Aristoteles "Analyse des Seienden als Seiendes" wird in dieser Arbeit der "Untersuchung des Seienden" durch Nagarjuna gegenübergestellt. Dabei steht folgende erkenntnisleitende Fragestellung im Mittelpunkt: Wie haben die beiden Philosophen den Begriff der Ursache definiert und welches Verständnis über die Wahrheit und das Seiende entwickelt?
Ein solcher Vergleich der beiden Philosophen ist mir in der Sekundärliteratur bislang unbekannt. Daher unternehme ich mittels ausgewählter Sekundärliteratur den Versuch, Aristoteles und Nagarjuna Sichtweisen hinsichtlich dieser Frage eigenständig zu interpretieren. Das geschieht vor dem Hintergrund, dass Aristoteles (384 – 322 v. Chr) als Begründer bis heute geltender Prämissen der westlichen Wissenschaft gilt; teilweise wird er gar als Philosoph der Naturwissenschaften bezeichnet.
Nagarjuna (lebte im 2. Jahrhundert n.Chr.) wiederum ist einer der angesehensten buddhistischen Gelehrten und hat wohl als erster indischer Gelehrter Buddhas Philosophie des "Leersein aller Phänomene von Eigenexistenz", die als "Mittlerer Weg" bezeichnet wird, umfassend systematisiert. Hieraus entstand die sogenannte "Konsequenzschule des Mahayana" (skr.: Prasangika-Madyamika), der beispielsweise der Dalai-Lama angehört. Nagarjuna hat wie schon Buddha Shakyamuni zuvor gegen die Denkschulen der Extreme argumentierte: des Eternalismus (dt.: Ewigkeitslehre) einerseits und des Nihilismus (dt.: Lehre der völligen Verneinung aller Normen und Werte) andererseits.
Aristoteles ist Begründer einer bis heute im Westen dominierenden Logik - wird von ihm Analytik genannt - die auf seinen Sätzen des Widerspruchs und des ausgeschlossenen Dritten basiert. In der antiken indischen Philosophie wurde hingegen neben anderen eine Form der Logik etabliert, die das Werkzeug des Tetralemmas nutzt, das in der abendländischen Philosophie weitgehend unbekannt ist.
Diese zwei sehr verschiedenen Denkwerkszeuge der beiden hier behandelten Philosophen, die durchaus als repräsentativ für "westliches und buddhistisches Denken" angesehen werden können, implizieren die unterschiedlichen Sichtweisen der durch sie repräsentierten "Denkschulen über Wahrheit und Wirklichkeit". Sie nähern sich auf unterschiedlichen Wegen Erklärungsversuchen über die Wirklichkeit, die in der hier vorliegenden Arbeit als die "Gesamtheit aller Erscheinungen" verstanden wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Aristoteles
2.1 Der Weg zur Wahrheit
2.2 Die vier Ursachen und die damit verbundenen Ansichten
2.3 Das Handwerkszeug der Wahrheit
2.4 Die göttliche Ursache und Wahrheit
2.5 Die Notwendigkeit eines ersten Bewegers
3. Nagarjuna
3.1 Intention
3.2 Das Tetralemma
3.3 Die zwei Wahrheiten
3.4 Verständnis von Ursachen
4. Fazit
4.1 Der direkte Vergleich der beiden Philosophen
4.2 Persönliches Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht vergleichend die metaphysischen Konzepte von Aristoteles und Nagarjuna mit dem Fokus auf deren jeweilige Definition des Ursachenbegriffs sowie deren Verständnis von Wahrheit und dem Seienden.
- Gegenüberstellung der westlichen Logik (Aristoteles) und der buddhistischen Dialektik (Nagarjuna).
- Analyse der aristotelischen Ursachenlehre und des Konzepts des ersten Bewegers.
- Untersuchung von Nagarjunas Philosophie des "Leerseins" und der Anwendung des Tetralemmas.
- Kritische Reflexion der "zwei Wahrheiten" im Buddhismus im Vergleich zu aristotelischen Korrespondenztheorien.
- Diskussion über die Möglichkeiten und Grenzen der sprachlichen Erfassung metaphysischer Realitäten.
Auszug aus dem Buch
3.4 Verständnis von Ursachen
Nagarjuna beginnt genau wie Aristoteles mit der Untersuchung der Ursachen von Erscheinungen. Doch während Aristoteles nach der »ersten Ursache«, die er mit Gott vergleicht, forscht und die vier Ursachen definiert, beginnt Nagarjuna mit einer drastisch anderen Ansicht in Vers 1.1.:
„Niemals und nirgends entsteht eine Erscheinung aus sich heraus, aus anderem, aus beidem oder ohne Ursache.“
Er negiert damit alle Möglichkeiten der Existenz von Ursachen, aber auch die Möglichkeit, dass es keine Ursachen gäbe. Er nutzt dafür die vier Sätze des Tetralemmas. „Er realisiert, dass Kausalität auf dem Glauben einer ewigen und eigenexistierenden Substanz oder eines Selbst beruht.“ (Kalupahana 106: 2-3) Doch das ist unmöglich, „weil es sinnlos wäre, wenn Dinge entstünden, die bereits existieren.“ (Kalupahana 106: 5)
Im Vers 1.2. zählt Nagarjuna die vier von Aristoteles angenommenen Ursachen für Erscheinungen auf. (Schriften, die die vier Ursachen beschreiben, sind bereits 600 v.Chr. im indischen Raum feststellbar.) Die Konsequenz der Annahme von den vier Ursachen besteht darin, dass die Ursachen der Erscheinungen aus sich herausexistieren. Nagarjuna negiert nun diese Ansicht im Vers 1.3.: „Ein Selbst-sein kann in Erscheinungen, einschließlich der beziehungsmäßigen Bedingungen, nicht gefunden werden. Findet sich kein Selbst-sein, kann auch kein Anders-sein gefunden werden.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung stellt die erkenntnisleitende Fragestellung zur Definition von Ursache und Wahrheit bei Aristoteles und Nagarjuna vor und verortet die Denker in ihren jeweiligen philosophischen Traditionen.
2. Aristoteles: Dieses Kapitel erläutert die aristotelische Metaphysik, die vier Ursachen sowie die Logik des ersten Bewegers als Versuch, ein absolut gültiges Wissen zu begründen.
3. Nagarjuna: Das Kapitel führt in Nagarjunas Anwendung des Tetralemmas und die Unterscheidung zwischen konventioneller und vollkommener Wahrheit ein, um die Vorstellung einer inhärenten Eigenexistenz zu widerlegen.
4. Fazit: Das Fazit führt die Argumentationslinien zusammen und reflektiert die grundsätzliche Differenz zwischen dem aristotelischen Streben nach Begriffsfixierung und dem buddhistischen Verständnis des ständigen Fließens aller Erscheinungen.
Schlüsselwörter
Metaphysik, Aristoteles, Nagarjuna, Ursachenbegriff, Wahrheit, Seinsverständnis, Tetralemma, Leersein, Eigenexistenz, Mittlerer Weg, Logik, Erkenntnistheorie, Buddhismus, Erste Ursache, Kausalität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die metaphysischen Perspektiven von Aristoteles und Nagarjuna, wobei der Fokus insbesondere auf deren Verständnis von Kausalität und der Natur der Wirklichkeit liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die aristotelische Lehre der vier Ursachen, der Begriff des ersten Bewegers, Nagarjunas Philosophie des "Leerseins" sowie die Anwendung des logischen Tetralemmas.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu ergründen, wie beide Philosophen den Begriff der Ursache definieren und welches spezifische Verständnis sie von Wahrheit und dem Seienden entwickelt haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse von Primärtexten und ausgewählter Sekundärliteratur, um die philosophischen Sichtweisen interpretativ gegenüberzustellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse der aristotelischen Metaphysik und Logik sowie die Kommentierung von Nagarjunas Grundlegenden Versen zum Mittleren Weg.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Metaphysik, Ursachenlehre, Eigenexistenz, Leersein und den Vergleich westlicher Logik mit fernöstlicher Dialektik charakterisiert.
Wie unterscheidet sich Nagarjunas Ursachenbegriff von dem des Aristoteles?
Während Aristoteles nach einer ontologischen "ersten Ursache" (dem göttlichen Beweger) sucht, negiert Nagarjuna die Existenz eines "Selbst-seins" und versteht Ursachen ausschließlich als abhängige, beziehungsmäßige Bedingungen.
Was versteht man unter dem von Nagarjuna verwendeten Tetralemma?
Das Tetralemma ist eine logische Denkfigur, die vier Möglichkeiten (wahr, falsch, sowohl wahr als auch falsch, weder wahr noch falsch) umfasst, um die Einseitigkeit von Extrempositionen wie Eternalismus oder Nihilismus zu entlarven.
- Arbeit zitieren
- Moritz Köhn (Autor:in), 2018, Aristoteles und Nagarjuna. Die abendländische und buddhistische Perspektive der Metaphysik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502889