Die „Great-Divergence“-Theorie. Ein Erklärungsansatz für das Wirtschaftswachstum Chinas?


Fachbuch, 2020
88 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Der chinesische Traum
1.1 Nachhaltiges Wirtschaftswachstum trotz extraktiver Institutionen
1.2 Literaturbericht

2 Theoretisches Fundament
2.1 Von Caesar, Machiavelli und Montesquieu
2.2 Adam Smith und der geographisch bedingte Marktumfang
2.3 Jared Diamond und Yalis Frage
2.4 Kenneth Pomeranz

3 Die Anwendung der modifizierten ,Great-Divergence‘ Theorie
3.1 Vorsprung durch Rückständigkeit
3.2 Der Treibstoff des Fortschritts
3.3 Moderner Kolonialismus

4 Die Welt erzittert

Literaturverzeichnis

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1 Der chinesische Traum

1.1 Nachhaltiges Wirtschaftswachstum trotz extraktiver Institutionen

Die Idee, diese Arbeit zu erstellen, entstammt der Lektüre Daron Acemoglus und James A. Robinsons Monographie Warum Nationen scheitern (2017). Nicht ohne eine gewisse Arroganz widersprechen die Autoren in ihrem Werk den Leistungen und Theorien ihrer Vordenker1, die in über 2000 Jahren Ideengeschichte zu der Frage, wie Armut und Reichtum entstehen, erbracht wurden. Die Autoren bieten in ihrer Arbeit einen alternativen Erklärungsansatz zur Weltungleichheit. Sie führen die divergierenden Entwicklungswege monokausal auf die sich unterscheidende Ausgestaltung der politischen und wirtschaftlichen Institutionen eines Landes zurück und bieten dem Leser hierbei die durchaus behagliche Vorstellung, dass Demokratie und Wohlstand Hand in Hand gehen, während autoritär regierte Länder entweder demokratisiert werden oder an wirtschaftlicher Dynamik verlieren. So vergleichen sie das Wirtschaftswachstum2 Chinas mit dem der Sowjetunion, welches sie als „Wachstum unter extraktiven Institutionen“ (Acemoglu/Robinson 2017: 128) bezeichnen. Acemoglu und Robinson argumentieren, dass in Systemen mit extraktiven politischen wie wirtschaftlichen Institutionen die schumpetersche „schöpferische Zerstörung“ (Schumpeter 1946: 138) ausbleibe, wodurch die Wirtschaft nicht nachhaltig wachsen könne. Wenngleich die Wachstumsraten der chinesischen Wirtschaft sukzessiv sinken und nunmehr ,nur‘ noch etwa 6% betragen, ist das chinesische Wachstum seit 40 Jahren stabil und die Prognosen sagen auch weiterhin ein beständiges und positives Wachstum voraus (Statista 2019a). Da die Institutionen Chinas noch immer nicht als integrativ zu bezeichnen sind, muss Acemoglus und Robinsons monokausaler Ansatz in Frage gestellt werden (Acemoglu/Robinson 2017: 128f., Freedom House (FH) 2019).

In den Sozialwissenschaften wurde eine Fülle von Hypothesen aufgestellt, welche die Ursachen von Armut und Wohlstand erklären sollen. Diese können entlang ihrer thematischen Orientierung in drei Hauptstränge gegliedert werden: Geographie und Ressourcen, Kapitalismus und Kultur sowie Institutionen und Organisationen (Sebaldt/Friedel/Fütterer/Schmid 2016b: 38).3 Zwar wurde die Bedeutung der Geographie und ihr Beitrag zur Erklärung der Weltungleichheit bereits früh erkannt, dennoch fand ihr Einfluss in der jüngeren Vergangenheit wenig Platz in den Überlegungen der Theoretiker (Acemoglu/Robinson 2017: 75-84; Gal­lup/Sachs/Mellinger 1998: 10, 16; Sachs 2012: 145, 147f.). Der Historiker Kenneth Pomeranz kann zu den Anhängern der Geographie- und Ressourcen-Hypothese gezählt werden. Er beantwortet in seiner Monographie The Great Divergence (2000) die Frage, warum es um 1800 in England und nicht in China gelang, den Weg der arbeitsintensiven Produktion zu verlassen und nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum zu generieren. Erst durch die Reformpolitik Deng Xiaopings gelang es China ab 1978, den modernen Entwicklungspfad einzuschlagen.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, ob Pomeranz’ Erklärungsansatz noch immer Erklärungspotenzial besitzt. Hierzu muss seine Theorie jedoch vereinzelt modifiziert werden, um auf den differierenden Untersuchungs-(zeit)raum bezogen werden zu können. Die Frage, die im Rahmen dieser Arbeit beantwortet werden soll, lautet folglich: Ist es möglich, das andauernde Wirtschaftswachstum im sozialistischen China anhand einer modifizierten ,Great-Divergence‘-Theorie zu erklären? Hierbei soll der Zeitraum von 1978 bis heute beleuchtet und versucht werden, zukünftige Entwicklungen zu prognostizieren. Aufgrund des Untersuchungszeitraums von über 40 Jahren und der hohen Komplexität des Themas, ist es beileibe nicht möglich, im Rahmen dieser Arbeit einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Die Untersuchung soll im Folgenden exemplarisch entlang markanter Wegmarken verlaufen.

Um die Leitfrage zu beantworten, wird zunächst ein Querschnitt der Vertreter, die der Geographie und Ressourcenverteilung Erklärungskraft bei der Entstehung der Weltungleichheit beimessen, vorgestellt. Anschließend wird die Theorie Kenneth Pomeranz’ dargelegt und modifiziert. Hierbei werden drei mögliche Faktoren herausgearbeitet, die im empirischen Teil der Arbeit auf ihre Erklärungskraft überprüft werden sollen. Den Abschluss bildet ein Fazit, das die Ergebnisse einordnet, theoriegeleitet Schlussfolgerungen zieht und Lücken im wissenschaftlichen Diskurs aufzeigt.

1.2 Literaturbericht

Wenig überraschend gibt es eine Fülle an wissenschaftlicher Literatur, die nach den Gründen der Weltungleichheit sucht. Bedauerlicherweise nehmen die Theoretiker dabei kaum Bezug zueinander, weshalb – obwohl zum Teil einzelne Überlegungen aufgenommen werden – sich die Werke meist als Monolithen gegenüberstehen, anstatt sich im wissenschaftlichen Dialog gegenseitig anzuregen. Nachfolgend soll der Versuch unternommen werden, etwaige Bezüge der genannten Theoretiker aufzuzeigen.

Im Zuge der ideengeschichtlichen Herleitung wurden aus zahlreichen möglichen Autoren, die der Geographie und Ressourcenverteilung bei der Entstehung der Weltungleichheit Bedeutung beimessen, exemplarisch Caesar (1999 [58-51/50 v. Chr.]), Machiavelli (1966 [1531]) und Montesquieu (2006a, 2006b; beide [1748]) herangezogen. Sie gehen im jeweiligen historischen Kontext auf die Bedeutung der Geographie hinsichtlich Verteidigungsfähigkeit, der Stabilität der politischen Ordnung und der wirtschaftlichen Performanz ein. Neben ihnen macht auch eine Vielzahl anderer Theoretiker die Geographie für die globale Ungleichheit (mit)verantwortlich. Es würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit bei weitem sprengen (und auch ihrer Zielsetzung zuwiderlaufen), bei der ideengeschichtlichen Herleitung einen Anspruch auf deren Vollständigkeit zu erheben. Exemplarisch seien außerdem Aristoteles und Tocqueville genannt, die auf die Bedeutung der Geographie für die Ausgestaltung der installierten Institutionen und die „Abschätzung der Stabilitäts- und Expansionschancen eines politischen Gemeinwesens“ (Schmidt 2001: 106) verweisen. Als jüngere Vertreter seien Braudel, der die Bedeutsamkeit von Kapital als den das Wachstum definierenden Faktor negierte und stattdessen die Knappheit von Energien, die letztlich auf der vorhandenen Menge des Landes beruht, als Grund heranführt (1977: 60-75) und Jeffrey Sachs, der auf die produktivitätsmindernde Wirkung von Tropenkrankheiten und die nicht Nutzbarmachung tropischer Böden für die Landwirtschaft hinwies (Acemoglu/Robinson 2017: 76), genannt.

Der Ökonom Adam Smith legt seinen Fokus zwar auf ökonomische Institutionen und ist vor allem für seine wirtschaftsliberalen Argumente bekannt, dennoch fand der Zusammenhang von wirtschaftlicher Entwicklung und Geographie stets Platz in seinen Überlegungen. So auch in seinem Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen (2018 [1789]). In dem breit angelegten Werk Smiths sind die grundlegenden Gedanken der klassischen Wirtschaftstheorie enthalten. Smiths Überlegungen bilden einen der Grundpfeiler des ,westlichen‘ Wirtschaftssystems und waren damit auch über das Verfassen der Arbeit hinaus für ein tieferes Verständnis wirtschaftlicher Prozesse gewinnbringend. Der Physiologe, Evolutionsbiologe und Biogeograph Jared Diamond versucht in seinem 1997 veröffentlichten Werk Arm und Reich mit 25 Jahren Verspätung ,Yalis Frage‘ zu beantworten; die Frage eines neuguinesischen Politikers, die da lautete: „Wie kommt es […], daß ihr Weißen so viel Cargo geschaffen und nach Neuguinea mitgebracht habt, wir Schwarzen aber so wenig eigene Cargo hatten?“ (Diamond 2009: 17). Obgleich sie demselben Erklärungsstrang angehören, kann Diamond in seiner Argumentation als Montesquieus Antipode gesehen werden: Während Montesquieu die Trägheit der Tropenbewohner für deren wirtschaftliche Lage verantwortlich macht, attestiert Diamond den Tropenbewohnern eine im Durchschnitt höhere Intelligenz als Europäern und Nordamerikanern. Außerdem widerspricht er der These, dass Bewohner wärmerer Klimazonen weniger produktiv seien und nicht zum technischen Fortschritt beitragen würden. Er verweist auf den nicht-existenten Beitrag Nordeuropas zur eurasischen Zivilisation bis etwa 1000 n. Chr. und zeigt die erbrachten Leistungen der in Äquatornähe liegenden Zivilisationen auf (Diamond 1998: 22-27). Diamond führt die divergierenden Entwicklungen stattdessen auf die langfristigen Vorteile der eurasischen Agglomerationsökonomien und auf die leichtere Verbreitung von Technologien zurück (2009: 521). Zwar verwehrt sich Diamond dem Vorwurf des „geographischen Determinismus“ (ebd.: 505) und erkennt die Bedeutung von Innovationen und Kreativität an, nichtsdestotrotz gelingt es ihm nicht, die Anschuldigung überzeugend auszuräumen, indem er selbst an einer anderen Stelle schreibt:

Die Bewohner Afrikas südlich der Sahara, die australischen Aborigines und die amerikanischen Indianer brauchen sich keine großen Hoffnungen zu machen, dereinst die Herrschaft über die Welt zu erringen. Dafür haben die Entwicklungen, die sich vor 10 000 Jahren abspielten, zu tiefe Spuren in der Gegenwart hinterlassen. (ebd.: 517)

Das theoretische Fundament der vorliegenden Arbeit liefert Kenneth Pomeranz (2000). Er nimmt zum Teil Argumente der oben vorgestellten Denker auf, beispielsweise die Bedeutung, die er in smith’scher Tradition den Transportkosten bemisst, während er diesen jedoch gleichzeitig widerspricht. So negiert er beispielsweise die These Diamonds, die Divergenz der Regionen sei historisch erwachsen, beziehungsweise der politischen Unität geschuldet. Pomeranz vergleicht in seinem Ansatz, anders als üblich, nicht Länder, sondern Regionen miteinander. Hier, die um 1750 global am weitest entwickelten Regionen: das Jangtse-Delta in China und England als Teil Westeuropas. Er bleibt dem Leser jedoch die Erklärung schuldig, weshalb und wie England, beziehungsweise das Jangtse-Delta, zur jeweils fortschrittlichsten Region werden konnten. Pomeranz arbeitet vier Faktoren heraus, die er für die Zäsur markierende und in England beginnende, industrielle Revolution verantwortlich macht. Die Frage, weshalb jedoch die letztendlich zufällige Verteilung der Kohlevorkommen und deren Nähe zu den industriellen Produktionszentren der die Divergenz bestimmende Zufall war und nicht einer der im dritten Faktor („Günstiges Zusammentreffen zufälliger Umstände und globaler Konstellationen“ (Prechtl 2016:108)) zusammengefassten Zufälle, wird von Pomeranz nicht beantwortet. Bemerkenswert ist außerdem der Umstand, dass das „epidemiological luck“ (Pomeranz 2000: 32) einen zentralen Punkt in Diamonds’ Theorie darstellt, während die Resistenzen der europäischen Kolonisten in Amerika von Pomeranz zwar honoriert, aber zum Zufall degradiert werden. Es erscheint insgesamt fragwürdig, den Zufall zum Gegenstand einer Theorie zu erklären und verleiht der Herangehensweise Pomeranz’ den Anschein von Willkürlichkeit.

Es existieren eine ganze Reihe verschiedener Darstellungen, die den Aufstieg Chinas zu erklären versuchen. Diese können grob in zwei Stränge gegliedert werden, das ,China-Modell‘ und das ,universelle Wachstumsmodell‘. Anhänger des ,China-Modells‘, wie zum Beispiel Eisenman/Heginbotham (2018) und Campbell (2018), argumentieren, dass die wirtschaftliche Performanz durch ein Zusammenspiel von einer starken Zentralregierung, die eine weitsichtige Industriepolitik verfolgt, mit mächtigen Staatsunternehmen ermöglicht wurde. Das ,universelle Wachstumsmodell‘ wiederum – beispielsweise vertreten durch Acemoglu/Robinson (2017), Zenglein (2018) und Hokamp (2014) – drückt die Annahme aus, dass der Aufstieg Chinas den selben Gesetzmäßigkeiten folgt, die bereits die Erfolgsgeschichten anderer Staaten prägten. Befürworter des ,universellen Wachstumsmodells‘ machen die treibenden Kräfte des Marktes und ein innovatives, risikofreudiges Unternehmertum für die Entwicklung verantwortlich. Während das ,China-Modell‘ unzureichend auf die positiven Effekte der wirtschaftlichen Liberalisierung zu antworten vermag, ignorieren die Vertreter des ,universellen Wachstumsmodells‘, dass beispielsweise die Technologieriesen Tencent, Alibaba und Baidu vermutlich überhaupt erst so erfolgreich werden konnten, weil Peking Konkurrenten wie Google lange den Zutritt zum chinesischen Markt verwehrte. Der ,Great-Divergence‘-Ansatz Pomeranz’ vereinigt Merkmale beider Stränge und bringt außerdem noch prominent den Aspekt der Ressourcenausstattung mit ein.

Die Monographie Pomeranz’ wurde durchaus breit diskutiert und fand einiges an Zustimmung. Dennoch scheint die vorliegende Arbeit die erste zu sein, die den Ansatz Pomeranz’ modifiziert und ihn zur Analyse eines divergierenden Untersuchungs(zeit)raums heranzieht. Dem folgend scheint die Arbeit dazu beitragen zu können, eine Lücke im wissenschaftlichen Diskurs zu schließen.

Vogelsang (2014) bietet in seiner Monographie einen guten Zugang zur allgemeinen Geschichte Chinas. Ihm gelingt es, die chinesische Geschichte zu entmystifizieren, indem er das chinesische Narrativ, der seit frühen Zeiten bestehenden ,harmonischen und homogenen Gesellschaft‘ widerlegt und stattdessen einen differenzierten, sich ständig in Metamorphose befindlichen Geschichtsraum aufzeigt. Die Informationen zur politischen BildungVolksrepublik China, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung (2018), waren äußerst hilfreich für den Einstieg in die Materie. In dem Dossier sind kurzweilige und klarstrukturierte Aufsätze zu finden, die sich neben der Geschichte Chinas auch mit aktuellen Entwicklungen und möglichen Szenarien beschäftigen. Um die Analyse durch Aussagen der chinesischen Regierung zu untermauern, waren die Informationen der Botschaft der Volksrepublik China in der Bundesrepublik Deutschland (2016, 2019) und des China Internet Information Centers (CIIC) (2004a-b, 2008, 2012, 2014, 2016, 2018a-d, 2019a-b) äußerst hilfreich. Das CIIC veröffentlicht von der chinesischen Regierung geprüfte Meldungen in deutscher Sprache. Erwartungsgemäß war die Berichterstattung der beiden Kanäle wenig China-kritisch.

Menzel (1980) liefert in seinem Aufsatz eine äußerst detailreiche Darstellung der chinesischen Agrarpolitik während der vier Modernisierungen. Zwar unterstreicht die Vielzahl der herangezogenen quantitativen Daten und Beispiele die Expertise Menzels; diese Arbeitsweise führt jedoch gleichzeitig dazu, dass zentrale Aussagen des Autors nicht als solche erkennbar sind. In ihrer Monographie zeichnet Cheng (2004) die wirtschaftliche Entwicklung Chinas bis zum Beitritt in die Welthandelsorganisation auf. Sie geht dabei weitaus detailreicher als zum Beispiel Algieri/Taube (2002) auf den Technologie- und Ausbildungstransfer vor 2001 ein. Hes (2012) Monographie analysiert die Situation der chinesischen Wanderarbeiter. Die Autorin befragte hierzu über 600 Wanderarbeiter und zeichnet in ihrer Analyse ein überraschend differenziertes Bild.

Die Definition des Begriffs der ,Energiesicherheit‘ entstammt Hieber (2006). Sie beschäftigt sich in ihrer Monographie zudem ausführlich mit der Energiepolitik und -wirtschaft und liefert einen historischen Überblick. Leider fanden sich in der Monographie Wei/Liao (2016) kaum vertiefende Inhalte, obwohl der Titel eine speziell auf die Entwicklung der Energieeffizienz Chinas zugeschnittene Analyse vermuten ließ. Stattdessen wurde Xiao/Zhu (2018) herangezogen. Sternfeld (2013) analysiert Chinas internationale Energiepolitik und zeigt dabei die divergierenden Interessen der Volksrepublik China (VRC)4 in den unterschiedlichen Regionen auf. Auch Daojiong (2005) befasst sich mit der internationalen Komponente des chinesischen Energieverbrauchs. Anders als Sternfeld (2013), lässt er in seine Analyse die historische Entwicklung miteinfließen und er geht außerdem erfreulich weniger deskriptiv vor. In Sternfeld (2015) fasst die Autorin den Forschungsgegenstand enger und beschäftigt sich mit dem Kohleabbau in China. Sie beleuchtet darin insbesondere die sozialen und ökologischen Auswirkungen des Kohleabbaus. Der Aufsatz (2017a) und die Monographie (2017b) Pauls bieten Analysen zur Situation im Südchinesischen Meer. Er geht darin zwar gezielt auf das ,Malakka-Dilemma‘ ein, lässt jedoch die Auswirkungen der ,Neuen Seidenstraße Initiative‘ auf die geopolitische Situation im Südchinesischen Meer nur rudimentär in seine Analyse mit einfließen. Dröge et al. (2016) analysieren, ebenso wie Qianqian (2011) die Auswirkungen der Ölpreise auf die Konjunktur erdölimportierender Staaten. Dröge et al. (2016) geht dabei insbesondere auf den niedrigen Ölpreis zu Beginn des Jahres 2016 ein und widersprechen in Teilen der allgemeinen Auffassung, der niedrige Ölpreis sei rein angebotsinduziert.

Während Kunze/Windels (2018) auf die historische Tradition der ,Made in China 2025‘ Initiative aufmerksam machen, gehen Zenglein/Holzmann (2018) und Löchel (2018) auf die Realisierbarkeit des Projekts ein, die sie in der geplanten Form als kritisch erachten. Eine engere Zitation der genannten Quellen wäre bei Zenglein/Holzmann äußerst hilfreich gewesen. Taube (2018) macht die hohe Aufgeschlossenheit der chinesischen Verbraucher für Innovationen und den geringen Datenschutz als Vorteile für die rasche Produktentwicklung aus. Er verzichtet jedoch darauf, den geringen Datenschutz und die Technologie-Frömmigkeit der chinesischen Bevölkerung kritisch zu hinterfragen. Eine Lücke, die wiederum von Shi-Kupfer (2019) geschlossen wird.

Die Installation des Sozialkreditsystems wird von den Kommentatoren durchweg als kritisch eingestuft. Ohlberg/Ahmed/Lang (2017) kommen in ihrer ausführlichen Studie zu dem Schluss, dass in China die Notwendigkeit des Sozialkreditsystems nicht in Frage gestellt wird und viele Bürger sich des möglichen Ausmaßes der Überwachung nicht bewusst seien. Außerdem beleuchten sie, untermauert mit hilfreichen Grafiken, die komplexe Umsetzung des Bonitätssystems. Kühnreich (2018) setzt sich weniger mit der technischen Machbarkeit des Sozialkreditsystems auseinander, sondern geht verstärkt auf die Auswirkungen des technischen Fortschritts auf die digitale Überwachung ein. Sie sieht im Sozialkreditsystem explizit ein politisches Instrument der sozialen Kontrolle.

Die wissenschaftliche Literatur zur Analyse neokolonialer Praktiken ist spärlich gesät. So erbringt zwar Nguébong-Ngatat (2018) die Definition des Neokolonialismus-Begriffs, verzichtet jedoch in der Folge darauf, die darin enthaltenen Schlüsselbegriffe der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Abhängigkeit weiter auszudifferenzieren. An dieser Stelle sei kritisch angemerkt, dass sich zahlreiche Autoren – wie zum Beispiel Wallwitz (2018), Schaffar/Hoering (2017) oder Kleven (2019) – des Neokolonialismusbegriffs bedienen, jedoch allesamt darauf verzichten, den politisch höchst aufgeladenen Terminus weiter auszudifferenzieren. Des Weiteren ist die Zahl der politikwissenschaftlichen Monographien, die das chinesische Engagement in den Entwicklungsländern theoriegeleitet untersuchen, erschreckend gering. In der Analyse musste folglich auch auf Artikel und Aufsätze zurückgegriffen werden. Insgesamt ist der wissenschaftliche Diskurs zum chinesischen Engagement in Entwicklungsländern höchst aufgeladen und es scheint kaum ,Grautöne‘ zu geben. Eine erfrischend neutrale Analyse bieten jedoch Eisenman/Heginbontham (2018). Sie verzichten in ihrem Sammelband auf jegliches Werturteil, erst in ihrem Fazit kritisieren sie in Teilen das chinesische Vorgehen. Außerdem bieten die Autoren in ihrem Werk eine systematische, nach Regionen gegliederte Analyse des chinesischen Engagements in den Entwicklungsstaaten. Sie schließen damit eine bedeutende Lücke in der China Forschung. Campbell (2018) bietet im Vorwort des Sammelbands einen hilfreichen historischen Überblick des chinesischen Engagements in den Entwicklungsländern. Ihm gelingt es dabei die zentralen Stränge des komplexen Geflechts der chinesischen Entwicklung aufzuzeigen. Die von ihm genutzte Dreiteilung der Entwicklung wird in dieser Arbeit übernommen. Während Eisenman (2018), Eisenman/Shih (2018) und Eisenman/Heginbontham (2018) die Motivation Chinas, sich in Afrika zu engagieren auf die durch die afrikanischen Staaten gegebene externe Legitimation der Kommunistischen Partei Chinas (KPC) zurückführen, sehen Wallwitz (2018), Signer (2018) oder Hofzumahaus (2017) den Grund des chinesischen Engagement in den wirtschaftlichen Vorteilen. Signer (2018) und Wallwitz (2018) kritisieren die extensive Vergabe chinesischer Kredite. Während Signer seine Aussagen durch quantitative Daten zu unterstützen versucht, wirken einige der von Wallwitz getroffenen Aussagen aus der Luft gegriffen. Der von Yuan-Sun, Jayaram und Kassiri herausgegebene McKinsey-Bericht (2017) bietet auf Basis von zahlreichen Interviews mit in die afrikanischen Staaten investierenden chinesischen Unternehmern sowie afrikanisch-chinesischen Wirtschaftsdaten einen faktenbasierten Überblick über das chinesische Engagement in Afrika und dessen Auswirkungen. Dabei verzichtet der Bericht jedoch darauf, kritisch auf die Auswirkungen der hohen Auslandsschulden afrikanischer Staaten in China einzugehen. Insgesamt zeichnen die Autoren ein fast zu positives Bild der chinesisch-afrikanischen Beziehungen.

2 Theoretisches Fundament

Im Folgenden sollen exemplarisch einige der vielseitigen Argumente der Geographie und Ressourcen Hypothese anhand der Erklärungsansätze prominenter Vertreter kurz vorgestellt werden. Im Anschluss soll Pomeranz’ Theorie dargelegt und modifiziert werden.

2.1 Von Caesar, Machiavelli und Montesquieu

Der Gedanke, die Entwicklung eines Landes sei abhängig von der Geographie, ist einer der ältesten Ansätze zur Erklärung der globalen Ungleichheit. Bereits um 50 v.Chr. wies Julius Caesar in seinem Werk De bello Gallico auf deren Bedeutung hin, indem er beispielsweise auf den Zusammenhang zwischen geographischer Lage und Verteidigungsfähigkeit einer Gesellschaft aufmerksam machte.5 Anfang des 16. Jahrhunderts analysierte Machiavelli die Auswirkungen der Geographie auf die Stabilität der politischen Ordnung. Er bewertete die durch erhöhte landwirtschaftliche Produktivität entstandene Zeit für Müßiggang als Gefahr, denn einem höheren Maß an freier Zeit folgt zwar ein höherer Kulturstand, es bleibt aber auch mehr Zeit, um Machtgier und andere Leidenschaften auszuleben. Den so in Gang gesetzten Verfallszyklus beschreibt Machiavelli in seiner Schrift Discorsi (1966 [1531]: 10-12, 18, 23) . Um der Disziplinlosigkeit zu begegnen, empfiehlt er als Gegenmaßnahme die Schaffung „gute[r] Gesetze, […] [denn] [j]e größer der Luxus, desto klüger müssen die Gesetze sein, um genau die disziplinierenden Leistungen erbringen zu können, die vorher die Kargheit des Bodens erzwang“ (ebd.: 10-12; Schmidt 2001: 108). Machiavellis Auffassung, der Grad der Freiheit innerhalb einer Gesellschaft sei abhängig von der Geographie, schloss sich neben Rousseau auch Montesquieu an (Montesquieu 2006b [1748]: 290f.; Schmidt 2001: 108f.). Montesquieu argumentiert, dass die geographisch bedingte Trägheit der Tropenbewohner für das dort konzentrierte geringe Maß an Freiheit und für die Anhäufung von Despoten verantwortlich sei, denn „nicht weniger als die wirtschaftliche und die häusliche Knechtung hängt die politische Knechtung vom Klima ab“ (Montesquieu 2006a [1748]: 287). Außerdem schloss er aus der geographischen Ballung von Armut und Reichtum, dass in tropischen Zonen eher Menschen ohne Wissensdurst lebten, die infolgedessen nicht bereit seien, schwer zu arbeiten, keine Innovationen tätigten und als Resultat arm seien (ebd.: 287f., Montesquieu 2006b [1748]: 290f.).

2.2 Adam Smith und der geographisch bedingte Marktumfang

Adam Smith attestiert dem Menschen im Gegensatz zum Tier in seinem Werk Der Wohlstand der Nationen (2018 [1789]) eine „natürliche Neigung […] zu handeln und Dinge gegeneinander auszutauschen“ (ebd.: 48). Die daraus resultierende Arbeitsteilung fördert maßgeblich die Produktivität einer Gesellschaft (ebd.: 37). Sie fußt zum einen auf der größeren fachlichen Expertise, die ein Arbeiter gewinnt, sobald er seine Arbeitskraft fokussiert und auf der durch den Wegfall des Tätigkeitswechsels gewonnenen Zeitersparnis. Zum anderen führt Smith die Erfindung von Maschinen auf die Arbeitsteilung zurück, welche die Produktivität wiederum beträchtlich steigern (ebd.: 40-43). Der Grad der Spezialisierung wird hierbei durch die Marktgröße bedingt. In einem kleinen Markt ist es schlicht nicht möglich, seinen Lebensunterhalt in einem hochgradig spezialisierten Tätigkeitsfeld zu bestreiten, da die nötige Nachfrage nicht vorhanden ist.6 In kleinen Märkten gibt es folglich vermehrt Generalisten statt Spezialisten, was gemäß Smiths Theorie negative Auswirkungen auf deren Produktivität hat. Der Marktumfang ist neben der Freiheit des Marktes von den geographisch bedingten Transportkosten abhängig (ebd.: 54-56):

Stehen Wasserwege zur Verfügung, so öffnet sich für den Handel und jedes Gewerbe ein Markt, der viel ausgedehnter ist, als wenn die Waren alleine über Landstraßen transportiert werden müssen. So haben sich die verschiedenen Gewerbe zunächst an der Meeresküste und am Ufer schiffbarer Flüsse spezialisiert und ausgeweitet, eine Entwicklung, die häufig erst viel später auf das Landesinnere übergriff. […] Gäbe es nur die Landverbindung zwischen beiden Plätzen, könnten nur Güter transportiert werden, welche im Verhältnis zu ihrem Gewicht einen sehr hohen Wert haben, so daß der Warenaustausch, wie er im Augenblick besteht, ganz erheblich geringer wäre, ebenso natürlich die damit verbundene gegenseitige Anregung zur Expansion in den Gewerben. (ebd.: 55f.)

Als besonders vorteilhaft für die Entwicklung einer Gesellschaft erwies sich der Zugang zu einem weitverzweigten und mit anderen Netzwerken verbundenen Wasserwegsystem. Die ansässigen Gesellschaften – beispielsweise im Nil- und Gangestal oder im östlichen China ­– brachten es durch Binnenhandel zu beachtlichem Wohlstand (ebd.: 58). Die mit dem Wassertransport einhergehenden Vorteile führten dazu, dass die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung in Regionen voranschritt, deren Handelszentren durch günstige Verkehrswege an den Weltmarkt angeschlossen waren. Dieser Fortschritt breitete sich anschließend von den Küstenregionen ins Landesinnere aus. In Ermangelung anderer Absatzmärkte sind Binnenländer stark von der wirtschaftlichen Entwicklung und Bevölkerungsdichte der angrenzenden Küstenstaaten abhängig und bleiben daher zwangsläufig hinter diesen zurück. Auch wenn ein Binnenland beginnt, selbstständig Seehandel zu betreiben, ist es dabei stets vom Wohlwollen der benachbarten Küstenstaaten abhängig, den Meereszugang nicht zu versperren (ebd.: 57-59).

2.3 Jared Diamond und Yalis Frage

Jared Diamond identifiziert vier „eigentliche Faktoren“ (2009: 93), um die unterschiedliche technische, kulturelle und politische Entwicklung der Kontinente sowie die Vormachtstellung des Eurasischen zu erklären:

1. Das Vorhandensein domestizierbarer Pflanzen und Tiere als Grundvoraussetzung für die Landwirtschaft (ebd.: 96f., 502)
2. Die Ausrichtung der Kontinentalachse in Ost-West-Richtung (ebd.: 114, 503)
3. Geringe interkontinentale Diffusionshürden (ebd.: 504)
4. Unterschiede der Kontinente hinsichtlich Fläche und Bevölkerungsgröße (ebd.: 310, 504)

Aus den eigentlichen Faktoren gehen die „unmittelbaren Faktoren“ (ebd.: 93) hervor, auf die Diamond bereits im Titel der englischen Originalausgabe von Arm und Reich verweist: „Guns, Germs and Steel“. Demnach führt die Sesshaftwerdung von Gesellschaften, neben dem Bilden von Krankheitsresistenzen7, zu einer überlegenen Militärtechnik und zu komplexeren Staatsgebilden mit dominierender Schriftkultur (ebd.: 93, 96f.).

Der eurasische war den übrigen Kontinenten in allen vier eigentlichen Faktoren überlegen: Dort befand sich die größte Anzahl an potenziellen Domestikationskandidaten (ebd.: 207), die Ost-West-Ausrichtung führte neben den vergleichsweise geringen ökologischen und geographischen Hürden zu einer hohen Diffusionsgeschwindigkeit der domestizierten Biomasse sowie der Innovationen (ebd.: 503).8 Gerade Afrika und Eurasien profitierten stärker als die anderen Kontinente, aufgrund der niedrigen geographischen Hürden, vom interkontinentalen Austausch (ebd.: 504). Außerdem war Eurasien als flächenmäßig größter Kontinent mit der höchsten Zahl miteinander wettstreitender Gesellschaften ,gesegnet‘. Während die anderen Kontinente zwar teils ebenfalls große Landmassen umfassen, gleichen diese aufgrund der geographischen und ökologischen Hindernisse viel eher „mehreren kleinen Kontinenten mit spärlichen Verbindungen“ (ebd.: 504; ebd.: 310, 504).

Nach Diamond vollzog sich die Einführung der Landwirtschaft als Grundvoraussetzung der neolithischen Revolution in nur wenigen Kerngebieten selbstständig. Von dort diffundierte sie in Randgebiete, in denen die Kenntnisse des Ackerbaus und der Viehzucht entweder von den ansässigen Gesellschaften übernommen wurden oder die hiesige Bevölkerung verdrängten (ebd.: 114f.), denn die „Bewohner von Gebieten, die einen Vorsprung in der Landwirtschaft besaßen, […] [erlangten] zugleich auch einen Vorsprung auf dem Weg zur modernen technischen Zivilisation“ (ebd.: 114).

Ein großer Teil der Menschheitsgeschichte bestand aus ungleichen Auseinandersetzungen zwischen den Habenden und den Habenichtsen: zwischen Völkern mit und ohne Landwirtschaft beziehungsweise zwischen solchen, die zu verschiedenen Zeitpunkten mit ihr begannen. (ebd.: 101)

Auch heute noch, in einer globalisierten Welt, dominieren die historischen Zentren der Landwirtschaft – sei es durch ihre unmittelbaren Nachfolge- oder Nachbarstaaten, die früh unter dem Einfluss der Zentren standen, oder aber von Einwanderern aus den Kernregionen besiedelte und regierte Staaten – die anderen Nationen (ebd.: 516f.).

Während sich in China die Landwirtschaft eigenständig entwickelte und das Land infolgedessen zur weltweit führenden technischen Macht avancierte, entstand die Landwirtschaft in Westeuropa wesentlich später und nicht selbstständig, sondern „durch die Ankunft domestizierter Pflanzen und Tiere aus Vorderasien“ (ebd.: 111). Nun drängt sich die Frage auf, warum China diese Vormachtstellung gegenüber Europa gegen Mitte des 16. Jahrhunderts einbüßte (ebd.: 507, 509f.). Für Diamond waren die eingangs als Vorteil aufgeführten niedrigen Diffusionshürden in China ausschlaggebend: Während Europas geographische Hürden hoch genug waren, um eine politische Vereinheitlichung zu verhindern, erwies sich Chinas geographische Unität mit der Zeit als Nachteil (ebd.: 515). Die politische Uneinigkeit Europas führte dazu, dass zahlreiche miteinander im Wettstreit stehende Kleinstaaten und mögliche Innovationszentren entstanden. Unter dem Druck wirtschaftlich wie militärisch nicht ins Hintertreffen zu geraten und so die nationale Sicherheit zu gefährden, mussten die Staaten Innovationen übernehmen und vorantreiben (ebd.: 515). Chinas solitäre Lage, die einer „Insel innerhalb eines Kontinents“ (ebd.: 516) gleicht, schirmte das Land wirkungsvoll von anderen fortschrittlichen Gesellschaften ab und erlaubte despotische Exzesse9, die die „schöpferische Zerstörung“ (Schumpeter 1946: 138) unterbanden.

Diamond illustriert mit seiner Antwort auf Yalis Frage weshalb China – als eines der frühen Zentren der Landwirtschaft – prinzipiell das Potenzial besitzt, der Riege der Habenden anzugehören. Er wehrt sich hierbei gegen den Vorwurf des „geographischen Determinismus“ (Diamond 2009: 505) und erkennt die Bedeutung von Innovation und Kreativität an. Nichtsdestotrotz ist seiner Ansicht nach „[w]ahr […], daß die Umwelt in manchen Regionen mehr Ausgangsmaterial bereithält und günstigere Bedingungen für die Nutzung von Erfindungen bietet als in anderen“ (ebd.: 505; ebd.: 505, 516f.). Er gesteht dabei auch anderen nicht geographischen Faktoren eine gewisse Erklärungskraft zu und führt die wirtschaftliche Performanz nicht monokausal auf einen Faktor zurück (ebd.: 521).

2.4 Kenneth Pomeranz

Der Historiker Kenneth Pomeranz liefert in seiner Monographie The Great Divergence (2000) eine Antwort auf die Frage, ob Europa den chinesischen Entwicklungspfad hätte einschlagen können. Seine Theorie soll kurz dargestellt und anschließend geringfügig modifiziert werden, um einen Erklärungsansatz zur wirtschaftlichen Entwicklung Chinas seit 1978 bieten zu können.

2.4.1 Die ursprüngliche Theorie Pomeranz’

Pomeranz löst sich in seiner Analyse von dem Vorgehen, Nationalstaaten gegenüberzustellen und vergleicht stattdessen die zwei um 1750 am weitesten entwickelten Regionen – in diesem Fall England und das Jangtse-Delta (Pomeranz 2000: 10). Als Anhänger der ,California-School‘ und der ,Eurasian similiarity-thesis‘ vertritt er die Auffassung, dass zwischen England und China um 1750 in Bezug auf die landwirtschaftliche, kommerzielle und proto-industrielle Entwicklung kaum Unterschiede bestanden und die ,Great Divergence‘ erst etwa um 1800 einsetzte. Ziel seiner Monographie ist es, die Gründe dieser Zäsur aufzuzeigen. Ihn beschäftigt daher die Frage: „Why wasn’t England the Yangzi Delta […] [and] [w]hy wasn’t the Yangzi Delta England?“ (ebd.: 13; ebd.: 8; Prechtl 2016: 101, 110; Vries 2010: 733;). Um die seit 1800 voneinander abweichenden Entwicklungspfad Westeuropas und Ostasiens zu erklären, arbeitete Pomeranz vier Faktoren heraus. Er betont dabei: „These were not advantages that had to lead to an industrial breakthrough, but advantages that greatly increased that possibility and made such a breakthrough much easier to sustain.” (Pomeranz 2000: 211)

[...]


1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Arbeit das generische Maskulin verwendet. Weibliche und anderweitige Geschlechteridentitäten werden dabei ausdrücklich mitgemeint.

2 Wirtschaftswachstum wird allgemein als die „Zunahme der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft bezeichnet“ (Gabler Wirtschaftslexikon 2019: 3763). Die ökonomische Leistungsfähigkeit wird wiederum meist durch das Bruttoinlandsprodukt ausgedrückt. „Wirtschaftliches Wachstum bedeutet somit eine Steigerung der inländischen Produktion, bzw. des im Inland erzielten Einkommens“ (ebd.: 3763).

3 Es gibt auch andere Klassifizierungen, Acemoglu und Robinson fassen beispielsweise die unterschiedlichen Theorien in der Geographie-, Kultur-, und Ignoranz-Hypothese zusammen. Da diese Dreiteilung dem Zwecke dient, die ihrer Meinung nach nicht zutreffenden, aber gängigen Ansätze zur Erklärung der divergierenden wirtschaftlichen Entwicklung zu wiederlegen und außerdem ihre eigene Theorie, die die Schaffung integrativer Institutionen für das wirtschaftliche Wachstum verantwortlich macht, in dieser Trias keinen Platz findet, wird stattdessen die von Sebaldt et al. (2016b) verwendet (Acemoglu/Robinson 2017: 72-99; 112).

4 Im Folgenden werden die Kommunistische Partei Chinas, China, Peking und die VRC synonym verwendet. Da Partei und Staat im kaum voneinander zu trennen sind scheint dieses Verhalten angemessen (Stepan/Heilmann 2016a: 13).

5 So heißt es beispielsweise: „Es gab nur zwei Wege, auf denen sie auswandern konnten: Der eine, eng und schwer gangbar, führte durch das Sequanerland zwischen Jura und Rhodanus; dort konnten nur zur Not einzelne Wagen fahren. Zudem beherrschte der hochragende Bergzug den Weg, so daß ihn eine Handvoll Leute leicht sperren konnten“ (Caesar 1999 [58-51/50 v. Chr.]: 13).

6 Smith verdeutlicht die Problematik am Beispiel eines Nagelschmieds im schottischen Hochland: „Da ein solcher Handwerker täglich 1.000 Nägel macht, das sind, bei 300 Arbeitstagen im Jahr, 300 000 Nägel jährlich, wäre es ihm in seiner Lage unmöglich, auch nur 1.000 Nägel, also den Ertrag einer Tagesarbeit, im ganzen Jahr abzusetzen.“ (2018 [1789]: 55).

7 Da die meisten Infektionskrankheiten durch die Mutation tierischer und menschlicher Krankheitserreger entstehen, waren die Eurasier durch das geographisch determinierte frühere Sesshaftwerden gegenüber Gesellschaften anderer Kontinente im Vorteil. Die dem Sesshaftwerden an sich und der erhöhten Kalorienproduktion geschuldete höhere Bevölkerungsdichte sowie die zahlreichen domestizierten Tierarten bieten zwar einerseits die ideale Brutstädte für Epidemien, gleichzeitig entwickelten die den Erregern ausgesetzten beträchtliche Resistenzen. Beim Kontakt mit nicht resistenten Bevölkerungen brachen Epidemien erheblichen Ausmaßes aus, die bis zu 99% der nicht resistenten Bürger töteten und so eine „entscheidende Rolle beim Sieg der Europäer über Indianer, Australier, Südafrikaner und Pazifikinsulaner“ (Diamond 2009: 99) spielten.

8 Sicher ist auch Eurasien von geographischen Hindernissen (Gebirge, (Halb-)Inseln usw.) durchzogen, dennoch erwiesen sich diese Hürden als „zu niedrig, um die Ausbreitung neuer Techniken und Ideen zu stoppen (Diamond 1998: 515).

9 Beispielsweise bestand die chinesische Schatzflotte zu Beginn des 15. Jh. aus mehreren Hundert Schiffen, die bis zu 120 Meter lang waren und insgesamt eine Besatzung von 28.000 Mann aufnahmen. Die Schatzflotte segelte über den Indischen Ozean nach Ostafrika, unternahm jedoch keine Versuche weiter gen Westen vorzudringen. Kolumbus, der mit drei eher spartanischen Schiffen über den schmaleren Atlantik segelte, hält dem Vergleich kaum stand. Als Reaktion auf innerchinesische Machtkämpfe zwischen den Eunuchen und ihren Widersachern wurden die Hochseeschifffahrt jedoch 1433 n.Chr. per Dekret verboten und die Werften abgerissen (Diamond 2009: 510).

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Die „Great-Divergence“-Theorie. Ein Erklärungsansatz für das Wirtschaftswachstum Chinas?
Autor
Jahr
2020
Seiten
88
Katalognummer
V502990
ISBN (eBook)
9783960957942
ISBN (Buch)
9783960957959
Sprache
Deutsch
Schlagworte
China, Volksrepublik, Afrika, Xi Jinping, Kenneth Pomeranz, Acemoglu, Robinson, Wirtschaftswachstum, Weltungleichheit, Energiesicherheit, Malakka-Dilemma, Sozialkreditsystem, Made in China 2025, Neokolonialismus, Kolonialismus, Landreform, Drei-Sektoren-Theorie, Deng Xiaoping, Mao, Sozialismus, Demokratie, Kapitalismus
Arbeit zitieren
Amelie Peterson (Autor), 2020, Die „Great-Divergence“-Theorie. Ein Erklärungsansatz für das Wirtschaftswachstum Chinas?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502990

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