Die Arbeit thematisiert die Frage, inwieweit der Piso-Prozess zur Stabilisierung des frühen Prinzipats unter Tiberius sowie zur Überwindung der Staatskrise beitrug. Es wird insbesondere das Senatus consultum de Cn. Pisone Patre analysiert, das in Spanien gefunden wurde (lateinische Inschrift auf Bronzetafeln).
Mit dem Tod des Augustus und dem Regierungsantritt des Tiberius gingen Konflikte einher, die schließlich in bürgerkriegsähnlichen Zuständen gipfelten, als Calpurnius Piso in Syrien einfiel, um seine Provinz gewaltsam zurückzuerobern. Es wurde ein Prozess gegen Piso geführt und alsbald verbesserte sich die Lage. Tacitus‘ literarisches Werk Annales liefert in den Büchern eine ausführliche Schilderung der Ereignisse. Bei anderen antiken Autoren, namentlich Sueton, Plinius dem Älteren, Velleius Paterculus, Cassius Dio sowie Flavius Josephus finden sich ebenfalls Ausführungen zum Fall Piso, jedoch knapper gehalten oder als kurze Hinweise.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Tacitus‘ Annalen
2.1.1 Konfliktebenen
2.1.1.1 Tiberius und Germanicus
2.1.1.2 Germanicus und Piso
2.1.1.3 Piso und Tiberius
2.1.2 Der Prozess
2.1.2.1 Die relatio des Tiberius
2.1.2.2 Die Anklagepunkte
2.1.2.3 Die Verteidigung
2.1.2.4 Die Prozessfortführung nach Pisos Selbstmord und das Urteil
2.1.3 Zwischenergebnis
2.2 Das Senatus Consultum de Cn. Pisone patre
2.2.1 Der Prozess
2.2.1.1 Die relatio des Tiberius
2.2.1.2 Die Anklage
2.2.1.3 Danksagung und Lob des Senats
2.2.1.4 Das Urteil
2.2.1.5 Die Publikationsanordnung
2.2.2 Konfliktebenen
2.2.2.1 Piso und Germanicus
2.2.2.2 Piso und die domus Augusta
2.2.2.3 Piso und das gesamte römische Volk
2.3 Der Piso-Prozess als Mittel zur Überwindung der Staatskrise
2.3.1 Die politische Dimension des Piso-Prozesses
2.3.2 Die Rolle des Piso-Prozesses beim Übergang von der Republik zum Prinzipat
3. Schluss: Thesen und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle des Piso-Prozesses im Jahr 20 n. Chr. und analysiert, inwiefern dieses Ereignis zur Überwindung einer Staatskrise und zur Stabilisierung des frühen Prinzipats unter Tiberius beitrug, indem sie die literarische Darstellung des Tacitus mit der epigraphischen Quelle des Senatus Consultum de Cn. Pisone patre vergleicht.
- Vergleichende Analyse zwischen Tacitus‘ Annalen und dem Senatus Consultum de Cn. Pisone patre
- Untersuchung der Konfliktebenen (Tiberius, Germanicus, Piso und das römische Volk)
- Bewertung der politischen Instrumentalisierung des Prozesses zur Machtabsicherung der domus Augusta
- Analyse der Wirkung des Prozesses als Mittel zur Wiederherstellung der gesellschaftlichen Ordnung
- Beleuchtung der Rolle des Senats als „Publikationsstelle“ des Kaisers
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Der Prozess
Im Gegensatz zur relatio des Tiberius bei Tacitus, besteht sie beim S.C. aus einer Zusammenfassung dessen, was Tiberius dem Senat während der Senatssitzung zu verschiedenen Zeitpunkten vorgetragen hat. Aus dieser relatio wird die doppelte Funktion des Senats bei diesem Fall deutlich. Denn über den Prozess gegen Piso und dessen Angehörige solle der Senat seine Meinung äußern, folglich als Berater dienen. Dagegen solle er in Bezug auf die comites des Piso iudicare, also als Richter fungieren.
Bei der Anklage des Piso wird Giftmord lediglich als eigene Aussage des Germanicus eingebracht. Stattdessen stehen in den Zeilen 29-70 der angeblich drohende Krieg mit Armenien und Parthien durch Pisos Nachlässigkeit bei der Verwahrung des Vonones, die Entfachung eines Bürgerkriegs und die Grausamkeit gegenüber seinen Soldaten im Vordergrund. Wieder stellt die Entfachung eines Bürgerkriegs den einzigen Anklagepunkt mit Substanz dar, da nie ein Krieg mit Armenien und Parthien gedroht hat und überdies Vonones erst geflohen war, nachdem ihn Germanicus nach Cilicien entfernt hat. Die crudelitas war in einer Kriegssituation geschehen, für die das Kriegsrecht galt, innerhalb dessen der Feldherr sein Urteil unmittelbar verhängen durfte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Problematik des Piso-Prozesses ein und stellt die Leitfrage zur Rolle des Prozesses bei der Stabilisierung des Prinzipats unter Tiberius vor.
2. Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Tacitus‘ Annalen und dem Senatus Consultum de Cn. Pisone patre, wobei die Konfliktebenen und die politische Dimension des Verfahrens beleuchtet werden.
2.1 Tacitus‘ Annalen: Dieses Kapitel wertet die Schilderung des Prozessverlaufs bei Tacitus aus und arbeitet die darin enthaltenen Spannungsfelder zwischen den beteiligten Akteuren heraus.
2.1.1 Konfliktebenen: Hier werden die zwischenmenschlichen und politischen Rivalitäten zwischen Tiberius, Germanicus und Piso detailliert dargestellt.
2.1.2 Der Prozess: Eine Untersuchung des juristischen Verfahrens vor dem Senat, inklusive der Anklagepunkte und der Verteidigung, wie sie bei Tacitus überliefert ist.
2.1.3 Zwischenergebnis: Zusammenfassung der ersten Analyseergebnisse, die den Fall Piso als ein Ereignis mit sowohl rechtlicher als auch politischer Dimension einordnen.
2.2 Das Senatus Consultum de Cn. Pisone patre: Einführung in die 1996 veröffentlichten Bronzetafeln, die das offizielle Senatsurteil dokumentieren und als primäre Vergleichsquelle dienen.
2.2.1 Der Prozess: Analyse des Prozessablaufs gemäß der epigraphischen Quelle, wobei die Rolle von Tiberius und die Art der Anklageführung im Vordergrund stehen.
2.2.2 Konfliktebenen: Untersuchung der Unterschiede in der Darstellung der Konflikte gegenüber Tacitus, insbesondere hinsichtlich der Stilisierung der domus Augusta.
2.3 Der Piso-Prozess als Mittel zur Überwindung der Staatskrise: Evaluation der These, dass der Prozess ein politisch instrumentalisiertes Mittel zur Konsolidierung der Macht darstellte.
2.3.1 Die politische Dimension des Piso-Prozesses: Erläuterung, wie der Prozess genutzt wurde, um Gerüchte zu entkräften und die öffentliche Wahrnehmung zu steuern.
2.3.2 Die Rolle des Piso-Prozesses beim Übergang von der Republik zum Prinzipat: Analyse der Piso-Affäre als Aufeinandertreffen republikanischer Strukturen und kaiserlicher Machtambitionen.
3. Schluss: Thesen und Ausblick: Fazit der Untersuchung, in dem der Prozess als einzigartiges Beispiel für die Divergenz zwischen öffentlicher Darstellung und tatsächlicher Sachebene zusammengefasst wird.
Schlüsselwörter
Piso-Prozess, Tiberius, Germanicus, Tacitus, Senatus Consultum de Cn. Pisone patre, Prinzipat, Staatskrise, domus Augusta, Politische Instrumentalisierung, damnatio memoriae, Römische Antike, Senatsurteil, Machtstabilisierung, Konfliktebenen, Römische Geschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den historischen Prozess gegen Cn. Calpurnius Piso im Jahr 20 n. Chr. und analysiert dessen Bedeutung für die politische Stabilität zu Beginn der Regierungszeit des Kaisers Tiberius.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen der Vergleich zwischen der literarischen Darstellung bei Tacitus und dem epigraphischen Dokument des Senatus Consultum de Cn. Pisone patre sowie die Analyse politischer Machtmechanismen in der frühen Kaiserzeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu klären, inwiefern der Piso-Prozess instrumentalisiert wurde, um eine aufkommende Staatskrise zu überwinden und die Machtstellung des Prinzipats zu festigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Quellenanalyse, bei der die Narrative des Geschichtsschreibers Tacitus mit dem offiziellen Senatsbeschluss kontrastiert und in den historischen Kontext eingeordnet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der beiden Hauptquellen, die Untersuchung verschiedener Konfliktebenen zwischen den Akteuren und die Auswertung des Prozesses als Mittel zur politischen Stabilisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Piso-Prozess, Tiberius, Prinzipat, Senatus Consultum de Cn. Pisone patre, Staatskrise, domus Augusta und die Instrumentalisierung von Senatsbeschlüssen.
Wie unterscheidet sich die Darstellung bei Tacitus von dem Senatsbeschluss?
Während Tacitus die Verfehlungen aller Beteiligten (inklusive Germanicus) beleuchtet, stilisieren die Bronzetafeln des Senatsbeschlusses die domus Augusta als unfehlbares Ideal und Piso als alleinigen Sündenbock, um die Einheit des Reiches zu demonstrieren.
Welche Bedeutung hat die Publikationsanordnung des Senatsurteils für die Forschung?
Die Anordnung, das Urteil weiträumig in den Provinzen und bei den Legionen zu verbreiten, deutet laut Forschung darauf hin, dass der Senat als „Publikationsstelle“ für die politische Botschaft des Kaisers diente, was für diese Zeit ein außergewöhnlicher Vorgang war.
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- Tanja Otto (Autor), 2015, Zur Stabilisierung des Prinzipats unter Tiberius. Die Rolle des Piso-Prozesses, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502905