Der Begriff des Komischen im Werk von Henri Bergson

Alltägliche Beispiele aus den Bereichen des Theaters und des Fernsehens


Examensarbeit, 2019

48 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Komische bei Henri Bergson
2.1 Beschreibung statt Definition – das philosophische Programm in Henri Bergsons Das Lachen
2.2 Komik im Allgemeinen
2.2.1 Komik als Phänomen des Menschlichen
2.2.2 Komik als Gegenstand des Intellekts
2.2.3 Komik als Phänomen des Sozialen
2.2.4 Komik als Äußerung von Steifheit und Automatismus
2.2.5 Komik der Physiognomie
2.2.6 Komik der Verkleidung
2.2.7 Komik der Aufmerksamkeitsverschiebung
2.2.8 Komik der Verdinglichung
2.2.9 Zwischenfazit
2.3 Situationskomik und Wortkomik
2.3.1 Situationskomik
2.3.2 Wortkomik
2.4 Charakterkomik
2.4.1 Charakterkomik als Figurenkomik
2.4.2 Charakterkomik als Gesellschafts- und Berufskomik
2.5. Das Komische als Spannungsfeld von Sympathie und Sanktion

3 Probleme und Perspektiven der Komiktheorie nach Henri Bergson
3.1 Probleme
3.1.1 Methodik
3.1.2. Gleichsetzung des Lachens
3.1.3 Einseitigkeit des Verhältnisses zwischen Verlachtem und Lachendem
3.1.4 Verharmlosung des Verlachens
3.2 Perspektiven

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur
5.2.1 künstlerische Texte
5.2.2 wissenschaftliche Texte

1 Einleitung

Das Komische und das mit ihm gleichsam verbundene Lachen begegnen uns innerhalb unserer lebensweltlichen Handlungsvollzüge trotz ihrer verschiedensten Formen, Motivationen und Konsequenzen als ein recht selbsterklärend, zuweilen sogar selbstverständlich scheinendes Phänomen. Wir sind amüsiert, wenn sich gewisse Begebenheiten ereignen, wir sind angesteckt vom Lachen unserer Mitmenschen, wir hinterfragen, ob ein Lachen in bestimmten Momenten und über gewisse Dinge wie Personen angebracht oder nicht angebracht erscheinen mag. Dies geschieht jedoch zumeist in einer gewissen Form von Leichtigkeit, wenn nicht sogar Leichtfertigkeit. Die Tatsache, dass wir lachen und, damit einher gehend, die Motivationen dafür sowie die Auswirkungen unserer Wahrnehmung des Komischen erscheinen uns als eine Normalität unserer menschlichen Existenz. Während beispielsweise das Tier vermeintlich nicht lacht, ist der Mensch dazu imstande, Komik sowohl zu erleben als auch aktiv zu gestalten.

Ungeachtet dieser scheinbaren Selbstverständlichkeit der Entstehung von Komik und ihrer Auswirkungen auf die soziale wie kulturelle Gemeinschaft gilt der Begriff des Komischen seit Beginn der Philosophie als wichtiger Gegenstand philosophischer Betrachtungen und Untersuchungen. Seit der Antike wurde die Frage nach dem Komischen und dessen Genese ebenso erörtert wie dessen Auswirkungen auf die Felder der Kunst, der Literatur, der Musik, des Theaters und der Gesellschaft. Dabei wurde das Lachen sowohl als Form der Selbsterhöhung als auch als gesellschaftskonstituierende Kraft beschrieben.1 Insbesondere hinsichtlich Letzteren gilt Henri Bergson als einer der einflussreichsten Philosophen, widmete er sich doch innerhalb seines Essays Das Lachen dem Aspekt der Bühnenkomik in nicht unwesentlichem Ausmaß.

Eben jener Essay über den Begriff des Lachens und des Komischen bei Henri Bergson soll das Zentrum der thematischen Auseinandersetzung innerhalb der vorliegenden Arbeit bilden. Es soll somit dargelegt werden, unter welchen Voraussetzungen und Gegebenheiten nach Bergson diverse Spielarten des Komischen entstehen und als solche identifiziert werden können. Dazu soll jedoch nicht nur hinterfragt und analysiert werden, wie Bergson den Begriff des Komischen zu fassen und erläutern versucht, sondern es soll gleichsam untersucht werden, auf welche Art und Weise eben jene Erläuterungen durch ihn ausgestaltet werden. Somit sollen nicht nur inhaltliche Fragen zum Begriff und Wesen des Komischen thematisiert werden, sondern auch deren Beschreibung und Beurteilung durch Bergson.

Zur inhaltlichen Erläuterung des Begriffes des Komischen bei Bergson sollen ebenso Fragen nach dem Wesen des Komischen, aber auch dessen Folgen für ein gemeinschaftliches Zusammenleben thematisiert werden. Dies insbesondere deshalb, da Lachen als Ausdruck des Komischen für Bergson ein zutiefst soziales Momentum verkörpert – Lachen bedeutet für ihn nicht weniger als Stiftung von Gemeinschaft und Zusammenhalt. Zur Verdeutlichung der von Bergson beschriebenen Merkmale und Eigenheiten des Komischen sollen sowohl alltagsweltliche Beispiele als auch solche aus den Bereichen des Theaters und des Fernsehens Eingang finden.

Auf die Analyse ausgewählter Bestandteile der Komiktheorie Bergsons folgt eine Darstellung möglicher Streit- und Kritikpunkte hinsichtlich seiner Ausführungen zur Genese und zum Zweck des Komischen. Hierbei soll insbesondere die Frage nach einer Form von möglicher sozialer Verantwortung der Komik ebenso Berücksichtigung finden wie mögliche negative Folgen der Ansichten Bergsons. Anschließend sollen mögliche Perspektiven dahingehend aufgezeigt werden, inwiefern sich die dargelegten Positionen Bergsons zum Lachen und zum Bereich des Komischen auf andere Bereiche der Kultur, namentlich Musik und Literatur, übertragen lassen können. Schließlich werden die Ergebnisse der Untersuchungen in zusammenfassender Form dargelegt.

2 Das Komische bei Henri Bergson

2.1 Beschreibung statt Definition – das philosophische Programm in Henri Bergsons Das Lachen

Bevor Henri Bergson, Begründer der philosophischen Strömung der Lebensphilosophie2, seine bis heute nachwirkenden Beobachtungen zum Komischen und dem mit ihm einhergehenden Lachen zu beschreiben beginnt, eröffnet er seinen Essay mit der Präsentation eines wesentlichen Problems bei der Auseinandersetzung mit diesem Phänomen. Denn wenngleich er konstatiert, dass Philosophen „[s]eit [Aristoteles]“3 sich „in dieses Problem vertieft“4 haben, so wird im gleichen Zug das Schwierige des Komischen formuliert, welches sich jedem Versuch einer Beschreibung im Sinne einer Definition entzieht:

„[E]s [das Komische, A.d.V.] gleitet davon, verschwindet, taucht wieder auf: eine einzige spitzbübische Herausforderung an die philosophische Spekulation. Da[ss] nun auch wir dem Problem zu Leibe rücken, können wir einzig mit der Absicht rechtfertigen, die komische Phantasie auf keinen Fall in eine Definition zu zwängen. Wir sehen in ihr etwas Lebendiges.“5

Bergson intendiert somit keineswegs, mittels seines Essays über das Lachen eine streng wissenschaftlich-definitorische oder gar allumfassende Abhandlung über die Genese und das Wesen des Komischen und Lächerlichen zu verfassen. Vielmehr stellt das Vitale des Gefühls und der Phänomene des Komischen für ihn das dar, was es als Kern jenes lebensweltlichen Phänomens zu erfassen und anhand von Beispielen aus Lebenswelt sowie den Bereichen der Kunst und Kultur möglichst exakt zu beschreiben gilt. Bergson verweist auf diese Genauigkeit in der folgenden Arbeit, indem er beispielsweise anmerkt, dass es wichtig sei, bei der Betrachtung und Beschreibung komischer Begebenheiten sämtliche ihrer „Metamorphosen“6 zu berücksichtigen und dass es daher unerlässlich sei, „keines von den Dingen, die wir sehen, nebensächlich“7 anzusehen und somit bei den Untersuchungen hinsichtlich des Komischen in unserer Lebenswelt wie auf den Bühnen des Theaters zu vernachlässigen oder gar zu ignorieren. Es wird somit das Programm einer umfassenden Untersuchung des Gegenstandsbereiches der komischen Erscheinungen, Mimik, Sprache und Bewegung innerhalb lebensweltlicher wie bühnenweltlicher resp. inszenatorischer Kontexte entworfen, welches sich starren Definitionen im Sinne eines Szientismus, den Bergson ablehnt, zu entziehen sucht und viel mehr durch Beschreibungen und die daraus gezogene Schlüsse eingelöst werden soll. Einen entscheidenden Vorteil darin formuliert Bergson in dem klar vorherrschenden Zusammenhang zwischen „Kunst und Leben“8, welcher nur dadurch verstanden und nachvollzogen werden kann, indem man berücksichtigt, dass durch die genaue Erforschung und Beschreibung des Phänomens des Komischen nicht nur Wesentliches über dessen Theorie auf der Bühne erfahren werden kann, sondern auch, inwieweit Aspekte des Komischen auch Rückschlüsse auf bestimmte Merkmale der „menschliche[n] Phantasie“9 und, genauer formuliert, der „soziale[n], kollektive[n] [..] Phantasie“10 ermöglichen. Die Zielstellung des Essays Das Lachen von Bergson liegt somit in einer Beschreibung des Komischen in anthropologischer Hinsicht, welche durch einen Umweg über ästhetische Beschreibungen des Komischen auf der Bühne vollzogen wird. Das Komische unseres Lebens also lässt sich, folgen wir den Gedanken Bergsons, besser verstehen, sofern man sich den Gegebenheiten des Komischen auf der Bühne zu bedienen versucht. Was uns auf der Bühne sodann als komisch erscheint und uns zum Lachen zu bringen vermag, erreicht diesen Zustand ebenso, wenn sich selbige Begebenheiten in alltäglichen Situationen ereignen. Bergson unterteilt seine Beobachtungen des Komischen in drei Teile: Zunächst erfolgen Ausführungen zur Komik im allgemeinen Sinne sowie zur Komik der Formen und Bewegungen und deren Ausdehnungskraft. Daran schließt sich eine genauere Betrachtung der Komik bestimmter Situationen und dem komischen Wesen der Sprache an. Schließlich wird die Charakterkomik in den Fokus der Betrachtungen und Beschreibungen Bergsons gerückt.

2.2 Komik im Allgemeinen

2.2.1 Komik als Phänomen des Menschlichen

Bergson eröffnet seine Beschreibung dessen, was wesentlich für die Komik im allgemeinen Sinn erscheinen mag, mit einer entscheidenden Feststellung: „Es gibt keine Komik außerhalb dessen, was wahrhaft menschlich11 ist. Eine Landschaft mag schön, lieblich, großartig, langweilig oder hä[ss]lich sein, komisch ist sie nie.“ Für Bergson erscheinen somit ausnahmslos jene Wesenszüge, Artikulationen gestischer wie mimischer Art und Weise als komisch und zum Lachen anstiftend zu beschreiben und zu erklären geeignet, welche von menschlichen Individuen ausgeübt bzw. dargestellt werden. Es sind aber viel mehr die darauf folgenden Feststellungen Bergsons, welche einer genaueren Betrachtung unterzogen werden sollen: Bergson formuliert, dass auch Wesen, die keine Menschen sind komische Gefühle und Reaktionen wie das Lachen hervorrufen können, selbiges geschieht auch bei Dingen oder Betrachtungen in der Natur. Bergson begründet die Komik nicht-menschlicher Wesen wie Objekte jedoch damit, dass sie Rückschlüsse auf einen „menschlichen Zug oder einen menschlichen Ausdruck“12 auslösen. So würde beispielsweise ein Strohhut nur deswegen als komisch und zum Lachen anstiftend erscheinen, da man weniger das real vorhandene Objekt als vielmehr die ihm zugrunde liegende und durch den Menschen realisierte Idee als komisch resp. lächerlich empfände13. Als diskussions- oder fragwürdig mag die Formulierung Bergsons angesehen werden, dass Tiere nicht in der Lage seien, aus sich heraus komisch sein oder auch nur lachen zu können, welche er mit folgenden Worten beschreibt:

„Mehrere (Philosophen, A. d. V.) haben im Menschen ein ‚Tier, das lachen kann‘ gesehen. Sie hätten ihn auch ein Tier, das lachen macht‘ nennen können, denn wenn irgendein Tier oder irgendein seelenloser Gegenstand zum Lachen reizt, dann geschieht dies einer gewissen Ähnlichkeit mit dem Menschen wegen […].“14

Diese Formulierung ist insoweit als interessant, als dass sie insbesondere aus heutiger Sicht höchst disktuabel scheint. Bergson spricht dem Tier, sofern es sich nicht um einen Menschen handelt, sowohl die Fähigkeit ab, selbst Komik zu erzeugen, gleichsam wird aber auch die Fähigkeit negiert, dass Tiere selbst komische Empfindungen spüren und diese artikulieren könnten. Dieses Absprechen beider komischer Fähigkeiten geschieht durch eine Gleichsetzung Bergsons von Tieren mit, wie er es formuliert, seelenlosen‘ Gegenständen. Tiere werden durch Bergson als Gegenstände angesehen, welche keine Seele besitzen und werden somit bei allen folgenden Untersuchungen des Komischen durch den Autor nicht weiter berücksichtigt. Mittels der Gleichsetzung und sich daran anschließenden Ausklammerung von Tieren stellt Bergson nunmehr unmissverständlich klar, dass sich seine Auseinandersetzung mit dem Gegenstand des Komischen ausschließlich dem menschlichen wie zwischenmenschlichen Gegenstandsbereich widmen und die gemachten Beobachtungen nur in eben jenem Bereich beschrieben werden sollen.

2.2.2 Komik als Gegenstand des Intellekts

Eine weitere wichtige Beobachtung, welche Bergson seinen Betrachtungen einzelner komischer Momente menschlicher Handlungen voranstellt, stellt die der „Empfindungslosigkeit“15 im Zuge komischer Beobachtungen und dem daraus hervorgehenden Lachen dar. Was zunächst widersprüchlich erscheinen mag, wird nur allzu deutlich, wenn man den Gedanken Bergsons zu folgen bereit ist:

„Wahrhaft erschüttern kann die Komik offenbar nur unter der Bedingung, da[ss] sie auf einen möglichst unbewegten, glatten Boden fällt. Gleichgültigkeit ist ihr natürliches Element. Lachen hat keinen größeren Feind als die Emotion. […] Die Komik bedarf also einer vorübergehenden Anästhesie des Herzens, um sich voll entfalten zu können. Sie wendet sich an den reinen Intellekt.“16

Bergson greift hier einen wesentlichen Punkt hinsichtlich der Erfassung und Verarbeitung komischer Situationen im menschlichen Handlungsvollzug auf. Nämlich, dass insbe sondere beim Erleben von Situationen, welche uns belustigen, ganz gleich, ob dies bewusst (intendiert) oder unbewusst (nicht intendiert) geschieht, eben nicht die Ebene des Gefühls, sondern viel mehr die des Intellekts, zum Tragen kommt. Hierbei darf nicht unerwähnt bleiben, dass Bergson sich bei der Verwendung des Begriffs des Gefühls resp. der Emotion vor allem auf das empathische Mitfühlen zu beziehen scheint. Eine Situation, wie beispielsweise das Missgeschick eines Menschen als komisch und lächerlich zu empfinden, erscheint für Bergson als schwer vorstellbar, wenn eine empathische Beziehung zwischen dem Lachenden und dem Lächerlichen besteht. Zwar ist ein Lachen auch in einer solchen Situation nicht gänzlich undenkbar, jedoch nach Bergson nur dann, wenn „diese Zärtlichkeit, dieses Mitleid für eine kurze Weile unterdrück[t]“ wird. Das Hervorrufen der Betäubung der Emotionen erscheint somit als eine elementare Voraussetzung zur Empfindung komischer Gefühle sowie deren Artikulation durch das Lachen. Bergson verdeutlicht, wie wichtig bei dem Betrachten komischer Situationen das unbeteiligte Beobachten jener Situationen anzusehen ist – nur als Beobachtender einer Situation ohne starke emotionale Verbundenheit mit jenem, der eine komische Situation (bewusst oder unbewusst) vollzieht, kann es gelingen, dass sich das vollständige komische Potenzial eines solchen Moments entfalten und letztlich durch das Lachen zum Ausdruck gebracht werden kann. Zudem verdeutlicht Bergson an einem Beispiel, wie schnell und gleichsam unkompliziert eine Situation ohne jeden komischen Gehalt in einen komödiantischen Moment transformiert werden kann: „In einem Salon, wo getanzt wird, brauchen wir uns nur die Ohren zuzuhalten, damit uns die Tänzer lächerlich vorkommen.“17 Eine nicht unwesentliche Beobachtung, schildert sie doch, wie leicht sich selbst Situationen, welche allzu ernst und fern jeder komischen Wesenshaftigkeit erscheinen, mittels der Reduzierung von Empfindungen und Empathie sowie der Ausblendung einzelner Sinne in zutiefst lächerliche weil komödiantische Szenen verwandeln lassen.

2.2.3 Komik als Phänomen des Sozialen

Einen dritten und vielleicht den wesentlichsten Aspekt des Komischen bei Henri Bergson stellt die Beschreibung des Lachens als soziales und somit gemeinschaftliches Phänomen dar. Komisches zu beobachten und gleichsam zu artikulieren erfordert nach Bergson stets eine Form der Resonanz: „[O]ffenbar braucht das Lachen ein Echo“18. Nach Bergson erfordert das Lachen einer Person, welches keinesfalls einen „artikulierte[n], scharfe[n], abgegrenzte[n] Ton“19 darstellt, sondern sich als etwas zeigt, „das immer weiter um sich greift, etwas, das mit einem Ausbruch beginnt und sich rollend fortsetzt wie der Donner im Gebirge“20, eine gewisse Form der Erwiderung. Wenn Person X lacht, so ist, wenn man Bergson folgt, dass Lachen auf einen Widerhall durch (mindestens eine) Person Y angewiesen, wenn es seine volle Kraft entfalten soll.21 Somit ist es nur folgerichtig, wenn Bergson aus seinen Beobachtungen schlussfolgert, dass das Lachen stets „das Lachen einer Gruppe“22 darstellt. Es wird auf den Aspekt verwiesen, dass das Lachen eines Menschen stets auf eine gewisse Form der Responsivität anderer angewiesen scheint und in diesem Zusammenhang eine stark gemeinschaftskonstituierende Wirkung entwickeln kann. Diese Herstellung einer Gemeinschaft durch das Lachen wird durch Bergson auch am Beispiel des Theaters dargestellt, wenn er die vorherrschende Meinung wie folgt beschreibt: „[D]as Publikum lache im Theater umso lauter, je voller der Saal sei“23. Auch hier zeigt sich die Angewiesenheit des Lachens auf eine Form der Reaktion. Ein Lachen im Theaterraum erscheint mindestens fragwürdig, wenn es keinerlei Reaktionen der Zuschauenden auf das Geschehen auf der Bühne darstellt. Das Lächerliche auf der Bühne wie im Leben und das aus ihm entspringende Lachen ist stets auf eine Form der Bestätigung und Fortführung angewiesen. Ohne sie kann keine Komik entstehen. Jedoch darf ein entscheidender Faktor hinsichtlich der gemeinschaftsstiftenden, inklusiv erscheinenden Wirkung des Lachens nicht vernachlässigt werden: Es kann nur zusammen in Gemeinschaft gelacht werden, wenn die komischen Inhalte auf dieselben Ansichten bezüglichen des komischen Gehaltes treffen. Ein Lachen, welches mehrere Menschen anzustecken vermag, ist nur deswegen dazu imstande, da diejenigen, die zusammen lachen, mehr als nur eine lachende Gemeinschaft darstellen. Dies verdeutlicht Bergson am Beispiel einer Situation während einer Zugfahrt:

„Vielleicht haben Sie in einem Bahnabteil oder einem Speisesaal schon einmal zugehört, wie Mitreisende einander Geschichten erzählten, die sie – aus ihrem herzlichen Gelächter zu schließen – zweifellos komisch fanden. Auch Sie hätten gelacht, hätten Sie zu ihrer Gesellschaft gehört, doch da Sie nicht dazugehörten, verspürten Sie nicht die geringste Lust zu lachen.“24

Das Lachen fungiert in der von Bergson beschriebenen Situation in geradezu umgekehrter Art und Weise. Für den Kreis der Mitreisenden, die sich die ihnen bekannten und geläufigen Geschichten erzählen, wird durch gemeinsame Erfahrungen mittels des Lachens eine Gemeinschaft hergestellt, das Lachen wirkt also inklusiv. Zeitgleich werden jedoch alle Umstehenden, welche sich nicht zu den Eingeweihten bezüglich des Inhaltes der amüsanten Geschichten zählen können, aus der lachenden Gemeinschaft ausgeschlossen, das Lachen wirkt somit exklusiv. Das Lachen beinhaltet somit gleichzeitig eine verbindende wie ausgrenzende Funktion. Diese wird insbesondere dann umso stärker, wenn sich der Humor, der Anlass des Lachens der Gemeinschaft, bewusst gegen Außenstehende wendet und somit das Lachen auf Kosten anderer vollzogen wird. Witze über Angehörige bestimmter sozialer Gruppen wie beispielsweise über Frauen mit blonden Haaren können nur dadurch ihre Wirkung entfalten, dass sie bewusst und gezielt auf die Ausgrenzung jener Gruppe durch das Verlachen angelegt sind. Hier zeigt sich eine interessante wie ethisch diskussionswürdige Seite des gemeinschaftsstiftenden Wesens des Komischen bei Bergson, welche eine gewisse Form von „Verschwörung mit anderen wirklichen oder imaginären Lachern“25 verkörpert. Aus seinen geschilderten Beobachtungen zieht Bergson den durchaus wichtigen Schluss, welcher gleichsam als Kern seiner Komiktheorie verstanden werden muss: „Das Lachen muss gewissen Anforderungen des Gesellschaftslebens genügen. Das Lachen muss eine soziale Bedeutung haben.“26

Die wesentlichen Punkte der Bestimmung des Komischen im allgemeinen Sinne nach Bergson lassen sich somit folgendermaßen zusammenfassen: Das Lachen stellt ein ausschließlich menschliches Phänomen dar, welches mit einer Reduzierung der Gefühle einhergehen muss und gleichsam imstande ist, sowohl eine Gemeinschaft zu stiften als auch diese hergestellte Gemeinschaft gegen sich abweichend Verhaltende ebenso wie Außenstehende abzugrenzen.

2.2.4 Komik als Äußerung von Steifheit und Automatismus

Welche Erscheinungen den Menschen als komisch erscheinen und worin jene Komik begründet sein mag, beschreibt Bergson im weiteren Verlauf an verschiedensten Beispielen und verdeutlicht an ihnen sowohl den Begriff der mechanischen Steifheit als auch der Zerstreuung ebenso wie die bestrafende Wirkung des Lachens als sozialer Geste. Diese Bestrafung erfolgt immer dann, wenn sich eine Person durch ihre Handlungen entgegen der normalen Erwartungen oder Normen der Gesellschaft zu verhalten pflegt. Dies darf jedoch nicht als sittenwidriges oder gar der Gesellschaft schadendes Verhalten missverstanden werden. Vielmehr sind es bereits kleine alltägliche Dinge wie das Stolpern, welches auf die Betrachtenden komisch wirkt und dadurch zu einem (mehr oder minder) sanktionierenden Lachen führt. Den Grund, warum beispielsweise eine stolpernde oder zerstreut agierende Person Menschen zum Lachen zu bringen imstande scheint, ergibt sich aus dem Gegensatz zwischen Lebendigem und Maschinellem, dem Kontrast zwischen Veränderlichkeit und „mechanisch wirkende[r] Steifheit“27.. So erscheint die stolpernde Person insofern als versteift und demzufolge zerstreut, als dass sie nicht imstande ist, sich verändernden Begebenheiten anzupassen. Statt einem auf der Straße befindlichen Stein auszuweichen und somit wirklich lebendig bzw. flexibel zu agieren, versteift der Körper der Person und behält den gewohnten Gang trotz des Vorhandenseins des hinderlichen Steines bei, es kommt zum Sturz. Eben jener Sturz offenbart in seiner vorausgesetzten Unfreiwilligkeit die mangelnde Lebendigkeit der Person, ihr vorheriges Verhalten entpuppt sich als mechanisch und versteift, was der Erwartung an Lebendiges entschieden zuwiderläuft und daher durch das aufkommende Lachen anderer Personen sanktioniert wird. Es entsteht somit jene genannte „mechanisch wirkende Steifheit in einem Augenblick, da man von einem Menschen wache Beweglichkeit und lebendige Anpassungsfähigkeit erwartet“28. Die beim Stolpern vorhandene Steifheit hinsichtlich des körperlichen Agierens einer Person unterscheidet Bergson weitergehend von einer gewissen Steifheit geistiger Natur, wenn beispielsweise Personen durch ihre Charakterzüge einen Mangel an Anpassungsfähigkeit an ihre (einem stetigen Wandel unterworfene) Lebenswelt verkörpern. Der Grund für die Sanktionierung eben jener Steifheit, sei sie physischer oder mentaler Natur, begründet Bergson folgendermaßen:

„Jede Versteifung29 des Charakters, des Geistes und sogar des Körpers wird der Gesellschaft daher verdächtig sein, weil sie auf erlahmende Tatkraft schließen lässt, auf ein Handeln auch [, das] sich außerhalb des von der Gesellschaft gebildeten Kreises bewegt. […] Diese Steifheit ist das Komische und das Lachen ist ihre Strafe.“30

2.2.5 Komik der Physiognomie

Bergson widmet sich anschließend der Frage, was eine „komische Physiognomie“31 darstellen bzw. wie ein „lächerlicher Gesichtsausdruck“32 entstehen kann. Auch hierbei spielt der Aspekt der Mechanik bzw. der Versteifung eine zentrale Rolle, da auch die Physiognomie laut Bergson genau dann als komisch empfunden werden muss, wenn sie als „Automatismus, Steifheit, erworbene und beibehaltene Gewohnheit“33 aufgefasst und angesehen werden kann. Diese komische Wirkung kann zudem genau dann eine Verstärkung erfahren, wenn sie auf eine Zerstreuung zurückzuführen ist, welche grundlegend im Charakter der agierenden Person begründet werden kann. Bergson thematisiert hier ein besonderes Verhältnis zwischen Stoff und Seele: Während die Seele schier „unendlich beweglich“34 erscheint und mit dem Begriff der Anmut beschrieben wird, stellt der Stoff bzw. Körper eines Menschen für Bergson eine gewisse Trägheit dar. Diese Trägheit wird auf die Anmut übertragen, lähmt sie gar zuweilen und führt zu dem, was Bergson als Steifheit charakterisiert und letztlich auf Umstehende komisch wirkt: „Wo es dem Stoff gelingt, das Leben der Seele nach außen zu verdicken, seinem Rhythmus zu lähmen, gewinnt er dem Körper eine komische Wirkung ab.“35

Auch hinsichtlich der Komik von Gebärden und Bewegungen scheint das Verhältnis der lebendigen, sich stets fortentwickelnden Seele und dem zur Trägheit neigenden Körper (Stoff), welches im stetigen Widerstreit zwischen Lebendigem und Maschinell-Versteiftem zum Tragen kommt, eine wesentliche Rolle zu spielen. Komisch erscheinen nach Bergson eben jene Formen von Bewegungen und Gebärden eines menschlichen Körpers „[..] genau in dem Maß, wie uns dieser Körper an einen gewöhnlichen Mechanismus erinnert“36. Davon ausgehend thematisiert Bergson das Verhältnis zwischen der Gebärde und gesprochenem Wort bzw. den dadurch ausgedrückten Gedanken. Auch hier zeigt sich das konfliktbehaftete Spannungsverhältnis zwischen Innerem und Äußerem, dem sich entwickelnd Lebendigen und dem starr verharrend Versteiftem. Den Gedanken bescheinigt Bergson eine gewisse Form der stetigen, sich immer stärker aufzeigenden Entwicklung, welche keinerlei Wiederholungen erlauben kann, „denn sich nicht mehr ändern heißt nicht mehr leben“37. Im Gegensatz zu diesen die Wiederholung vermeidenden und lebendigen Gedanken beschreibt Bergson die sich in regelmäßig wiederholenden Abständen zeigenden Gesten, welche beispielsweise Redner an den Tag legen. Das Beobachten der reinen Gestik in einer solchen Situation erscheint laut Bergson insofern für die Beobachtenden als komisch und lächerlich bzw. verlachenswert, als dass es einen Mechanismus repräsentiert, welcher „automatisch arbeitet“38 und somit den bereits beschriebenen Eigenschaften der Seele und Anmut des menschlichen Daseins, nämlich der Fortentwicklung und des Unbeständigen, stark widerspricht und daher zwangsläufig als komisch wahrgenommen werden muss, da es sich letztlich um einen „ins Leben eingebaute[n] und das Leben imitierende[n] Automatismus“39 handelt, was für Bergson das genuine Wesensmerkmal des Komischen darstellt.

[...]


1 Auf eine Darstellung der verschiedenen Positionen hinsichtlich des Komischen wird aus Kapazitätsgründen verzichtet. Einen Überblick hierzu bieten sowohl Bachmaier, Helmut (Hg.) (2013): Texte zur Theorie der Komik. [Nachdr.]. Stuttgart: Reclam (Reclams Universal-Bibliothek, Nr. 17656), aber auch Geier, Manfred (2006): Worüber kluge Menschen lachen. Kleine Philosophie des Humors. 2. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. Zudem sei hier verwiesen auf Prütting, Lenz (2016): Homo ridens. Eine phänomenologische Studie über Wesen, Formen und Funktionen des Lachens. 4. Auflage als erweiterte Neuausgabe. Freiburg, München: Verlag Karl Alber (Neue Phänomenologie, Band 21), insbesondere Kapitel 2. Für einen komprimierten Überblick siehe Wirth, Uwe (Hg.) (2017): Komik. Ein interdisziplinäres Handbuch. Unter Mitarbeit von Julia Paganini. Stuttgart: J.B. Metzler Verlag, S.68 ff.

2 Für weitere Hinweise zur Lebensphilosophie sei auf Holeschofsky, Georg (2012): Ein komischer Autor. Eine Untersuchung der Komik in Fritz von Herzmanovsky-Orlandos Komödie Prinz Hamlet der Osterhase oder »Selawie« oder Baby Wallenstein mithilfe der Komiktheorie Henri Bergsons. Diplomarbeit. Universität Wien, Wien, S.28 ff. verwiesen.

3 Bergson 2011, S.13.

4 Ebd.

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Ebd.

8 Bergson 2011, S.14.

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Hervorhebung im Original

12 Bergson 2011, S.14.

13 Vgl. ebd.

14 Ebd.

15 Bergson 2011, S.14.

16 Bergson 2011, S.15.

17 Bergson 2011, S.15.

18 Ebd.

19 Ebd.

20 Bergson 2011, S.15 f.

21 Vgl. Bergson 2011, S.16.

22 Ebd.

23 Bergson 2011, S.16.

24 Bergson 2011, S.16.

25 Ebd.

26 Bergson 2011, S.17.

27 Bergson 2011, S.18.

28 Ebd.

29 Hervorhebung im Original

30 Bergson 2011, S.23 f.

31 Bergson 2011, S.25.

32 Ebd.

33 Ebd.

34 Bergson 2011, S.29.

35 Ebd.

36 Bergson 2011, S.30.

37 Ebd.

38 Bergson 2011, S.31.

39 Bergson 2011, S.31.

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Der Begriff des Komischen im Werk von Henri Bergson
Untertitel
Alltägliche Beispiele aus den Bereichen des Theaters und des Fernsehens
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Philosophie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
48
Katalognummer
V502887
ISBN (eBook)
9783346048813
ISBN (Buch)
9783346048820
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Henri Bergson, Lachen, Komik, Humor, Ästhetik, Ethik, Philosophie, Leensphilosophie, Lebensphilosophie, Komödie, Moliére, Gogol, Loriot, Sketch, Auslachen, Gemeinschaft+, Gemeinschaft, Gesellschaft, Sanktionierung, Verlachen, Bestrafung, Revisor, Der Geizige, Situationskomik, Charakterkomik, Geselllschaftskomik, Berufskomik, Kulturphilosophie
Arbeit zitieren
Florian Leiffheidt (Autor), 2019, Der Begriff des Komischen im Werk von Henri Bergson, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502887

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