Die Konstruktion des Phänomen Terrorismus durch die Massenmedien

Eine diskursanalytische und systemtheoretische Betrachtung


Akademische Arbeit, 2016
26 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einführung

II. Hauptteil

1. Versuch einer Terrorismusdefinition

2. Warum die Anschläge des 13. November in Paris

3. Massenmedien
3.1. Terrorismus und Massenmedien
3.2. Was wird hier als Konstruktion verstanden?
3.3. Konstruktion des Terrorismus als allgemeine Problemkonstruktion
3.4. Massenmedien als System
3.5. Die Erzeugung einer Konstruktion eines Objektes/Problems
3.6. Massenmedien als soziales Gedächtnis

4. Anmerkung zu der Wahl des Mediums

5. Diskursanalyse und ihre Operationalisierung
5.1. Diskursanalyse nach Michel Foucault
5.2. Operationalisierung der Diskursanalyse durch die Diskurslinguistik

6. Analyse
6.1. Analyse der Welt am Sonntag (Ausgabe 46/ 2015)
6.2. Analyse der Zeit (Ausgabe 47/ 2015)

III. Fazit

IV. Quellenverzeichnis

I. Einführung

Der Terrorismus, insbesondere der islamistische Terrorismus, ist eines der prägendsten Phänomene unserer modernen Welt. Fast täglich ist in den Medien die Rede von neuen Anschlägen, Kriegen und Interventionen, die zum Teil direkt, zum Teil indirekt mit Terror zu tun haben. Die Anschläge auf das World Trade Center im September 2001 stehen symbolisch für den Beginn dieser damals neuen Bedrohung. Seit diesem Zeit- punkt haben weitere Anschläge und Angriffe die Welt, und wie sie von den Menschen wahrgenommen wird verändert. Diese Wahrnehmung lässt sich insbesondere über Me- dien konstituieren und bietet damit die Möglichkeit zu erfahren, wie man mit Terroris- mus umgeht.

Im Folgenden wird sich mit der Konstruktion des Terrorismus in den Massenmedien beschäftigt. Zu diesem Zweck beschränkt sich die Analyse auf zwei Ausgaben von un- terschiedlichen Wochenzeitungen direkt nach den Pariser Anschlägen am 13. November 2015. Von Interesse ist vor allem die, mit der Verwendung des Begriffs „Terrorismus“, implizierte Wir/Sie Unterscheidung und mit welchen Werkzeugen sie in den Medien konstruiert wird und wie sie sich darin unterscheiden.

Anfangs wird der Begriff Terrorismus und die damit einhergehenden Schwierigkeiten erläutert. Terrorismus an sich ist nicht ansprechbar, hat keinen Adressaten, kann nicht als ein Objekt ausgemacht werden. Somit ist es nur möglich seine Wirksamkeit anhand von etwas Konkretem zu untersuchen. Also um sich der Beschaffenheit von Konstrukti- onen des Terrorismus zu nähern, scheint es sinnvoll dies anhand von dem Medium Zei- tung zu tun. Zu diesem Zweck werden vorerst die Massenmedien im Allgemeinen mit- hilfe der Systemtheorie untersucht, um ihre Strukturen, mit denen sie ihre Realität er- zeugen genauer zu betrachten. Dabei ist zu erkennen, dass verschiedene Schemabildun- gen zu beobachten sind, die direkte Auswirkungen auf die Konstruktion von Objekten, also auch Problemen, haben. Zu vermuten ist, dass schon die Bezeichnung Terrorismus und die dazugehörige Beschreibung eine Kategorisierung und Abgrenzung, durch eine Wir/Sie Kontrastierung, dem Phänomen immanent ist.

Zum Schluss können darüber Vermutungen angestellt werden inwiefern die Art und Weise wie der Terrorismus konstruiert wird Auswirkungen auf Kommunikationen der Rezipienten hat und somit auch auf andere Funktionssysteme, wie das der Politik.

II. Hauptteil

1. Versuch einer Terrorismusdefinition

Grundsätzlich ist eine Definition eines Terrorismusbegriffs problematisch, da der Be- griff multiperspektivisch betrachtet werden muss und auf ein großes Feld von Ereignis- sen anwendbar sein sollte. So herrscht gerade in der Wissenschaft kein Konsens über eine einheitliche Terrorismusdefinition. Exemplarisch dafür dient die Forschungsarbeit von Alex Schmid und Albert Jongman, in der sie Schlagwörter in 101 verschiedenen Terrorismusdefinitionen nach ihrer Häufigkeit auflisten (Schmid/Jongman 1988 in: Hoffman 2002: 51). Auffällig ist, dass kein Schlagwort in jeder Definition vorkommt. Somit kann angenommen werden, dass je nach Motivation und Erkenntnisinteresse die Definition variiert.

Auch in dieser Arbeit wird sich auf Definitionen gestützt, die dem Erkenntnisinteresse zuträglich sind. Ebenso problematisch für den Versuch einer Definition ist es, dass sich keine Gruppe oder Organisation selber als terroristisch bezeichnen würde, vielmehr würden diese sich als Kämpfer für eine “gerechte“ Sache sehen. Dies lässt darauf schließen, dass der Begriff Terrorismus von vornherein eine negative Konnotation in- nehat (Frindte/Haußecker 2010: 38). Theoretisch formuliert, handelt es sich hier um eine Trennung in Form der Selbst -und Fremdreferenz von Opfern und Tätern. Dies soll heißen, dass die Rolle Opfer und Täter je nach Perspektive variiert und damit eine Kommunikationsstörung erzeugt.

Nach Bernadette Linder kennzeichnet terroristische Akte eine „ Kommunikationsstrate- gie “ aus, die vor allem auf die Gesamtgesellschaft abzielen, mit dem Ziel „permanente Angst und Verunsicherung zu schaffen“ (2011: 79). Ebenso kennzeichnend für den Ter- rorismus ist, laut der Autorin, dass Terrorismus eine Kraft ist, die nicht von Eliten aus- geführt wird, sondern von Menschen ohne Machtanspruch in der westlichen Gesell- schaft. Somit kämpfen Minderheiten – sowohl quantitativ als auch ideologisch betrach- tet – gegen einen kompletten Staat mit seinen ideologischen als auch institutionellen Ressourcen. Aus diesem Grund spricht man von „asymmetrischer Gewalt“ (ebd.). Auch an diesem Punkt lässt sich erkennen, weshalb eine Schwierigkeit der Unterscheidung zwischen Terrorist und revolutionären Gruppen besteht: Jede Gruppe bezieht illegitime Mittel, um einen gesellschaftlichen Umsturz zu bewirken.

Aufgrund des Fokus auf das Phänomen des islamistischen Terrors, ist eine Eingrenzung hin zu einem religiösen Terrorismus erforderlich. Dieser wird hauptsächlich durch Un- terscheidung zwischen der spezifischen religiösen Gemeinschaft und denen, die nicht dazugehören, determiniert. Aufgrund der religiösen Grundlagen lässt sich eine Wertung zwischen Gut – die religiöse Gemeinschaft– und Böse – den Anderen– einführen. Dar- aus folgend werden auch die Regeln der Gesellschaft der nicht-Gläubigen keine Beach- tung geschenkt. Dies legitimiert auch gewaltsame Akte gegenüber den anderen Grup- pierungen. Diese seien auch eine notwendige Bedingung, um als Sieger aus dem Kon- flikt zwischen den Ideologien hervorzugehen (Bechmann 2012: 128).

2. Warum die Anschläge des 13. November in Paris?

Nach einigen Recherchen gibt es keinen Terroranschlag in Europa, der mehr Tote und Verletzte gefordert hat als die Pariser Anschläge. Doch nur daran die Auswahl festzu- machen wäre unzulänglich. Das größte Interesse gilt der sozialen Wirkung eines Atten- tates. Die soziale Wirkung eines terroristischen Anschlages liegt vor allem in dem Schrecken, der durch eine plötzliche Enttäuschung von Erwartungen beschrieben wer- den kann; als politische Strategie begriffen, werden durch terroristische Anschläge „ein Zustand angezielt, in dem das Unerwartete erwartbar wird, ohne dass es dadurch bere- chenbar oder vorhersehbar wird“ (Simon 2002: 17).

An acht verschiedenen Orten in Paris wurden von drei verschiedenen Gruppen mit je drei Attentätern Anschläge ausgeführt. Diese Anschläge lassen also einen immensen Organisationsgrad vermuten, der die Bedrohung der unberechenbaren Wiederholbarkeit hervorbringt und somit auch den Schrecken, den der Terrorismus erzeugt auch erst zur vollen Entfaltung bringt. Das Bekennen des „Islamischen Staates“ zu den Attentaten verstärkt diesen Effekt, da er in dieser Zeit durch seinen „Erfolg“ und seine Grausam- keit bereits in den Medien bekannt war. Es verlangt nach Diskussionen wie die Gefahr genau einzuschätzen ist und wie man sich gegenüber ihr in Zukunft wappnet. Es ist un- möglich diese Attentate einfach zu betrauern und dann im Sinne eines sozialen Ge- dächtnisses zu vergessen, wie beispielsweise ein Attentat eines Einzeltäters oder eines Amokläufers, die zwar gleiche Auswirkungen haben können, jedoch keine Wiederho- lungsgefahr haben, da sie ohne eine Organisation und aus persönlichen Motiven diese Taten verüben. Die Verarbeitungsmuster der Gesellschaft für solche „Vorfälle“ sind bereits installiert. Es würde nun zu weit gehen dies weiter auszuführen.

Entscheidend ist: Die Gesellschaft ist durch die Pariser Anschläge gezwungen worden sich in Frage zu stellen, sich neu zu positionieren zu etwas. Also ein Problem zu kon- struieren. Daher ist der Anschlag für unsere Arbeit geeignet.

3. Massenmedien

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“ (Luhmann 2009: 9). Das bedeutet, wenn wir uns im Fol- genden mit der Konstruktion des Terrorismus befassen wollen, liegt es nahe die Realität der Massenmedien genauer zu untersuchen.

3.1. Terrorismus und Massenmedien

Die Funktion des Terrorismus liegt in der Verbreitung von Schrecken. Dies funktioniert nur in Form von einer Mitteilung, die als solche erkannt wird, also Aufmerksamkeit bekommt. Ohne das Massenmediensystem wäre keine so schnelle und gleichgeschaltete Informationsverbreitung denkbar und somit auch keine gesellschaftsübergreifende Aufmerksamkeit, die der Terrorismus zur vollen Entfaltung seiner Funktion benötigt. Mit Massenmedien sind „im folgenden alle Einrichtungen der Gesellschaft erfasst […], die sich zur Verbreitung von Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen“ (Luhmann 2009: 9). Später im Text wird spezifiziert, warum wir zwei Wo- chenzeitungen stellvertretend für das Massenmediensystem untersucht haben und gehen auf die Bedeutung dieser Unterscheidung ein. Vorerst wird sich vorbehalten, dass Mas- senmediensystem als Ganzes zu betrachten.

3.2. Was wird hier als Konstruktion verstanden?

Die vorderste Ausgangsthese dieser Überlegungen muss die des praktischen Konstruk- tivismus sein: es gibt keine erfahrbare universelle Realität, nur konstruierte Realität, die von Unterscheidungen geprägt ist. Das bedeutet nicht, dass etwas Wahrgenommenes für die Person, für das psychische System, nicht als wahr gehalten wird. Das muss es sogar, sonst würde das „Selbst“ und die „Umwelt“ drohen miteinander zu verschwimmen. Voraussetzung für Beobachtungen sind Unterscheidungen: „Beobachtungen benutzen Unterscheidungen, um etwas (und nichts anderes) zu bezeichnen“ (Luhmann 2009: 116). Die grundsätzlichste Unterscheidung jedes Systems ist die der Selbst- und Frem- dreferenz. Die Grenze zwischen System und Umwelt dient der Beobachtung der Um- welt, denn die Operation einer Beobachtung geschieht innerhalb des Systems. Da somit die Art der Unterscheidungen bestimmt, was beobachtet und somit auch als wahr gehal- ten wird, kann von keiner universellen Realität ausgegangen werden.

Man kann somit davon ausgehen, dass auch der Terrorismus kein Objekt ist, das festde- finierbar und klar zu erkennbare Charakteristika aufweist. Er muss erstmal als solcher konstruiert werden. Es wird sich also nicht weiter dafür interessiert, ob das, was die Massenmedien berichten stimmt oder nicht stimmt, denn das lässt sich nicht ermitteln. Das Interesse gilt der Konstruktion des, als Phänomen beschreibbaren, Terrorismus.

3.3. Konstruktion des Terrorismus als allgemeine Problemkonstruktion

Man könnte auch sagen, dass in erster Linie für die Problemkonstruktion der Massen- medien im Allgemeinen von Interessiere ist. Ein Problem ist hier als etwas zu verste- hen, was als Risiko für die Sicherheit der Strukturen der Gesellschaft und somit auch für jeden Einzelnen wahrgenommen wird und als nichts Anderes wird der Terrorismus wahrgenommen. Ein terroristischer Anschlag kann hier als anschauliches Beispiel her- angezogen werden. Durch den plötzlichen, unerwarteten Schrecken wird „das alltägli- che Vertrauen, dass die Mitmenschen in einem bekannten sozialen Kontext nichts voll- kommen Überraschendes tun werden, (…) erschüttert“ (Simon 2002: 18).

Der Terrorismus lähmt und stößt auf Verständnislosigkeit, da er anders als andere kri- minelle Organisationen „Schrecken wegen des Schreckens willen, Unberechenbarkeit der Unberechenbarkeit wegen“ erzeugt. (ebd.: 19) Diese Ziele sind – im Gegensatz zu beispielsweise Raubüberfällen – nicht ohne weiteres nachvollziehbar. Ein Raubüberfall ist berechenbar und die persönliche Motivation sich materiell zu bereichern ist nach- vollziehbar. Das Bewusstsein über die Nichttrivialität jedes einzelnen Menschen nach einem Attentat wird schmerzlich bewusst und hat schlagartig immense soziale Auswir- kungen (ebd.: 18). Sie schränkt soziale Freiräume durch die erzeugte Unsicherheit ein, zum Beispiel die Angst sich unter größere Menschenmengen zu begeben. Daher ver- langt es nach Einschätzungen der Gefahr. Sie braucht einen Namen, muss wieder einge- ordnet werden können und wird als ein konkretes Problem konstruiert, was die Suche nach konkreten Lösungen möglich macht, nach der es verlangt.

Doch bevor genauer auf die Art und Weise eingegangen wird, wie ein Problem in den Massenmedien konstruiert wird, muss man sich mit der Funktion des Massenmedien- systems auseinandersetzen.

3.4. Massenmedien als System

Die Massenmedien versorgen die Gesellschaft kontinuierlich mit Informationen und sorgen damit ständig für Irritationen beim Rezipienten. Eine Information ist „irgendein Unterschied der bei einem späteren Ereignis einen Unterschied macht.“ (Bateson 1981: 488). Eine Irritation ist hier als eine Störung des Erwartungshorizonts zu verstehen. In- formationen müssen immer einen relevanten Neuigkeitswert haben und verlieren diesen in dem Moment in dem er bereitgestellt wird. Information und Nichtinformation ist der Code, mit dem innerhalb der Massenmedien operiert wird und dieser unterscheidet, was unangetastet in der Umwelt des Systems bleibt und was beobachtet und aufgenommen wird. Dass jedes siebte Kleinkind in den Entwicklungsländern (160 Millionen) deutli- che Erscheinung an Unterernährung aufweist, wird nicht täglich in den Nachrichten gesendet (Millenniums-Entwicklungsziele Bericht: 2015)

Die Massenmedien stellen nicht nur eine ausgewählte Gesamtheit von Informationen bereit. Sie sorgen auch für die Bearbeitung und Verständlichkeit dieser Irritationen. Diese Verarbeitungsleistung von Irritationen wird durch Schemabildungen vollzogen. Schemabildungen sind hier als Regeln für Unterscheidungen, die getroffen werden um zu verstehen (Unterscheidungen, die getroffen werden sind Operationen eines Systems). Eine Funktion und Leistung der Massenmedien liegt also dabei durch Unterscheidungen Informationen zu konstruieren und die erzeugten Schemabildungen machen sie relevant, bearbeitbar und verständlich. Somit kann man die „Realität der Massenmedien […] nicht begreifen, wenn man ihre Aufgabe in der Bereitstellung zutreffender Informatio- nen über die Welt sieht und daran ihr Versagen […] misst“ (Luhmann 2009: 119).

3.5. Die Erzeugung einer Konstruktion eines Objektes/Problems

Die Massenmedien haben enorme Möglichkeiten in der Auswahl, welche Information mitgeteilt werden und welche nicht, weil sie es mit einem “geneigten Publikum“ zu tun haben, was keine Möglichkeit hat auf das mitgeteilte einzugehen. Die Rezipienten (sie haben keinerlei (freie) Interaktions- Möglichkeiten mit dem sendenden Medium) haben daher noch eher die Tendenz, die bereitgestellten Informationen unter Manipulations- verdacht zu stellen. Selbst Leserbriefe finden keinen Zugang zu den Medien, außer wenn die Redakteure entscheiden die Briefe zu veröffentlichen, das wiederum den An- schein erzeugt, dass sie zu etwas inszeniert werden. Es bleibt ihnen also letztlich nichts weiter übrig als es doch anzuerkennen und auf dem Anerkannten aufzubauen, also von einer gewissen Objektivität auszugehen wie die Welt ist, sich aufteilt und strukturiert (Luhmann 2009: 9).

Für die Bearbeitung von Informationen braucht es einen Sinnzusammenhang, die ein Objekt hervorbringt. Dieser Sinnzusammenhang wird durch Schemata erzeugt:

„Dass es solche Objekte ‘gibt’, verdankt die Gesellschaft den Massenmedien und es wäre kaum vorstellbar wie eine weit über die individuelle Erfahrungshorizonte hinausgreifende Gesellschaft kommunikativer Operationen funktionieren könnte, wäre diese unerlässliche Bedingung nicht durch den Kommunikationsprozess selbst gesichert“ (Luhmann 2009: 122).

Durch die Bildung von Schemata stellen die Massenmedien für alle weiteren Kommu- nikationen nämlich eine Hintergrundrealität bereit, „die durch die Massenmedien stän- dig reimprägniert wird“ (ebd.: 119). Diese bereitgestellte Hintergrundrealität sichert eine allgemein akzeptierte Gegenwart.

3.6. Massenmedien als soziales Gedächtnis

Die Organisation von Schemabildung der Massenmedien vergleicht Luhmann mit ei- nem sozialen Gedächtnis:

„Die Hauptleistung liegt dabei im Vergessen, und nur ausnahmsweise wird etwas erinnert. Denn ohne Vergessen, ohne Freimachen von Kapazitäten für neue Operationen hätte das System keine Zukunft, […]“ (ebd.: 123).

Den Zwiespalt zwischen Erinnern der Vergangenheit und der Sicherstellung einer Vari- abilität der Zukunftserwartungen löst das System der Massenmedien durch ihre Ge- dächtnisfunktion. Doch dies ist nicht entscheidend für diese Arbeit. Entscheidend ist, dass die Medien dafür sorgen, dass es Objekte gibt, über die kommuniziert werden kann, die unterschiedlich konstruiert und in Beziehung gesetzt werden. Die Funktion liegt somit auch im „Dirigieren der Selbstbeobachtung des Gesellschaftssystems - wo- mit nicht ein spezifisches Objekt unter anderen gemeint ist, sondern eine Art, die Welt in System (nämlich Gesellschaft) und Umwelt zu spalten“ (ebd.: 118).

Die Art und Weise wie die Massenmedien im Sinne eines sozialen Gedächtnisses struk- turiert sind, haben also einen starken Einfluss auf die Konstruktion der Themen, Objek- te und somit auch der Probleme. Durch die Unterscheidung zwischen Terrorist und kein Terrorist wird eine Grenze zwischen Innen und Außen, System und Umwelt gezogen, die den Zweck hat, den Terrorismus zum Objekt, zu etwas Beschreibbaren, Handhabba- ren außerhalb des eigenen Systems zu transformieren und dadurch die Gefahr für die Gesellschaft, die sich als „wir“ beschreibt bestimmbar, kalkulierbar, also erwartbar zu gestalten. Wenn man die geschilderten Überlegungen die Terrorismusdefinition von Frindte und Haußecker zur Grunde legt, welche besagt, dass der Begriff Terrorismus von vornherein eine negative Konnotation innehat, schließt die Konstruktion des Terro- rismus eine Spaltung zwischen “wir“ und “sie“ mit ein.

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Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Konstruktion des Phänomen Terrorismus durch die Massenmedien
Untertitel
Eine diskursanalytische und systemtheoretische Betrachtung
Hochschule
Universität Witten/Herdecke
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
26
Katalognummer
V502890
ISBN (eBook)
9783346036520
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konstruktion, phänomen, terrorismus, massenmedien, eine, betrachtung
Arbeit zitieren
Moritz Köhn (Autor), 2016, Die Konstruktion des Phänomen Terrorismus durch die Massenmedien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502890

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