Kurzlebige Zivilgesellschaften. Die "Hundert-Blumen-Bewegung" in Vietnam und China


Hausarbeit, 2019

16 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung – Was ist die Hundert-Blumen-Bewegung?

II. „Hundert Blumen“ Bewegung in Vietnam
1. Hintergrund
2. Ereignisse

III. „Hundert Blumen“ Bewegung in China
1. Hintergrund
2. Ereignisse

III. Vergleich und Ausblick

Literaturverzeichnis

I. Einleitung – Was ist die Hundert-Blumen-Bewegung?

Die Hundert-Blumen-Bewegung findet ihren historischen Ursprung in China und Vietnam. Sollte man die Geschichte noch genauer und konkreter beschreiben, handelt es sich um die Volksrepublik China und die Demokratische Republik Vietnam (Việt Nam Dân chủ Cộng hòa). Es muss noch im Voraus festgestellt werden, dass das einzige Land, das tatsächlich in der Geschichte die Bezeichnung „Hundert-Blumen-Bewegung“ verwendet hat, China ist. Im asiatischen Kulturraum wird diese Bewegung in Vietnam normalerweise als Phong trào Nhân Văn - Giai Phẩm bezeichnet. In der deutschen Sprache bezeichnet man diese Bewegung als „Bewegung für Humanität und Meisterwerk“ nach den zwei symbolischen Zeitungen dieser Bewegung. Wie diese Bezeichnung „Hundert Blumen“ für diese Bewegung entstand, lässt sich nur schwer durch Indizien ermitteln. Wie Herr Heinz Schütte in seinem Artikel „Kurzlebige Hundert Blumen in Vietnam“ geschrieben hat, hat der französischen Autor Georges Boudarel im Jahr 1991 ein kleines Buch für einen kleinen Adressatenkreis veröffentlicht, welches die Ereignisse in dieser Bewegung umfassend dargestellt hat.1 Dieses Buch hat auch einen poetischen Namen, „Cent fleurs écloses dans la nuit du Vietnam“, in der deutschen Sprache „Hundert Blumen blühen in der Nacht in Vietnam“. Ich vermute, dass die Verwendung dieser Bezeichnung für diese Bewegung im europäischen Kulturraum höchst wahrscheinlich auf dieses Buch zurückzuführen ist. Allerdings ist positiv anzumerken, dass aus kultureller Sicht „Hundert Blumen“ diese Bezeichnung die damaligen Ereignisse und die Auswirkungen in dieser Periode auf einer abstrakten Weise dargestellt hat. „Hundert“, dieses Wort (bǎi) auf Chinesisch oder trăm auf Vietnamesisch, bedeutet nicht nur die konkrete Zahl Hundert, vielmehr verwendet man dieses Wort, wenn man eine unbestimmte Mehrzahl oder eine Unzählbarkeit ausdrücken will. Das Wort „Blume“, auf Chinesisch (huā) oder auf Vietnamesisch hoa, bedeutet nicht nur die Pflanze oder konkret Blütenpflanze, sondern im ostasiatischen (Vietnam liegt zwar geografisch im Südostasien, deren Kultur ist jedoch eher ostasiatisch ausgeprägt) Kulturraum wird dieses Wort als ein Synonym für die Zukunft oder die Hoffnung verwendet. Beispielweise bezeichnet man die Jugendlichen immer als die Blumen des ganzen Landes. Dieser Vergleich zeigt, was für eine wichtige kulturelle Bedeutung „Blume“ in Ostasien sowie in Vietnam hat. Hinsichtlich dieser Bezeichnung bringt „Hundert Blumen“ nicht nur zum Ausdruck, dass in dieser Periode in Vietnam sehr viele neuen Werke veröffentlicht wurden, sondern vielmehr, dass man in dieser Periode durch solche Werke wieder Hoffnung für die Zukunft Vietnams, das heißt die künftigen Generationen in Vietnam, sieht. In dieser Hinsicht halte ich diese Bezeichnung für passender und zusammenfassender.

In dieser Arbeit stelle ich die Hintergründe und die konkreten bedeutsamen Ereignisse zu der jeweiligen „Hundert Blumen Bewegung“ dar. Im Anschluss folgt ein historischer Vergleich, wo ich unter verschiedenen Gesichtspunkten die Ähnlichkeiten und die Unterschiede präsentieren werde. Als Ergebnis dieser Arbeit fasse ich noch kurz die Auswirkung dieser zwei Bewegungen in den jeweiligen Ländern zusammen.

II. „Hundert Blumen“ Bewegung in Vietnam

1. Hintergrund

Die „Hundert Blumen“ Bewegung in Nordvietnam fand nicht rein zufällig statt, sondern war sehr stark historisch bedingt und stellte eine klare Antwort auf die damalige politische und gesellschaftliche Entwicklung in Nordvietnam dar.

Kurz vor dieser Bewegung stellte Ho Chi Minh klar, dass der Widerstand gegen das französische Kolonialregime nicht nur militärisch, sondern auch ideologisch geführt werden musste. Aufgrund dieser Richtlinien tendierte die Literatur im damaligen Nordvietnam dazu, sich immer mehr der Politik anzupassen und je nach dem Bedürfnis der politischen Führung anders zu gestalten.

Der Einfluss vom benachbarten China spielte auch eine ausschlaggebende Rolle. Dieser Einfluss entstand durch einen Beschluss im dritten Kongress der vietnamesischen kommunistischen Partei, in dem die Hinwendung Vietnams zu China offiziell festgelegt wurde.2 Durch die Einführung des Maoismus, die Veranstaltung von Umerziehungskursen, und die weitere Befreiung von den nördlichen Grenzgebieten wurde die nationale Reform in Vietnam auf der chinesischen Weis in Gang gesetzt.3 Am Beispiel Chinas wurde auch die Bodenreform im Jahr 1953 begonnen. Das Ziel dieser Bodenreform war, die Bauer*Innen für den Widerstand gegen die Kolonialmächte zu begeistern, weil die Kolonialmächte die Sprecher für Kapitalismus und die großen Bodeneigentümer waren, die den Bauer*Innen den Boden entnommen haben. Jedoch entsprach diese Reform der Wirklichkeit in Vietnam insofern nicht, dass es in Vietnam nur kleines Bauerntum gab und viele Bodenbesitzer schon im Krieg weggeflohen sind.4 Daher ist es überzeugender, dass die Bodenreform von Ho Chi Minh tatsächlich die Gesellschaft umgestalten und den Klassenkampf führen wollte. Für diesen Klassenkampf war die Literatur wiederum ein erforderliches Propagandamittel, was dazu führte, dass die Kreativität derart eingeschränkt wurde, dass sie nur die Artikel schreiben durften, die den Klassenkampf und die Bodenreform positiv darstellten. Aufgrund dieses Klassengedanken wurden Umerziehungskurse vor allem für Intellektuelle organisiert, die eine französische Schule besucht haben.5 Die Bodenreform wurde auch von der Säuberung in der Partei, im Staat und in den Massenorganisationen begleitet, was zur Folge hatte, dass die bäuerliche Schicht langsam an die Macht kam.6 Die Intellektuellen wurden immer weiter von der Macht und dem politischen Zentrum weggedrängt. Unter den Intellektuellen wurde der Wille nach einer kulturellen Veränderung immer stärker. Dieser Wille spiegelte sich in den 32 Punkten wider, die die Intellektuellen gestellt haben. Mit diesen 32 Punkten verlangten die Intellektuellen vor allem die Rückgabe der Verantwortung für Kunst und Literatur an Schriftsteller und Künstler.7 Dieses Verlangen war auch der erste Versuch in der vietnamesischen Geschichte, eine Zivilgesellschaft anzustreben. Allerdings wurden diese 32 Punkten kategorisch abgelehnt; dies führte daher zu weiteren Versuchen unter den Intellektuellen in der Gesellschaft.

2. Ereignisse

Wie oben schon kurz erwähnt, hat diese Bewegung im vietnamesischen Sprachgebrauch eine andere Bezeichnung, namentlich Phong trào Nhân Văn - Giai Phẩm. Diese Bezeichnung stellt in der Tat eine kurze Zusammenfassung von dieser Bewegung dar, da in dieser Bewegung zwei Zeitschriften in der vietnamesischen Sprache herausgegeben wurden. Es war auch nicht unüblich, Zeitschriften herauszugeben, diese Zeitschriften richteten sich jedoch direkt gegen die geltenden Richtlinien, die vom Vorsitzenden der kommunistischen Partei Vietnams Ho Chi Minh gestellt wurden. In einem Brief von ihm an die sogenannten „Genossen. Maler“ im Dezember 1951 hat er klargestellt, dass der Widerstand gegen das französische Kolonialregime nicht nur militärisch, sondern auch ideologisch durchgeführt werden musste.8 Dieser Brief kann auch so verstanden werden, dass die Kunst der Politik dienen soll. Damit begann die Zeit in der nur die politisch motivierten und parteilobenden Artikel veröffentlicht wurden. Diese Politik wurde von diesen Zeitschiften nicht beachtet. Die Schriftsteller von diesen zwei Zeitschriften schrieben hauptsächlich regierungskritische Artikel und strebten die Meinungsfreiheit und Äußerungsfreiheit an.

Es folgt ein Ausschnitt eines Gedichts von einem damaligen engagierten Dichter Trần Dần,

„Tôi ở phố Sinh Từ

Những ngày ấy bao nhiêu thương xót

Tôi bước đi

Không thấy phố

Không thấy nhà

Chỉ thấy mưa sa

Trên màu cờ đỏ“9

Anbei ist eine deutsche Version von mir,

„Ich war auf der Sinh Từ Straße

Diese Tage waren nicht so angenehm

Ich ging weg

(Sah) Keine Straße

Kein Haus

Nur Regen

Auf der roten Flagge“

In diesem Gedicht beschrieb der Dichter Trần Dần, was er auf einer Straße in dem nordvietnamesischen Hanoi gesehen hat. Nach dem Krieg wurde Vietnam, das in der Geschichte zwar auch kein einheitliches Land war, in zwei Teile unterteilt, die verschiedene Ideologien teilten. Viele Vietnamesen verließen das nordvietnamesische Hanoi und zogen nach Südvietnam. Die Konsequenz war, dass das damalige lebendige Hanoi nunmehr „menschenleer“ war.10 Das war ohne Zweifel eine miserable Konsequenz, die die Bevölkerung vom Sieg des Kriegs durch die kommunistische Partei nicht erwartete. Das regnerische Szenario verstärkt noch das miserable Gefühl dieses Dichters. Im Regen ist die Flagge wegen der Nässe noch dunkelroter als sonst. Im kommunistischen Gedanken bedeutet die rote Farbe das Blut, das die Soldaten verloren, um den ideologischen Sieg zu erlangen. Jedoch wirkte diese rote Farbe im Regen auf einer menschenleeren Straße tragisch, obwohl die rote Farbe nicht nur die nationale Farbe des Nordvietnams war, sondern auch in der asiatischen Kultur Glück bedeutet. Dieser Kontrast deutet die starke Unzufriedenheit an, die nicht nur der Dichter bezüglich der Regierung hatte, sondern die sich innerhalb der ganzen Bevölkerung widerspiegelte. Seine Stellung als Sprecher für die ganze Bevölkerung ist durch das Ergebnis belegt, dass nach der Veröffentlichung dieses Gedichtes die Studenten und die Akademiker in Hanoi und den anderen Städten in Nordvietnam dieses Gedicht häufig im Alltag zitierten.11

Das obenstehende Gedicht war nur eins von den zahlreichen Gedichten, die im Wege dieser Bewegung bekannt geworden sind. Diese Bewegung begann mit der Zeitschrift „Giai phẩm mùa Xuân (Frühlingsausgabe)“ im Februar unter der Beteiligung eines Kaders des Zentralkomitees für Propaganda (Cục Tuyên huấn) Lê Đạt12.

In dieser Frühlingsausgabe ist, vor allem wegen der Kritik gegen den Personenkult von Ho Chi Minh, ein Gedicht von Lê Đạt bis heute sehr bekannt (im Sinne von oft zitiert).

Es folgt ein Ausschnitt dieses Gedichts:

„Những kiếp người sống lâu trăm tuổi 13

Y như một cái bình vôi

Càng sống càng tồi,

Càng sống càng bé lại.” 14

Anbei ist noch eine deutsche Version von Heinz Schütte,

„Manche Menschen leben ein Jahrhundert lang,

So wie die Kalktöpfe.

Je länger sie leben, desto unnützer werden sie.

Je länger sie leben, desto enger werden sie.“15

Der Personenkult ist der asiatischen Kultur nicht fremd und die Kaiser und Könige in Asien haben in der Geschichte immer versucht, nach den Möglichkeiten von Unsterblichkeit zu suchen. Von solchen Versuchen leitet sich die Bezeichnung „万岁“ oder „vạn tuế/ muôn năm“ ab, was zehntausend Jahre bedeutet. Dieser Personenkult ist in China und in Vietnam in einer ähnlichen Weise dargestellt, da die Bevölkerung in China „毛主席万岁“ rief und die Bevölkerung in Nordvietnam „Hồ Chí Minh muôn năm!“ rief. In diesem Gedicht deutet Lê Đạt an, dass der Ho Chi Minh, der wie Mao Ze Dong zehntausend Jahre leben wollte, unter dem Einfluss von Maoismus immer falsche Entscheidungen traf. Dieser Vergleich von Ho Chi Minh mit Kalktöpfe hat die Toleranzgrenze der Regierung erreicht und dieser erste Versuch war gescheitert mit der Folge, dass Lê Đạt eine Selbstkritik schreiben musste und die anderen teilnehmenden Dichter und Akademiker ins Gefängnis geschickt werden mussten.16

[...]


1 Schütte, Heinz, Kurzlebige Hundert Blume in Vietnam 1955-1957, in International Asienforum, Vol. 33 (2002), No. 3-4, S. 271

2 Hy Van Luong, Revolution in the Village: Tradition und Transformation in North Vietnam, 1925-1988, Honolulu 1992, S158.

3 Hoàng Văn Chí, From Colonialism to Communism; A Case History of North Vietnam, Frederick A. Praeger,1968, S.85.

4 Benard B. Fall, The Two Vietnams: A political and military analysis, S. 308.

5 Vgl. Schütte, Heinz, Kurzlebige Hundert Blume in Vietnam 1955-1957, in International Asienforum, Vol. 33 (2002), No. 3-4, S. 277.

6 Vgl. Schütte, Heinz, Kurzlebige Hundert Blume in Vietnam 1955-1957, in International Asienforum, Vol. 33 (2002), No. 3-4, S. 278.

7 Vgl. Schütte, Heinz, Kurzlebige Hundert Blume in Vietnam 1955-1957, in International Asienforum, Vol. 33 (2002), No. 3-4, S. 280.

8 Schütte, Heinz, Kurlebige Hunder Blume in Vietname 1955-1957, in International Asienforum, Vol. 33 (2002), No. 3-4, S. 273

9 https://www.thivien.net/Trần-Dần/Nhất-định-thắng/poem-o5a4adSrtCLxuC-rU-1LSw, abgerufen am 26.08.2019.

10 Vgl. Van Nguyen Duong, The Tragedy of the Vietnam War: A South Vietnamese Officer’s Analysis, S. 50.

11 Vgl. Van Nguyen Duong, The Tragedy of the Vietnam War: A South Vietnamese Officer’s Analysis, S. 50.

12 Vgl. Van Nguyen Duong, The Tragedy of the Vietnam War: A South Vietnamese Officer’s Analysis, S. 49.

13 Anm., teilweise những người sống lâu trăm tuổi (vgl. Van Nguyen Duong, The Tragedy of the Vietnam War: A South Vietnamese Officer’s Analysis, S. 50.).

14 https://danlambaovn.blogspot.com/2019/05/van-nhu-ong-binh-voi.html ,abgerufen am 26.08.2019.

15 Schütte, Heinz, Kurzlebige Hundert Blume in Vietnam 1955-1957, in International Asienforum, Vol. 33 (2002), No. 3-4, S. 288.

16 Schütte, Heinz, Kurzlebige Hundert Blume in Vietnam 1955-1957, in International Asienforum, Vol. 33 (2002), No. 3-4, S. 278.

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Details

Titel
Kurzlebige Zivilgesellschaften. Die "Hundert-Blumen-Bewegung" in Vietnam und China
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Ethnologie)
Veranstaltung
People Power, Safran Revolution und 100 Blumen: Zivilgesellschaft und soziale Bewegungen
Autor
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V503297
ISBN (eBook)
9783346118080
ISBN (Buch)
9783346118097
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Südostasien, 100 Blumen, People Power, Safran Revolution, China, Vietnam, Zivilgesellschaft
Arbeit zitieren
Yizhou Liu (Autor), 2019, Kurzlebige Zivilgesellschaften. Die "Hundert-Blumen-Bewegung" in Vietnam und China, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/503297

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