Die konservative Wende 1878/79. Eine zweite, "innere" Reichsgründung?


Seminararbeit, 2017
11 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die konservative Wende 1878/79 - eine zweite, „innere“ Reichsgründung?
2.1 Wirtschaftlich-politische Wechselwirkungen
2.2 Die Rolle Bismarcks
2.3 Die Langfristigkeit der Folgen

3. Schluss

4. Quellen- und Literaturverzeichnis
4.1 Quellen
4.2 Forschungsliteratur

1. Einleitung

Ewald Frie bezeichnet die konservative Wende von 1878/79 als „als Machtsicherungshandlung weitgehend fehlgeschlagenen Akt kurzsichtiger politischer Selbstverteidigung“1. In dieser Arbeit soll diese These kritisch beleuchtet und die Frage beantwortet werden, inwiefern die Wende von 1878/79 eine zweite, „innere“ Reichsgründung dargestellt hat. Der Begriff „innere“ soll hier im Gegensatz zur „äußeren“ Gründung des Deutschen Kaiserreichs, das heißt formal und institutionell durch die Kaiserproklamation von 1871, stehen.2

Frie verneint die genannte Frage mit dem obigen Fazit, doch die Forschungsdiskussion ist weit älter und die Auswirkungen der Wende zu tiefgreifend, um die Debatte als abgeschlossen zu bezeichnen. Sie begann in den späten 1960er Jahren mit Helmut Böhme, der den Begriff der „inneren Reichsgründung“ geprägt hat und ein Verfechter der gleichnamigen These war.3 Als Literaturgrundlage ist außerdem Heinrich August Winkler mit bedeutenden Studien zum Nationalismus aus den späten 70er Jahren und der These „Vom linken zum rechten Nationalismus“ zu nennen.4

Ferner sind die wirtschaftspolitischen Studien von Hans Rosenberg und dem Bismarck-Biographen Otto Pflanze aus den späten 60er Jahren beziehungsweise Ende der 80er/Anfang der 90er relevant.5 Für Rosenberg sind die Auswirkungen der Konjunktur auf die Politik noch unzureichend erforscht, während Pflanze vor allem Bismarcks Opportunismus hervorhebt.6 Des Weiteren zu nennen sind Hans-Peter Ullman und der eben zitierte Ewald Frie mit den neuesten Publikationen zum Thema, die beide die These der „inneren Reichsgründung“ ablehnen.7

Die Quellengrundlage dieser Arbeit umfasst vor allem die thematischen Quellenzusammenstellungen von Gerhard Ritter und Gisela Stüer, die insbesondere Bismarcks Reichstagsreden und Briefe, Zeitungsartikel sowie Reaktionen von Oppositionellen beinhalten, und außerdem die Digitalversion der Bismarck-treuen Zeitschrift „Die Grenzboten“.8

In Anlehnung an Fries Argumente gegen eine „innere Reichsgründung“ werde ich meine Leitfrage unter folgenden drei Gesichtspunkten beleuchten: die „Wirtschaftlich-politischen Wechselwirkungen“ als Ursachen einer möglichen zweiten Reichsgründung, anschließend „Die Rolle Bismarcks“ und abschließend die Langfristigkeit der Folgen, die Frie ebenfalls als Gegenargument nennt.9

2. Die konservative Wende 1878/79 - eine zweite, „innere“ Reichsgründung?

2.1 Wirtschaftlich-politische Wechselwirkungen

Zunächst sollen jedoch die „Wirtschaftlich-politischen Wechselwirkungen“ untersucht werden. Diese seien, so stimmt Frie Rosenberg zu, noch unzureichend erforscht und daher nur „postuliert“.10 Er geht außerdem mit Ullmann, der Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Politik im Allgemeinen bezweifelt.11 Im Rahmen dieser Arbeit kann die fehlende umfassende Erforschung nicht geleistet werden – es sollen jedoch neue Perspektiven aufgezeigt werden.

Hierfür soll ein Artikel aus der Zeitschrift „Die Grenzboten“ analysiert werden.12 Diese Zeitschrift wurde von Bismarck indirekt finanziert und von seinem Freund Moritz Busch überarbeitet.13 Wir können also davon ausgehen, dass in den folgenden Aussagen Bismarck mittelbar zu uns spricht. Des Weiteren sei darauf hingewiesen, dass es sich bei dem hier relevanten Abschnitt um den Beginn einer Zusammenfassung am Ende des Textes handelt. Zuvor hat der anonyme Autor die Rede Bismarcks vom 2. Mai 1878 bezüglich der Finanzreform und Laskers Reaktion darauf – mit deutlicher Kritik an Laskers Argumenten – zusammenfassend dargestellt.

Aus dieser Quelle lässt sich zum einen der Begriff der „inneren Reichsgründung“ als zeitgenössischer Quellenbegriff entnehmen. Zum andern wird die enge Verknüpfung dieses Begriffs mit wirtschaftspolitischen Maßnahmen deutlich. Die Sicherung der Nahrungsgrundlage durch „eigene Industrie“ und „eigene Produktion“ stellen rein wirtschaftliche Ziele dar. Wenn darüber hinaus in dem Ausdruck „Verschiebung der Verhältnisse“ die Wirtschaftskrise inbegriffen ist – was wahrscheinlich ist14 – weist diese Stelle entgegen der Thesen von Frie und Ullmann einen direkten Zusammenhang zwischen der Wirtschaftskrise und dem Wandel von 1878/79 nach. Die „Unifikation“ der indirekten Steuern - wozu auch die Zölle zählen - bedeutete außerdem eine Vereinheitlichung im Inneren des Reichs, was auf eine zumindest intendierte „innere Reichsgründung“ schließen lassen kann.

Bezüglich der wirtschaftlich-politischen Wechselwirkungen hätte Frie ferner stärker unterstreichen sollen, dass die wirtschaftlichen Entwicklungen die Wählerschaft zugunsten der Konservativen veränderten.15 Ullmann spricht beispielsweise treffend von einer „Vertrauenskrise“ des Liberalismus und weist auf den wichtigen Punkt hin, dass die Regierung nun von vielen einstmaligen Gegnern in die Verantwortung gerufen und um Hilfe ersucht wurde.16 Diese Stärkung der Exekutive kann nach der „liberalen Ära“ als eine Art Rückbesinnung auf die Verfassung gesehen werden. Denn die Reichsverfassung beinhaltet gegenüber dem Reichstag eine stärkere Exekutive, als dies während der „liberalen Ära“ aufgrund der liberalen Parlamentsmehrheit der Fall gewesen war. Deshalb kann diese Rückbesinnung auf die Verfassung gegen Ende der 1870er Jahre auch als „innere Reichsgründung“ bezeichnet werden, da sich nun im Inneren manifestierte, was bei der „äußeren Reichsgründung“ festgesetzt worden war.

2.2 Die Rolle Bismarcks

Es soll nun mit der Rolle Bismarcks bei der konservativen Wende 1878/79 fortgefahren werden und mit der Frage, inwiefern er eine innere Reichsgründung einerseits intendierte und inwiefern seine Maßnahmen, darunter vor allem die Hinwendung zum Protektionismus, anschließend als „innere Reichsgründung“ gewirkt haben. Ewald Frie definiert in seinem Werk den Begriff Reichsgründung anhand von vier Dimensionen, wobei die letzteren beiden auf die „innere Reichsgründung“ bezogen sind.17 Diese legen „die Formung einer regier- und verwaltbaren politischen und Wirtschaftseinheit“ und das Reich „zu einer fühlbaren und identitätsstiftenden Einheit jenseits lokaler und regionaler Zugehörigkeiten zu machen“ als zentrale Aspekte einer „inneren“ Reichsgründung fest.18

Nach dieser Definition hat Bismarck eine „innere Reichsgründung“ angestrebt, was sich durch folgende Quelle belegen lässt.19 Sie entstammt einem von Bismarck angeregten Artikel der „Provinzial-Correspondenz“, einem halbamtlichen Presseorgan, welches folglich als Sprachrohr Bismarcks angesehen werden kann. Es ist außerdem inhaltlich zu beachten, dass hier das Wahlprogramm der Regierung für die nächsten Reichstagswahlen dargestellt wird, nachdem der Reichstag nach den beiden Attentaten auf Kaiser Wilhelm aufgelöst worden war.20

Die „festere Stütze als bisher“, die man finden möchte, spricht für die politische, die „Förderung der wirthschaftlichen Wohlfahrt des Volkes“ für die Wirtschaftseinheit, die gebildet werden soll. Folglich entsprechen diese Ziele dem ersten Teil von Fries Definition einer „inneren“ Reichsgründung. Auch auf den zweiten Teil der Definition treffen Bismarcks Ziele zu, wenn auch ex negativo. Denn die Abgrenzung von der Sozialdemokratie kann eine identitätsstiftende Einheit jenseits lokaler und regionaler Zugehörigkeiten zur Folge haben, wodurch wiederum die Regierung eine breitere parlamentarische Basis erzielen könnte. Hier klingt bereits an, was Winkler treffend den Übergang „vom linken zum rechten Nationalismus“ nennt.21 Insgesamt hat Bismarck demzufolge eine „innere Reichsgründung“ im Sinne der Definition Fries intendiert.

[...]


1 Frie, Ewald: Das Deutsche Kaiserreich, 2., erw. u. bibl. akt. Aufl., Darmstadt 2013, S. 37.

2 Auf die konkreten Dimensionen, die die „innere“ Reichsgründung umfasst, soll unter 2.2 eingegangen werden.

3 Vgl. beispielsweise Böhme, Helmut: Bismarcks Schutzzollpolitik und die Festigung des konservativen Staates, in: Ders. (Hrsg.): Probleme der Reichsgründungszeit 1848-1879, Köln/Berlin 1968, S. 328-352.

4 Siehe v.a. Winkler, Heinrich August: Vom linken zum rechten Nationalismus. Der deutsche Liberalismus in der Krise von 1878/79, in: Geschichte und Gesellschaft 4 (1978), S. 5-28.

5 Vgl. Rosenberg, Hans: Große Depression und Bismarckzeit. Wirtschaftsablauf, Gesellschaft und Politik in Mitteleuropa, Berlin 1967 und Pflanze, Otto: „Sammlungspolitik“ 1875-1886. Kritische Bemerkungen zu einem Modell, in: Ders. (Hrsg.): Innenpolitische Probleme des Bismarck- Reiches, München 1983, S. 155-194.

6 Vgl. Rosenberg, Große Depression, S. 131f. Im Zusammenhang mit dem Sozialistengesetz beschreibt er die Vorgänge zur Zeit der Wende als „Zweite Reichsgründung“, ohne auf die Wahl der Begrifflichkeit näher einzugehen. Siehe außerdem Pflanze, Sammlungspolitik, S. 191.

7 Vgl. Ullmann, Hans-Peter: Politik im deutschen Kaiserreich 1871-1918, 2., durchges. Aufl., München 2005 und Frie, Kaiserreich.

8 Ritter, Gerhard A.: Das Deutsche Kaiserreich 1871-1914: ein historisches Lesebuch, Göttingen 1992 und Die Wendung in der deutschen Innenpolitik, hrsg. v. Gisela Stüer, Göttingen 1967; außerdem Politische Briefe, X. Zwei Kettenschlüsse, in: Die Grenzboten 38 (1979), 2. Quartal, S. 323.

9 Vgl. Frie, Kaiserreich, S. 37.

10 Vgl. Frie, Kaiserreich, S. 34 (Zit. ebd.); siehe außerdem Rosenberg, Große Depression, S. 131f.

11 Vgl. Frie, Kaiserreich, S. 34. Dagegen vertritt Ullmann in einer anderen Publikation die Auffassung, dass die politischen Veränderungen zumindest mit den Schutzzöllen zusammenhingen (vgl. Ullmann, Politik, S. 12f.).

12 Politische Briefe, X. Zwei Kettenschlüsse, in: Die Grenzboten 38 (1979), 2. Quartal, S. 323; die folgenden Zitate ebd.

13 Zu Moritz Busch und seiner Tätigkeit siehe Meisner, Heinrich Otto: Busch, Julius Hermann Moritz, in: NDB 3 (1957), S. 63f.

14 Beispielsweise löst die Wirtschaftskrise nach Rosenberg einen „psychischen und ideologischen Klimaumschlag“ aus (Rosenberg, Große Depression, S. 66).

15 Denn die Selbstregulation des Marktes, die die Liberalen propagiert hatten, war fehlgeschlagen; dagegen spricht die Stärkung der liberalen Wählerschaft auf regionaler Ebene, worauf unten mit Max von Forckenbeck näher eingegangen werden soll.

16 Vgl. Ullmann, Politik, S. 13.

17 Vgl. Frie, Kaiserreich, S. 31.

18 Vgl. ebd. (Zit. ebd.).

19 „Ein von Bismarck inspirierter Artikel der 'Provinzial-Correspondenz' vom 27.6.1878 über 'Die Absichten und Wünsche der Regierung angesichts der Wahlen'“ (abgedruckt in Ritter, Lesebuch, S. 207-209; Zit. S. 207; die folgenden Zitate aus dem Text S. 208).

20 Zur Ereignisgeschichte der Attentate und der Reichstagsauflösung siehe Gall, Lothar: Bismarck. Der weiße Revolutionär, München 2001 (unveränd. Nachdruck der Ausg. Frankfurt a. M. 1980), S. 564-567. Für die folgenden Zitate aus dem Quellentext siehe Ritter, Lesebuch, S. 208.

21 Vgl. Titel und Thema von Winkler, Nationalismus.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die konservative Wende 1878/79. Eine zweite, "innere" Reichsgründung?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschichts- und Kunstwissenschaften)
Veranstaltung
Basiskurs: „Das Bismarckreich 1871-1890“
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
11
Katalognummer
V502916
ISBN (eBook)
9783346051899
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bismarck, Reichsgründung, konservative Wende, Wirtschaft, Kaiserreich
Arbeit zitieren
Tanja Otto (Autor), 2017, Die konservative Wende 1878/79. Eine zweite, "innere" Reichsgründung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502916

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