Nietzsches "Zur Genealogie der Moral". Das Werk als moralgeschichtliche Abhandlung auf subjekttheoretischer Grundlage, unter Berücksichtigung von Nietzsches Lebensphilosophie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Genealogien als subjektbasierte Machtgeschichten

3. Die (christliche) Moral als Hemmnis für das Leben
3.1. Die „Heerde“ und der „Herren-Mensch“ als Antagonisten
3.2. Schlechtes Gewissen und Mitleid im Kontrast zu Versprechen und Grausamkeit

4. Asketische Figuren
4.1. Der Priester als paradoxer Anführer
4.2. Philosophen und Wissenschaftler

5. Ausgewählte biologistische Konzepte bei Nietzsche
5.1. Moralphilosophie und die Evolutionstheorie
5.2. Nietzsche als Dekadenzphilosoph und „tropikalistischer Autor“

6. Fazit

Nietzsches Zur Genealogie der Moral. Das Werk als moralgeschichtliche Abhandlung auf subjekttheoretischer Grundlage, unter Berücksichtigung von Nietzsches Lebensphilosophie.

1. Einleitung

Zur Genealogie der Moral, jene von Nietzsches Schriften, die im Folgenden thematisiert werden wird, ist eine Polemik, wie ihr Untertitel nahelegt. Er wollte sich mit ihr streiten, wozu es kaum mehr kommen konnte, da die Schrift ein Spätwerk des Jahres 1887 war. Anderthalb Jahre nach Erscheinen des Buches endete Nietzsches produktives Leben. Er hinterließ damit ein Werk, das einen genealogischen Zugang für moralphilosophische Themen anwendete. Das Gewordensein von Werten hatte davor kaum Platz gefunden in der Betrachtung von zeitgenössischen moralischen Gegebenheiten. Genealogische Texte sind besondere Texte. Sie sind Geschichtsphilosophie genauso wie sie aufrüttelnde Kulturkritik sein sollen.

Grundlegende Konzepte in Zur Genealogie der Moral sind schwer verstehbar ohne tiefere Einsicht in das Bewusstsein der Träger von moralischen Regeln. Denn Machtwille und der latente Groll des Ressentiments basieren genauso auf Fundamenten von Subjekttheorien wie die aktiven oder reaktiven Naturen von „Herren-Mensch“ und „Heerden-Thier“.1 Hierfür bietet sich neben Nietzsche Paul-Michel Foucault an, denn dieser war derjenige Philosoph, welcher am dezidiertesten nach Nietzsche genealogische Texte eingesetzt hat. Und er betrachtete offener Fragen der Subjekte als Moralträger als dies im eigentlichen Sinne in der Genealogie der Moral der Fall ist. Für die Teilbetrachtung des Machtwillens als Sujet der Subjektivierung wird der von Martin Saar vorgeschlagene dreifache Machtbegriff zunutze gemacht. Inwieweit die reale, symbolische und imaginäre Macht teilhaben am Moralbildungsprozess der Subjekte, wird hiermit untersucht werden.

Das Werk ist in hauptsächlichen Teilen auch Religionskritik. Denn der Fokus der Schrift liegt in der Frage, ob monotheistische Religionen wie das Christentum im Laufe ihrer Geschichte vorteilhafte Auswirkungen auf das Leben und all seinen Möglichkeiten hatten, oder etwa hemmende. Besondere Prominenz erlangt in der Schrift das vor allem durch die christliche Religion und ihre Mitleidsethik hervorgerufene Ressentiment. Es ist bei Nietzsche der versteckte Groll der „Schlechtweggekommenen“, die nicht die Lebenskraft und den Machthunger von vitalen „Herren-Menschen“ besitzen.

Fehlende Lebenskraft äußert sich nicht nur bei der (christlichen) Masse, sondern auch in der Askese von Elitenfiguren, die Gegenspieler zum egoistischen und gewalttätigen Barbaren darstellen. Da dieser Kreis asketischer Typen mindestens dreifach ist, wird dem Priester als typologischer Klimax der Askese eine ausführlichere Betrachtung gewidmet als dem Philosophen oder dem Wissenschaftler. Denn dieser hat als Profiteur von der massenhaften, ressentimentbeladene Schwäche eine paradoxe Macht in sich angehäuft.

Daraus ergibt sich der andere Pol. Kraft, Gesundheit und Machtwillen sind schließlich das, was Nietzsche durch Herabsetzung der in seinen Augen schwächlichen Masse und vergeistigten Askese feiert. Als Antagonist des Priesters ist es der Herren-Mensch, der sich vital und bedenkenlos seinen Weg durch die Welt und das Leben bahnt. Diese Figur wird ebenfalls beleuchtet.

In den Augen des Verfassers berührt die in dem Werk entfaltete Philosophie einige Wissenschaftsdisziplinen, die der Philosophie auf den ersten Blick kaum nahe stehen. Diese stellen jeweils andere Fragen an seine Bearbeitung desLebensunddieihmzugrundeliegendeMoral.Geografie,Soziologie, Medizin, Psychologie und Geschichte werden auf die ein oder andere Weise, teilweise versteckt, von Nietzsche in diesem Werk angerissen. Doch die Biologie ist dabei von ihnen für eine nähere Betrachtung am ergiebigsten. Angefangen wird hierbei bei Nietzsches geistigem Verhältnis zu seinem Zeitgenossen Darwin, dessen Evolutionstheorie der Philosoph rezipiert hat, um sie dann in Beziehung zu setzen zu seinen eigenen lebens- philosophischen Konzepten. Dekadenz ist ein weiteres Sujet, das im weitesten Sinne Anschlussfähigkeit an die Biologie in sich birgt.2 Denn fehlende Gesundheit, Verfall und Krankheit sind Kategorien des Lebens, und damit der Biologie. Aus diesem Grund liegt es nahe, diese moralphilosophischen Werte in Beziehung zu setzen zu Niedergang oder Verfall. Nietzsche gilt darüber hinaus als „tropikalistischer Autor“, das heißt, dass sich Konzepte von tropischer Überfülle und chaotischem Wuchern als Metaphern für Eroberung und Machtwillen finden lassen, in seinem Gesamtwerk, wie auch im Speziellen in Zur Genealogie der Moral. Diese Teilbetrachtung schließt das Kapitel der Biologie als Hilfswissenschaft der Moralphilosophie ab.

Der Forschungsstand bezüglich Nietzsche weist keine wahrnehmbaren Lücken mehr auf. Im Gegenteil – für diese Arbeit musste bei Tausenden bisher über ihn und sein Werk veröffentlichten Forschungsarbeiten eine strikte Auswahl bezüglich der Sekundärliteratur getroffen werden. Wert wurde dabei auf inhaltliche Nähe zum Untersuchungsgegenstand gelegt. Neben Einführungen in Nietzsches Gesamtwerk bieten dies am besten entweder moralphilosophische Überblicke oder geschichts- oder kulturphilosophische Texte (Demandt, Giacoia). Martin Saar mit seinem Werk liefert wichtige Grundlagen, wenn es um einerseits die Genealogie als Textgattung, und andererseits um Subjektivierung als Voraussetzung für Moralbildungs- prozesse geht. Für die Betrachtung der tropikalistischen Natur von Nietzsches Philosophie wird hauptsächlich auf den Promotionstext von Stephan Besser zurückgegriffen. Einige in den Jahrbüchern der Nietzsche-Gesellschaft zu findende Texte sind dagegen Basis für vor allem die Bearbeitung des Ressentiments gewesen. Der Primärtext und dessen Interpretation durch den Verfasser bildet bei allem das Rückgrat der folgenden Arbeit.

2. Genealogien als subjektbasierte Machtgeschichten

Bevor die Werkexegese einer Genealogie der Moral vollzogen werden kann, sollten die Mechanismen hinter der Entstehung des Subjekts geklärt werden, denn es ist Träger von Werten. Dies sollte nicht ohne Foucault getan werden, der Nietzsches Philosophie weitergeführt und modernisiert hat, weshalb im folgenden Kapitel beide Positionen ausgeführt werden. Zu diesem Zweck wird sich vorrangig auf Martin Saar und sein Werk „Genealogie als Kritik. Geschichte und Theorie des Subjekts nach Nietzsche und Foucault“ berufen. Nietzsche und Foucault sehen in den herkömmlichen Subjekttheorien ein Missverständnis am Wirken. Wogegen viele Subjektkonzeptionen das Selbst als grundsätzlich starr und unveränderlich gehalten haben, weisen sie in ihren Genealogien dem Subjekt Adaptionsvermögen und Flexibilität zu. Das hat zur Folge, dass das Subjekt als ein genealogisches „Explanandum“ behandelt werden kann, das einer Erklärung würdiger ist als dies in der Philosophiegeschichte der Fall war. Das Selbst kann und muss nach Ansicht von Nietzsche und Foucault kontextualisiert werden.3 Das Subjekt ist für sie also geschichtswürdig, denn mit Hilfe seiner genealogischen Historisierung werden die aus gewissen Gründen entstandenen Grundfesten moralischer Wertesysteme einer Gesellschaft erklärbar.

Der Entstehung des Subjekts wird bei Nietzsche und Foucault durch neuartige und spekulative Erzählungen erklärt. Das „Selbst“ steht als Angriffsfläche im „Interferenzfeld“ all der Einflüsse, die seine So-Gewordenheit bestimmen. Physische Eigenschaften, soziales Umwelt und Geschichtlichkeit wirken unter anderem auf das Subjekt ein.4 Es wird geformt aus moralischen Praktiken wie Entscheidung, Beschuldigung, Beschämung, Verzeihung, Reue und Rechtfertigung.

Um den subjektbildenden Effekt moralischer Regeln beschreiben zu können, entwickelt Foucault ein Schema aus drei Elementen. Dieses besteht als erster Dimension zunächst aus dem tatsächlichen Verhalten, wie es für die Umwelt der Person beobachtbar ist. Zweitens aus dem generellen moralischen Code, wie es die Gesellschaft zur Lebenszeit des Individuums bereithält, also dem Zusammenspiel verschiedener Regeln, Verboten oder auch Erlaubnissen. Und schließlich die spezielle charakterliche Verfassung eines Subjekts, diese Vorschriften anzuerkennen. Denn der moralische Code der Zeit und Umgebung gibt zwar den Rahmen vor, das Verhalten innerhalb dessen beruht aber auf einer jeweiligen Disposition zur Befolgung oder Nichtbefolgung von Autorität.5 Das Selbst ist Opfer und Täter innerhalb eines Machtsystems zugleich. Subjekte sind Produkte bestehender Ordnungen, aber zugleich ihre Träger, denn tradierte Wertesysteme können nur durch weitgehende Mitwirkung (Selbstführung) aufrechterhalten werden. Dies ist auch der Ansatzpunkt von Genealogie als Kritik. Die Nutzung oder Nichtnutzung von Widerstandsmöglichkeiten in Gestalt von abweichenden Lebensformen obliegt zum Teil der Entscheidung des Selbst. Das Unterwerfen unter soziale Vollzüge und Arten der Lebensführung ist weniger eine Notwendigkeit als man meint.6

Martin Saar kategorisiert schließlich drei Stufen von Macht als Ausdrücke von unterschiedlichen gesellschaftlichen Komplexitätsst ufen. Sie sind relevant für das Verständnis des behandelten Werkes, denn jede der drei Abhandlungen des behandelten Werkes thematisiert vorrangig eine dieser Stufen.

Reale Macht war ursprünglich die Basis aller Herrschaftsstrukturen. Sie tritt offen zutage. Genealogische Szenarien wie die von Nietzsche gehen von einer zu einem gegebenen Zeitpunkt sich vollziehenden Trennung in Mächtige und Ohnmächtige aus. Als Ergebnis konnten sich Frühformen von Klassengesellschaften bilden. Sie impliziert zunächst eine physische Komponente im Sinne von körperlicher Kraft, macht aber bei ihr nicht Halt, denn mächtig sein konnte man auch nur durch Androhung. Sie ist die Macht der Herren-Menschen.

Die symbolische Macht ist subtiler als die erstbeschriebene, und kann als jene Macht angesehen werden, deren sich die Priester bedienen. Sie ist „Weltanschauungs-Macht“, denn durch psychologische Manipulation wird den Menschen Glauben gemacht, dass die Welt zwangsläufig auf den ideellen Grundfesten zu beruhen habe, die in der jeweiligen Gesellschaft gegeben sind. Eine (klerikale) Elite hat ein Interesse daran, dass auf Individuen weltanschaulich eingewirkt wird, und sie zu Gläubigen des religiösen Systems werden und dies bleiben. Symbolische Macht bedeutet nicht die Abwesenheit realer Macht. Sie ist mehr eine Überformung der einstmals rohen, physischen Gesellschaft mit Sinnvorstellungen, als dass sie eine Ablösung realer Macht ist.NuristsiejetztGewaltinVerbindungmitBedeutung.PhysischeMachtist immer im Hintergrund und kann zutage treten bei Bestrafung von (weltanschaulich) rebellischen Menschen.

Die imaginäre Macht als dritte Stufe der Herrschaft ist nur noch latent und erscheint kaum noch als Unterwerfung. Sie ist die Macht des asketischen Ideals, das bis in die Moderne hineinwirkt. Sie bedarf als zeitlich und logisch den anderen beiden Zwangssystemen nachgeordneter Macht keiner Akteure mehr, um ihr zu ihrem Recht zu verhelfen. Als unsichtbare Norm ist sie umso wirkungsvoller, da kaum noch bekämpfbar. Die imaginäre Macht ist in die Welt ideell eingearbeitet, und sie hat ihren Ausdruck in den Denkschemata und Lebensvollzügen der Menschen. Sie sind kaum fähig, diese Macht in sich zu entdecken, geschweige denn in Frage zu stellen. Denn Sie wirkt als unsichtbare Ankettung, die die Anhänger eines solchen weltanschaulichen Imperativs (beispielsweise des asketischen Ideals) bindet und sie hindert, ein Leben von Intensität und Expansion zu führen.7

Ausgehend von den dargelegten subjekttheoretischen Prämissen kann mit tieferem Verständnis an eine Exegese des behandelten genealogischen Werkes herangegangen werden.

3. Die (christliche) Moral als Hemmnis für das Leben

3.1. Die „Heerde“ und der „Herren-Mensch“ als Antagonisten

Ein Gegensatz zwischen der Heerde und dem vornehmen, individualistischen Herren-Menschen wird schon in der ersten Abhandlung aufgebaut. Hier betrifft es zunächst die Sprache. Nietzsche beschuldigt die bisherigen Erforscher der Moral eines Mangels an historischem Gespür. Schon bei der Setzung der Herkunft des Gegensatzpaares „gut“ und „böse“ gingen diese von falschen Prämissen aus. Sie behaupteten dabei, dass altruistische Handlungen von denen als gütig eingeordnet worden sind, denen sie erwiesen wurden, und denen sie nützlich waren. Diese Konklusion ist laut Nietzsche ahistorisch.8

„Gut“ entstand in seinen Augen aus Selbstlob und Eigenzuweisung der Eigenschaft „gut“, hier im Sinne von „vornehm“, und zwar von denen, die es sich erlauben konnten, sich für ihre eigenen Taten zu brüsten. Sie hatten es auchnichtnötig,durchNützlichkeitsdenkenihrenEgoismuszuverunreinigen:

Aus diesem Pathos der Distanz heraus haben sie sich das Recht, Werthe zu schaffen, Namen der Werthe auszuprägen, erst genommen: was gieng sie die Nützlichkeit an! Der Gesichtspunkt der Nützlichkeit ist gerade in Bezug auf ein solches heisses Herausquellen oberster rang-ordnender, rang-abhebender Werthurtheile so fremd und unangemessen wie möglich.9

[...]


1 Da es nach Ansicht des Verfassers den Ton der Originalschrift besser trifft, werden Schlüssel- begriffe Nietzsches zuweilen in der ursprünglichen Orthografie belassen. Beispielhaft hierfür ist der Terminus Heerde.

2 Nietzsche bezeichnet die Moral in seinen nachgelassenen fragmentarischen Schriften dezidiert als Dekadenzphänomen. Vgl. Nietzsche, Nachgelassene Fragmente, Berlin/München 1967ff., KSA 13, 14[158].

3 Saar, Martin, Genealogie als Kritik. Geschichte und Theorie des Subjekts nach Nietzsche und Foucault, Frankfurt am Main 2007, S. 103.

4 Ebd., S. 106.

5 Saar, S. 254.

6 Ebd., S. 340f.

7 Vgl.Saar,S.112ff.

8 Eigentlich wäre der natürliche Antipode der Herren-Menschen der später vorgestellte Priester. Aus Sicht des Verfassers können die Unterschiede zwischen Christentum und Barbarentum in der folgenden Ordnung besser herausgearbeitet werden. Der Priester wird im Rahmen des asketischen Ideals und dessen Figuren vorgestellt.

9 Nietzsche, Friedrich, Zur Genealogie der Moral, Berlin/München 1967ff., S. 259. Im Folgenden: GM.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Nietzsches "Zur Genealogie der Moral". Das Werk als moralgeschichtliche Abhandlung auf subjekttheoretischer Grundlage, unter Berücksichtigung von Nietzsches Lebensphilosophie
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
22
Katalognummer
V503030
ISBN (eBook)
9783346047328
ISBN (Buch)
9783346047335
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nietzsches, genealogie, moral, werk, abhandlung, grundlage, berücksichtigung, lebensphilosophie
Arbeit zitieren
Raimo Riedel (Autor), 2017, Nietzsches "Zur Genealogie der Moral". Das Werk als moralgeschichtliche Abhandlung auf subjekttheoretischer Grundlage, unter Berücksichtigung von Nietzsches Lebensphilosophie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/503030

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