Bairischer Wortschatz. Bayern und Österreich


Seminararbeit, 2012
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

0. Aufbau

1. Bayerisch und Bairisch

2. Räumliche Gliederung des Bairischen

3. Historische Gründe für einen gemeinsamen Sprachraum

4. Wortschatzverbreitung

5. Austriazismen

6. Österreichischer Wortschatz

7. Fazit und Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Plagiatserklärung

Aufbau

Bereits der Wiener Schriftsteller und Journalist Friedrich Torberg merkte einst an: “Deutsch ist die gemeinsame Sprache, die Deutsche und Österreicher trennt.”1 Mit dieser Aussa-ge wollte er womöglich ausdrücken, dass die Kommunikation in Deutschland und Österreich selbst bzw. in direkter Interaktion miteinander, zwar auf den ersten Blick, auf der standardsprach-lichen Ebene weitestgehend gleich erscheint, sich bei näherer Betrachtung jedoch auch einige Unterschiede aufzeigen lassen. Geht man dabei noch einen Schritt tiefer in die Materie, so ge-langt man auf die dialektale Ebene der beiden Länder. Es ist natürlich nicht von der Hand zu wei-sen, dass sich die mundartlichen Variationen in Österreich in erheblicher Weise von der dialekta-len Vielfalt in Deutschland unterscheiden. Greift man in diesem Zusammenhang exemplarisch den norddeutschen Raum heraus und stellt ihn dem gesamten österreichischen Gebiet gegenüber, so gibt es in der Tat große vorherrschende Differenzen in den Bereichen der Syntax, der Seman-tik, der Morphologie und des Wortschatzes. Im Gegensatz dazu, ist jenes geografische Areal, wel-ches Österreich sprachlich am nächsten steht, zweifelsohne eher im süddeutschen Raum angesie-delt. Um die Einordnung noch stärker zu spezifizieren, kann man vor allem das Bundesland Bay-ern getrost, nicht nur in kulturelle Art und Weise, sondern auch in sprachlicher Hinsicht als den einflussreichsten Nachbarn Österreichs bezeichnen. Dabei ist die gegenseitige lexikalische Berei-cherung insbesondere in den Grenzgebieten beider Länder auszumachen, doch auch andere Grenzstaaten trugen im Laufe der Geschichte zur Entwicklung des umfassenden bairischen Wort-schatzes bei und werden auch im Zukunft einen wesentlichen Anteil an dessen fortwährender Weiterentwicklung haben. Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit soll also darauf liegen, darzustellen was der Begriff “Bayerisch” oder “Bairisch” überhaupt bedeutet, in welchen Gebieten er von si-gnifikanter Bedeutung ist, nähere Informationen über die sprachhistorischen Gegebenheiten zu liefern und natürlich den Wortschatz näher unter die Lupe zu nehmen. Somit stellt sich also die Frage: Durch welche Merkmale war und ist der bairische Wortschatz bis heute gekennzeichnet und darf man dabei überhaupt von einer strikten Trennung der geografischen Räume Bayern und Österreich ausgehen?

1. Bayerisch und Bairisch

Immer wieder kommt es in der Literatur oder den Medien zu Verwechslungen der Begrif-fe “Bayerisch” und “Bairisch”. Die vermeintlich gleichbedeutenden Termini beschreiben jedoch tatsächlich zwei völlig unterschiedliche Bereiche. Während sich Ersterer nämlich rein auf die ge-ografische Weite des Bundeslandes Bayern erstreckt und somit das politische und verwaltungs-technische Gebiet definiert, sollte der Letztere eigentlich nur zur Beschreibung des dialektalen Sprachgebietes und der Sprache selbst dienen, die eben nicht an den Grenzen Bayerns Halt macht, sondern großteils auch den gesamten österreischischen Raum mit einschließt. Warum die oben genannte Schreibung mit “y” überhaupt eingeführt wurde, hat historische Gründe. Zwar war es bereits vor 1825 der Bevölkerung freigestellt, neben den Formen “Baiern” und “Bairn” natür-lich auch die etwas fremdartig erscheinende Schreibung “Bayern” zu verwenden; seit König Lud-wig I. jedoch schlussendlich seiner Sympathie für Griechenland2 freien Lauf ließ, wurden die äl-teren Versionen von “Bayern” als hinfällig erklärt, und somit ist auf Wunsch des einstigen Mo-narchen bis heute jene Orthografie mit “y” für die räumliche Definition Bayerns erhalten geblie-ben, die eben alle sieben Regierungsbezirke – Unterfranken, Oberfranken, Mittelfranken, Ober-pfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben – umfasst.

“Bairisch” hingegen bezieht sich auf die sprachwissenschaftlich dialektale Ebene und konzentriert sich vorrangig auf die ostoberdeutschen Areale.3 “Oberdeutsch” ist hierbei wiederum ein geografischer Begriff, der die Bundesrepublik in linguistischer Sicht teilt und sich dabei auf die Richtung Süden immer alpiner werdenden und höher gelegenen Landschaften stützt. Des Weiteren wird dieser, unter anderem durch die sogenannte Benrather Linie abgegrenzte, Sprach-raum von der Mitte Deutschlands aus, bis in den Süden des Landes, durch die Zweite Lautver-schiebung gekennzeichnet und bildet auf diese Weise das Pendent zum “Niederdeutschen” Sprachraum, in dem sich lediglich die germanische oder auch erste Lauverschiebung vollzogen hatte. Da sich der “oberdeutsche” Raum jedoch auch aus beispielsweise hessischen oder badi-schen Dialekten zusammenfügt stützt sich diese Analyse logischerweise nur auf dessen Osthälfte, in der sich der “bairische” Dialekt erstreckt. Das bedeutet auch gleichzeitig, dass dieser nicht mit der Landesgrenze zu Österreich endet, sondern darüberhinaus ebenfalls großräumig verbreitet ist.

2. Räumliche Gliederung des Bairischen

Wie schon unter Punkt 1 eräutert, handelt es sich beim “Bairischen”, in sprachlicher Hin-sicht, nicht um ganz Bayern, sondern nur um einzelne Gebiete davon – zusätzlich gewinnt das “Bairische” jedoch, basierend auf seiner gemeinsamen dialektalen Grundlage, große Teile Öster-reichs hinzu, sodass sich daraus doch ein recht ansehnliches Areal von rund 14,5 Millionen4 dort beheimateten bairischen Mundartsprechern ergibt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Karte 2: Die für die nationalen Varietäten wichtigsten Dialektregionen5 )

Kurzgesagt, das “Bairische” gliedert sich also in drei wesentliche Hauptbereiche auf, nämlich das in der Oberpfalz gesprochene Nordbairisch, das in Nieder- und Oberbayern gesprochene Mittel-bairisch, welches ebenso Nieder- bzw. Oberösterreich, Salzburg, die Steiermark und das Burgen- land miteinbezieht und zuletzt das in Tirol, sowie in Südtirol und Kärnten gesprochene Südbai-risch.6 Lediglich Vorarlberg muss bei dieser Einteilung ausgeschlossen werden7, da der dialektale Sprachraum dort bereits sehr stark alemannisch geprägt ist. Erwähnenswert ist ebenso, dass das Nordbairische selbst über die Oberpfalz hinausläuft und sogar noch einzelne Teile Oberfrankens und des Vogtlands zum bairischen Sprachraum hinzuzählt. Ruft man sich nun die bisherigen De-finitionen und Eingrenzungen nochmals ins Gedächtnis, so kommt man zu dem Schluss – alle Mundarten des Bundesland Bayerns, zu denen auch die des Fränkischen und Schwäbischen zäh-len, sind zwar geografisch betrachtet “Bayerische Dialekte”, aber sprachlich gesehen keine “Bai-rischen Dialekte”.8 Ebenso gilt andersherum, dass Österreicher aufgrund ihrer Gemeinsamkeiten sprachlich gesehen “Baiern” sind, aus geografischer Sicht jedoch keine “Bayern”.10

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 2: Karte – Die dialektologische Gliederung Österreichs [nach Hornung/Roitinger 2000: 16])9

3. Historische Gründe für einen gemeinsamen Sprachraum

Nach den bisherigen Ausführungen über die relativ großräumige Gliederung des bairi- schen Sprachraums zeigt sich also, dass, schon allein, wegen der nebeneinanderliegenden geogra-fischen Staatsgebiete, zwischen Österreich und Bayern tatsächlich sprachliche Gemeinsamkeiten vorliegen müssen. Diese Grundlagen reichen hierbei weit bis ins 12./13. Jahrhundert, die Zeit des Hochmittelalters, zurück. Damals wurde Wien als repräsentatives Vorbild für den ganzen bairi-schen Sprachraum angesehen. Die österreichische Hauptstadt war somit die Quelle und auch der Verbreitungsort zahlreicher neuer Lehnwörter und Wortneufindungen, was auch plausibel erklärt, warum Wien als sogenanntes Modernisierungszentrum demnach für zirka zwei Drittel der bairi-schen Kennwörter verantwortlich ist.11 So werden beispielsweise die, mit dem Standarddeutschen identischen und zugleich älteren bairischen Formen des Personalpronomens “ihr” und des Refle-xivpronomens “euch”, durch die von Wien ausgehenden Neuerungen “eß” und “enk” ersetzt. Genauso wurden auch die alten bairischen Ausdrücke “Töti” für Pate und “Tote” für Patin durch die Begriffe “Göti” und “Gote” ersetzt.12

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. Dtv-Atlas, S. 170)[13] (vgl. Dtv-Atlas S.171)13

Betrachtet man jene Karten fällt letztendlich auf, dass sich die beiden Begriffe “Gote”/”Go(d)n” bzw. “Göti”/ ”Göd” außerhalb Wiens wesentlich großflächig ausgebreitet haben und sich sogar bis nördlich von München ansiedelten. Da diese Grenze jedoch etwas südlich der Donau endet, liegt der Beweis nahe, dass lediglich das Mittel- und Südbairische jene Ausdrücke übernommen haben, nicht aber das in der Oberpfalz gesprochene Nordbairisch. Das aus Wien neu übernomme-ne Pronomen “enk” wurde stattdessen im gesamten bairisch-sprachigen Gebiet angenommen und verkleinerte dadurch den dialektalen Gebrauch von “euch” in Bayern, der sich fortan hauptsäch-lich in den Regionen im Großraum Sachsen und der Maingegend bewegt, wie folgende Karte zeigt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. Dtv-Atlas S. 156)14

Ebenso hinterließ die Nähe zu Italien ihre Spuren, wodurch unter anderem auch der Begriff “Pipe”, eine Art Wasserhahn mit in den Sprachgebrauch involviert wurde. Nichtsdestotrotz fan-den trotzallem auch Wörter wie “Rauchfang”, die auf den ersten Blick völlig dialektal-fern er-scheinen, aufgrund der 200 Jahre langen Zugehörigkeit Schlesiens zu Österreich, den Eingang ins Bairische. Kurzgesagt, der Einflussreichtum Wiens war in diesem Sinne für die umliegenden Re-gionen also keinesfalls zu unterschätzen. Demzufolge gehörte es im Mittelalter inmitten der Dichterszene zum guten Ton, wenn man anmerkte, sich in Wien in inspirativer und fachlicher Weise fortbilden haben zu lassen. So hob es auch das Ehrgefühl des Poeten Walther von der Vo-gelweide, als er stolz verkündete, sein gesangliches und lyrisches Talent in Wien erworben zu ha-ben.15

Warum jedoch Wien ein derart überaus wichtiges Zentrum für Bayern oder sogar ganz Deutschland war erklärt die Tatsache, dass Österreich bis zum Jahre 1866 zum einen, Teil des so- genannten Deutschen Bundes war und zum anderen, mit in das “Heilige Römische Reich deut-scher Nationen” eingeschlossen war. Als dessen Reichshauptstadt mit habsburgischem Regie-rungssitz in Wien stellten sie demnach für lange Zeit ebenfalls den deutschen Kaiser. Dass kultu-relle und linguistische Einflüsse somit nicht vorneweg bleiben, versteht sich dabei natürlich von selbst.16 Des Weiteren spielte bei der Entwicklung des bairischen Dialekts auch die religiöse Komponente eine große Rolle. Somit war es auch die Kluft der beiden Konfessionen, die Mittel-und Norddeutschland von Bayern und Österreich trennte. Aufgrund der lutherischen Reformation dominierte der Protestantismus erheblich mehr den Norden. Die südlicheren Regionen hingegen blieben bis heute hauptsächlich mit dem katholischen Glauben besetzt. Da sich die Lutherbibel nun sehr stark an der oberdeutschen Hoch- oder Standardsprache orientierte, wollte man sich im Süden währenddessen abgrenzen und lehnte damit auch die Schriftsprache ab. Auch das Volk selbst fühlte sich zu jener Zeit mehr der Mundart verpflichtet, was neben der vorherrschenden enormen Beachtung des schulischen Lateinunterrichts ebenfalls dazu führte, dass die Hochspra-che in Bayern und Österreich auf diese Art und Weise etwas in den Hintergrund rückte. Jene Ge-meinsamkeit zeigt an dieser Stelle wiederum, warum man keine strikte Trennung einer österrei-chischen und deutschen Sprache vornehmen kann, sondern lediglich eine Trennung des bairi-schen Dialekts zum Niederdeutschen, und sich dabei gleichsam der Standpunkt eröffnet – es gibt keine österreichische Sprache, sondern nur eine gemeinsame deutsche.17

[...]


1 Tepelmann, Toralf: Aphorismen-Archiv. http://aphorismen-archiv.de/index_z.php?id=63670 (28.09.2012).

2 Vgl. Zehetner, Ludwig: Basst scho! Wörter und Wendungen aus den Dialekten und der regionalen Hochsprache in Altbayern. Regensburg: edition vulpes 2009. Hier: S.17.

3 Vgl. ebd., S. 17.

4 Vgl. Ammon, Ulrich: Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Problem der nationa-len Varietäten. Berlin, New York: Walter de Gruyter 1995. Hier: S. 56.

5 Ebd., Karte 2, S. 15.

6 Vgl. Zehetner, Ludwig: S. 17-18.

7 Vgl. Pichler-Stainern, Arnulf: Südbairisch in Laut und Schrift – HANDBUCH für Mundart-Interessierte in Kärn-ten, Nord-, Ost- und Südtirol sowie sonst wo. Klagenfurt: Verlag Johannes Heyn 2008.

8 Vgl. Zehetner, Ludwig: S.17.

9 Pichler-Stainern, Arnulf: Abb. 2, S. 59.

10 Vgl. Wiesinger, Peter: Das österreichische Deutsch. Wien: Böhlau Verlag 1988. Hier: S.12.

11 Kranzmayer, Eberhard: Die Bairischen Kennwörter und ihre Geschichte.Wien: Kommissionsverlag der österrei-chischen Akademie der Wissenschaften in Wien 1960. Hier: S. 43.

12 Vgl. ebd., S. 45.

13 König, Werner: dtv-Atlas Deutsche Sprache. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2004. Hier. S. 170-171.

14 Ebd., S.156.

15 Vgl. Kranzmayer, Eberhard 1960: S. 44-45.

16 Vgl. SCHEURINGER, HERRMANN: Die lexikalische Situation des Standarddeutschen in Österreich. In: Lexikologie. (Hrsg. u. a. D. Alan Cruse, Franz Hundsnurscher). Bd. 2. Berlin/New York: Walter de Gruyter 2005, 1196-1201. Hier: S.1196-1197.

17 Vgl. EBNER, JAKOB: Duden – Wie sagt man in Österreich? Wörterbuch der österreichischen Besonderheiten.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Bairischer Wortschatz. Bayern und Österreich
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Germanistik – Deutsche Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar „Bairisch”
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V503009
ISBN (eBook)
9783346036186
ISBN (Buch)
9783346036193
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Inklusive Handout
Schlagworte
Dialektologie, Sprachwissenschaft, Germanistik, Bairisch, Dialekte, Bairischer Wortschatz, Austriazismen, Bayern und Österreich, Bayern, Österreich, Wortschatz, Dialektsprecher
Arbeit zitieren
B.A./B.Sc. Julia Schart (Autor), 2012, Bairischer Wortschatz. Bayern und Österreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/503009

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