(Männer-)Freundschaften im Bildungsroman

Am Vergleich von "Anton Reiser" und "Tschick"


Hausarbeit, 2014

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Bildungsroman
Tschick als moderner Bildungsroman
Anton Reiser als Bildungsroman – oder psychologischer Roman

Freundschaft in den Beispielromanen
Kennenlernen und Beginn der Freundschaft
Zeichen der Freundschaft
Liebe und die Männerfreundschaft
Homosexualität und die Männerfreundschaft

Freundschaftskonzeption im 18. Jahrhundert

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Bildungsroman hat sich seit seiner ersten Bezeichnung als Gattung von Morgenstern im Jahr 1819 bis zur heutigen Zeit als zeitloses und hoch frequentiertes Medium durchgesetzt.

In seiner über 200 Jahre langen Tradition bleibt das zentrale Thema bestehen: Ein junger, zumeist männlicher Held durchlebt eine Entwicklung, geprägt und geleitet von inneren und äußeren Eindrücken. Beeinflusst wird der Protagonist vor allem durch Interaktion mit seinen Mitmenschen sowie seinen inneren Reaktionen und Gefühlen diesen gegenüber.

Dieser Gedanke soll den Hintergrund für die folgenden Fragen und das Thema dieser Arbeit bilden. Untersuchen möchte ich im Folgenden die Rolle von Freundschaften – im Speziellen Männerfreundschaften – im Bildungsroman.

Dazu werde ich Freundschaften im Buch Anton Reiser (1785-1786) von Karl Philipp Moritz als Beispiel eines historischen Bildungsroman mit denen in Tschick (2010) von Wolfgang Herrndorf als modernen Bildungsroman vergleichen.

Dafür muss zunächst der Gattungsbegriff „Bildungsroman“ erläutert werden, um untersuchen zu können, inwiefern die oben genannten Werke von Moritz und Herrndorf diesem zugeordnet werden können.

Augenmerk wird anschließend auch auf die unterschiedliche Konzeption des Begriffs Freundschaft im historischen Kontext des 18. Jahrhunderts gelegt, um ein besseres Verständnis des Begriffsfeldes „Freundschaft“ und seiner Verwendung zu erlangen.

Bildungsroman

In diesem Abschnitt soll versucht werden, das Medium Bildungsroman anhand seiner viel diskutierten Gattungsgeschichte zu definieren. Hervorgehoben habe ich dabei bemerkenswerte Exemplare, die dem Genre 'Bildungsroman' zugeordnet werden und in denen das Sujet Freundschaft ebenfalls eine Rolle spielt.

Karl Morgenstern grenzt 1819 in seinem Vortrag Ueber das Wesen des Bildungsromans den Roman klar vom Epos ab und erwähnt dabei ebenfalls die Rolle der Mitmenschen auf den Helden. „[D]er Roman [zeigt] aber mehr die Menschen und Umgebung auf den Helden wirkend, und die darzustellende all­mähliche Bildung seines Innern uns erklärend.“1

'Bildungsroman' als Gattungsbegriff wird damit zuerst von Morgenstern verwendet. Er beschreibt damit Romane, in denen die Bildung des Autors dokumentiert, auf die Bildung des Lesers gewirkt und des Helden Bildung thematisiert wird.2

Bei dem Aufstellen dieser Merkmale stützt sich Morgenstern vor allem auf Johann Wolfgang von Goethes Wilhelm Meister von 1795/96. Wilhelm Dilthey sieht Wilhelm Meister ebenfalls als „traditionsbildendes Muster“ an, in dem er „mensch­liche Ausbildung in verschiedenen Stufen, Gestalten, Lebensepochen“ dargestellt fand.3 Dilthey war es auch, der den Gattungsbegriff 'Bildungsroman' in seinen Werken Leben Schleiermachers von 1870 sowie Das Erlebnis und die Dichtung von 1906 verbreitete.4 In letzterem beschreibt er den Bildungsroman als die Geschichte eines Jünglings

„[…] wie er in glücklicher Dämmerung in das Leben eintritt, nach ver­wandten Seelen sucht, der Freundschaft begegnet und der Liebe, wie er nun aber mit den harten Realitäten der Welt im Kampf gerät und so unter man­nigfachen Lebenserfahrungen heranreift, sich selber findet und seiner Aufgabe in der Welt gewiß wird.“5

Sachgeschichtlich betrachtet kann aber bereits C.M. Wielands Geschichte des Agathon von (1766/67) als „erster, wichtiger Roman in deutscher Sprache, der mit psychologisch-moralischem Interesse einen krisenhaften Prozess der Selbstfindung und sozialen Integration darstellt“, bezeichnet werden.6

Auch in Wielands Agathon spielt Freundschaft eine gewisse Rolle. Unter Anderem die Begegnungen mit seiner Jugendfreundin Psyche verhelfen dem Held Agathon immer wieder zu neuen Anstößen auf seinem Lebens- und Bildungsweg.

Das Reallexikon definiert den Bildungsroman kurz als „Erzählerische Darstellung des Wegs einer zentralen Figur durch Irrtümer und Krisen zur Selbstfindung und tätigen Integration in die Gesellschaft.“7 und greift somit auch die Gestaltung eines Lebens als Weg, geprägt von positiven und negativen Einflüssen zu einem har­monischen oder zumindest befriedigenden Ende hin, auf.

Wilhelm Voßkamp verwendet im Zusammenhang der Untersuchung des Bildungs­romans als literarisch-soziale Institution den Begriff 'Erzählmodell' . 8 Jenes Erzählmodell - „Darstellung der 'Bildung' eines individuellen Charakters in der konfliktreichen Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Realität“9 - sei laut Voßkamp „sowohl 'einfach' (und damit wiedererkennbar) als auch komplex (und also variationsreich und anschlussfähig) […] Wiedererkennbarkeit ist dabei ebenso wichtig wie Variationsfähigkeit, denn jenes liefert eine Voraussetzung für die Gattungskonstitution als 'Bildungsroman' und dieses erlaubt immer erneute Modi­fikationen, Umakzentuierungen und Schwerpunktverlagerungen [...]“10

Der Bildungsweg eines meist männlichen jungen Menschen sowie jene Flexibilität und der Variantenreichtum, den Voßkamp so treffend beschreibt, verhalfen der Gattung Bildungsroman, über Jahrhunderte hinweg aktuell, relevant und für eine breite Leserschaft interessant zu bleiben.

So gelten als exemplarische Bildungsromane des 20. Jahrhundert Thomas Manns 1925 erschienenes Buch Der Zauberberg sowie Demian. Die Geschichte einer Jugend von Hermann Hesse, veröffentlicht 1919. Der Journalist Maik Söhler be­fasst sich in seinem Artikel De r Bildungsroman im 20.Jahrhundert 11 mit diesen Werken.

Die Bildung des Protagonisten und die durch die Lektüre zu erlangende Bildung des Lesers sind laut Söhler „Sinn und Zweck des Genres kurz und treffend zusammengefasst. Zu ergänzen ist nur, dass auch das Scheitern und die Grenzen der Bildung sowohl Thema sein als auch dem Leser vermittelt werden können.“12 Dieses Spannungsverhältnis sieht er im Zauberberg und im Demian gegeben, und beschreibt sie deshalb als „typische Bildungsromane ihrer Zeit“13.

Vor allem in Demian spielt die Freundschaft des jungen Helden (und des Autoren in Herausgeberfiktion) Emil Sinclair zu seinem Mitschüler Max Demian eine ent­scheidende Rolle. Demian erkennt Sinclairs innere Probleme und versucht, ihm durch Religion und der Neuinterpretation biblischer Gleichnisse sowie verworrenen Botschaften über einen Gott Abraxas „zu einer Integration des Dämonischen und einer persönlich reflektierten Ethik zu verhelfen“14 - ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Ziel eines typischen Bildungsromans, der Selbstfindung und Ausgleich mit der Welt.15

Inwiefern sowohl gattungsgeschichtlich und inhaltlich an die oben genannten Bildungsromane aus dem 18. bis 20. Jahrhundert in der zeitgenössischen Literatur angeknüpft werden kann, wird im nächsten Abschnitt versucht darzustellen.

Tschick als moderner Bildungsroman

Wolfgang Herrndorf veröffentlichte Tschick im Oktober 2010. Der Feuilleton tut sich seitdem schwer, das Buch einer passenden Gattung zuzuordnen. So schreibt die FAZ beispielsweise „Der Roman erzählt von einem Aufbruch, einer Freund­schaft und einer Rückkehr, es ist ein Road-Movie und eine Coming-of-Age-Story, ein Abenteuer- und ein Heimatroman.“16

Was man heute gern Roadmovie oder Coming-of-Age nennt, könnte man auch schlicht Bildungsroman nennen, denn zumindest in diesem Fall trifft die Gattungs­beschreibung durchaus zu.

Herrndorf beschreibt die Geschichte einer ungewöhnlichen Reise zweier vierzehn­jähriger Jungen in einem gestohlenen Auto in Richtung Walachei. Die zwei Reisenden haben beide das Potenzial, als Helden dieser Geschichte zu gelten. Da ist zum einen der Ich-Erzähler Maik Klingenberg, der „wohlstandsverwahrlost[e]“17 und stille, langweilige Außenseiter Nummer Eins und zum anderen Andrej Tschichatschow – genannt Tschick – mit russischem Migrationshintergrund, neu in Maiks Klasse, häufig betrunken, clever und Außenseiter Nummer Zwei. (Zur wei­teren Betrachtung sehe ich Maik als den zentralen Helden im Sinne des Bildungs­romans an, da wir nur von ihm auch etwas über sein Innenleben erfahren.)

Als Maiks Eltern – die alkoholabhängige Mutter und der fremdgehende, leicht gewalttätige Vater – ihn in den Sommerferien zwei Wochen lang mit 200 Euro in der heimischen Villa alleine lassen, taucht plötzlich Tschick mit einem gestohlenen Auto auf. Die beiden Jungen im Teenageralter beschließen erst uneingeladen auf einer Geburtstagsparty zu erscheinen, um dem schönsten Mädchen der Klasse, in welches Maik verliebt ist, sein selbstgezeichnetes Portrait von Beyoncé zu über­reichen und anschließend Tschicks Großvater in der Walachei zu besuchen.

Auf ihrer spannenden Reise über ostdeutsche Landstraßen und Dörfer erleben die zwei Freunde allerhand Abenteuer, immer mit der Gefahr im Hinterkopf, dass sie ohne Führerschein und fernab der Heimat mit gestohlenem Wagen von der Polizei aufgefasst werden. Sie treffen unterwegs unter anderen auf versnobte Gleichaltrige, die bei einer „Adel auf dem Radel“-Tour mitmachen, die merkwürdige aber liebens­werte Ausreißerin Isa auf einer Müllkippe sowie einen Veteranen, der auf die beiden schießt. Gegen Ende der Reise geschehen mehrere Unfälle, die beiden Jungen werden von der Polizei gestoppt, Tschick muss in ein Heim, Maiks Vater verlässt ihn und seine Mutter und schließlich beginnt auch die Schule wieder. Eine Vielzahl von Eindrücken beschäftigt Protagonisten und Leser gleichermaßen.

Um Tschick als Bildungsroman auslegen zu können, eignet es sich, Herrndorfs Werk hinsichtlich der oben aufgestellten Kriterien zu untersuchen. Eine Definition, die wie keine andere auf Tschick zutrifft, ist jene ebenfalls bereits zitierte von Wilhelm Dilthey: „die Geschichte eines jungen Mannes [Maik], wie er in glück­licher Dämmerung in das Leben eintritt, nach verwandten Seelen sucht [Suche nach Anschluss in der Klasse], der Freundschaft begegnet [Tschick] und der Liebe [erst Tatjana, später auch Isa], wie er nun aber mit den harten Realitäten der Welt im Kampf gerät [Zerrüttetes Elternhaus, Außenseitertum] und so unter mannigfachen Lebenserfahrungen [neue Bekanntschaften, Unfall, Flucht vor der Polizei] her­anreift, sich selber findet und seiner Aufgabe in der Welt gewiß wird.“18

Dieser letzte Aspekt der Definition ist sicherlich am schwersten zu belegen, aber dennoch im Romantext erkennbar. Maiks Selbstfindung vollzieht sich in mehreren Etappen. Als die Flucht vor der Polizei immer brenzliger wird, traut Maik es sich zunächst nicht zu, sich an das Steuer des Autos zu setzen und gesteht Tschick einige Selbsteinschätzungen:

„'Ich muss dir ein Geheimnis verraten', sagte ich. 'Ich bin der größte Feigling unter der Sonne. Der größte Langweiler und der größte Feigling und jetzt können wir zu Fuß weiter. [...]'“19

Sein Freund Tschick hilft ihm daraufhin, dieses Selbstbild zu korrigieren.

„'Wie kommst du denn auf Langweiler?', fragte Tschick, und ich fragte, ob er eigentlich wüsste, warum ich überhaupt mit ihm in die Walachei gefahren wäre. Nämlich weil ich der größte Langweiler war, so langweilig, dass ich nicht mal auf eine Party eingeladen wurde, zu der alle eingeladen wurden, und weil ich einmal im Leben nicht langweilig sein wollte, und Tschick er­klärte, dass ich nicht alle Tassen im Schrank hätte und dass er sich, seit er mich kennen würde, noch nicht eine Sekunde gelangweilt hätte. Dass es im Gegenteil so ungefähr die aufregendste und tollste Woche seines Lebens ge­wesen wäre [...]“20

[...]


1 Morgenstern, Karl. Ueber das Wesen des Bildungsromans. Vortrag gehalten den 12. December 1819. In: Zur Geschichte des deutschen Bildungsromans. Hrsg. von Rolf Selbmann. Darmstadt: Wiss. Buchges. 1988. S.63

2 Zitiert nach [Art.] Jacobs, Jürgen C.: Bildungsroman. In: Handbuch der literarischen Gattungen. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart: Kröner 2009. S.56

3 [Art.] Jacobs, Jürgen : Bildungsroman. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft: Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Bd.1. A-G. Hrsg. von Klaus Weimar gemeinsam mit Harald Fricke. 3., neubearb. Aufl. Berlin [u.a.]: Walter de Gruyter 1997, S.230

4 Vgl. [Art] Bildungsroman. In: Handbuch der literarischen Gattungen. S.57

5 Dilthey, Wilhelm: Das Erlebnis und die Dichtung. Lessing, Goethe, Novalis, Hölderlin. 10. Aufl. Leipzig und Berlin: B. G. Teubner 1929. S.393 - 394

6 [Art.] Bildungsroman. Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft S. 230

7 [Art.] Bildungsroman. Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft S. 230

8 Voßkamp,Wilhelm: Der Bildungsroman als literarisch-soziale Institution. In: ders.: Der Roman eines Lebens. Die Aktualität unserer Bildung und ihre Geschichte im Bildungsroman. Berlin: Berlin University Press 2009. S.122 Dieses Erzählmodell wird im Wilhelm Meister entdeckt, weshalb diesem Werk eine „proto-­typische Rolle“ zuteil wird.

9 Voßkamp 2009: S. 122

10 Voßkamp 2009: S. 122

11 Söhler, Maik: Der Bildungsroman im 20. Jahrhundert. Gesättigt und Desillusioniert. http://www.fluter.de/de/eliten/literatur/5091/ (18.02.2014)

12 Söhler ebd.

13 Söhler ebd.

14 [Art.] Herrmann Hesse. In: Kindlers Neues Literatur Lexikon. Band 7. Hrsg. von Walter Jens. München: Kindler Verlag GmBh 1990. S.788

15 [Art.] Bildungsroman. Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft S.230

16 Von Lovenberg, Felicitas: Wolfgang Herrndorf: Tschick. Wenn man all die Mühe sieht, kann man sich die Liebe denken. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/wolfgang-herrndorf-tschick-wenn-man-all-die-muehe-sieht-kann-man-sich-die-liebe-denken-1613025.html (Zugriff: 22.02.2014)

17 Seibt, Gustav: Wolfgang Herrndorf: Tschick. Zauberisch und superporno. http://www.sueddeutsche.de/kultur/wolfgang-herrndorf-tschick-zauberisch-und-superporno-1.1011229 (Zugriff: 22.02.2014)

18 Dilthey 1929: S. 393 - 394

19 Herrndorf, Wolfgang. Tschick. 2. Auflage Juni 2013. Sonderausgabe November 2012. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2012. S. 307

20 Herrndorf 2012: S. 307 - 308

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
(Männer-)Freundschaften im Bildungsroman
Untertitel
Am Vergleich von "Anton Reiser" und "Tschick"
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für deutsche Philologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V502561
ISBN (eBook)
9783346043955
ISBN (Buch)
9783346043962
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildungsroman, Tschick, Wolfgang Herrndorf, Anton Reiser
Arbeit zitieren
Marie-Luise Kutzer (Autor), 2014, (Männer-)Freundschaften im Bildungsroman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502561

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Titel: (Männer-)Freundschaften im Bildungsroman



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