Aristoteles und Nagarjuna. Die abendländische und buddhistische Perspektive der Metaphysik


Akademische Arbeit, 2018
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Aristoteles
2.1 Der Weg zur Wahrheit
2.2 Die vier Ursachen und die damit verbundenen Ansichten
2.3 Das Handwerkszeug der Wahrheit
2.4 Die göttliche Ursache und Wahrheit
2.5 Die Notwendigkeit eines ersten Bewegers

3. Nagarjuna
3.1 Intention
3.2 Das Tetralemma
3.3 Die zwei Wahrheiten
3.4 Verständnis von Ursachen

4. Fazit
4.1 Der direkte Vergleich der beiden Philosophen
4.2 Persönliches Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Aristoteles »Analyse des Seienden als Seiendes« wird in dieser Arbeit der »Untersuchung des Seienden« durch Nagarjuna gegenübergestellt. Dabei steht folgende erkenntnisleitende Fragestellung im Mittelpunkt:

Wie haben die beiden Philosophen den

Begriff der Ursache definiert und welches

Verständnis über die Wahrheit und das Seiende entwickelt?

Ein solcher Vergleich der beiden Philosophen ist mir in der Sekundärliteratur bislang unbekannt. Daher unternehme ich mittels ausgewählter Sekundärliteratur den Versuch, Aristoteles und Nagarjuna Sichtweisen hinsichtlich dieser Frage eigenständig zu interpretieren. Das geschieht vor dem Hintergrund, dass Aristoteles (384 – 322 v. Chr) als Begründer bis heute geltender Prämissen der westlichen Wissenschaft gilt; teilweise wird er gar als Philosoph der Naturwissenschaften bezeichnet. Nagarjuna (lebte im 2. Jahrhundert n.Chr.) wiederum ist einer der angesehensten buddhistischen Gelehrten und hat wohl als erster indischer Gelehrter Buddhas Philosophie des »Leersein aller Phänomene von Eigenexistenz«, die als »Mittlerer Weg« bezeichnet wird, umfassend systematisiert. Hieraus entstand die sogenannte »Konsequenzschule des Mahayana« (skr.: Prasangika-Madyamika), der beispielsweise der Dalai-Lama angehört. Nagarjuna hat wie schon Buddha Shakyamuni zuvor gegen die Denkschulen der Extreme argumentierte: des Eternalismus (dt.: Ewigkeitslehre) einerseits und des Nihilismus (dt.: Lehre der völligen Verneinung aller Normen und Werte) andererseits.

Aristoteles ist Begründer einer bis heute im Westen dominierenden Logik - wird von ihm Analytik genannt - die auf seinen Sätzen des Widerspruchs und des ausgeschlossenen Dritten basiert. In der antiken indischen Philosophie wurde hingegen neben anderen eine Form der Logik etabliert, die das Werkzeug des Tetralemmas nutzt, das in der abendländischen Philosophie weitgehend unbekannt ist. Diese zwei sehr verschiedenen Denkwerkszeuge der beiden hier behandelten Philosophen, die durchaus als repräsentativ für »westliches und buddhistisches Denken« angesehen werden können, implizieren die unterschiedlichen Sichtweisen der durch sie repräsentierten »Denkschulen über Wahrheit und Wirklichkeit«. Sie nähern sich auf unterschiedlichen Wegen Erklärungsversuchen über die Wirklichkeit, die in der hier vorliegenden Arbeit als die »Gesamtheit aller Erscheinungen« verstanden wird, sodass darunter gefasst wird: „ein materieller Gegenstand, ein Lebewesen, ein Geisteszustand oder ein abstraktes Wissensobjekt (...)“ (Korfmacher 2: 26).

Zunächst werden in der vorgenommenen Untersuchung die von Aristoteles formulierten »vier Ursachen« und seine eigens gegründete Logik mit der einhergehenden »Ansicht über die Wahrheit« beschrieben. Von dort aus werde ich mithilfe der von Aristoteles formulierten Sätze des Widerspruches und des ausgeschlossenen Dritten die Widerlegung einer »relativen Weltsicht« vollziehen, wodurch seine »Ansichten über das Wesen von Ursache und Wahrheit« deutlich werden.

Dem steht schließlich Nagarjunas Sicht über das »Leersein aller Phänomene von Eigenexistenz« gegenüber. Dazu betrachte und kommentiere ich das erste Kapitel in Nagarjunas wegweisender Schrift Grundlegende Verse zum Mittleren Weg (skr.: Mula-madhyamaka-karika). Der Ursache-Begriff Nagarjunas unterscheidet sich signifikant von dem Aristoteles‘ und benötigt ein neues »Wahrheitsverständnis«, das Aristoteles‘ Schriften nicht abdecken. Einführend werden der »Wahrheitsbegriff Nagarjunas und das Denkwerkzeug des Tetralemmas« betrachtet.

Nagarjuna hat – wie im alten Indien üblich – seine Philosophie in Sanskrit geschrieben. Diese Sprache ist in unserer Grammatik unterschiedlich übersetzbar, weshalb eine Vergleichbarkeit der beiden Philosophien teilweise problematisch ist, aber auch Chancen eröffnet. Die sprachlichen Unterschiede verdeutlichen, wie unterschiedlich die Denkansätze der beiden Philosophen sind, die je für die westliche wie buddhistische Denkrichtung richtungsweisend waren.

Das sich aus dem Vergleich ergebende Potenzial lässt sich aber in einer Hausarbeit nicht vollständig entfalten. Nur in Ansätzen können die Unterschiede im Denken der beiden Philosophen bewusstgemacht werden und somit einen ersten Beitrag für eine tiefgründigere Untersuchung leisten.

2. Aristoteles

2.1 Der Weg zur Wahrheit

Aristoteles geht davon aus, dass wir nicht ohne »Erkenntnis einer ersten Ursache« eine Wahrheit wissen können. (Aristoteles 993b: 23 - 25) „Wahrnehmung oder Erinnerung stellen (...) nur bescheidene Formen von Wissen dar, weil sie nur das Das, nicht aber das Warum von etwas erkennen.“ (Mesch 10: 25) In diesem Kontext nutzt er oft den Begriff „Prinzip“: „In gleich vielen Bedeutungen wird der Begriff Ursache gebraucht; denn alle Ursachen sind Prinzipien.“ (Aristoteles 1013a: 16 - 17) Im Allgemeinen unterscheiden sich demnach die Prinzipien am Merkmal einer Ursache, „dass es ein erstes ist, von welchem das Sein oder die Entstehung oder die Erkenntnis eines Dinges ausgeht (...).“ (Aristoteles 1013a: 19)

Aristoteles beginnt seine Metaphysik im Buch A mit der Annahme, dass der Mensch von Natur aus nach Wissen forscht. Die Suche nach den ersten Prinzipien und Ursachen betrachtet er als die „höchste theoretische Wissenschaft“, die völlig zweckentkoppelt nach der »Erkenntnis des Seienden als Seiendes« strebt. (Aristoteles 982b: 24 - 25) „Ziel dieser Wissenschaft ist deshalb auch nur das Wissen als solches, das Wissen um seiner selbst willen.“ (Mesch 14: 15-17)

Aristoteles nähert sich der Wahrheit mithilfe von Beobachtungen, Logik und deren Reflexion an, die ihn schließlich zu einer (nur) vorstellbaren göttlichen Vernunft führt, wie in Abschnitt 2.3. und 2.4. erläutert wird. Doch zunächst werde ich im Abschnitt 2.1. die Systematisierung seiner Beobachtungen und im Abschnitt 2.2. sein Verständnis der Wahrheit anhand der Logik näher erläutern, um von dort aus seine Reflexion zu einer göttlichen Vernunft nachzuvollziehen.

2.2 Die vier Ursachen und die damit verbundenen Ansichten

Auf der Grundlage von Beobachtungen geht Aristoteles davon aus, dass jedes Ding eine Wesenheit hat. Anhand der Wesenheit lässt sich ein Gegenstand zweifellos von anderem unterscheiden (Aristoteles 1017b: 23 - 25). Die »erste Ursache der Wesenheit« kommt ihrem Wesen am Nächsten. Dabei geht er von keiner auffindbaren, vollkommenen Wahrheit aus, sondern von verschiedenen Graden der Wahrheit, da er ansonsten behaupten müsste, dass die erste Ursache die Wahrheit sei. Es muss gemäß Aristoteles‘ Vorstellung eine »Erste Ursache, ein Prinzip (arché)« geben, dass die »vollständige Wahrheit« beinhaltet, die allerdings nicht auffindbar, sondern nur vorstellbar ist, weil: „die Ursachen des Seienden (können) nicht ins Unendliche fortschreiten“ (Aristoteles 994a: 0 - 1). Wenn etwas nicht unendlich weitergeht, muss es einen Anfang haben. Dazu kommen wir im Abschnitt „die göttliche Ursache und Wahrheit“. In diesem Abschnitt beziehen wir uns vorerst ausschließlich auf beobachtbare Ursachen, die Aristoteles wie folgt unterscheidet:

1) Die Materielle oder stoffliche Ursache : Sie kann als Bedingung der Existenz von etwas verstanden werden. Das, woraus als Gegebenem (Material) etwas entsteht oder besteht; beispielsweise wird aus Holz eine Tischplatte, wofür Holz eine Bedingung und Ursache sein muss.
2) Die Formursache : Sie wird durch ihre Funktion bestimmt, der Bestimmung des Was-es-heißt-dies-zu-sein, wie z.B. das, was aus einer bestimmten Menge von Baumaterialien hergestellt ist, ein Haus ist, weil es (in seiner Funktion) das ist, was es heißt, ein Haus zu sein. Im Gegensatz zur stoffliche Ursache, die ein Potenzial darstellt, ist die Formursache aktuell und konkret.
3) Die Bewegungsursache : Sie ist das Handwerkszeug, mit der Materie zur Form wird. Das, was den Anstoß zur Bewegung oder Veränderung gibt. Im Beispiel des Gebaut-werden eines im Bau befindlichen Hause ist der Baumeister Bewegungsursache.
4) Die Zweckursache : Sie ist das Ziel, um dessentwillen etwas geschieht; beispielsweise kann sich jemand körperlich bewegen, um etwas für seine Gesundheit tun. Dann ist das Erreichen von besserer Gesundheit Zweckursache.

(Aristoteles 1013a: 25 - 35)

Die materielle Ursache impliziert die »Idee einer unabhängigen Existenz der Materie«, was Voraussetzung für die »Annahme einer Objektivität der Wahrnehmung« ist. Die Formursache vermittelt eine Ursache, die unmittelbar etwas Bestimmtes verwirklicht. Die Bewegungsursache besagt, dass es spezifische Ursachen geben muss, damit aus Einem etwas Anderes wird, und die Zweckursache besagt, dass dies oder jenes aufgrund eines bestimmten Ziels entsteht. Aristoteles führt die verschiedenen Arten von Ursachen und deren Verwendung recht detailliert aus. So könnte zum Beispiel „dasselbe Ding mehrere Ursachen haben (...), aber nicht (unbedingt) in derselben Weise, (...)“ sowie: „manches ist aber auch Ursache voneinander“ und in unterschiedlicher Weise (Aristoteles 1013b: 3-5). Dinge können multi-kausal entstehen und aufeinander bezogen sein. Allerdings bleibt die Ursache bei Aristoteles etwas, das »aus sich heraus: inhärent existiert« und in dem das, was aus ihr wird, immer schon enthalten ist, wie er es bei der stofflichen Ursache aufzeigt: „Ursache wird in einer Bedeutung der immanente Stoff genannt, aus welchem etwas wird.“ (Aristoteles 1013a: 24-25)

Seine Denkweise impliziert, dass er Ursachen eine Wahrheit zu spricht. Wenn wir seiner klarsten Definition von Wahrheit folgen, mit der er zum Verfasser der ersten Korrespondenztheorie und der Logik wird: „Zu sagen, das Seiende sei nicht oder das Nicht-seiende sei, ist falsch, dagegen zu sagen, das Seiende sei und das Nicht-seiende sei nicht, ist wahr“ (Aristoteles 1011b: 26 - 28), muss davon ausgegangen werden, dass er annimmt, dass Ursachen aus sich heraus, inhärent existieren, da ihnen ansonsten keine Wahrheit zugeschrieben werden könnte. Klar und deutlich schreibt er: Die erste Ursache ist „des ewig Seienden immer die höchste Wahrheit“ (Aristoteles 993b: 27 - 28). Wenn etwas eine Wahrheit innehat, dann impliziert es ein »inhärentes Selbst«, einen unzerstörbaren und ewig dauernden Wesenskern, weil ansonsten sein Wahrheitsbegriff sinnlos wäre.

2.3 Das Handwerkszeug der Wahrheit

Aristoteles hat neben vielen anderen Wissenschaften auch die heute im Westen dominierende Logik (von ihm „Analytik“ genannt) begründet und gilt als erster Verfasser der »Korrespondenztheorien der Wahrheit«. In dieser Logik wird nicht der Inhalt eines Wortes, sondern die Form bearbeitet. Nach inhaltlicher Prüfung eines Begriffes wird er definiert, wobei die Logik zur Argumentation einer Schlüssigkeit dient. Somit ist die Logik als ein Handwerkszeug zu Wahrheitsprüfung anzusehen: Aus „Alle Menschen sind sterblich“ (Obersatz) und „Alle Griechen sind Menschen“ (Untersatz) folgt „Alle Griechen sind sterblich“ (Folgerung).

Aristoteles‘ Logik geht mithin davon aus, dass Wahrheit eine Sprach-Welt-Beziehung ist, in der eine absolut gültige Wahrheit gefunden werden kann, sodass mithilfe eines Begriffs ein »ontologischer Seinszustand« beschreibbar wird. Ohne einen als gültig akzeptierten Begriff kann kein Urteil, keine Schlussfolgerung und kein „verstandesmäßiges Denken“ vollzogen werden. „Verstandesmäßiges Denken“ vollzieht sich in Begriffen und setzt sich in seinen Schlüssen fort. Sie sind Urteile aus anderen Urteilen. Folglich kann nur der binäre Code »wahr oder falsch« existieren. Die Folgerung „Alle Griechen sind sterblich“ aus Ober- und Untersatz würde als wahr gelten, woraus ein geprüftes Wissen erzeugt worden wäre. Wahrheit wird demnach durch die Fixierung von Begriffen formuliert, was vermuten lässt, dass Aristoteles davon ausgeht, dass den Dingen ein »inhärentes Selbst, etwas Wahres« innewohnt, da ansonsten Wissen nicht besessen werden könnte. Bei Aristoteles besitzt derjenige einen Begriff, der über die zugehörigen Ursachen verfügt. (Aristoteles 981b: 7 - 8)

2.4 Die göttliche Ursache und Wahrheit

Aristoteles gestaltet seine untersuchten Beobachtungen in der Weise, dass alles Bestehende sich in einheitliche Prinzipien unterordnet: dem obersten Wissen. Hier kommen wir nun zu seiner »Reflexion systematisierter Beobachtungen«. Er stellt sodann die These auf, dass es eine »unauffindbare erste Ursache« gäbe, die er göttlich nennt. „Denn Gott gilt allen für eine Ursache und Prinzip, und diese Wissenschaft möchte wohl allein oder doch am meisten Gott besitzen.“ (Aristoteles 983a: 8 - 10)

Er vergleicht das »Erste Prinzip: das Göttliche« mit einer reinen Vernunft, die sich nicht von der menschlichen Vernunft unterscheidet und daher vom Menschen erkannt werden kann. Aristoteles beschreibt „die Vernunft im berühmten Schlusskapitel der Zweiten Analytik als eine Erkenntnishaltung (...), wodurch Prinzipien bekannt werden.“ (Mesch 94-95 31-4) Allerdings unterliegt der Mensch Veränderungen, wobei die Vernunft nach Kontinuität strebt, wodurch es dem Menschen unmöglich ist, in der göttlichen Vernunft zu verweilen. Die Vernunft muss sich jedoch, um in ihrer Reinheit zu bleiben, immer auf sich selbst beziehen. „Das Denken des Denkens ist Denken.“ (Aristoteles 1074b: 34)

Aristoteles untergliedert die Vernunft in 55 Sphären, um sie im Prinzipiellen hinsichtlich beobachtbarer Dinge verständlicher zu machen, die aber nicht mehr der reinen Form entsprächen, da sie sich nicht mehr auf sich selbst beziehen, sondern auf die weltlichen Dinge. Aristoteles kommt somit vom verstandesmäßigen Denken auf eine universelle Göttlichkeit, die formlos und nicht sichtbar, sondern nur vorstellbar ist.

Die beiden Sätze des Widerspruchs und des ausgeschlossenen Dritten sind für ihn Prämissen der Logik, die ihm bei der Analyse von Thesen seiner Gegner hilfreich sind. Dabei wird seine formallogische Denkweise und warum es schlussfolgernd einen ersten Beweger geben muss im nächsten Abschnitt deutlich. Implizit nähern wir uns fast unbemerkt den leicht entstehenden Missinterpretationen hinsichtlich Nagarjunas Schriften im Westen an.

2.5 Die Notwendigkeit eines ersten Bewegers

Den Satz vom Widerspruch formuliert Aristoteles für seine Widersacher, die der Auffassung sind, dass „dasselbe sei und nicht sei“ (Aristoteles: 1006a 0) und beginnt für diejenigen, die einen Beweis für das Gegenteil verlangen, zu widerlegen, „dass es überhaupt für alles einen Beweis gebe, (...) sonst würde ja ein Fortschritt ins Unendliche eintreten und auch kein Beweis stattfinden.“ (Aristoteles: 1006a 7 - 10) Es wäre kein Gespräch mit denkenden Menschen möglich, da „offenbar gar keine Rede möglich (sei), denn ein Bestimmtes zu bezeichnen, ist nicht dasselbe wie nichts zu bezeichnen (Aristoteles: 1006b 7 - 9).“ In nicht definierten Begriffen ist Wahrheit unmöglich. Es muss stets etwas Bestimmtes bezeichnet werden.

Ferner schließt Aristoteles, sich auf Anaxagoras (Aristoteles 1007b: 27) beziehend, aus den relativistischen Ansichten, dass in einer solchen Welt nichts in Wahrheit existieren würde, wenn es für eine Aussage unmöglich wäre, etwas Bestimmtes auszusagen: „(...) (wenn) sie glauben vom Seienden zu reden, reden sie vom Nichtseienden; denn was nur dem Vermögen, nicht der Wirklichkeit nach ist, das ist das Unbestimmte“ (Aristoteles 1007b: 27 - 28). Wenn etwas ein Sein und gleichzeitig ein Nicht-Sein hätte, wäre es relativ und vom Werte dasselbe. Aristoteles verdeutlicht an einem Beispiel, warum die Anhänger der relativistischen Ansichten selbst kaum daran glauben können: „Warum stürzt er sich nicht gleich frühmorgens in einen Brunnen, (...), sondern nimmt sich in Acht?“ (Aristoteles 1008b: 15 - 16) So wird das eine als besser als das andere erachtet und damit müsste etwas genau bezeichnet werden: das ist mehr wert als jenes.

Diejenigen, die alle Erscheinungen als wahr erachten, kamen zu dieser Ansicht, da „man aus demselben das Entgegengesetze werden sah“ (Aristoteles: 1009a 24 - 25). Die Sinneswahrnehmungen alleine könnten nicht Erkenntnis sein, da so alles, was jeder meint, als wahr erachtet werden müsse. Doch „die Meinung des Arztes (ist) gültiger als die des Laien (...), ob jemand gesundwerden wird oder nicht“ (Aristoteles 1010b: 13 - 15). Anschauungen alleine reichen offenbar nicht aus.

Etwas Wahres kann laut Aristoteles durch die Sinneswahrnehmungen erkannt werden: „Es erscheint doch nicht demselben Sinne in derselben Beziehung, derselben Weise und derselben Zeit etwas als verschieden; dies also würde das Wahre sein“ (Aristoteles 1011a: 34 - 37). Es wäre aber falsch, alles Erscheinende für wahr zu halten, „denn die Sinneswahrnehmung ist ja doch nicht Wahrnehmung ihrer selbst; sondern es muss etwas davon Verschiedenes außer der Sinneswahrnehmung existieren, was dieser selbst notwendig vorausgehen muss“ (Aristoteles 1010b: 35 – 38).

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Aristoteles und Nagarjuna. Die abendländische und buddhistische Perspektive der Metaphysik
Hochschule
Universität Witten/Herdecke
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V502889
ISBN (eBook)
9783346039095
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aristoteles, Nagarjuna, Buddhismus
Arbeit zitieren
Moritz Köhn (Autor), 2018, Aristoteles und Nagarjuna. Die abendländische und buddhistische Perspektive der Metaphysik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502889

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