"Dieses ist die neue Welt". Über das Motiv des Fremden in Heinrich Heines "Romanzero"


Hausarbeit, 2018
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 HEINE UND DAS FREMDE

3 DAS FREMDE ALS LEITGEDANKE DES „ROMANZERO“
3.1 AUFFÄLLIGKEITEN
3.2 WAHL DER FREMDENTHEMATIK

4 DAS FREMDE IM „VITZLIPUTZLI“
4.1 ANALYSE UND INTERPRETATION IM HINBLICK AUF DAS FREMDE

5 FAZIT

6 QUELLEN – UND LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

„Ein tieferer Ernst, ein unklarer Ungestüm hat mich ergriffen, der vielleicht eigentüm- lich furchtbare Ausbrüche gestattet in Prosa und Versen — aber das ist doch nicht, was mir ziemt und was ich wollte. Einst süßestes Leben, jetzt Verdüsterung und To- deslust!“1

Durch diese Worte, die Heine 1845 verfasste, sollte nun deutlich werden, dass er längst nicht mehr der romantische Dichter ist, der sich im Buch der Lieder gefühlvoll mit Liebe und Hingabe beschäftigt - die Zeiten haben sich geändert, sowohl historisch als auch persönlich. Was Heines Leben und seine Gedanken von nun an prägt, sind Krankheit und politischer Umschwung. Fast zeitgleich mit der Französischen Revolution 1848 vollzieht sich Heines gesundheitlicher Zusammenbruch, der ihn von da an für viele Jahre ans Bett fesselt.2 In sei- ner „Matratzengruft“3 entsteht nun seine letzte große Gedichtsammlung: der Romanzero. Eingeteilt in drei Bücher, die jeweils unter einem anderen, eigenen Motto stehen, beschäfti- gen sich die Gedichte mit einer Vielzahl an thematischen Begebenheiten. Heine geht auf die Religion ein, den Tod, auf Missstände und Ungerechtigkeiten. Dies geschieht bei oberfläch- licher Betrachtung durch zahlreiche Motive aus den verschiedensten Bereichen, sowohl zeit- licher als auch geographischer Natur. Bei genauerem Hinsehen fällt jedoch auf, dass sich die Motivik des Fremden wie ein roter Faden durch das gesamte Werk zieht. Damit sind nicht nur die fernen Länder gemeint, die Heine fortwährend erwähnt, sondern auch die fremden Kulturen und exotischen Geschehnisse, von denen die Gedichte des Romanzero geprägt sind.

Die Leitfrage, die sich auf dieser Beobachtung aufbauend für die vorliegende Arbeit stellt, ist, auf welche Weise das Fremde von Heine dargestellt wird und wie diese Darstellung im Hinblick auf das Leben des Dichters zu interpretieren ist.

Um diese Frage zufriedenstellend beantworten zu können, soll zunächst dargestellt werden, welche Berührungspunkte Heinrich Heine im Laufe seines Lebens mit der Problematik des Fremdseins hatte. Anschließend erfolgt eine erste Darstellung der Besonderheiten, die sich im Romanzero in Bezug auf das Fremde entdecken lassen. Um die Fragestellung nicht nur auf Basis oberflächlicher Auffälligkeiten beantworten zu müssen, folgt eine detaillierte Ana- lyse des Gedichtes Vitzliputzli, da sich dieses ausführlich mit der zu untersuchenden Thema- tik befasst. Hier soll anhand zuverlässiger Erkenntnisse aus der Literatur und eigenen Inter- pretationsansätzen dargestellt werden, inwiefern sich das Gedicht mit der Fremde befasst. Um auch eine Antwort auf den zweiten Teil der Fragestellung geben zu können, wird nun noch mit Blick auf Heines Biographie untersucht, welche Rückschlüsse sich im Vitzliputzli speziell, aber auch im gesamten Gedichtband auf das Leben des Dichters ziehen lassen. Au- ßerdem wird noch kurz beantwortet, wieso Heine diese Motivik im Romanzero gewählt hat. Im dann folgenden Fazit werden schlussendlich die wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit, gesammelt durch Auseinandersetzung mit Forschungsmeinungen und zusätzlich durch Ei- geninterpretation, zusammengefasst und eine abschließende Antwort auf die eingangs ge- stellte Frage gegeben.

2 Heine und das Fremde

Um die Motivik der Fremdheit in Heines Romanzero zureichend interpretieren und deuten zu können, reicht es nicht, sich lediglich mit den Entstehungsjahren des Gedichtbandes aus- einanderzusetzen, denn schon seit seiner frühen Kindheit weiß der gebürtige Düsseldorfer, was es heißt, sich fremd zu fühlen – fremd im eigenen Land.

Als Sohn zweier jüdischer Eltern wurde Heine schon zu seiner Schulzeit mit der damals herrschenden antisemitischen Stimmung konfrontiert, wie man seinen Memoiren entnehmen kann. Die Religion seines Großvaters, dem „kleinen Juden mit großem Bart“ bescherte ihm „[…] die ersten Prügel, die [er] auf dieser Erde empfing […].“4 Auch der Ausschluss aus seiner Burschenschaft während des Jura-Studiums kann wohl als judenfeindliche Handlung angesehen werden.5 Dass das Judendaseins im Deutschland des 19. Jahrhunderts und die damit verbundene Benachteiligung für Heine bis ins Erwachsenenalter eine große Last dar- stellte, wird letztlich durch seine Taufe, die er 1825 gemeinsam mit einer Namensänderung veranlasste, deutlich. Aus dem Juden Harry Heine wurde also der Protestant Christian Jo- hann Heinrich Heine.6

Das Gefühl der Fremdheit und der mangelnden Anerkennung, das Heine durch seine Reli- gion erfuhr, wurde ergänzt durch den aufkommenden Konflikt mit der Gesellschaft. Der Journalist und Dichter wurde von Zeit zu Zeit immer drastischer in seiner Presse- und Mei- nungsfreiheit eingeschränkt. Die Karlsbader Beschlüsse7 und deren Zensurregelung er- schwerten ihm seinen Beruf als Schriftsteller immens. Seine Gedanken zu politischen The- men, Missständen und Ungerechtigkeiten, die er mit der Öffentlichkeit teilen wollte, wurden durch die Zensoren zunichte gemacht.8

Jedoch […] gelingt es dem jungen Heine, manchmal halb versteckt, kritische Perspek- tiven auf das hypertrophische Hof-, Theater- und Opernleben, das dem Volk die Freiheit ersetzen sollte, anzudeuten, und er hatte keine Scheu, öffentliche Persönlichkeiten mit Namen zu nennen […] 9

Aufgrund seiner mitunter provokanten Inhalte wurde Heines Situation in Deutschland „zu- sehends schwieriger.“10 Zwar ging er eine Zeit lang davon aus, großen Ruhm in Deutschland erlangt zu haben, jedoch musste er „merken, dass er sich seine Stellung innerhalb der deut- schen Dichter- und Schriftstellerwelt fast ganz zernichtet [hat].“11

Im Jahre 1831 ließ Heinrich Heine sein Heimatland schließlich zurück und zog in eine neue, fremde Stadt: Paris.12 Das Fremde ist für Heine allerdings auch in diesem Zusammenhang kein Neuland, da er vor seiner Umsiedlung bereits mehrere große Auslandsreisen unternom- men hat (z.B. nach Polen, Italien und England).

Angekommen in Paris wurde Heine, wie auch schon zu Zeiten seiner London-Reise, mit der „chronologischen Ungleichheit“13 konfrontiert, die zwischen Deutschland und den genann- ten Ländern vorherrschte. Der industrielle Fortschritt, der Frankreich und England um das Jahr 1800 beeinflusste, ließ in Deutschland noch lange auf sich warten. Im Gegensatz zu diesen von der Modernisierung geprägten Ländern kann Heines Vaterland kontrastierend mit dem Begriff des Stillstands beschrieben werden.14 Doch auch seine vorerst große Be- geisterung über den Fortschritt sollte im Laufe seiner Zeit in Frankreich in Heimweh um- schwenken.15

Der Ausbruch aus seiner Heimat, um dem Gefühl des Fremdseins zu entfliehen, holt ihn also auch im letzten Drittel seines Lebens wieder schmerzvoll ein. Es scheint, als hätte sich Hein- rich Heine in den 58 Jahren seines Lebens zu keinem Zeitpunkt wirklich Zuhause gefühlt.

3 Das Fremde als Leitgedanke des „Romanzero“

So, wie sich das Gefühl der Fremdheit wie ein roter Faden durch Heines Leben zieht, ist es auch im gesamten Romanzero als Leitbild zu erkennen. Um zunächst zu verdeutlichen, auf welche Art und Weise der Dichter die Motivik des Fremden in sein Werk eingebaut hat, soll dieses vorerst grob auf Auffälligkeiten und Muster untersucht werden, die die Verwendung des Fremden und Exotischen charakterisieren. Zudem wird ein kurzer Interpretationsansatz aufgeführt, der die Wahl der Fremdheitsthematik erklärt und rechtfertigt.

3.1 Auffälligkeiten

Schon beim bloßen Anblick der Gedichttitel lässt sich, vor allem in den Historien, aber auch in den Hebräischen Melodien, eine große Parallelität zu geschichtlichen Ereignissen und historischen Persönlichkeiten feststellen. Von Maria Antoinette, der österreichischen Prin- zessin,16 bis hin zum Schlachtfeld bei Hastings, auf dem die Wikinger 1066 den englischen König töteten,17 sind noch zahlreiche andere bekannte Namen zu erkennen, die teilweise Mythologien entspringen, aber auch reale Persönlichkeiten darstellen. Zeitlich und geogra- phisch können die Gedichte hier in keinen typischen Rahmen gesetzt werden.

Wirft man nun einen Blick auf Heines erstes Gedicht Rhampsenit, wird man spätestens in der zweiten Strophe darauf aufmerksam, dass die vorherrschende Kultur, mit der sich das Gedicht beschäftigt, eine fremde ist. „Auch die schwarzen Eunuchen/Stimmten lachend ein, es lachten/Selbst die Mumien, selbst die Sphynxe.“ (DHA 3.1, 11, V. 5-7) Auch im zweiten Gedicht des Romanzero, Der weiße Elephant dreht sich die Handlung um das ferne „Indien- land“ (DHA 3.1, 13, V. 2), „schwerbepackte Kamehle“ (DHA 3.1, 13, V. 9) und um den „schönsten Palast“ (DHA 3.1, 15, V. 50). So findet man in dem Gedichtband fortwährend Darstellungen fremder Kulturen und fremder Orte vor. Nicht immer wird Heines Anspielung auf das Fremde direkt deutlich. Im dritten Gedicht, Schelm von Bergen scheint zunächst alles sehr vertraut. Der Dichter geht hier also weder auf eine fremde Kultur ein, noch hat das Gedicht seinen Schauplatz an einem exotischen Ort. Bei näherer Überlegung kommt hier hingegen der Aspekt der fremden Begebenheit ins Spiel. Das Fest, auf dem die Herzogin, aber auch die „Fastnachtsgecken“ (DHA 3.1, 19, V. 13) tanzen, hat in dieser Form wohl nie stattgefunden. „Gemeinsame Feste von Adel und Volk haben, folgt man den geschichtlichen Darstellungen, nicht stattgefunden.“ 18

[...]


1 Heine, Heinrich/ Karpeles, Gustav (Hrsg.): Heinrich Heines Autobiografie. Nach seinen Werken, Briefen und Gesprä- chen. Hamburg 2015. S. 485.

2 Vgl.: Höhn, Gerhard: Heine-Handbuch: Zeit, Person, Werk. 3. Auflage. Stuttgart 2005. S. 137f.

3 Heines eigene Bezeichnung für seine Unterkunft in Paris. (Heine, Heinrich: Romanzero. In: Ders.: Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, Bd. 3.1, S. 7-182, hier: S. 177. [im Folgenden zitiert mit der Sigle DHA unter Angabe der Bandnummer und Seitenzahl, Nachweise erfolgen im Fließtext].

4 Heine, Heinrich: Memoiren. In: Ders.: Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, Bd. 15, S. 59-100, hier: S. 75.

5 Vgl.: Sammons, Jeffrey L.: Heinrich Heine, S. 24.

6 Vgl.: ebd. S. 28.

7 1819 in Kraft getretene Beschlüsse, die u.a. die Überwachung von Universitäten und Zensurmaßnahmen zur Einschrän- kung der Meinungsfreiheit beinhalteten. (Vgl.: http://www.heinrich-heine-denkmal.de/dokumente/karlsbad.shtml [Stand: 20.09.2018])

8 Vgl.: Sammons, Jeffrey L.: Heinrich Heine, S. 22 f.

9 Ebd., S. 38.

10 Sammons, Jeffrey L.: Heinrich Heine, S. 63.

11 Wälzel, Oskar: Heinrich Heine. In: Pempelfort. Sammlung kleiner Düsseldorfer Kunstschriften. Heft 14 (1926), S. 1- 16, hier: S. 10.

12 Vgl.: Höhn, Gerhard: Heine-Handbuch, S. 13.

13 Großklaus, Götz: Heinrich Heine. Der Dichter der Modernität. München 2013. S. 14.

14 Vgl.: ebd. S. 44ff.

15 Vgl.: Sammons, Jeffrey L.: Heinrich Heine, S 68.

17 https://www.welt.de/geschichte/article158746323/Wie-die-Wikinger-England-zum-Schlachtfeld-machten.html [Stand: 19. September 2018]

18 Landwehr, Helmut: Der Schlüssel zu Heines „Romanzero“. Hamburg 2001. S. 22.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
"Dieses ist die neue Welt". Über das Motiv des Fremden in Heinrich Heines "Romanzero"
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V502789
ISBN (eBook)
9783346035530
ISBN (Buch)
9783346035547
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dieses, welt, über, motiv, fremden, heinrich, heines, romanzero
Arbeit zitieren
Lisanne Schmitz (Autor), 2018, "Dieses ist die neue Welt". Über das Motiv des Fremden in Heinrich Heines "Romanzero", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502789

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