Die Stadt im hohen und späten Mittelalter


Referat (Ausarbeitung), 2000
16 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Epoche des hohen und späten Mittelalters

3. Der mittelalterliche Stadtbegriff
(1) Mutterstädte
(2) Ältere Gründungsstädte
(3) Kleinstädte
(4) Minderstädte

4. Märkte als Grundlage von Städten

5. Die kommunale Bewegung, Eidgenossenschaft und Bürgertum

5.1 Die kommunale Bewegung in Köln

6. Stadtfrieden – Stadtfreiheit – Stadtrecht

7. Die Bewohner der Stadt
7.1 Bürger
7.2 Mitwohner

8. Stadtgründungen und Stadterhebungen im 11. und 12. Jahrhundert
8.1 Mutterstädte
8.2 Ältere Gründungsstädte

9. Stadterweiterungen

10. Stadtgründungen ab dem 13. Jahrhundert

11. Wirtschaftsformen und Wirtschaftsleben
11.1 Hanse
11.2 Zünfte

12. Schlußbetrachtung und Ausblick

1. Einleitung

Dieses Referat soll einen Überblick über die Stadtgründungen und städtische Entwicklung im hohen und späten Mittelalter geben. Aufgrund der großen Vielfalt von Merkmalszügen und Ausprägungsformen der Städte dieser Epoche können nur wenige Aspekte beleuchtet werden, die zudem – wie z.B. bei den Stadtentstehungsschichten deutlich wird – stark typisiert und vereinfacht werden müssen. Ich hoffe aber, einige wesentliche Merkmale, die diesen Zeitraum charakterisieren, deutlich machen zu können.

2. Die Epoche des hohen und späten Mittelalters

Zur Periodisierung: Zwischen Früh- und Hochmittelalter können unterschiedliche Grenzen gezogen werden:

1024: Tod Heinrichs II., damit Ende der Ottonenherrschaft, deren Kennzeichen eine gesicherte Herrschaft des Kaisers (zuletzt Heinrich II.) gegenüber der Kirche und den Beamten war.

1056: Antritt Heinrichs IV., der in Gegnerschaft zum Papst Gregor VII. gerät (Investiturstreit). Dieser von der kluniazensischen Bewegung ausgehende Kampf um das Recht der Einsetzung von Bischöfen und Äbten ist das Ende der bisher bestehenden Eintracht zwischen Kaiser und Papsttum und wird meist als entscheidend für den Übergang zum Hochmittelalter angesehen. Der Investiturstreit wird zwar 1122 im Wormser Konkordat mit dem Verbot der Bischofsinvestitur durch den Kaiser und der Abnahme der Bistümer aus königlichem Besitz (statt dessen Reichslehenverband) beigelegt,[1] der Gegensatz zum Papsttum lebt aber unter den Staufern wieder auf. Bei diesen (v.a. Friedrich I. Barbarossa) besteht zudem eine machtpolitische und damit auch städtepolitische Gegnerschaft zum Geschlecht der Welfen (Heinrich der Löwe). Das Spätmittelalter beginnt in der Mitte des 13. Jh., als Jahreszahl sei hier 1254 genannt (Beginn des Interregnums: Machtvakuum, dadurch schwache Zentralgewalt, aufgrund einer uneindeutigen Wahlentscheidung nach dem Tod Konrads IV.). Für diese Epoche ist (besonders auch für die Städtegründungen) ein Erstarken der Landesfürsten bei weitgehender Schwächung der Reichsgewalt und ab der Mitte des 14. Jh. eine wirtschaftliche Krise infolge der Pest 1347—52 signifikant.

Das Ende des Mittelalters wird im allgemeinen um 1500 angesetzt, als besondere Ereignisse treten hier die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg (1450), die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus (1492) und die Veröffentlichung der 95 Thesen Luthers (1517) hervor. Dahinter stehen neue geistige Strömungen (Reformation, Humanismus, Renaissance), die das mittelalterliche Weltbild in Frage stellen, so wird durch die Reformation die Weltordnung einer einzigen Christenheit aufgelöst (Meyers Gr. Taschenlexikon 1998, 5: 18ff.).

3. Der mittelalterliche Stadtbegriff

Zunächst ist der Frage nachzugehen, welche Siedlungen sich im Mittelalter (speziell im Hoch- und Spätmittelalter) als Städte bezeichnen lassen. Der moderne Stadtbegriff ist nicht auf vergangene Epochen übertragbar, so schließt der statistische Schwellenwert von 2000 Einwohnern die rechtlich und teilweise wirtschaftlich als Stadt anzusehenden Klein- und Zwergstädte, die im Spätmittelalter 94,5% der Städte ausmachen (Isenmann 1988: 31), aus. Aber auch Merkmale, die für die Stadt des hohen und späten Mittelalters typisch sind und sie deutlich von frühmittelalterlichen städtischen Siedlungen abtrennen (wie die Ummauerung und das Stadtrecht, mit dem die bürgerliche Rechtsfreiheit ausgedrückt wird) können keine umfassende Definition hergeben. So gibt es auch im Mittelalter durchaus schon unbefestigte Städte (z.B. in Tirol) und befestigte Marktflecken sowie stadtrechtsähnliche Privilegien in ländlichen Siedlungen, z.B. in Westfalen (Haase 1959: 18f., Isenmann 1988: 20).[2] Letztendlich ist also eine größere Anzahl von Kriterien notwendig, von Haase (1959: 22) als „kombinierter“ Stadtbegriff bezeichnet. Neben rechtlichen (Stadtrecht) und architektonischen Merkmalen (Mauer) sind hier z.B. die Bedeutung des Handels, eine gewerbliche Differenzierung, eine große soziale Spannbreite und die Zentralität eines Ortes (in Bezug auf sein Umland) zu nennen.

Da im Laufe des Mittelalters diese Kriterien nicht zu allen Zeiten für die Charakterisierung als Stadt von Bedeutung sind und unterschiedlich stark gewichtet sind, ist es notwendig, zu verschiedenen Epochen von unterschiedlichen Stadtbegriffen zu sprechen. Stoob (1956: 40ff.) hat ein Schema von Stadtentstehungsschichten erarbeitet. Für das Hoch- und Spätmittelalter nennt er folgende Epochen:

(1) bis 1150: Mutterstädte. Aus den Kaufmannssiedlungen neben der Burg oder der Pfalz bildet sich der mittelalterliche Typ „Stadt“ heraus, nachdem sich das Marktwesen und eine selbständige Handwerkerschaft entfalten konnte (Stoob 1956: 33, Heineberg 1986: 64). Die Gründung und Entwicklung der Stadt geht klar vom genossenschaftlichen Gedanken aus. Oft sind Städte an Bischofssitzen entstanden und in verkehrsgünstiger Lage zu großen Handelsstädten angewachsen (z.B. Soest, Dortmund). Die Stadtgründungspolitik des sächsischen Herzogs Heinrich der Löwe (Ende des 12. Jh.) konnte sich in dieser Zeit gegen die aufstrebenden Territorialgewalten durchsetzen, so daß sich unter diesem Gesichtspunkt die Periode bis zu seinem Sturz 1180 erweitern läßt (Haase 1959: 26f.). Besonders in Flandern setzen die Stadtgründungen sehr früh ein, während der Schwerpunkt deutscher Stadtgründungen später liegt.

(2) 1150—1250: ältere Gründungsstädte. Der in den Mutterstädten ausgebildete genossenschaftliche Typ entwickelt sich weiter und vervielfältigt sich. Die Städte werden von Fürsten in günstiger Verkehrslage planmäßig angelegt, auch wenn die besten Plätze bereits vergriffen waren; die Wirtschaftsfunktion (Gewerbe, Handel) überwiegt also noch gegenüber der Verteidigungsfunktion. Bsp.: Zähringergründungen (Freiburg/Brsg. 1120), Lübeck (Gründung durch Heinrich den Löwen 1158/59). Die Regelmäßigkeit dieser planmäßigen Gründungen wird im ostelbischen Kolonisationsgebiet noch gesteigert (Heineberg 1986: 66).

Das Spätmittelalter wird in die Epoche der Kleinstädte und der Minderstädte unterteilt:

(3) 1250—1300: Kleinstädte, v.a. von territorialen Landesherren aufgrund von Konflikten mit benachbarten Fürsten gegründet, dichtgestreut über das Reich verteilt. Diese Epoche stellt den Höhepunkt der deutschen Stadtgründungsentwicklung dar. Da Plätze nach dem größtmöglichen Schutz (z.B. auf Anhöhen) ausgewählt werden, wird eine Beschränkung von Ausdehnung und wirtschaftlicher Entwicklung der Stadt von vornherein in Kauf genommen. Die starke Befestigung erfolgt zu Verteidigungszwecken, aber auch, um in Anlehnung an große Vorbilder Macht zu demonstrieren (wie dies auch bei der Übernahme von alten Stadtrechten der Fall war). Die Anleihen am voll ausgebildeten Stadttyp beweisen städtischen Charakter, es fand lediglich eine funktionale Verschiebung zugunsten von Befestigung und Verteidigung statt. Starkes Auftreten in Gebieten mit starker territorialer Zersplitterung (Südwest- und Mitteldeutschland).

(4) 1300—1450: Minderstädte. Zusammenfassende Bezeichnung für die städtischen Kleinstformen (Weichbilder, Freiheiten etc.). Sie entstehen lediglich zur Aufrechterhaltung kleiner Landesherrschaften in territorial stark zersplitterten Gebieten und besitzen meist keine Befestigung mehr und nur noch stark verkürzte Privilegien. Auch die Schutzlage tritt zurück, so werden Orte von vornherein planmäßig als Rodungsdorf angelegt (Haase 1959: 28).[3] Aufgrund der hier fließenden Übergänge von Stadt zu Land ist der städtische Charakter dieser Orte umstritten (Ennen nennt sie daher „Stadtrechtsorte“, 1962: 103). Mit diesen kaum mehr stadtähnlichen Siedlungen klingt das mittelalterliche Städtewesen aus. Eine stagnierende Bevölkerungsentwicklung (Pest 1348—52), die auch die Kolonisation erstarren läßt, läßt bis zur Industrialisierung nur noch wenige Städtegründungen zu; Stoob (1956: 40ff.) spricht hier von einem großen „Wellental“ der Stadtgründungsentwicklung . Als Übergang zu frühneuzeitlichen Gründungen seien noch die Bergstädte (Bsp. Freiberg) erwähnt, auf die ich aber nicht weiter eingehe.

Es wird deutlich, daß die Stadtbegriffe zeitlich und räumlich sehr verschieden sind und das Mittelalter keine homogene Städteepoche darstellt. Auch die Epocheneinteilung ist nur eine Hilfskonstruktion; sie kann die städtische Vielfalt nur ansatzweise wiedergeben. Die Übergänge sind variabel, so rechnet Haase (1959: 27) die westfälischen Gründungen bis 1180 der ersten Schicht zu, während die frühe zähringische Gründung von Freiburg/Brsg. (1120) bereits zum zweiten Typ gehört. Es wird aber ein grundsätzlicher Zusammenhang zwischen Flächengröße und Entstehungszeit ersichtlich . Auch ist – nachdem die städtischen Ansiedlungen des Frühmittelalters durch Bischof, König oder Kaiser herrschaftlich bestimmt waren – eine Tendenz von der genossenschaftlichen Hochform zurück zu einer weitgehend herrschaftlich bestimmten Spätform mit einem nur schwachen genossenschaftlichen Unterbau zu erkennen (Haase 1959: 19).

4. Märkte als Grundlage von Städten

Eine wesentliche Bedingung für das Einsetzen der ersten Stadtgründungswelle ist die Entstehung eines gewerblichen Marktwesens, das wiederum eine selbständige Handwerkerschaft voraussetzt.[4] Ab dem 11. Jh. führen bessere landwirtschaftliche Bedingungen zu Produktionsüberschüssen, die eine verstärkte Beschäftigung mit Handel und Gewerbe zulassen. Eine relativ sichere Nahrungsgrundlage begünstigt also die Zuwanderung in die Stadt und bietet zudem gute Absatzchancen in der Stadt. Auch lockert sich das Hofrecht, so daß die vorher unselbständigen Handwerker selbst ihre Waren verkaufen können (Planitz 1954: 86f.). Dadurch und durch die Zuwanderung nimmt die Bedeutung der Handwerkerschaft gegenüber der umherziehenden Kaufmannschaft immer mehr zu,[5] was sich in der Bezeichnung des Marktes niederschlägt: Der ältere Begriff mercatus (dem freien Marktverkehr der Kaufleute) wird im 12. Jh. allmählich von forum, der gemeinsamen Marktansiedlung von Kaufleuten und Handwerkern, verdrängt (Planitz 1954: 89). Das sowohl für Handwerker als auch für Kaufleute geltende Marktrecht ist eine wesentliche Grundlage des späteren Stadtrechtes.

[...]


[1] Für Planitz (1954: 86) hat die Reichslehensträgerschaft der Bischöfe, die damit Reichsfürsten geworden sind, einen großen Einfluß auf die Stadtgründungswelle von 1050 bis 1200.

[2] Auch die wirtschaftliche Struktur als alleiniges Kriterium ist unzureichend, so stellt Jecht (1926: 226ff.) heraus, das der Großteil der mittelalterlichen Städte eher als (landwirtschaftlich geprägte) Dörfer anzusehen ist (z.B. Ackerbürgerstädte im ausgehenden Mittelalter).

[3] Bereits im 13. Jh. setzt die Gründungsperiode der Minderstädte in Mecklenburg und Brandenburg ein (Engel 1993: 37).

[4] Vorläufer eines gewerblichen Marktwesens sind z.B. neben alten römischen Siedlungen (Bischofsstädte, Kastellorte) gegründete Kaufmannssiedlungen. Auch in slawisch bevölkerten Gebieten (z.B. Alt-Lübeck) ließen sich Kaufleute in einem Suburbium neben der Fürstenburg nieder. Vor allem in der Ottonenzeit wurden bereits viele königliche Marktregalien verliehen; als älteste Urkunde östlich des Rheins ist das Corveyer Marktregal von 833 bekannt (Engel 1993: 18ff.).

[5] So wird die Stadt nach Ennen (1962: 89) durch den Markt und nicht durch den Fernhandel zum zentralen Ort.

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Details

Titel
Die Stadt im hohen und späten Mittelalter
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Geographisches Institut)
Veranstaltung
Seminar Stadtgeographie
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
16
Katalognummer
V50252
ISBN (eBook)
9783638465069
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stadt, Mittelalter, Seminar, Stadtgeographie
Arbeit zitieren
Björn Schreier (Autor), 2000, Die Stadt im hohen und späten Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50252

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