Die globale Finanzkrise als Auslöser eines "Währungskrieges"? Bewertende Analyse der Währungsproblematik zwischen China und den USA


Bachelorarbeit, 2011
34 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffliche Grundlagen: Die Kriegs-Definition nach Clausewitz

3. „Währungskrieg“: ein neues Phänomen?
3.1 Beggar-thy-neighbour-Politik
3.2 Die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre und der Abwertungswettlauf
3.3 Währungsdumping

4. Währungskrieg im Gefolge der Finanz- und Wirtschaftskrise? – Analyse am Beispiel der Volksrepublik China und der USA
4.1 Die Situation nach der globalen Finanzkrise ab 2007/2008: Währungskonflikt mit historischen Parallelen
4.2 Gegenwärtige wirtschaftliche Situation der USA und Ursachen der Währungsstreitigkeiten
4.3 Die wirtschaftliche Situation und Währungspolitik der Volksrepublik China
4.3.1 Das Währungssystem Chinas
4.3.2 Aufwertungsdruck des RMB und Inflationsproblematik
4.4 Bewertende Analyse der Währungsproblematik zwischen China und den USA
4.4.1 Chinas Handelsbilanzüberschüsse und die Globalen Ungleichgewichte
4.4.2 Chinas anhaltende Devisenakkumulation
4.4.3 Das „Quantitative Easing“ der USA

5. Schluss

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Handelsbilanz USA mit China (1980-2010) in Mrd. USD

Abbildung 2: Devisenreserven China und USA (2000-2011) in Mrd. USD

1. Einleitung

Schon mehrere Jahre vor dem Ausbruch der globalen Finanzkrise 2007/2008 hat sich die Welt wirtschaftlich gesehen in Gewinner und Verlierer geteilt. Die „Gewinner“ sind die Überschussländer, welche mehr exportieren als importieren und dadurch eine positive Handels- und Leistungsbilanz generieren. Bei den Verlierern ist es umgekehrt (vgl. Knight 2010). Während vor allem China, Japan, die übrigen asiatischen Schwellenländer und die Ölförderländer Handelsüberschüsse erzielen, stehen auf am anderen Ende Defizitländer wie Großbritannien und insbesondere die USA, die eine überaus negative Handelsbilanz vorweisen1. Auf diese Weise haben sich die globalen Ungleichgewichte seit der Jahrtausendwende zunehmend verschärft (vgl. Sachverständigenrat 2007: 110).

Die Finanzkrise nach 2007 und die damit verbundenen wirtschaftlichen Rezessionen führten schließlich zu noch höheren Spannungen. Der schnellste Weg, Wettbewerbsvorteile und damit Exportüberschüsse zu erreichen, erschien vielen Staaten eine schwächere Währung. Auf den 27. September 2010 lässt sich schließlich die mediale Geburtsstunde des Schlagwortes vom „Währungskrieg“ terminieren. In einer Rede vor Unternehmern in Sao Paolo problematisierte der brasilianische Finanzminister Guido Mantega die Schwierigkeiten der brasilianischen Wirtschaft und des unterbewerteten Real: "We're in the midst of an international currency war, a general weakening of currency. This threatens us because it takes away our competitiveness" (Mantega zit. nach Webb 2010). Damit entfachte er eine weltweite mediale Resonanz. Doch nicht nur die Medien, selbst Vertreter aus der Wissenschaft und Politiker äußerten unmittelbar ihre Bedenken. Der damalige Direktor des IWF, Dominique Strauss-Kahn, warnte ausdrücklich vor dem Bedrohungsszenario eines „Währungskrieges“, in dem Währungen als Waffen missbraucht werden können. Damit macht er die unverkennbare Relevanz und Brisanz der aktuellen Währungsproblematik deutlich.

Im Zentrum dieses Konflikspektrums stehen insbesondere die USA und China. Angesichts der Bedeutung beider Länder für die Weltwirtschaft und Weltwährungsordnung und nicht zuletzt wegen der zunehmend und ungewöhnlich hohen Handels- und Leistungsbilanzungleichgewichte, an deren beiden Enden die USA und China stehen, erfolgt die Fokussierung dieser Arbeit auf das Fallbeispiel zwischen China und den USA. Von übergeordnetem Interesse ist hierbei die Frage nach der grundlegenden Existenz eines solchen „Währungskrieges“ zwischen beiden Staaten. Konkret ergibt sich daraus folgende zentrale Fragestellung:

Führen die USA und die VR China im Gefolge der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2007/2008 einen „Währungskrieg“?

Aufgrund dessen ergibt sich folgendes methodische Vorgehen: Zunächst erfolgt eine Definition des Begriffes „Krieg“, die sich an den Grundannahmen des Militärtheoretikers Clausewitz2 orientiert, um mit dem Neologismus des „Währungskrieges“ in der Analyse im Hauptteil dieser Arbeit wissenschaftlich arbeiten zu können. Anschließend werden drei dem „Währungskrieg“ wesensähnliche historische Phänomene betrachtet, von denen der „Währungskrieg“ differenziert wird. Im darauffolgenden Hauptteil der Arbeit werden zunächst die wirtschaftliche Situation Chinas und der USA dargestellt und die Ursachen der Währungsstreitigkeiten erläutert. Im Anschluss erfolgt konkret die Analyse der Fragestellung anhand der zuvor erkannten währungspolitischen Instrumente beider Länder. Hierbei soll geklärt werden, welche währungspolitischen Maßnahmen beide Länder vorgenommen haben. Es soll untersucht werden, welche Risiken insbesondere die Devisenakkumulation Chinas, die Ungleichgewichte zwischen beiden Ländern infolge der unterschiedlichen Leistungsbilanzen und die expansive Geldpolitik der amerikanischen Zentralbank Fed bergen. Im Zentrum dieser Analyse steht die Frage, ob ein „Währungskrieg“ zwischen beiden Staaten überhaupt existiert. Im Schlussteil werden die Ergebnisse dieser Arbeit schließlich zusammengefasst und ein Fazit wird gezogen.

2. Begriffliche Grundlagen: Die Kriegs-Definition nach Clausewitz

Eine allgemein anerkannte Definition des Begriffes „Krieg“ gibt es nicht. Angesichts der großen Vielfalt wissenschaftlicher Kriegsdefinitionen, insbesondere der sozialwissenschaftlichen sowie juristischen und völkerrechtlichen Provenienz, ist eine allgemeingültige und umfassende Darstellung des Kriegs-Begriffes im Rahmen dieser Arbeit weder möglich, noch notwendig. Notwendig ist vielmehr eine selektive definitorische Voranstellung einer problemadäquaten Kriegskonzeption, die sich auf jene wesentlichen und relevanten Aspekte beschränkt, welche in der Analyse der Fragestellung untersucht werden sollen. Die hier zugrunde gelegte Arbeitsdefinition von „Krieg“, der die weitere Analyse und letztlich die abschließende Bewertung innerhalb dieser Arbeit folgen soll, richtet sich vor allem nach den wesentlichen Grundannahmen von Carl von Clausewitz‘ Kriegsdefinition. Eine stark vereinfachte Betrachtungsweise ist dazu sowohl unumgänglich als auch Prämisse in Anbetracht des Umfangs der vorliegenden Arbeit.

In traditionellen Definitionen wird Krieg als Zustand beschrieben, in dem sich Menschen oder im weiteren Sinne Staaten befinden und um Rechtspositionen streiten. Dagegen liegt das Kernelement bzw. die Natur des Krieges nach Clausewitz nicht in rechtlichen Denkfiguren, sondern im Zweikampf. In der traditionellen Konzeption legitimieren die (Rechts-)Standpunkte der Kontrahenten den Kriegsakt. Die eigentliche Handlung des Kriegführens, der Akt des Kämpfens, erscheint als nicht relevant. In dieser traditionellen Terminologie steht auch beispielsweise Thomas Hobbes, der Krieg ebenfalls als einen Status auffasst (vgl. Kleemeier 2002: 219f.).

Für Clausewitz dagegen ist Krieg eine Handlung, und zwar eine „extrem beschleunigte Handlung“ (Kleemeier 2002: 219). Diese Sichtweise impliziert also eine konkludent aktive und bewusste Handlung. Der Mensch wird in Clausewitz‘ Gedankenwelt zum Subjekt und Akteur und Krieg zur Handlung, während Hobbes Menschen als unterworfene Objekte einer Rechtsstreitigkeit (Krieg) betrachtet (vgl. Kleemeier 2002: 302ff.).

Im ersten Kapitel eines seiner Hauptwerke Vom Kriege beschreibt Clausewitz den Krieg unter der Überschrift „Definition“ als einen Zweikampf:

„Der Krieg ist nichts als ein erweiterter Zweikampf (…) Jeder sucht den anderen durch phisische [sic] Gewalt zur Erfüllung seines Willens zu zwingen; sein nächster Zweck ist, den Gegner niederzuwerfen und dadurch zu jedem ferneren Widerstand unfähig zu machen“ (Clausewitz 1832: 3).

Von dieser Definition ausgehend ergibt sich eine Zweck-Ziel-Mittel-Achse, innerhalb derer Clausewitz den Krieg instrumentalisiert. Der Zweck besteht darin, den Gegner zur Erfüllung seines eigenen Willens zu zwingen. Das Ziel ist die Ausschaltung bzw. das Wehrlosmachen des Gegners. Das Mittel zur Erreichung dieses Ziels ist die physische Gewalt. Clausewitz stellt damit fest, dass der Krieg immer nur ein Mittel zur Erreichung eines Zweckes ist, nicht jedoch Selbstzweck. Ausgehend von dieser Zweck-Ziel-Mittel-Rationalität ergibt sich die Bedeutung eines der bekanntesten Zitate Clausewitz‘: „So sehen wir also, dass der Krieg nicht bloß ein politischer Akt, sondern ein wahres politisches Instrument ist, eine Fortsetzung des politischen Verkehrs, ein Durchführen desselben mit anderen Mitteln.“ (Clausewitz 1832: 28). Damit postuliert Clausewitz das Primat der Politik, indem er feststellt, dass der Krieg der Politik als Instrument dient und ihr stets untergeordnet bleibt. Zuvor betont er den politischen Zweck des Krieges, der an die Stelle des bis dato nur als „Zweck“ bezeichneten Platzes der Zweck-Ziel-Mittel-Rationalität rückt und verleiht diesem damit eine völlig neue Qualität:

„So wird also der politische Zweck, als das ursprüngliche Motiv des Krieges, das Maaß [sic] sein, sowohl für das Ziel [sic] welches durch den kriegerischen Akt erreicht werden muss, als für die Anstrengungen [sic] die erforderlich sind“ (Clausewitz 1832: 15).

Bei der hier dargestellten Form des Krieges handelt es sich ohne Zweifel um ein abstraktes Gebilde. Die Terminologie in Clausewitz‘ Kriegsdefinition erlaubt es daher, das Konzept des „Krieges“ und dessen Elemente semantisch auf andere Bereiche jenseits der klassischen Kriegsvorstellung zu übertragen und dort von der Prämisse der militärischen Komponente zu entkoppeln. Im übertragenen Sinn ist der in dieser Arbeit zu untersuchende „Währungskrieg“ als neologistische Wortkombination ein „Krieg“, ein Zweikampf, der Währungen oder Währungspolitik zweier oder mehrerer Staaten - in der vorliegenden Arbeit zwischen der USA und der der Volksrepublik China -, der darauf zielt, den eigenen Willen und die eigenen Interessen eines Staates durchzusetzen und den Gegner in letzter Konsequenz wehrlos zu machen. Die Waffen zur Erreichung dieses Ziels bzw. zur Ausführung dieser Politik sind die Instrumente zur Manipulation der eigenen oder fremden Währung, um in letzter Konsequenz dem Gegner damit Schaden zuzufügen. „Dem Wort vom Währungskrieg liegt die Vorstellung zu Grunde, dass ein Land mit seiner Währung anderen Ländern schaden kann“ (Klein/Teng 2010: 5). In einem Interview im November 2010 verdeutlichte Dominique Strauss-Kahn, damaliger Direktor des IWF, auch semantisch den Bezug zur eingangs dargestellten Kriegs-Konzeption und der damit verbundenen Instrumentalisierung der Währung als Waffe: „The truth is that many countries use currencies as a political weapon. That's a real danger, as it threatens the recovery of the global economy” (zit. nach International Monetary Fund 2010). Damit stellte Strauss-Kahn fest, dass Länder Währungen realiter als Waffen nutzen. Diese These Strauss-Kahns wird in der vorliegenden Arbeit zu verifizieren oder falsifizieren sein. Dieses aktuelle Zitat korrespondiert eindeutig mit der dieser Arbeit zu Grunde liegenden Vorstellung eines „Währungskrieges“ und weist die Bedeutsamkeit und Relevanz der hier untersuchten Fragestellung aus.

3. „Währungskrieg“: ein neues Phänomen?

In der Geschichte der Menschheit gab es spätestens seit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre immer wieder internationale ökonomische Konfliktfälle und Krisen, in denen es darum ging, sich u.a. durch Währungsmanipulationen einen Vorteil zu verschaffen. Darunter werden im Rahmen dieser Arbeit speziell der Abwertungswettlauf, das Währungsdumping und die Beggar-thy-neighbour-Politik als bereits bekannte Phänomene der primären Untersuchung der Fragestellung im Analyseteil vorangestellt um nachfolgend zu untersuchen, ob der „Währungskrieg“ davon differenziert betrachtet werden muss.

Die ökonomischen Wirkmechanismen eines möglichen Währungskrieges sind ohne Zweifel in den bekannten theoretischen Strukturen der internationalen Währungsbeziehungen zu suchen: Internationale Finanzierung, globaler Handel, Wechselkursbeziehungen sowie Geld- und Währungspolitik. Es ergibt sich infolgedessen die Frage, ob in diesen Bereichen eine qualitativ neue Problematik besteht oder ob es sich bei dem „Währungskrieg“ lediglich um ein neues Schlagwort für ein altbekanntes Phänomen handelt. Ein Zitat aus einem wissenschaftlichen Beitrag zu dem Thema drückt dies pointiert aus: „Als semantischer Newcomer im globalen wirtschaftspolitischen Diskurs muss sich der Währungskrieg in Konkurrenz zu alteingesessenen Begriffen behaupten und seine Existenzberechtigung beweisen“ (vgl. Klein/Teng 2010: 5).

Zwei Merkmale bzw. Entwicklungen eines klassischen Abwertungswettlaufs haben sich in der gegenwärtigen Problematik zunehmend verschärft. Im Analyseteil der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, ob ebendiese beiden Merkmale ein neues Phänomen konstituieren oder ob das Schlagwort des „Währungskrieges“ lediglich eine linguistische Wortneuschöpfung eines schon bekannten Phänomens ist:

-Die Bestände an Devisenreserven sind in den Entwicklungsländern, insbesondere China, drastisch gestiegen.
-Die globalen Ungleichgewichte zwischen den Handels- und Leistungsbilanzen haben stark zugenommen, insbesondere Chinas und der USA (vgl. Klein/Teng 2010: 7).

Diese beiden Entwicklungen lassen das Risiko eines „Währungskrieges“ als konkret erscheinen, ermöglichen und rechtfertigen eine Abgrenzung zu den bereits historisch bekannten und im Folgenden darzustellenden Währungskonflikten: der beggar-thy-neighbour-Politik, dem Abwertungswettlauf und dem Währungsdumping.

3.1 Beggar-thy-neighbour-Politik

Der3 Begriff „Beggar-thy-neighbour-Politik“ bedeutet wörtlich übersetzt „den Nachbarn zum Bettler machen“ (Witterauf 2011: 56) und stellt den Versuch (oder das tatsächliche Verhalten) eines Landes dar, Exportüberschüsse zu erzielen, um dadurch die eigene Konjunkturschwäche auszugleichen (vgl. Schlipf 2009: 107) und die negative Handelsbilanz zu korrigieren (Rothermund 1996: 7). Der Zunahme der Exporte eines Landes steht eine Zunahme der Importe des Auslandes gegenüber, sodass diese Politik kontraktive Effekte für das Ausland hervorrufen kann (vor allem sinkende Einkommen und sinkende Beschäftigung). Unter den Instrumenten der Beggar-thy-neighbour-Politik gelten insbesondere die Abwertung der eigenen Währung sowie auch Einfuhrbeschränkungen, Zölle oder Exportsubventionen (vgl. Schlipf 2009: 107). Bei der Beggar-thy-neighbour-Politik handelt es sich somit um eine klassische Erscheinungsform des Protektionismus (vgl. Smeets 2002: 150). Diese Politik stellt jedoch meistens keine Erfolg versprechende Vorgehensweise dar, da das Ausland entsprechend mit Gegenmaßnahmen reagieren kann, die wiederum – im Falle von Währungsmanipulationen - eine Abwertungsspirale zwischen den beteiligten Staaten hervorrufen können (vgl. Schlipf 2009: 107).

Der klassische Fall einer Beggar-thy-neighbour-Politik tritt auf, wenn ein Land seine Währung abwertet, um dadurch Produktion und Beschäftigung zu erhöhen. Folglich bedeutet eine Abwertung der Währung eines Landes die Aufwertung der anderen Währungen des Auslandes. Infolgedessen verringert sich die Produktion in den jeweiligen Ländern und die Arbeitslosigkeit steigt, sodass die Probleme verlagert werden. Damit ergibt sich folglich ein „Export von Arbeitslosigkeit“ (Zinn 2004: 28). Dieser Ablauf fand speziell in den 1930er Jahren nach der Weltwirtschaftskrise statt, als sich mehrere Staaten in einen internationalen Abwertungswettlauf verwickelten (vgl. Bowles 2009: 126).

3.2 Die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre und der Abwertungswettlauf

Der Erste Weltkrieg verwüstete den europäischen Wirtschaftsraum gravierend. Der aus dem Krieg hervorgegangenen politischen Instabilität folgten wirtschaftliche Probleme bis hin zu einer tiefgreifenden wirtschaftlichen Zerrüttung (vgl. Ravenhill 2008: 11):

- Eine schwere, durch restriktive Geldpolitiken verursachte Nachkriegsrezession von 1920/1921 sowie kriegsbedingte Hyperinflationen und die damit verbundenen Stabilisierungskrisen in Mitteleuropa;
- der Deflationskurs, den Großbritannien durch die Rückkehr zur Vorkriegsparität des Goldstandards führte;
- zuletzt die Weltwirtschaftskrise, die von den USA ausgehend auf alle anderen Länder übergriff und so eine bis dahin nicht gekannte Dimension an Massenarbeitslosigkeit hervorbrachte (vgl. Lindlar 1997: 71).

Ein Hauptgrund für die Intensität und das Ausmaß der Krise war das internationale Finanzsystem, welches seit Beginn der 1920er Jahre durch Kredite aus Reparationen und Kriegsschulden überlastet war. Nachdem dieses Geld im Verlauf der Krise abgezogen wurde, entstand eine Finanzkrise in Westeuropa, die 1931 ihre Kulmination in einer Reihe von Bankenzusammenbrüchen erreichte. Als Konsequenz verließen die meisten Staaten den Goldstandard (vgl. ebda) und Abwertungswettläufe sowie eine Reihe von protektionistischen, handelshemmenden Maßnahmen zum Schutz der eigenen Wirtschaft führten zum Zusammenbruch der Weltwirtschaft (vgl. Rübel 2004: 259f.).

Ihren Höhepunkt erreichte die Weltwirtschaftskrise mit dem Abwertungswettlauf, infolgedessen der Welthandel endgültig einbrach. Bereits 1932 war der intereuropäische Handel um 40 Prozent im Vergleich zu 1929 zurückgegangen (vgl. Krüger 2003: 20). Während den 1930er Jahren übernahm ein Staat nach dem anderen - konfrontiert vor allem mit Massenarbeitslosigkeit - eine bewusste Abwertungspolitik seiner Währung, mit der Absicht, die eigenen Waren und Güter wettbewerbsfähiger zu machen und sich dadurch aus der Depression heraus zu exportieren4. Durch das Abwertungsverhalten nahezu aller Staaten konnte kein einziges Land dauerhafte Wettbewerbsvorteile erzielen und es entstand ein unkoordinierter, selbstzerstörerischer Prozess (vgl. Ahamed 2011: 99.). Diese Turbulenzen auf den Devisenmärkten dauerten bis 1936 an, als sich Frankreich, Großbritannien und die USA im Tripartite Agreement über die Beendigung des Abwertungswettlaufs verständigten (vgl. Fäßler 2007: 147.). Jedoch erst mit der damit angestoßenen Gründung von IWF (1944) und Weltbank (1945) in Verbindung mit dem GATT-Abkommen von 1947 wurden Organisationen und Abkommen geschaffen, die den Zustand totaler Desintegration beseitigten und ein neues Weltwährungssystem mit dem IWF als Überwachungsinstanz hervorbrachten, um einen Rückfall in die Krisenzeit von 1929/30 zu verhindern (vgl. Rübel 2004: 259f.).

Um das Risikopotential eines Abwertungswettlaufs zu verstehen, der im Zuge der gegenwärtigen Währungsproblematik insbesondere zwischen China und den USA nach der globalen Finanzkrise ab 2007 aufgrund der komparablen Kontextfaktoren in den Medien problematisiert wurde, ist es von Bedeutung, den Mechanismus des Abwertungswettlaufs zu kennen. Konkret versuchen bei einem Abwertungswettlauf Staaten durch Abwertung ihrer Währung Wettbewerbsvorteile gegenüber ihren Handelspartnern zu verschaffen. Diese macht Exporte günstiger und verteuert die Importe (vgl. Rothermund 1996: 7). Die dadurch benachteiligten Staaten reagieren ebenfalls mit Abwertungen ihrer Währung und es entsteht ein sogenanntes „race to the bottom“, welches in letzter Konsequenz für alle Beteiligten die ursprünglich intendierten Wettbewerbsvorteile verhindert und allen Nachteile verschafft (vgl. Klein/Teng 2010: 6). Diese nachteiligen Effekte drückten sich in der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahren vorwiegend in einem abnehmenden Welthandelsvolumen aus. Denn der anfängliche Exportvorteil eines abwertenden Landes dauerte nur kurz an und wurde durch entsprechende Währungsabwertungen der anderen Länder aufgehoben. Die Folge daraus waren chaotische Währungsspekulationen und die Wiederkehr des Protektionismus (vgl. Suntum 2011: 204).

Eine Abwertungsspirale im Abwertungswettlauf entsteht zudem grundsätzlich als reaktiver Selbstschutzmechanismus der durch Währungsmanipulation benachteiligten Staaten, die oft keinen anderen Ausweg sehen, als sich selbst an dem Abwertungswettlauf zu beteiligen – ganz getreu der Frage-Antwort-Korrespondenz im Titel eines Artikels des FP-Journalisten Joshua Keating: „Why Do Currency Wars Start? Because when one country plays with its exchange rate, everyone else has to“. Dabei verstehen die Staaten Abwertungswettläufe oft als Nullsummenspiel5 , in dem ein Staat gewinnt und alle anderen verlieren. Um dem entgegenzuwirken wird abgewertet – mit letztlich nachteiligen Effekten für alle Beteiligten. (vgl. Keating 2010).

[...]


1 Der Wirtschaftsraum der EU hat nach außen hin eine ausgeglichene Leistungsbilanz. Im Inneren der EU herrscht jedoch ein ebenso großes Ungleichgewicht. Während Deutschland große Leistungsbilanz-überschüsse vorweisen kann, stehen etwa für Spanien oder Griechenland hohe Defizite (vgl. Knight 2010). Das wird insbesondere an der gegenwärtigen Schuldenkrise Griechenlands deutlich.

2 Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz (geb. 1. Juli 1780 als Carl Philipp Gottlieb Claußwitz in Burg bei Magdeburg; gest. 16. November 1831 in Breslau) war ein preußischer General, Heeresreformer und Militärtheoretiker.

Clausewitz wurde durch sein unvollendetes Hauptwerk Vom Kriege bekannt, das sich mit der Theorie des Krieges beschäftigt. Seine Theorien über Strategie, Taktik und Philosophie hatten großen Einfluss auf die Entwicklung des Kriegswesens in allen westlichen Ländern. Er präzisierte die Begriffe Strategie und Taktik darin derart, dass sie zu Instrumenten wurden, die auch über das Kriegshandwerk hinaus Anwendung finden können. So werden seine Theorien bis heute an Militärakademien gelehrt und finden auch im Bereich der Unternehmensführung sowie im Marketing Anwendung (vgl. Werle 2005).

3 Oft wird auch der Begriff Beggar-my-neighbour-Politik synonym verwendet. Historisch betrachtet wurde der Begriff der Beggar-thy-neighbour-Politik traditionell mit den Währungsabwertungen der Länder während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre assoziiert. In letzter Zeit wird der Begriff jedoch allgemeiner verwendet und bezeichnet jedwede staatliche Politik, die zum Ziel die Erhöhung der eigenen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit auf Kosten anderer Länder hat. Darunter fallen etwa die Wechselkurspolitik, Steuerpolitik und Wettbewerbspolitik, jedoch auch die Politik über Auslandsinvestitionen. Jede Politik, die negative Spillover-Effekte auf das Ausland bewirkt, wird somit zunehmend öfter als Beggar-thy-neighbour-Politik bezeichnet (vgl. Bowles 2009: 127) oder als eine Form bzw. Erscheinung dieser (vgl. Conway 2006).

4 Die Abwertungsspirale begann im Herbst 1931, als das Pfund aus dem Goldstandard ausschied, und erreichte ihren Höhepunkt nach der Dollarabwertung 1933 (vgl. Ahamed 2011: 99).

5 Das Nullsummenspiel beschreibt in der Spieltheorie eine Situation, also ein Spiel im verallgemeinerten Sinne, bei dem die Summe der Gewinne und Verluste aller Spieler zusammengenommen gleich null ist. Im ökonomischen Sinne ist ein Nullsummenspiel eine Konkurrenzsituation, bei der der wirtschaftliche Erfolg oder Gewinn eines Beteiligten einem Misserfolg oder Verlust eines anderen in gleicher Höhe gegenübersteht.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Die globale Finanzkrise als Auslöser eines "Währungskrieges"? Bewertende Analyse der Währungsproblematik zwischen China und den USA
Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
34
Katalognummer
V502985
ISBN (eBook)
9783346041159
ISBN (Buch)
9783346041166
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Finanzkrise, Wirtschaftskrise, USA, Volksrepublik China, VR China, Währungskrieg, 2007, 2007/2008, Beggar-thy-neighbour-Politik, Weltwirtschaftskrise, 1930, Währungskonflikt, RMB, Inflation, Devisen, Quantitative Easing
Arbeit zitieren
Bajram Dibrani (Autor), 2011, Die globale Finanzkrise als Auslöser eines "Währungskrieges"? Bewertende Analyse der Währungsproblematik zwischen China und den USA, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502985

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