Der Homo Oeconomicus. Seine Bedeutung, Kritik und Alternativen


Akademische Arbeit, 2016
11 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Begriff und seiner Entstehung

3. Zentrale Annahmen des HOEC

4. Funktion des HOEC

5. Ökonomische Rationalität und deren Ambivalenz

6. REMM- resourceful maximizing man

7. Fazit

1. Einleitung

In dieser Arbeit werde ich den Versuch unternehmen den Homo oeconmicus und seine Bedeutung in der Wirtschaftswissenschaft zu skizzieren. Dieses Modell ist weit verbreitet und stark umstritten. Um dieser Arbeit einen angemessenen Kontext zu geben habe ich im ersten Teil noch einmal der Entstehung des Begriffs „Homo oeconomicus“ gewidmet und stelle ihn im nachfolgenden Abschnitt mit seinen Prämissen erst einmal in einer sehr plastischen Form dar, bis ich auf seine konkreten Funktionen in den Wirtschaftswissenschaften eingehe, um deutlich zu machen warum der HOEC so weit verbreitet ist. Wie wichtig das Verständnis und die Unterscheidung von ökonomischer Rationalität und Vernunft in der Wirtschaft und deren Wissenschaft ist zeige ich in dem Abschnitt „ökonomische Rationalität und deren Ambivalenz“ auf und erkläre wie sich die unhinterfragte Anwendung dieses Modells auf unser Verständnis der Wirtschaft auswirkt. Ich habe mich im letzten Abschnitt auf ein weiteres Modell beschränkt, was meiner Ansicht nach in ihrer Einfachheit und Klarheit deutlich macht, wie ein alternatives Menschenbild und Forschungsmodell in den Wirtschaftswissenschaften aussehen könnte und wie dies uns positiv dazu ermutigen könnte neue Richtungen einzuschlagen.

2. Zum Begriff und seiner Entstehung

Der Begriff „Homo Oeconomicus“ setzt sich aus den Wortbedeutungen Homo Sapiens und dem lateinischen Wort „Oecomicus“ zusammen, was man als wirtschaftend übersetzen kann. Der Homo Oeconmicus kann also als „wirtschaftender Mensch“ übersetzt werden. Heute ist es ein Modell, was in den aktuellen Wirtschaftswissenschaften immer mehr ins Wanken kommt, aber noch viele Befürworter hat. Im Ursprung wurde damit eine Bedarfsgemeinschaft, wie eine Familie oder ein Dorf, beschrieben, welche durch Tauschbeziehungen sich besser zu stellen versuchten. Durch den aufkommenden Merkantilismus in der frühen Neuzeit bekam die Marktwirtschaft immer mehr an Gewicht und erste Handelsgruppen und Kaufleute kauften gezielt in größeren Mengen Güter, um sie mit Profit wieder zu verkaufen. Dadurch veränderte sich die Sicht eines Individuums, dass sich in wirtschaftlichen Beziehungen bewegt richtungsweisend hin zum Profitmaximierer. Es entstand die Ansicht, dass Wirtschaftsprozesse nach natürlichen Kräften funktionieren. Adam Smith beschrieb damals in seinem Haupt-Werk „The wealth of nations“, dass dem Gemeinwohl am besten gedient sei, wenn jeder im freien Markt seinen eigenen Interessen folgen würde. Seine Metapher der „unsichtbaren Hand“ wird noch bis heute gerne von Befürwortern der freien Marktwirtschaft zitiert. Somit wurde das Handeln aus Eigeninteresse im wirtschaftlichen Kontext immer mehr als positiv und nicht mehr als ethisch verwerflich gewertet. Die Wirtschaft florierte zu der Zeit im europäischen Raum, was die Nationalökonomen weiter dazu anspornte ein Modell auszuarbeiten, was wirtschaftliche Prozesse voraussehbar machte und sie somit weiter optimieren zu können. Aber dazu mehr in Abschnitt vier.

Den Anfang der Entstehung des Begriffs „homo oeconmicus“ machte John Wells Ingram 1888 mit dem Ausdruck „economic man“ in seinem Werk „A History of Political Economy“, bis 1906 Vilfredo Pareto in seinem Manuale d’economia politica das erste Mal den Ausdruck „homo oeconomicus“ verwendete.

3. Zentrale Prämissen des HOEC

Die erste Prämisse des Homo oeconomicus kann in dem Begriff „Individualprinzip“ erklärt werden und impliziert zweierlei: Erstens geht man davon aus, dass jeder Akteur nur aus dem Interesse der Erfüllung der eigenen Präferenzen handelt, also nur seinen eigenen Interessen, ohne die Präferenzen der weiteren Akteure zu beachten.

Zweitens wird davon ausgegangen, dass jeder Akteur zu jeder Zeit eine klare Rangordnung seiner Präferenzen hat und er niemals in diesen „befriedigt“ ist. Also immer aus der Perspektive der Knappheit agiert.

Die zweite Prämisse bezieht sich direkt auf den letzten Satz der Beschreibung der Ersten. Der HOEC (homo oeconomicus) handelt fokussiert an dem Problem der Knappheit und versucht somit (immer kurzfristig) den höchstmöglichen Nutzen für ihn selbst zu ermöglichen.

Die dritte Prämisse beschreibt die vollständige Informiertheit des Akteurs hinsichtlich seiner Präferenzen und Restriktionen (Beschränkungen). Beschränkungen sind hierbei „als Grenzen von Spielräumen von Handlungsentscheidungen zu begreifen“1. Restriktionen können z.B. Budget- und rechtliche Grenzen sein.

Die vierte Prämisse beschreibt das Prinzip der Nutzermaximierung und setzt voraus, dass der HOEC alle sein Handlungsmöglichkeiten kennt und sich nun unter Anwendung des Kosten-Nutzen-Kalküls für die vorteilhafteste Handlung entscheidet. Die Höhe der Wahrscheinlichkeit mit der diese Handlung realisierbar ist, weiß der HOEC genau (durch eine „Lotterie Berechnung“, die aus der Mikroökonomie stammt, rechnet man hinsichtlich des Zweckes die Wahrscheinlichkeiten aus) da der HOEC seine Beschränkungen und Handlungsmöglichkeiten genauestens kennt ist dies möglich.

Die fünfte Prämisse ist sehr ungenau in der Literatur geschildert. Sie besagt im Kern, dass die Verhaltenstendenz der Menge, rationalem Verhalten entspricht.

Die sechste Prämisse beschreibt den Prozess, in dem die Zuschreibung einer Präferenz in einer Entscheidung beobachtet wird: Der Akteur „A“ hat die Entscheidung zwischen „X“ und „Y“ und entscheidet sich für „X“. Somit hält der Beobachter fest, dass „X“ dem Akteur mehr Nutzen bringt als „Y“.

4. Funktion des HOEC

Die Entwicklung der Homo oeconomicus wurde aus dem Interesse heraus geboren herauszufinden wie Menschen in wirtschaftlichen Kontexten handeln. Nachdem ich nun die theoretischen Prämissen erörtert habe möchte ich als erstes auf den konkreten Nutzen des HOEC eingehen und damit versuchen zu erklären warum bis heute dieses Modell noch so populär ist, obwohl es offensichtlich nicht einem realitätsnahen Menschenbild entspricht.

Wie ich bereits in Abschnitt zwei skizzierte hat der HOEC eine längere und auch ungenaue Denkgeschichte in dem das Modell durch verschiedene wirtschaftliche Systeme „gewandert“ ist. Der HOEC wurde inhaltlich immer mehr entleert und formalisiert. Warum und wozu heute der HOEC genutzt wird erkläre ich im Folgenden. Lassen sie mich dafür kurz ausholen.

Das heutige globale Wirtschaftssystem der offenen Märkte bietet eine Reihe von wirtschaftlichen Vorteilen, ist aber auch mit komplizierten Situationen konfrontiert. Durch die „vollständige Konkurrenz“ (vollständige Konkurrenz ist reine Fiktion, der Einfachheit halber nutze ich diesen ökonomisch typischen Begriff), die nach den Marktstrukturen geschaffen wird, entstehen typische Dilemmastrukturen. „Eine Dilemmastruktur charakterisiert die Situation, in der Interessenkonflikte die Realisierung der gemeinsamen Interessen verhindern.“2 Zwei oder mehrere Unternehmen konkurrieren zum Beispiel um einen Markt und nehmen sich dabei gegenseitig ihren Gewinn. In einer Situation der Konkurrenz besteht ständig der Verdacht jedes einzelnen Menschen, oder einer Gruppierung, ausgebeutet zu werden. Dadurch schlägt der Mensch häufig den Weg zur präventiven Gegenausbeutung ein und nimmt sich immer so viel er kriegen kann (kurzfristige Nutzenmaximierung).

Eine ähnliche Situation besteht in dem sogenannten Gefangenendilemma das von zwei Mitarbeitern der Rand Corporation in den 1950er Jahren formuliert wurde. Das Dilemma beschreibt eine „Situation mehrerer Gefangener, die nicht miteinander kommunizieren und unabhängig voneinander verhört werden, wobei die Kronzeugenregelung gilt. Gefangene, die gestehen und damit ihre Mitgefangenen überführen, gehen mit geringer Strafe aus, während die durch Geständnisse ihrer Komplizen Belasteten einer verschärften Bestrafung unterliegen. Das Entscheidungsdilemma liegt darin, dass jedem isoliert handelnden Gefangenen ein Geständnis vorteilhaft scheint. Folglich werden alle Gefangenen als dominante Strategie gestehen und sich dadurch einer Bestrafung aussetzen, der sie durch gemeinsames konsequentes Leugnen hätten ausweichen können.“ 3

Diese Situation spiegelt insofern eine Situation in den offenen Märkten wider, dass die Konkurrenten sich alle nicht kennen können, da die benötigten Informationen, um herauszufinden inwiefern eine Kooperation nützlich für beide sein würde, oftmals zu vielfältig und wankelmütig sind als das sich die Kosten dieser Suche lohnen würde. Außerdem sollen die Konkurrenten von der Legislative aus, sich auch nicht zu gut kennen lernen (Kartellgesetz). In der Mikroökonomie lässt aus diesem Gefangenendilemma das Nash- Gleichgewicht berechnen, was einen geringeren Nutzen für den Kunden wie auch den Produzenten aufweist, so aber in der Realwirtschaft oft erkennbar ist. Somit verhält sich der Mensch in diesem Kontext nutzenmaximierend, allerdings lassen die Strukturen dieser Marktsituation kein pareto- optimales Gleichgewicht zu. Es wird also nicht der maximale Nutzen für jeden erreicht.

Der HOEC eignet sich trotz alle dem, um in wirtschaftlichen Situationen Möglichkeiten für Kooperationen erkennbar zu machen. Dort, wo es die Struktur zulässt und sich eine Kooperation ohne Transaktionskosten lohnt, können sich nutzenmaximierende Chancen bieten.

Der HOEC wird ebenfalls häufig für die Simulation von zukünftigen Wirtschaftsprozessen benutzt, die dann für die Wirtschaftspolitik eine tragende Rolle spielen, um mögliche ungewollte Konsequenzen vorzubeugen, wie zum Beispiel einer Rezension oder steigende Arbeitslosigkeit. Um die hochkomplizierten mathematischen Modelle für die Prognosen nutzen zu können braucht es festgelegte Annahmen wie einzelne Menschen und/ oder Unternehmen handeln werden, die dann in die Programme auf Computern eingegeben werden.

Der HOEC ist ebenfalls durch seine konsequent beschränkte Sicht auf die Maximierung des Nutzens dazu in der Lage der Legislative dabei zu helfen Gesetze zu formulieren, die gewisse Normen selbstdurchsetzend machen, da sich eine Missachtung hinsichtlich des Nutzens nicht mehr lohnt.4

[...]


1 S. 11 Kettner 2012 Gute Gründe für und in Konzeptionen ökonomischer Rationalität

2 K. Homann/A. Suchanek, Ökonomik: Eine Einführung, 2. Aufl., Tübingen 2005, 31f.

3 Gabler Wirtschaftslexikon: Definition „Gefangenendilemma

4 Der Schatten des „Homo oeconomicus“ von Karl Kardinal Lehmann (Mainz) Kapitel 2 (letzter Abschnitt)

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Der Homo Oeconomicus. Seine Bedeutung, Kritik und Alternativen
Hochschule
Universität Witten/Herdecke
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
11
Katalognummer
V502892
ISBN (eBook)
9783346050472
Sprache
Deutsch
Schlagworte
homo, oeconomicus, seine, bedeutung, kritik, alternativen
Arbeit zitieren
Moritz Köhn (Autor), 2016, Der Homo Oeconomicus. Seine Bedeutung, Kritik und Alternativen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502892

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