Im Zentrum dieser Auseinandersetzung mit Thomas Manns Novellen und Benns "Marburger Rede" stehen die Frage nach dem Leiden an der Autorschaft und dessen psycho-physische Bestimmung. Die Künstler-Bürger-Problematik ist für Thomas Mann bekanntermaßen zentral, ihr widmen sich u.a. die Kapiteln "Künstler und Gesellschaft", "Zucht und Zügellosigkeit", "Der Dichter als verdächtiges Subjekt". Außerdem: Gottfried Benns Status als Gefühls-Verweigerer, sein Konzept eine neuen Dichtung, der poiesis-Begriff.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zum dichterischen Selbstverständnis Thomas Manns
3. Benns Status als Gefühls-Verweigerer
4. Die neue Dichtung
5. Exkurs: Missionare der Kälte
5.1. Michel Houellebecq: Elementarteilchen
6. Der poiesis-Begriff
6.1. Ein Kunstprodukt: Wälsungenblut
7. Zum Wesen des Künstlertums
7.1. Künstlertum bei Thomas Mann
7.2. Künstler und Gesellschaft
7.3. Zucht und Zügellosigkeit
7.4. Der Dichter als verdächtiges Subjekt
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht das Leiden an der Autorschaft und dessen psycho-physische Bestimmung sowie die komplexe Beziehung zwischen Künstler und Gesellschaft anhand der Kurzprosa von Thomas Mann und der poetologischen Grundsatzrede von Gottfried Benn.
- Das dichterische Selbstverständnis bei Thomas Mann.
- Benns Position zur Ästhetik und seine Ablehnung des "Stimmungsmäßigen".
- Die Rolle der "Kälte" und Kälte-Metaphorik in der Literatur.
- Die Begriffe "poiesis" und "Artistik" als formgebende Prinzipien.
- Die Problematik von "Zucht und Zügellosigkeit" im Künstlerdasein.
Auszug aus dem Buch
6.1. Ein Kunstprodukt: Wälsungenblut
Zunächst einmal wird die Eingangsszene von Wagners Walküre geschildert. Einige Andeutungen („Sturm, Sturm...“) genügen, um dem Leser Ort und Geschehen der Handlung in Erinnerung zu rufen. Anders als heute muß davon ausgegangen werden, daß zur Entstehungszeit der Novelle Wagners musikalische Dramen, und damit auch die Walküre, einem breiten Theaterpublikum und einem großen Teil der Leserschaft bekannt waren, zumal in Übereinstimmung mit der Décadence die Wagner-Schwärmerei, der sogenannte Wagnerismus, zur seelischen Grundbefindlichkeit der Epoche gehörte. Doch auch weniger eingefleischte Wagnerianer können der Opernhandlung folgen, die Thomas Mann chronologisch wiedergibt und unter Einbeziehung der Wagnerschen Regieanweisungen „verwertet“, indem er sie für seine Zwecke interpretiert und ergänzt.
Der emphatische Einstieg mit der Iteratio „Sturm, Sturm...“ bezieht sich auf Wagners einstimmende Worte in der Regieanweisung der Walküre: „Ein kurzes Orchestervorspiel von heftiger, stürmischer Bewegung, leitet ein. (...) Starkes Gewitter, im Begriff sich zu legen.“ (1997: 7) Bei Thomas Mann heißt es weiter: „Sturm und Gewitterbrunst, Wetterwüten im Walde.“ Bezeichnend hier das Kompositum „Gewitterbrunst“, das wir als ein Beispiel für Thomas Manns Kunstgriff der ironischen Brechung durch Genauigkeit der Beschreibung werten dürfen. Auffällig ist der Klangwert des obigen Zitates: Stabreim und Assonanz (4x „w“) schaffen ein düsteres Lautgewebe und nehmen wortspielerisch den Wagnerschen Sprachduktus aufs Korn. Ein weiteres Beispiel für einen solchen parodistischen Seitenhieb auf Lautebene folgt einige Zeilen später: „Seine [Siegmunds] blauen Augen unter den blonden Brauen, dem blonden Stirngelock seiner Perücke, waren gebrochenen Blicks, wie bittend, auf den Kapellmeister gerichtet.“ Und am Beginn des nächsten Absatzes: „Eine Minute verging, ausgefüllt von dem singenden, sagenden, kündenden Fluß der Musik, die zu den Füßen der Ereignisse ihre Flut dahinwälzte...“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Autorschaft ein und umreißt die methodische Herangehensweise an die Texte von Thomas Mann und Gottfried Benn.
2. Zum dichterischen Selbstverständnis Thomas Manns: Dieses Kapitel analysiert das "Leiden an der Autorschaft" und die "Künstler-Bürger-Problematik" als zentrale Motive im Werk Thomas Manns.
3. Benns Status als Gefühls-Verweigerer: Es wird der Wandel von Benns literarischer Produktion und seine Abkehr von stimmungsbasierter Lyrik hin zur "Artistik" untersucht.
4. Die neue Dichtung: Das Kapitel betrachtet Benns poetologische Entwürfe und vergleicht diese mit Thomas Manns Dichtungsverständnis.
5. Exkurs: Missionare der Kälte: Hier wird das Motiv der "Kälte" als literarisches Gestaltungsmittel beleuchtet.
5.1. Michel Houellebecq: Elementarteilchen: Eine spezifische Analyse des Romans im Hinblick auf seine soziologische Perspektive und Temperatur-Metaphorik.
6. Der poiesis-Begriff: Fokus auf die Etymologie von "Poesie" als "Machen" und den Prozess der Formgebung.
6.1. Ein Kunstprodukt: Wälsungenblut: Eine linguistische Analyse der Opernszene in "Wälsungenblut" hinsichtlich ihrer ironisierenden Stilmittel.
7. Zum Wesen des Künstlertums: Zusammenfassende Untersuchung der Bestimmungsmerkmale einer Künstlernatur.
7.1. Künstlertum bei Thomas Mann: Detaillierte Betrachtung des Künstlertums als Schicksal und biologisch-soziologische Bestimmung.
7.2. Künstler und Gesellschaft: Analyse der Opposition zwischen dem "Typus des Künstlers" und der bürgerlichen Mitte.
7.3. Zucht und Zügellosigkeit: Untersuchung dieses zentralen Komplexes als grundlegendes Spannungsfeld im Leben und Werk des Künstlers.
7.4. Der Dichter als verdächtiges Subjekt: Abschlussbetrachtung zur Fragwürdigkeit und Anstößigkeit des Künstlerdaseins.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Gottfried Benn, Künstlertum, Autorschaft, Poetik, Zucht und Zügellosigkeit, Literaturtheorie, Moderne, Kälte-Metaphorik, Wälsungenblut, Elementarteilchen, Künstler-Bürger-Problematik, Artistik, Formgebung, Dekadenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Aspekte der Autorschaft und das Leiden am künstlerischen Dasein in den Texten von Thomas Mann und Gottfried Benn.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die Künstler-Bürger-Problematik, die Rolle der Form in der Lyrik, sowie das Spannungsfeld zwischen künstlerischem Genie und gesellschaftlicher Isolation.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, das dichterische Selbstverständnis und die spezifischen poetologischen Programme der beiden Autoren durch eine textnahe Analyse zu erörtern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philologische und literaturwissenschaftliche Herangehensweise, die den Text ins Zentrum stellt, ergänzt durch linguistische Analysen und den Rückgriff auf zeitgenössische Theorien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Analysen zu Thomas Manns Novellen, Benns poetologischer Rede sowie einem Exkurs zu Michel Houellebecq, wobei insbesondere Form- und Künstlertumsfragen im Vordergrund stehen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Künstlertum, Autorschaft, Zucht, Zügellosigkeit, Artistik, Dekadenz und Literaturtheorie sind die prägenden Begriffe.
Warum wird im Rahmen der Arbeit Michel Houellebecq behandelt?
Er dient als Exkurs, um den Aktualitätsanspruch des Seminars "Elemente aktueller Literaturtheorie" zu verdeutlichen und das Motiv der "Kälte" in zeitgenössischer Literatur zu untersuchen.
Wie definiert Thomas Mann das Verhältnis von Zucht und Zügellosigkeit?
Er sieht diese als zwei Seiten einer Medaille, wobei der Künstler gezwungen ist, seine Zügellosigkeit durch eine strenge, disziplinierte Lebens- und Arbeitsweise in Form zu bringen.
- Quote paper
- Kristina Werndl (Author), 2002, Aspekte der Autorschaft in der Kurzprosa Thomas Manns und in Benns Rede 'Probleme der Lyrik', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50326