Elektorales Leadership in Parteien

Eine Analyse des Bundestagswahlkampfes 2013 anhand der Doppelspitzen der FDP und SPD


Seminararbeit, 2015
33 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Leadership
2.1 Leadership: Skizzierung des politikwissenschaftlichen Forschungsstandes
2.2 Leadership im Bundestagswahlkampf
2.2.1 Die professionalisierte Medienkommunikationspartei
2.2.2 Der Bundestagswahlkampf: Trend zur Personalisierung, Mediatisierung und Professionalisierung
2.3 Leadership in Parteien
2.3.1 Strategisches Leadership in Parteien nach Raschke und Tils
2.3.2 Leadership von Parteivorsitzenden nach Lösche

3. Leadership im Bundestagwahlkampf: SPD und FDP
3.1 Die SPD
3.1.1 Die Ausgangslage und die Entwicklung bis zum Bundestagswahlkampf
3.1.2 Der Wahlkampf
3.1.3 Bewertung der Doppelspitze: Gabriel und Steinbrück
3.2 Die FDP
3.2.1 Die Ausgangslage und die Entwicklung bis zum Bundestagswahlkampf
3.2.2 Der Wahlkampf
3.2.3 Bewertung der Doppelspitze: Rösler und Brüderle

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Angesichts der immer wiederkehrenden Diskussionen über Reformbedürftigkeit von Regierungsleistung hat der ursprünglich aus dem anglo-amerikanischen Raum stammende Leadership-Begriff in den vergangenen Jahren zunehmend mehr auch in den westeuropäischen Demokratien Einzug gehalten. Doch während der Frage nach Political Leadership1 im Gesamtkomplex zwischen Politik, Wissenschaft und Medien eine immer wichtigere Bedeutung zukommt, ist dieser Terminus im Vergleich zur angelsächsischen Literatur im deutschsprachigen Kontext wegen seiner historischen Vorbelastung2 traditionell nur rudimentär entwickelt oder es herrscht Unsicherheit, wie der Begriff zu verwenden ist (vgl. Bertelsmann Stiftung 2006: 2/vgl. Fliegauf et al. 2008: 400). Hinzu kommt der inflationäre Gebrauch des Leadership-Begriffes, welcher zu verschwimmenden Konturen geführt hat (vgl. Bertelsmann Stiftung 2006: 2). Insbesondere der Faktor „Führung in Parteien“ ist gerade in der deutschsprachigen Literatur sehr wenig erforscht. Gleichzeitig haben Vertreter der gouvernementalen Perspektive immer betont, dass Parteien für das Regieren eine maßgebliche Bedeutung haben und daraus folgend ein hohes Maß an Zuverlässigkeit, politischer Rationalität sowie Verbindlichkeit bedürfen. Demzufolge benötigen sie starke Führungen (vgl. Schmidt 2010: 80).

Diese Arbeit beruht auf der These, dass die Durch- und Umsetzung strategischer Ziele auf Leadership angewiesen ist, und zwar bei sämtlichen strategierelevanten Steuerungsbereichen. Tils formuliert hierzu pointiert und zutreffend: „Nach innen leistet Leadership seinen Teil zur Bündelung der Handlungen des strategischen Kollektivakteurs, nach außen kann sie zur Durchsetzung der eigenen Strategie in den von Widerstand geprägten Interaktionen beitragen“ (Tils 2011: 55). Das komplexe, teilweise gegenläufige, Zusammenspiel zwischen Innen und Außen ist die vielleicht größte Herausforderung von Führungsleistung in Parteien und steht im Erkenntnisinteresse dieser Arbeit: Es soll untersucht werden, inwieweit die Doppelspitzen der SPD und FDP, Gabriel und Steinbrück auf der einen und Rösler und Brüderle auf der anderen Seite, im Bundestagswahlkampf 2013 bezüglich ihrer Führungsleistung erfolgreich waren. Ferner soll an diesem Fallbeispiel geklärt werden, ob eine Doppelspitze zielführend oder ob eine Kakophonie wahrscheinlich ist. Im Erkenntnisinteresse steht zudem die mediale Rezeption und Darstellung der Führungsakteure auf der Ebene der Darstellungspolitik.

Bevor im Analyseteil, chronologisch vorgehend, die aufgeworfenen Fragen beantwortet werden (Kapitel 3), wird zunächst der politikwissenschaftliche Diskussionsstand des Phänomens „Leadership“ skizziert (Kapitel 2.1). In diesem Zusammenhang wird auf die sich verändernde Parteien- und Medienlogik eingegangen und der Trend zur Personalisierung, Medialisierung und Professionalisierung in Bundestagswahlkämpfen genauer untersucht (Kapitel 2.2). Anschließend verengt sich der theoretische und methodische Blickwinkel auf Leadership innerhalb von Parteien (Kapitel 2.3). Dabei wird maßgeblich auf die Systematisierung des strategischen Leaderships in Parteien von Raschke und Tils zurückgegriffen, die Leadership und Strategie zutreffend als sich gegenseitig beeinflussende Faktoren differenzieren. Dieser Wirkkomplex entfaltet sich im Besonderen in einem notwendig strategisch zu führenden Prozess, wie den des Bundestagswahlkampfes. Darüber hinaus wird punktuell auf Peter Lösches Konzept des Leaderships von Parteivorsitzenden zurückgegriffen, welches als ergänzender Analysehintergrund vorgestellt wird.

Im Analyseteil (Kapitel 3) erfolgt eine dreiteilige Betrachtung der Führungsleistung der Doppelspitzen auf Seiten der SPD und FDP. Zunächst wird die Entwicklung hin zur Wahlkampfphase und anschließend die Wahlkampfhase selbst betrachtet. Zuletzt erfolgt eine abschließende Bewertung der vier Akteure anhand der vorgestellten Konzepte und Systematisierungen. Nach dem vergleichend angelegten Analyseteil der Führungsleistung werden die Ergebnisse im Schlussteil (Kapitel 4) zusammengefasst.

2. Leadership

2.1 Leadership: Skizzierung des politikwissenschaftlichen Forschungsstandes

„Der Begriff [politische Führung] wird in der politischen Alltagspublizistik gern gebraucht, aber nur selten präzise verwendet. (…) [Er] ist schillernd, unscharf, nirgendwo exakt definiert, offen für jedwede subjektive Normierung“ (Walter 1997: 1287ff.).

Durch die Komplexität des Untersuchungsgegenstandes entzieht sich der Terminus Political Leadership zudem einfachen Definitionsversuchen. Angesichts ebendieser Komplexität und der hinzukommenden Fragmentierung des Forschungsfeldes fehlen allgemeingültige und verbindliche Definitionen sowie theoretisch fundierte Thesen über das Zusammenspiel der einzelnen relevanten Faktoren und Elemente, die Political Leadership begründen (vgl. Glaab 2007: 306). In den bisherigen Arbeiten zu dem Thema gibt es beinahe so viele unterschiedliche Begriffsbestimmungen wie Beiträge selbst. Das Zitat Franz Walters zu Beginn des Abschnitts deutet bereits die Vielschichtigkeit und Heterogenität des Leadership-Begriffes an. Schon 1974 konstatierte Ralph Melvin Stogdill, dass mindestens so viele Definitionen von Leadership bestünden, wie Personen, die über das Phänomen schrieben (vgl. Gast 2011: 22). Viele Autoren verzichten daher mit Hinweis auf die Fülle an bereits existierenden Definitionen auf selbst erarbeitete explizite Definition (vgl. Stoiber 2008: 36).

Was ist jedoch politische Führung? Ganz allgemein formuliert eine weite Definition, dass Führung in organisationalen Kontext (u.a. in Parteien) die Verhaltensbeeinflussung anderer Menschen zur Realisation bestimmter Ziele verstanden wird (vgl. Grasselt/Korte 2007: 26). Ludger Helms unterscheidet in seiner entwickelten Systematisierung analytisch zwei Ansätze von „politischer Führung“: Den normativen Ansatz mit der ihm immanenten Frage, wie „gute Führung“ aussehen sollte, sowie den empirischen Ansatz, der sich wiederum in eine personenzentrierte, strukturelle und interaktionistische Herangehensweise unterteilen lässt (Helms 2000: 413ff.)

Die Führungsforschung ist wie bereits erwähnt durch eine hohe Heterogenität hinsichtlich der Zugänge und Methoden gekennzeichnet und kann nicht monokausal erfasst werden. Diese Fragmentierung hat besondere Gründe. Erstens könnten die Untersuchungsbereiche kaum unterschiedlicher sein: Führungsprozesse in Kleingruppen in Schule und Kindegarten, in militärischen Organisationen, in global operierenden Unternehmen sowie in der politischen Sphäre unterscheiden sich oft stark hinsichtlich ihrer Kontextbedingungen. Zweitens stellt Leadership keineswegs eine ausschließlich politikwissenschaftliche Kategorie dar, sondern wird interdisziplinär beleuchtet: Betriebswirte, Psychoanalytiker, Gruppenforscher, Historiker, Organisationssoziologen, Kommunikationswissenschaftler, Verwaltungswissenschaftler sowie Politikwissenschaftler ergründen jeweils aus einer anderen Perspektive die für sie relevanten Aspekte (vgl. Gast 2010a: 34f.). Im Prinzip ergibt sich für alle Wissenschaftsdisziplinen, in denen es um Gruppenprozesse und ihre immanenten hierarchischen Strukturen geht, ein potentieller, paradigmatischer Forschungsansatzpunkt (vgl. Forkmann/Schlieben 2005: 13). Die dazugehörigen Theorien lassen sich zusammenfassend nach dem jeweiligen Fokus unterscheiden, den sie auf den Führungsprozess legen:

- Fokus auf Umweltbedingungen: Organisationssoziologische Ansätze, die den Schwerpunkt auf das statistische und personenunabhängige Moment des Führungsprozesses legen.
- Fokus auf Bezugsgruppen: Dazu zählen insbesondere rollentheoretische Ansätze, Attributionstheorien, Motivationstheorien sowie tiefenpsychologische Ansätze, die untersuchen, welchen Einfluss die Gefolgschaft auf die Führungsperson besitzt.
- Fokus auf den Führer: mikropolitische Ansätze, die Motivations- und Kommunikationsforschung, die Eigenschaftstheorie, das Impressions-Management oder das Idiosynkrasiemodell sind nur einige Beispiele für Theoriemodelle, die sich mit der Frage beschäftigen, wie sich die Führungsperson in ihrer Umgebung legitimieren und behaupten kann (vgl. Gast 2010a: 34f.).

Die Zugänge zu Leadership könnten in ihrer Gesamtheit zudem vielschichtiger nicht sein. Der Politikwissenschaftler Henrik Gast hat acht wesentliche Zugänge identifiziert: Ein Teil der Forscher bestimme Führung als (1) Einflussübung. Ein weiterer Teil messe der Gefolgschaft eine größere Bedeutung zu, sodass Führung als (2) Prozess der interdependenten Einflussnahme verstanden würde. Neben der Integrationsaufgabe habe Führung eine (3) Motivationsaufgabe gegenüber den Geführten. In (4) Zweck-Mittel-Relationen strukturiere der Political Leader zudem die wesentlichen Aufgaben und Ziele. Manche Autoren verstünden Politische Führung dagegen als (5) Vermittlung von Sinn und Identität. Führung beeinflusse hierbei als Definitionsmacht die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Während es dabei also primär um Sinnvermittlung geht, zielt die folgende Ansicht auf das eigene, (6) rollenmäßig dargestellte Handeln des Political Leader ab. Dabei komme es nicht nur auf das faktische Handeln der Führungskraft an, sondern ebenso auf dessen Interpretation. Die (7) strukturfunktionalistische apersonale Perspektive vereinigt Organisation und Führung als teilweise „gegeneinander substituierbare soziale Prinzipien“. Schließlich lasse sich Führung (8) gruppensoziologisch definieren. Dann ginge es darum, einen Personenkreis in die Lage zu versetzen, auf sich selbst regulierend einzuwirken (vgl. ebd: 22ff.).

In Anbetracht des Umfangs dieser Arbeit soll es an dieser Stelle genügen, auf die heterogenen und interdisziplinären Zugänge und Theorieansätze der Leadership-Forschung zu verweisen. Im Folgenden wird der Begriff des Leaderships auf die Arenen „Partei“ und „Wahlkampf“ verengt und um das Element der Strategie erweitert.

2.2 Leadership im Bundestagswahlkampf

„Führung findet im Dreiklang aus Macht, Steuerung, [sic!] und Kommunikation statt“, konstatieren Grasselt und Korte (2007: 57). Zugleich würde Politische Führung immer „kommunikationsabhängiger“ (vgl. Kepplinger/Maurer 2005). Gerade im Bundestagswahlkampf, der nach Karl-Rudolf Korte im Kern „besonders verdichtete politische Kommunikation“ (vgl. Korte 2013: 132) ist, spielt die Parteiführung eine wesentliche Rolle. Die Wahlkampfkommunikation ihrerseits gilt dabei als Teilmenge der politischen Kommunikation und unterliegt folglich ihren Prämissen (vgl. Wagner 2005: 16).

Seit den 1990er Jahren ist eine Amerikanisierung (vgl. Wagner 2005) der Wahlkämpfe in Deutschland zu beobachten, die durch drei Elemente charakterisiert wird: Personalisierung, Mediatisierung, Professionalisierung (vgl. Korte 2013: 132). Das von Uwe Jun entwickelte Konzept der professionalisierten Medienkommunikationspartei trägt dieser und anderen Entwicklungen der sich verändernden Parteien- und Medienlogik Rechnung.

2.2.1 Die professionalisierte Medienkommunikationspartei

Kernelemente der professionalisierten Medienkommunikationspartei sind das professionelle Kommunikationsmanagement, die Anpassung von Themen und Personal an die vorherrschende Medienlogik, die Orientierung an einzelnen Issues anstatt an kohärenten programmatischen oder sinnstiftenden Entwürfen, die Wahrnehmung von wesentlichen Kompetenzen durch ein strategisches Machtzentrum sowie der Bedeutungsrückgang der aktiven Mitgliedschaft als Ressource (vgl. Jun 2004: 115ff.). Das in dieser Arbeit bedeutendste Element, das Leadership, findet sich im strategischen Machtzentrum wieder (vgl. auch Kapitel 2.3.1)3. Dieses besteht aus Partei- und Fraktionsführung und dient der effizienten Steuerungsfähigkeit ihrer Organisation und den wechselseitigen Beziehungen ihrer Umwelt. Parteien mit einer starken strategischen Führung neigen dabei dazu, handlungs- und kampagnenfähiger zu sein, als pluralistisch-basisdemokratisch organisierte Parteien. Aufgabe des Leaderships ist es, Strategien zur Politiksteuerung und Kommunikation zu entwickeln und zu implementieren. Im Ergebnis nutzen die Mitglieder des strategischen Zentrums den exklusiven Medienzugang zu einem „Macht-, Informations- und Handlungsvorteil“ (vgl. Jun 2009: 285). Unter den Bedingungen der Mediendemokratie und auf der Ebene der Darstellungspolitik4 ermöglicht es dies für politische Führungskräfte, die Öffentlichkeit zu mobilisieren sowie die öffentliche Meinungsbildung zu beeinflussen (vgl. Grasselt/Korte 2007: 54).

2.2.2 Der Bundestagswahlkampf: Trend zur Personalisierung, Mediatisierung und Professionalisierung

Der ansteigende Trend der Personalisierung konzentriert sich in der Berichterstattung vornehmlich auf den Spitzenkandidaten der jeweiligen Partei und seinen persönlichen und politischen Eigenschaften, während die Sachthemen sowie die ideologische Ausrichtung der Partei in den Hintergrund rücken (vgl. Drolshagen/Spandau 2015: 125). Das Vertrauen in den Spitzenkandidaten ist für die Wähler wichtiger geworden als das politische Programm. Strategisch betrachtet im Vorteil ist die amtsinhabende Person, die stellvertretend für die politischen Botschaften steht. Gleichzeitig gilt: Mit ansteigendem Wechselwählerpotential steigt auch der Drang zur Personalisierung. Für das Leadership bedeutet das mit den Worten von Josef Schmid: „Gerade weil politische Gewissheiten an Prägekraft verlieren und sich die Muster von politischer Gefolgschaft verändern, steigt die Sehnsucht nach politischer Führung, die sich auch telegen personalisieren lässt“ (Schmid 2010: 84). Der amerikanische Politikwissenschaftler Murray Edelmann kommt zu dem Schluss, dass politische Führer eine Symbolkraft für ihre Gefolgschaft haben, die der Vereinfachung und Strukturierung ihrer sozialen Wirklichkeit dient und durch Personalisierung Komplexität mindert und so dazu führt, ihre Welt etwas verstehbarerer zu machen (vgl. Forkmann/Schlieben 2005: 17). Prämisse des Wahlkampfes ist die geschlossene Unterstützung des Kandidaten bzw. der Kandidatin durch die Partei und Anhängerschaft. Seit 2002 haben sich als Ergebnis dieser Entwicklung Fernsehduelle zwischen dem amtierenden Bundeskanzler und seinen Herausforderern etabliert5 (vgl. Korte 2013: 132).

Die meisten Bürgerinnen und Bürger erleben die Politik und insbesondere den Bundestagswahlkampf nur noch durch die Medien. Der Begriff der Mediatisierung (oder bisweilen auch Medialisierung) fasst die reziproken Wandlungsprozesse von Kommunikation und Gesellschaft bzw. Politik oder politischer Kultur zusammen. Wahlversammlungen richten sich meist nur noch an eine ohnehin überzeugte Minderheit und direkte Parteiwerbung wird kaum noch registriert (vgl. Korte 2013: 133). Durch die „Erosion ihrer sozial-moralischen Milieus“ (Jun 2009: 270), und damit ihrer Mitgliederbasis, sind Parteien zugleich auf medienvermittelte Kommunikation angewiesen, weil sie größtenteils die Chance zu direkter, personaler Kommunikation eingebüßt haben (vgl. Jun 2009: 270). Folglich kommen dem Fernsehen, den Tageszeitungen und zunehmend dem Internet eine besondere Bedeutung zu. Der Fernsehwahlkampf setzt sich zudem längst nicht mehr nur aus Nachrichtensendungen, politischen Magazinen oder Wahlwerbespots zusammen. Unterhaltungssendungen sowie Infotainment bzw. „Politainment“ (Dörner 2001) als „seriöse“ Informationsquellen erlangen zunehmend mehr Bedeutung und Wirkungskraft. Das Internet erfährt als Medium und Arena eine immer größere Bedeutung im Wahlkampf. Das hat zur Folge, dass alle Parteien eine Vielzahl von Konzepten und Methoden entwickeln, um das Medium strategisch in ihre Kampagnen zu implementieren. Auch wenn das Internet ein in der Zukunft unerschöpfliches Entwicklungspotential in der Wahlkampf- und Kampagnenkommunikation bietet, so weisen Umfragen dennoch darauf hin, dass es „klassische“ Wahlkampfarbeit und –techniken auf absehbare Zeit nicht verdrängen, sondern allenfalls ergänzen wird (vgl. Korte 2013: 134ff.).

Hinsichtlich der Professionalisierung lässt sich ebenfalls eine Amerikanisierung der Wahlkämpfe und Kampagnen beobachten. Die Etablierung von Wahlkampfberatern, so genannten spin doctors, ist eine Konsequenz dieser Entwicklung. Sie stellen ein professionelles Wahlkampfmanagementteam zusammen und sind nicht Teil der Parteien, geben somit also einen Input von außen. Ebenso werden von den deutschen Parteien zunehmend PR-Agenturen beauftragt, die den Wahlkampf steuern und das Image des Kandidaten oder der Kandidatin sowie den Zugang zu den Medien verbessern sollen. Mit dem Negative Campaigning, dem Angriffswahlkampf, soll an dieser Stelle nur eines von vielen Instrumenten genannt werden, welches sich bei Tony Blair effektiv beobachten ließ: Zweifel am Gegner sollen gezielt geweckt werden, da nicht nur für etwas, sondern auch gegen eine Partei oder einen Kandidaten gewählt wird. Ihre verfassungsrechtliche Begrenzung findet diese Professionalisierung in Deutschland in der Funktion und Aufgabe der Parteien: diese sind nicht nur Wahlmaschinen, sondern per Grundgesetz wichtige Trägerinnen der politischen Willensbildung (vgl. ebd: 136f.).

2.3 Leadership in Parteien

2.3.1 Strategisches Leadership in Parteien nach Raschke und Tils

Die Frage nach Leadership ist ganz eng verbunden mit der Frage nach Strategie. Führung und Strategie sind untrennbar miteinander verbunden, wobei Strategie eine notwendige Bedingung von Führung darstellt und Strategiefähigkeit erst dann gegeben ist, wenn die Führungsfrage hinreichend geklärt wurde. Dies gilt insbesondere für einen notwendig strategisch geführten Prozess, wie den des Bundestagswahlkampfes. Nach Raschke und Tils (2011: 142) setzt sich die Strategiefähigkeit einer Partei aus den drei Elementen Führung, Richtung und Strategiekompetenz zusammen. Stimmt die Strategiefähigkeit nicht, so ist der gesamte strategische Prozess gestört. Um die Führungsfrage zu klären bedarf es der Abgrenzung und Akzeptanz eines strategischen Zentrums sowie der „Stabilisierung einer Führungshierarchie mit einer Nr. 1 an der Spitze“ (Raschke/Tils 2011: 142). Zur Klärung der Richtungsfrage ist es notwendig, einen „inhaltlichen Korridor“ zu bestimmen, der aus Themen und Positionen sowie Werten und Symbolen besteht. Die Ausbildung einer Strategiekompetenz richtet sich auf den Auf- und Ausbau von kollektiv verfügbarem strategischen Wissen und Können, insbesondere in den Bereichen Problemlösung, Konkurrenz und Öffentlichkeit. In der Regel bauen diese Elemente aufeinander auf: zunächst Führung, dann Richtung und schließlich Strategiekompetenz. Führung und Richtung sind notwendige Bedingungen, damit Strategiekompetenz überhaupt erst entstehen kann. Wird die Führungsfrage nicht geklärt, bleibt die Richtung meist ebenso vage. Sind Führung und Richtung nicht vereint, fehlt der Strategiekompetenz die Anbindung. Wenn vereinzelt zunächst die Richtung festgelegt wird, muss anschließend die Führung folgen (vgl. ebd: 142).

Eine Partei benötigt an ihrer Spitze eine anerkannte Hierarchie. Neben der primären Aufgabe der Klärung der Nr. 1 beinhaltet die Klärung der Führungsfrage die Errichtung eines strategischen Zentrums, das als Grundlage für eine kontinuierliche strategische Politik fungiert. In den westeuropäischen Parteienstaaten existiert nicht nur die Führung von Regierung und Opposition, sondern gleichzeitig auch eine Partei- und Fraktionsspitze. Aus diesen formalen Positionen ergibt sich eine große Anzahl von Verknüpfungsmöglichkeiten, die zudem informell sehr unterschiedlich ausgestaltet sein können. Der Aufbau eines strategischen Zentrums, also der Fähigkeit zur Zentrierung eines Kollektivakteurs, geht über die Durchsetzung in einer Personenkonkurrenz hinaus. Somit bedeutet die Entscheidung über die Nr. 1 die Notwendigkeit des Aufbaus eines strategischen Zentrums. Das strategische Zentrum ist ein informelles Netzwerk, das auf sehr wenigen Personen in formalen Führungspositionen beruht. Diese Personen erhalten die privilegierte Chance, die Strategie und das strategische Steuerungshandeln zu definieren und zu beeinflussen (vgl. Raschke/Tils 2011: 145f.).

Drei Dimensionen konstituieren ein strategisches Zentrum: Konzentration, Verflechtun g und Zentrierung. Der Konzentrationsgrad gibt die Anzahl der Personen an, aus denen das strategische Zentrum besteht. Die zweite Dimension, die Verflechtung unterschiedlicher Handlungsbereiche (Partei, Fraktion, Regierung), ist hinsichtlich der Koordination funktional ausdifferenzierter Institutionen von Bedeutung. An dem Grad der Verflechtung wird deutlich, wie viele Personen des strategischen Zentrums Führungspositionen in Partei, Fraktion und Regierung innehaben. Die letzte Dimension, die Zentrierung, drückt den Grad strategischer Entscheidungskontrolle innerhalb des strategischen Zentrums aus. Üblicherweise geht der Aufbau eines strategischen Zentrums von der Nr. 1 aus. Je nachdem wie die drei Dimensionen ausgestaltet sind, variiert der Einfluss der Akteure unterhalb der Spitzenfigur auf strategische Entscheidungen (vgl. Raschke/Tils 2011: 146).

Idealerweise besteht nur ein strategisches Zentrum. Bei zwei oder mehreren strategischen Zentren innerhalb einer Partei entsteht eine Kakophonie bis hin zur Spaltung der Partei. Oft ist dies ein Hinweis auf nicht geklärte Richtungsprobleme und eine noch nicht entschiedene Führungsfrage. Im Vergleich zur Ebene der Partei determiniert auf der Ebene der Parteienregierung die Zusammensetzung der Regierung die konkrete Konstellation. In Mehrparteienregierungen sind mehrere strategische Zentren üblich. Jede der an der Regierung beteiligten Parteien repräsentiert dann ein eigenes strategisches Zentrum. Im Gegensatz zu Einparteienregierungen ergeben sich in einem solchen Fall ungleich höhere Koordinationserfordernisse. Nicht nur die Abstimmungsprozesse innerhalb eines Parteiakteurs in der Regierung, sondern auch die Interaktion und Koordination zwischen den Parteikollektiven ist dann von besonderer Bedeutung (vgl. Raschke/Tils 2011: 147).

Die Führungskonstellation ist formal durch die Verfassung, Statuten und Regeln größtenteils festgelegt. Dennoch bleiben einige Aspekte im Sinne strategischer Politik gestaltbar. Von Vorteil ist es, die Tendenzen der Verflechtung, Konzentration und Zentrierung zu forcieren. Das Vermeiden von Doppelspitzen oder Unvereinbarkeitsregeln zählt dazu. Gegenmacht ist zu begrenzen, damit das strategische Zentrum Handlungsraum gewinnt und genügend Machtpotential anhäuft, um strategische Ziele systematisch verfolgen zu können (vgl. Raschke/Tils 2011: 148). Ein effizientes strategisches Zentrum ist neben einer konzentrischen Führungskonstellation auf eine Reihe weiterer Bedingungen angewiesen, wie etwa tragfähige Kooperationsbeziehungen, Strategiekompetenz, zielführende Strategiestile der Spitzenleute und schließlich auf einen mehrstufigen, professionellen Unterbau (vgl. ebd: 157). Angesichts des begrenzten Rahmen dieser Arbeit soll es jedoch an dieser Stelle genügen, auf die weiteren detaillierten Ausdifferenzierungen des Konzepts der strategischen Führung in Parteien von Raschke und Tils hinzuweisen (siehe Raschke/Tils 2011: 148-158).

[...]


1 In der vorliegenden Arbeit werden „Leadership“ und „Führung“ synonym verwandt.

2 „Wer heute von ‚Führung‘ und ‚Führern‘ spricht, begibt sich auf sprachlich vermintes Terrain“ (Forkmann/Schlieben 2005: 12).

3 Unter der leicht abgewandelten Bezeichnung „strategisches Zentrum“ spielt das strategische Machtzentrum eine zentrale Rolle in der Systematisierung des strategischen Leaderships in Parteien von Raschke und Tils (siehe Kapitel 2.3.1).

4 „ Darstellungspolitik ist medienvermittelte Politik, die sich im Gesamtkomplex der symbolischen und öffentlich inszenierten Politik zuordnen lässt. (…) Entscheidungspolitik [bzw. oft auch: „Herstellungspolitik“; Anm. d. Verfassers] zielt hingegen auf die Verfahrensmerkmale der Politik, auf den konkreten Prozess der Gesetzgebung. Weitgehend unbeeinflusst von den Aufmerksamkeitsregeln der Medien erfolgt Entscheidungspolitik zumeist im Rahmen der Routinegesetzgebung“ (Korte/Fröhlich 2004: 15).

5 Mittlerweile werden diese Duelle auch auf Landesebene ausgetragen.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Elektorales Leadership in Parteien
Untertitel
Eine Analyse des Bundestagswahlkampfes 2013 anhand der Doppelspitzen der FDP und SPD
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Spezialisierungsmodul: Bundestagswahlkampf 2013: Parteistrategien und ihre Medialisierung
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
33
Katalognummer
V502977
ISBN (eBook)
9783346046741
ISBN (Buch)
9783346046758
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leadership, Führung, Politische Führung, Wahlkampf, SPD, FDP, Strategie, Strategisches Leadership, Wahlkampf 2013, Steinbrück, Gabriel, Rösler, Brüderle, Medialisierung, Personalisierung, Professionalisierung
Arbeit zitieren
Bajram Dibrani (Autor), 2015, Elektorales Leadership in Parteien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502977

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