Wieso glauben wir (noch)? Ein Vergleich zwischen Sigmund Freud und David Hume


Seminararbeit, 2019

14 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Sigmund Freud

2. David Hume

3. Vergleich zwischen Sigmund Freud und David Hume

4. Kritische Betrachtung

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Etwa zwei Drittel der momentanen Weltbevolk.erung glaubt an einen oder mehrere Gotter und bezeichnet sich selbst als religios. Lediglich 13% nennen sich Atheisten (FOWID, 2017). An sich nicht weiter verwunderlich- schon seit Jahrtausenden glaubt der Mensch. Allerdings wussten sich die Volker vor 1000 Jahren noch keine ErkHi.rung fiir Naturphanomene wie Gewitter, Erdbeben und Gezeiten (Gaskin, 2006). Insbesondere die Beschiiftigung mit dem Thema Sterblichkeit sowie die Entstehung der Welt, warfen Fragen auf (Somm, 2010). Religionen fiihrten zivile Regeln (du darfst nicht roten) ein, da strafende oder belohnende Gotter die Menschen eher dazu brachten sich korrekt zu verhalten, als weltliche Strafen. Mitglieder derselben Glaubensgemeinschaft vertrauten einander, weshalb Religiosimt fiir Tiitigk.eiten, die Kooperation erforderten - wie beispielsweise die Arbeitsteilung bei GroBprojekten oder die Aufrechterhaltung von Handelsbeziehungen - von hoher Bedeutung war. Je religioser die Menschen sind und je strengere Regeln sie befolgen, desto enger ist die Gemeinschaft (Dworschak, 2012; Freud, 1927).

Siimtliche (Natur-)phanomene, die friiher als gottgegeben gesehen wurden, konnen inzwischen von Naturwissenschaftlem erkUirt werden. Gesetze und die Strafen- sollte man diese nicht beachten - werden von Staaten festgelegt und die Kooperation im allmglichen Leben wird vor allem durch finanzielle Anreize gef'Ordert. Wozu braucht der Mensch die Religion also noch? Wie kommt es, dass weiterhin so viele Personen an eine hohere Macht glauben, auch wenn Beweise nach wie vor nicht geliefert werden konnen?

Zahlreiche Philosophen sehen dies in der Tatsache begriindet, dass Religion eine lllusion ist (Freud, 1927; Gaskin, 2006). Abgeleitet aus dem Lateinischen von illudere (=sein Spiel treiben) wird das Wort lllusion mit Tauschung ubersetzt (Duden, 2019a). hn Duden (2019a) werden Illusionen als ,beschonigende, dem Wunschdenken entsprechende Selbsttauschungen" definiert. Diese Tauschungen beziehen sich zumeist auf eine Situation, die in Wirklichkeit weniger positiv ist (Duden, 2019a). Illusionen spiegeln oft Wiinsche, Tmume und Hoffnungen wider (Freud, 1927). So zeigte sich, dass sich vor allem Menschen, die sich in schwierigen Situationen befmden, Gott oder Gottem zuwenden und Menschen, die (vermeintlich) ,alles" haben, meist weniger religios Ieben (Dworschak, 2010).

Seit es Menschen gibt, die an Gotter glauben, gibt es auch Menschen, die diese anzweifeln und skeptisch betrachten. Skepsis wird definiert als Bedenken und kritisches Zweifeln und wird von dem griechischen Wort skeptesthai - umherschauen, betrachten, priifen, er- und abwttgen- abgeleitet (Duden, 2019b).

Zwei groBe Skeptiker der Religion sind Sigmund Freud und David Hume. Obwohl ihre Kritik unterschiedlichen Ansatzen entspringt, beschaftigen sich beide mit der Religion als lllusion.

1. Sigmund Freud

Nach Freud sind samtliche Religionen sowie der Glaube an einen oder mehrere Gotter lllusionen, die der Furcht des Menschen entspringen. Diese Illusion entsteht schon in der Kindheit als eine ,kindliche Neurose". Das Kind gestaltet sich Gotter, die die hierarchische Beziehung zwischen Eltern und Kind iiberbriicken konnen. Diese Gotter spiegeln Wiinsche und Bediirfuisse des Kindes wider und schaffen einen schiitzenden Ansprechpartner. Die Beziehung zu den Gottem/ dem Gott ahnelt stets der Vater-Kind-Beziehung; sowohl in ihrer bewundernden als auch in ihrer fiirchtenden, ohnmachtigen Gestalt. So kann man Parallelen zwischen GHiubigen und Kindem in ihrer Sehnsucht nach dem Vater sowie ihrer Schutzbediirftigkeit und Abhangigkeit beobachten. Freud begriindet die Entstehung von Religion allerdings nicht nur mithilfe des Odipuskomplexes, sondem auch anhand kultureller Mechanismen. Keine Gemeinschaft hatte ein soziales Miteinander und kulturelle Gewinne erzielen konnen, wenn sie die menschlichen Triebe nicht reguliert hatte. Gabe es keine Regeln und Zwange in Kulturen, so waren die Menschen weder bereit zu arbeiten noch gemeinschaftlich zu agieren. Sobald es bei RegelverstoBen keine Strafe gibt, verhalten sich die Biirger oft nicht mehr kulturkonform. Urn also kulturelle Errungenschaften zu erhalten, wird das Individuum bei regelkonformem Verhalten belohnt und bei VerstoBen dagegen bestraft. Religionen stellten sich als das am besten geeignetste Mittel zur Umsetzung von Bestrafung und Belohnung, da der Mensch dem Glauben ohnehin schon extrem Ieicht verfallt (Freud, 1927).

Neben der Ordnung, die die Religion in das kulturelle Leben bringt, bietet sie Antworten auf jegliche unbeantwortete Frage des Lebens: Wie entstand die Welt und ihre samtlichen GesetzmaBigkeiten? Was passiert, wenn der Mensch stirbt? Warum erleidet man Krankheit und Gewalt? Sobald man weiB, dass es einen Schopfer dieser Welt gibt, kann man auch versuchen mit ihm in Kontakt zu treten und ihn durch Gebete, Opfergaben und sonstige religiose Rituale dazu bewegen, einem gegeniiber giitig zu handeln. So wird es dem Mensch moglich, die Ohnmacht, die er gegeniiber der Willkiir der Natur empfindet, zu uberwinden und die Natur und ihre Gesetzma.Bigkeiten unter seine Kontrolle zu bringen. Mit den FIDrigkeiten und Eigenschaften, die auf sie projiziert werden, sind die Gotter in der Lage zufallige Naturphanomene zu verhindem, eine Erklarung fUr den Tod zu liefern, das Leiden auf der Welt zu rechtfertigen und es (spatestens nach dem Tod) zu kompensieren. So stellen die Gotter die Personifikation aller menschlichen Wlinsche dar. Nicht nur liefern sie Erklarungen und LOsungen fUr Ungerechtigkeit und Leid, sondem verinnerlichen auch ubermenschliche Eigenschaften wie Allwissen und unendliche Gute (Freud, 1927).

Wie kann die Religion allerdings einen so groBen Einfluss auf die Kultur haben, dass moralische Regeln eingehalten werden, die ohne sie nicht beachtet werden wlirden? Freud begrlindet dies damit, dass der Mensch einen Vertrag mit Gott schlieBe. Er halte sich an die von Gott gegebenen Regeln (beispielsweise Gott als einzigen Gott anzuerkennen), um im Gegenzug das ewige Leben zu erhalten. Da Gott der Vaterfigur ahnelt, kann man zu ihm eine Beziehung aufbauen und ihm Liebe und Dankbarkeit entgegenbringen. Genau diese Verbundenheit beziehungsweise Liebe mag einer der GrUnde sein, weshalb gottliche Regeln eher befolgt werden, als weltliche - durch einen anonymen Staat vorgegebene - Regeln (Freud, 1927).

Freud stellt sich die Frage, weshalb Menschen an Gott glauben, obwohl es quasi keinerlei Beweise fUr dessen Existenz gibt. Bei keinem anderen Thema wlirde man sich mit einer derart diinnen Beweislage zu:friedengeben. Er begrlindet sich dieses Phlinomen durch die Prinzipien jeder Religion. Diese verlangen von ihren Glaubigen an ihre Lehren zu glauben, da einerseits ihre Vorfahren bereits an sie geglaubt haben und andererseits die Beweise fUr eine Existenz Gottes in der Vergangenheit erbracht wurden. AuBerdem ist es nicht erlaubt Beweise fUr eine Existenz Gottes zu fordern -es wird viel mehr vorausgesetzt, die religiosen Lehren ohne Zweifel anzunehmen. Hier sieht Freud ein groBes Problem, da die Religionen einerseits hochst wichtig fUr unsere Kultur sind und andererseits keinerlei Nachweis haben. Da sie aber weder be- noch widerlegt werden konnen, ist ihre Kraft umso starker. Anhand des Mangels an Beweisen fUr die Existenz eines oder mehrerer Gotter und dem Widerspruch gegen alles, was wir uber die Welt und ihre Gesetzma.Bigkeiten wissen, folgert Freud allerdings, dass Religionen lediglich lllusionen sind. Es handelt sich hierbei um die tiefsten Wlinsche der Menschen - je tiefer der Wunsch, desto starker die religiose Verbindung. Problematisch an diesen lllusionen ist, dass sie lediglich auf Wunschtriiumen und nicht auf Beobachtungen beruhen. AuBerdem erwarten sie nicht in der Wirklichkeit bestatigt zu werden, da sie lediglich in Traumwelten existieren und keinerlei Realitatswert besitzen. Daher ist es nahezu unmoglich sie zu widerlegen (Freud, 1927).

Was ist nun so schlimm an Religionen, dass man sie unbedingt loswerden sollte? Freud begriindet dies damit, dass die Menschen ftiiher weder gliicklich noch sittlicher gewesen sind und die moralischen Gesetze inzwischen auch weltlich und nicht mehr gottlich vorgegeben werden. Er erkennt an, dass Religionen einst notwendig waren und positive Effekte auf das Zusammenleben in Gemeinschaften batten, pHi.diert aber fiir eine genaue Trennung zwischen Religion und Kultur. Religion wUrde zu haufig fiir die falschen GrO.nde verwendet werden. Er nennt hier beispielsweise Diktatoren, die ihre Befehle durch Gott legitimiert sehen, selbst wenn diese den eigentlichen gottlichen Geboten widersprachen (Freud, 1927).

Die zu frii.he religiose Erziehung im Kindesalter, mache es Kindem unmoglich selbstandiges Denken zu entwickeln, da sie durch die Furcht vor spateren Strafen (in der Holle), nur in vorgefertigten Bahnen denken konnen. Diese sogenannten Denkverbote fiihrten dazu, dass die Menschheit nie ihre maximale Intelligenz erreichen konne und im Gegenteil eher diimmer werde. Er zieht hier eine Parallele zu den Frauen zu seiner Zeit: es sei ihnen unmoglich freies Denken zu praktizieren, da sie aufgrund ungleicher Voraussetzungen nie dieselbe Bildung erhalten konnen wie Manner und daher von vornherein mit Denkverboten belegt seien. Die Losung stellen Leute dar, die nicht religios erzogen wurden. Sie konnen Vorbilder fiir eine nichtreligiose Gemeinschaft sein. Fraglich bleibt nun, ob die Menschen dann nicht auf Wiinsche zuriickgreifen, die nicht re1igios begriindet sind. Freud legt dar, dass diese Wiinsche immerhin besser seien, als die religiosen, da sie Skeptiker nicht verurteilen und die Korrektur ihrer ,Wahrheit" zulassen wiirden. Die Religionen hingegen wiirden krampfuaft an ihren lllusionen festhalten und eine Nachbesserung oder Korrektur nicht akzeptieren. Freud erkennt auBerdem, dass der tiefreligiose, fanatische Mensch mit Logik nicht zu erreichen sei. Er akzeptiert, dass die Menschen sich moglicherweise nicht andern werden, driickt aber seine Hoffnung in die Wissenschaft aus, dass diese weitere Fortschritte erziele (Freud, 1927).

2. David Burne

David Hume vertritt die Auffassung, dass nur Personen, die kein eigenstandiges Denken praktizieren konnen, religiose Regeln brauchten, urn moralisch zu handeln. Die Menschen, die selbstandig denken, benotigten keinerlei Religiositat. Thr moralisches Verhalten begriinde sich auf ihren Verstand und nicht auf religiose, von Gott gegebene Regeln. Fiir Hume entsteht (die falsche) Religion durch Aberglaube und Enthusiasmus - Auspragungen die unweigerlich zu Fanatismus und Intoleranz fiihrten, weshalb Religiositat abzulehnen sei (Hume, 1903). Aberglaube werde durch die Furcht, Schwache und Ignoranz der Menschheit ausgelost. Da nicht bekannt ist durch welche Kriifte diese Furcht verursacht wird, versucht man sie mit unza.hligen religiosen Praktiken wie beispielsweise Opfergaben, Gebeten und Geschenken zu beschwichtigen. 1m Gegensatz dazu steht der Enthusiasmus, der durch Hoffnung und Stolz, aber auch Ignoranz ausgelost wird. Der Unterschied zwischen Aberglaube und Enthusiasmus besteht darin, dass die Aberglaubischen sich Gott gegeniiber als unwiirdig sehen ihm entgegenzutreten. Deshalb zeigen sie ihre Hingabe und ihre Demut in Form von Geschenken und Opfem. In den aberglaubischen Religionen sind Priester anzutreffen, die die Mediation zwischen Glaubigen und Gott ubemehmen. Die Autoritat der Priester steigt mit dem Aberglauben der Glaubigen. Die Enthusiasten hingegen orientieren sich nicht an den Priestem als Mediatoren, da sie sich selbst, ausgelost durch ihren Stolz und ihr Selbstbewusstsein, als wiirdig genug sehen mit der Gottheit in Kontakt zu treten. Dies macht auch religiose Rituale wie Zeremonien und Traditionen hinfallig. Auch wenn die fanatischen Ziige der Enthusiasten sie zu extremeren Handlungen und extremeren moralischen Vorstellungen fiihren, erliegt ihr Eifer nach einiger Zeit, da es keine Priesterschaft und keine Rituale gibt, welche sie als Gemeinschaft zusammenhalten konnen. Die schuchternen und unterwiirfigen Personen ordnen sich den Priestem der aberglaubischen Religionen unter, welche fortan die Gesellschaft mithilfe ihrer Verfolgungen und Glaubenskriege tyrannisieren. Wahrend religioser Enthusiasmus laut Hume mit biirgerlicher Freiheit einhergeht, versklavt der Aberglaube die Biirger (Hume, 1903). Auch Hume stellt sich die Frage, weshalb irgendjemand an Gott glaubt, wenn es doch keinerlei rationale Beweise fiir die Existenz Gottes gibt. Daraus schlieBt er, dass Religiositat in der Natur des Menschen begriindet liegt. Er fiihrt das auf die Furcht vor der Willkiir der Ereignisse im Lebenjeder Person zuriick (Gaskin, 2006).

Geht man davon aus, dass Gott die Welt geschaffen hat, gibt laut Hume alles, was wir auf der Welt sehen Riickschluss auf Gotts Eigenschaften und Macht. Wir konnen Gott nur Eigenschaften zuschreiben, die wir in der Welt erfahren. Auch wenn angenommen wird, dass Gott unendlich giitig ist, urn das Leid in der Welt zu erklaren, kann diese Annahme niemals gerechtfertigt werden, da von dem zu beobachtenden Leid in der Welt niemals auf unendliche Giite geschlossen werden kann. Die Frage, die Hume aufwirft ist, ob die Welt uberhaupt Erklarung benotigt oder ob die Entstehung des Universums nicht auch durch das zufallige Aufeinandertreffen von Partikeln zu erklaren ist. Und wenn trotzdem ein Schopfer benotigt werde, um die Welt zu erklaren, so miisse dann doch auch dieser Schopfer erklart werden. Wenn keiner den Schopfer erklaren kann oder mochte, wieso sollte man dann eine Erklarung fiir die Welt haben miissen? (Gaskin, 2006). Gaskin (2006) merkt an, dass viele Menschen der Meinung sind, ein chaotisches Universum sei wahrscheinlicher als ein geordnetes. Da wir das bestehende (geordnete) Universum allerdings iiberhaupt nicht mit einem chaotischen vergleichen konnen, ist es unmoglich Riickschliisse auf die Wahrscheinlichkeit ftir die heiden Ereignisse zu machen. Daher gibt es keinerlei Grund eher eine Erklarung ftir ein geordnetes Universum fmden zu miissen als ftir ein chaotisches (Gaskin, 2006).

[...]

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Details

Titel
Wieso glauben wir (noch)? Ein Vergleich zwischen Sigmund Freud und David Hume
Hochschule
Universität Ulm
Note
1,3
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V502902
ISBN (eBook)
9783346050496
ISBN (Buch)
9783346050502
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wieso, vergleich, sigmund, freud, david, hume
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Wieso glauben wir (noch)? Ein Vergleich zwischen Sigmund Freud und David Hume, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502902

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