Ewald Frie bezeichnet die konservative Wende von 1878/79 als "als Machtsicherungshandlung weitgehend fehlgeschlagenen Akt kurzsichtiger politischer Selbstverteidigung". In dieser Arbeit soll diese These kritisch beleuchtet und die Frage beantwortet werden, inwiefern die Wende von 1878/79 eine zweite, "innere" Reichsgründung dargestellt hat.
Der Begriff "innere" soll hier im Gegensatz zur "äußeren" Gründung des Deutschen Kaiserreichs, das heißt formal und institutionell
durch die Kaiserproklamation von 1871, stehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die konservative Wende 1878/79 - eine zweite, „innere“ Reichsgründung?
2.1 Wirtschaftlich-politische Wechselwirkungen
2.2 Die Rolle Bismarcks
2.3 Die Langfristigkeit der Folgen
3. Schluss
4. Quellen- und Literaturverzeichnis
4.1 Quellen
4.2 Forschungsliteratur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die historisch kontroverse These, ob die sogenannte konservative Wende des Jahres 1878/79 als eine „zweite, innere Reichsgründung“ des Deutschen Kaiserreichs zu werten ist. Dabei wird insbesondere hinterfragt, inwieweit politische Entscheidungen wie die Hinwendung zum Protektionismus als bewusste Neugestaltung des Staatswesens oder lediglich als taktische Machtsicherungsmaßnahmen Bismarcks zu interpretieren sind.
- Die Rolle Bismarcks und seine Absichten hinter der konservativen Wende.
- Wirtschaftlich-politische Wechselwirkungen als Treiber der innenpolitischen Transformation.
- Die Wirkmächtigkeit und Langfristigkeit der durch die Wende ausgelösten Veränderungen.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Begrifflichkeit der „inneren Reichsgründung“ in der Forschung.
- Analyse zeitgenössischer Quellen und deren Aussagekraft für die politische Neuorientierung.
Auszug aus dem Buch
2.1 Wirtschaftlich-politische Wechselwirkungen
Zunächst sollen jedoch die „Wirtschaftlich-politischen Wechselwirkungen“ untersucht werden. Diese seien, so stimmt Frie Rosenberg zu, noch unzureichend erforscht und daher nur „postuliert“.10 Er geht außerdem mit Ullmann, der Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Politik im Allgemeinen bezweifelt.11 Im Rahmen dieser Arbeit kann die fehlende umfassende Erforschung nicht geleistet werden – es sollen jedoch neue Perspektiven aufgezeigt werden.
Hierfür soll ein Artikel aus der Zeitschrift „Die Grenzboten“ analysiert werden.12 Diese Zeitschrift wurde von Bismarck indirekt finanziert und von seinem Freund Moritz Busch überarbeitet.13 Wir können also davon ausgehen, dass in den folgenden Aussagen Bismarck mittelbar zu uns spricht. Des Weiteren sei darauf hingewiesen, dass es sich bei dem hier relevanten Abschnitt um den Beginn einer Zusammenfassung am Ende des Textes handelt. Zuvor hat der anonyme Autor die Rede Bismarcks vom 2. Mai 1878 bezüglich der Finanzreform und Laskers Reaktion darauf – mit deutlicher Kritik an Laskers Argumenten – zusammenfassend dargestellt.
Aus dieser Quelle lässt sich zum einen der Begriff der „inneren Reichsgründung“ als zeitgenössischer Quellenbegriff entnehmen. Zum andern wird die enge Verknüpfung dieses Begriffs mit wirtschaftspolitischen Maßnahmen deutlich. Die Sicherung der Nahrungsgrundlage durch „eigene Industrie“ und „eigene Produktion“ stellen rein wirtschaftliche Ziele dar. Wenn darüber hinaus in dem Ausdruck „Verschiebung der Verhältnisse“ die Wirtschaftskrise inbegriffen ist – was wahrscheinlich ist14 – weist diese Stelle entgegen der Thesen von Frie und Ullmann einen direkten Zusammenhang zwischen der Wirtschaftskrise und dem Wandel von 1878/79 nach.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die wissenschaftliche Debatte um die „innere Reichsgründung“ ein und erläutert die Forschungsfrage sowie die methodische Vorgehensweise der Arbeit.
2. Die konservative Wende 1878/79 - eine zweite, „innere“ Reichsgründung?: Das Hauptkapitel untersucht die wirtschaftlichen Wechselwirkungen, die Rolle Bismarcks sowie die langfristigen Folgen der politischen Wende.
2.1 Wirtschaftlich-politische Wechselwirkungen: Dieser Abschnitt analysiert den Zusammenhang zwischen der Wirtschaftskrise der späten 1870er Jahre und den politischen Umbrüchen anhand zeitgenössischer Quellen.
2.2 Die Rolle Bismarcks: Hier wird beleuchtet, inwieweit die konservative Wende und die Schutzzollpolitik von Bismarck bewusst als „innere Reichsgründung“ intendiert waren oder taktischen Machtsicherungszielen dienten.
2.3 Die Langfristigkeit der Folgen: Das Unterkapitel bewertet die nachhaltigen Auswirkungen der Wende, wie etwa die Spaltung der Nationalliberalen, und diskutiert alternative Begrifflichkeiten.
3. Schluss: Der Schlussteil fasst die Ergebnisse zusammen und schlägt den Begriff „innere Reichsbildung“ als präzisere Alternative zur bisherigen Debatte vor.
4. Quellen- und Literaturverzeichnis: Dieses Kapitel listet alle verwendeten Primärquellen und die herangezogene Forschungsliteratur auf.
4.1 Quellen: Zusammenstellung der zeitgenössischen Dokumente und Artikel, die für die Analyse herangezogen wurden.
4.2 Forschungsliteratur: Aufzählung der wissenschaftlichen Sekundärliteratur zur historischen Einordnung des Bismarckreichs.
Schlüsselwörter
Konservative Wende, Bismarckreich, Innere Reichsgründung, Schutzzollpolitik, Wirtschaftskrise, Machtsicherung, Nationalliberale, Exekutive, Innenpolitik, Reichstagsreden, Pro-tektionismus, Historische Analyse, Politische Transformation, Deutsches Kaiserreich, Reichsbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Zäsur der konservativen Wende von 1878/79 und untersucht, ob diese als bewusste „innere Reichsgründung“ bezeichnet werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit fokussiert sich auf die wirtschaftspolitischen Wechselwirkungen, das politische Agieren Bismarcks und die langfristigen gesellschaftlichen sowie parteipolitischen Folgen dieser Wende.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, inwiefern die Wende von 1878/79 eine „innere Reichsgründung“ darstellte, die sich von der institutionellen „äußeren“ Gründung von 1871 abhebt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Es wird eine quellenkritische Analyse durchgeführt, bei der zeitgenössische Zeitungsartikel (z.B. aus den „Grenzboten“) und Briefe mit der Forschungsliteratur von Historikern wie Frie, Böhme und Pflanze in Bezug gesetzt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung wirtschaftlicher Ursachen, Bismarcks Einflussnahme durch Schutzzölle und die Bewertung der langfristigen Stabilität dieser politischen Veränderungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören insbesondere der Schutz-zoll, die Machtsicherung des Staates sowie die Dynamik zwischen Parlamentarismus und Exekutive im Kaiserreich.
Wie bewertet die Autorin den Begriff „Reichsgründung“ im Kontext der Wende?
Die Autorin hinterfragt den Begriff, da er den Wandel in der kurzen Zeitspanne und die Ausschließlichkeit der Folgen oft überbetont und schlägt stattdessen „innere Reichsbildung“ als passenderen Begriff vor.
Warum spielt das Thema der „Franckensteinschen Klausel“ eine Rolle in der Schlussbetrachtung?
Die Autorin nennt die Klausel als Beispiel für eine Entwicklung, die über die Wende von 1878/79 hinausreicht und zeigt, dass eine starre zeitliche Begrenzung der „Reichsgründung“ analytisch problematisch sein kann.
- Arbeit zitieren
- Tanja Otto (Autor:in), 2017, Die konservative Wende 1878/79. Eine zweite, "innere" Reichsgründung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502916