Thesen wie „die Alltagssprache hat ihre eigene Grammatik“ (Tucholsky) werfen die Frage auf, ob die geschriebene und die gesprochene Sprache im Hinblick auf ihre Struktur und ihren Satzbau als gleichgesetzt eingestuft werden können oder ob diese beiden Phänomene als komplett eigenständige, unabhängige Untersuchungsgegenstände behandelt werden müssen. Dies gilt es in der folgenden Arbeit zu klären. Als Anhaltspunkt dafür wird das topologische Feldermodell herangezogen, das traditionell zur Beschreibung des deutschen Satzes dient und mit dem der Aufbau eines jeden Satzes erklärt werden kann.
Unser heutiges Sprachbewusstsein kann als schriftsprachlich geprägt angesehen werden. Nicht allein der Automatismus, mit dem die gesprochene Sprache einhergeht, auch das höhere Ansehen der Schriftsprache in der Gesellschaft und die technisch bedingt erheblich spätere Erforschung der gesprochenen Sprache hat zur Konsequenz, dass dem Gesprochenen eine viel geringere Aufmerksamkeit und Wertschätzung zugutekommt, als dem Geschriebenen. Diese Feststellung rechtfertigt es, die gesprochene Sprache als eine Art „Oppositionsbegriff“ (Fiehler) anzusehen, der nur durch die erkennbaren Unterschiede zur geschriebenen Sprache bestehen kann.
Den deutlichsten Unterschied, der zwischen geschriebener und gesprochener Sprache besteht, stellt offenkundig der mediale Charakter beider Kommunikationssysteme dar. Geprägt und aufgearbeitet durch Koch und Oesterreicher sind also an dieser Stelle, mit Bezugnahme auf den Titel der vorliegenden Arbeit, die Begrifflichkeit der Konzeption und des Mediums von Mündlichkeit und Schriftlichkeit aufzugreifen und gegenüberzustellen. Während der Bereich des Mediums darauf abzielt, eine sprachliche Äußerung in graphische und phonische Realisierung zu unterteilen, bezieht sich die Konzeption auf den Modus der Äußerung, also darauf, ob diese gesprochen oder geschrieben vorkommt. Es ergeben sich also vier Möglichkeiten der Zuordnung einer Äußerung. Hier primär bezogen wird sich auf die Kombination der konzeptionellen Mündlichkeit, die im Modell von Koch/Oesterreicher als nähesprachlichste Kombination, also als die der Alltagssprache am ähnlichsten angesehen wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Topologie des deutschen Satzes
3 Herausstellungen
3.1 Herausstellung nach links
3.2 Herausstellung nach rechts
4 Auslassungen und Abbrüche
4.1 Ellipsen
4.2 Anakoluthe
5 Fazit
6 Quellen – und Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, in welchem Umfang sich die Syntax der geschriebenen Sprache von der gesprochenen Sprache unterscheidet und ob sich gesprochensprachliche Äußerungen mithilfe des topologischen Feldermodells analysieren lassen.
- Grundlagen des topologischen Feldermodells
- Syntax der gesprochenen Sprache im Vergleich zur Schriftsprache
- Analyse von Herausstellungen (Links- und Rechtsversetzung)
- Untersuchung von Auslassungen (Ellipsen) und Konstruktionsabbrüchen (Anakoluthe)
- Evaluierung der Anwendbarkeit klassischer Syntaxmodelle auf mündliche Daten
Auszug aus dem Buch
3.1 Herausstellung nach links
Die Herausstellung nach links, auch unter dem Begriff „Linksversetzung“ bekannt, beschreibt ein vorwiegend mündliches Phänomen, bei dem einem formal vollständigen Satz ein weiterer, ergänzender Ausdruck vorangestellt wird. Dieser Ausdruck wird entweder durch ein Pronomen im Vorfeld oder durch Pronomina im Mittelfeld aufgegriffen und wieder in den Kontext des Satzes aufgenommen. (Scheutz 1997; 28) Als Funktion dieser anfänglichen Nennung kann die Fokussetzung auf das primäre Thema des Satzes aufgeführt werden. Dies wird entweder erneut aufgegriffen, komplett neu in den Kontext eingeführt oder final abgeschlossen. Scheutz wirft an dieser Stelle den Begriff „topikmarkierend“ (Scheutz 1997; 38) ein. Die Versetzung legt also das Thema des folgenden Satzes fest. Zu erwähnen ist, dass dem Satz jegliche Arten von Satzgliedern vorangestellt werden können. (vgl. Schwitalla 2006; 112f.)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Abgrenzung von gesprochener und geschriebener Sprache ein und definiert die Forschungsfrage bezüglich der Anwendbarkeit des topologischen Feldermodells.
2 Die Topologie des deutschen Satzes: Dieses Kapitel erläutert das topologische Feldermodell als traditionelle Beschreibungsmöglichkeit der Satzstruktur des Deutschen und definiert die einzelnen Positionen.
3 Herausstellungen: Hier werden räumliche Verschiebungen im Satz untersucht, wobei speziell die Links- und Rechtsherausstellung als Phänomene der gesprochenen Sprache analysiert werden.
4 Auslassungen und Abbrüche: Dieses Kapitel widmet sich unvollständigen Redebeiträgen und analysiert, wie Ellipsen und Anakoluthe syntaktisch zu bewerten sind.
5 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass sich die untersuchten gesprochensprachlichen Phänomene weitestgehend mit dem Feldermodell erklären lassen, mit Ausnahme bestimmter Verbellipsen.
6 Quellen – und Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie der Datengrundlage der Radiointerviews.
Schlüsselwörter
Syntax, Topologie, Feldermodell, gesprochene Sprache, Schriftsprache, Herausstellung, Linksversetzung, Rechtsversetzung, Ellipse, Anakoluth, Sprachwissenschaft, Konzeption, Mündlichkeit, Satzbau, Grammatik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die syntaktische Struktur der gesprochenen Sprache im Vergleich zur geschriebenen Sprache anhand des topologischen Feldermodells.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf Herausstellungen, elliptischen Konstruktionen und syntaktischen Konstruktionsabbrüchen in mündlichen Äußerungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob das klassische topologische Feldermodell auch zur Analyse von gesprochener Sprache geeignet ist oder ob die Abweichungen der Mündlichkeit eine neue Grammatik erfordern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die klassische Syntaxanalyse und wendet diese auf eine Datengrundlage aus verschiedenen Radiointerviews an, um syntaktische Phänomene in der Praxis zu prüfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einführung des Feldermodells, die Analyse von Links- und Rechtsherausstellungen sowie die Untersuchung von Ellipsen und Anakoluthen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Syntax, Feldermodell, Mündlichkeit, Linksversetzung, Rechtsversetzung, Ellipse und Anakoluth.
Welche Erkenntnis lässt sich zur Verbellipse gewinnen?
Die Untersuchung zeigt, dass Verbellipsen aufgrund des fehlenden Kopulaverbs eine Grenze des topologischen Feldermodells darstellen, da sie sich nicht konsistent einordnen lassen.
Wie unterscheidet sich die Linksherausstellung vom freien Thema?
Der Hauptunterschied liegt in der Integration: Die linksversetzte Phrase ist prosodisch in den Satz integriert, während das freie Thema eine eigenständige prosodische Einheit bildet.
Warum werden Radiointerviews als Datenquelle genutzt?
Radiointerviews werden gewählt, weil sie eine hohe Spontanität aufweisen und somit ein hohes Maß an konzeptioneller Mündlichkeit garantieren.
- Citar trabajo
- Lisanne Schmitz (Autor), 2019, Zur topologischen Felderbesetzung im konzeptionell mündlichen Sprachgebrauch des Deutschen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502792