendung alter Obstsorten. DGGL, Berlin: S. 7-10.

Wimmer, C. A. (2015): Geschichte der Gartenkultur. L & H Verlag, Berlin: 288 S.

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Die historische Veränderung von Obstgärten in Deutschland
Untertitel
Schutz und Pflege der heutigen Streuobstwiese
Hochschule
Hochschule Neubrandenburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V502336
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Streuobst, Naturschutz, Geschichte
Arbeit zitieren
Jan-Eike Petersen (Autor), 2019, Die historische Veränderung von Obstgärten in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502336

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