Die existenzielle Daseinsproblematik des Menschen in der Moderne

Reflexion, Illusionslosigkeit und Entfremdung in Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften" und Thomas Manns "Doktor Faustus"


Bachelorarbeit, 2019

53 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Protest gegen die Entfremdung: Die Philosophie Nietzsches als Bezugsrahmen

3. Zeithistorischer Kontext: Die entzauberte Wirklichkeit

4. Reflexion, Illusionslosigkeit und Entfremdung
4.1 Die Entwirklichung der Moderne
4.2 Radikale Reflexion von Selbst und Zeit
4.3 Affekt und Intellekt als Antinomie

5. Die Utopie des anderen Zustandes

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Es ist die Funktion der Vernunft, die Kunst des Lebens zu fördern.“1 Das Gefühl der Menschen, so heißt es im Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil, habe jedoch „noch nicht gelernt, sich ihres Verstandes zu bedienen, und zwischen diesen beiden liegt ein Unterschied in der Entwicklung, der fast so groß ist wie der zwischen dem Blinddarm und der Großhirnrinde.“2 Die

innere Dürre, die ungeheuerliche Mischung von Schärfe im Einzelnen und Gleichgültigkeit im Ganzen, das ungeheure Verlassensein des Menschen in einer Wüste von Einzelheiten, seine Unruhe, Bosheit, Herzensgleichgültigkeit ohnegleichen, Geldsucht, Kälte und Gewalttätigkeit, wie sie unsre Zeit kennzeichnen, sollen […] einzig und allein die Folge der Verluste sein, die ein logisch scharfes Denken der Seele zufügt! (MoE, S. 40)

Diese Ambivalenz, die im Innern aufklafft, scheint charakteristisch für den Menschen in der Moderne zu sein und zugleich seine Entfremdung zu bewirken. Der Mensch mit seinem Fühlen und Streben nach Sinnhaftigkeit, steht jenem logisch scharfen Denken, überhaupt der rationalistischen Weltauffassung der Moderne, anachronistisch gegenüber. Die Folge dessen: die stetige Absorption der Seele zugunsten des rationalistischen Weltbezuges und damit der Verlust der Unmittelbarkeit zum eigenen Erleben. Dadurch wird, wie es scheint, eben nicht die Kunst des Lebens gefördert, sondern sich vielmehr von ihr entfernt, von den „Quellen des Lebens“3, in den Fesseln einer überlebten Zivilisation liegend (vgl. ibid.). Man hat Wirklichkeit gewonnen, indem man die Welt durch eine rationalistische Haltung zu enträtseln versucht, das Geheimnis des Lebens dadurch zu entschlüsseln vermeint, indem man es durch empirische Fakten beleuchtet, wodurch der Zauber und die Unvorhersehbarkeit des Lebens gänzlich eingebüßt zu werden scheinen.

Der Protagonist des Mann ohne Eigenschaften, Ulrich, charakterisiert sich ebenso wie der des Doktor Faustus von Thomas Mann, Adrian Leverkühn, durch seine sensitive Verbundenheit mit der eigenen Zeit, sodass diese klarsichtig wahrgenommen wird, zugleich deshalb aber auch ein Leiden evoziert, weil die Zeitproblematik einerseits im eigenen Wesen verankert ist, ihr andererseits anachronistisch gegenüber gestanden wird. Beide träumen, konfrontiert mit der Zergliederung und Auflösung der Moderne, von einer ganzheitlichen und mithin schöpferischen Existenz. Die Grundlage des Vergleichs dieser Arbeit ist das subjektive Erleben beider Protagonisten der Problematik der Moderne. Es wird der Frage nachgegangen, was diese existenzielle Daseinsproblematik zum Einen auf reflexiver Ebene bedeutet, eine gleichsam stagnierend wirkende Illusionslosigkeit, zum Anderen auf emotionaler: der Verlust des Traumes, der eigenen Unmittelbarkeit zum Leben, des nicht-rationalen Weltbezuges als Gefahr für die Seele. Wesentlich hierbei ist, dass im Doktor Faustus insbesondere die Zeit vor dem Teufelspakt im Fokus liegt und jener Zustand nach der Intoxikation der Utopie des anderen Zustandes Ulrichs gleichgesetzt wird. Vor diesem Hintergrund wird Friedrich Nietzsches Philosophie als Bezugsrahmen gesetzt, da diese essentielle Impulse für Robert Musil wie Thomas Mann im Protest gegen die moderne Entfremdung gegeben hat.

So

leben wir heute, vom Dämonischen des Daseins angerührt, im Unheimlichen einer Hölle der Physik, und der Kosmos einer Welt von ordnungsmäßig untereinander kreisenden Weltsystemen und Atomen hat begonnen, quantenhaft ins Nichts zu springen, sich ins Nichts fortzustrahlen, um aus diesem sogenannten Nichts von irgendwoher wieder aufzutauchen, so daß gerade dieses Nichts jenseits unserer Erfahrung zu einer der großen Erfahrungen unserer Zeit geworden ist.4

2. Protest gegen die Entfremdung: Die Philosophie Nietzsches als

Bezugsrahmen

Die Zeit um die Jahrhundertwende wird insbesondere in der Literatur als die Zeit der Dekadenz oder des Fin de Siècle bezeichnet. In der philosophischen Strömung nimmt Friedrich Nietzsche (*1844, †1900) eine herausragende Stellung ein, denn er gilt als der Prophet der Moderne, der klar- und weitsichtig die Problematik des 20. Jahrhunderts in seinem Werk voraussagt. So beschreibt ihn Thomas Mann „als hellsichtigen Psychologen, der wie kein anderer seiner Zeit die mentalen Pathologien der bürgerlichen Gesellschaft aufgedeckt habe.“5 Nietzsche wendet sich gegen alle gesellschaftlichen Werte, die seine Zeit prägen, insbesondere gegen die klerikale Huldigung des jenseitigen Lebens und erhebt vielmehr das Diesseits zum absoluten Wert. In der Vorstellung der Sündhaftigkeit des Physischen sieht er klar dessen Verfall und stellt dieser sein Postulat einer großen Gesundheit entgegen, die der „tatsächlichen Lebensverarmung der Modernität“6 gegenübersteht. Denn der moderne Mensch charakterisiert sich keineswegs durch eine große Gesundheit, vielmehr erscheint er als müdes Glied in einer nivellierenden Massengesellschaft, in der die technischen Prozesse kontinuierlich überhandnehmen und der Mensch dadurch in einen Prozess der Entfremdung gerät. Diese Thematik ist bei Nietzsche wesentlich, denn vor jenem Hintergrund unternimmt er die „Umwertung aller Werte“, indem alles Bisherige überwunden werden solle und sich daraus ein neuer Mensch, der Übermensch, emporhebe. Dadurch distanziert er sich vom Idealismus mit seinem Pathos der Subjektivität und Innerlichkeit und kreiert eine neue Moralphilosophie. „Das ‚positiv‘ Gewordene soll zertrümmert werden. Es gibt keine Götter mehr, nur noch Götzen. Eine neue und permanent neu sich gebärende Unmittelbarkeit ist die verzweifelt-euphorische Hoffnung Nietzsches: der Traum von einem nicht entfremdeten Leben.“7 Obwohl er die Symptome der dekadenten Zeit kritisiert, hebt er doch ihren Wert hervor, denn erst diese verhelfen dem Menschen zu jener großen Gesundheit. Man könne erst einen Zustand der Ganzheitlichkeit erreichen, wenn man sich auch im Zustand des Leidens, des Mangels und Verfalls befunden habe.

Die Protagonisten Ulrich im Mann ohne Eigenschaften und Adrian im Doktor Faustus weisen nicht nur stark biographische wie charakterliche Ähnlichkeiten mit Nietzsche auf, sondern auch zentrale Aspekte seiner Philosophie haben Robert Musil wie Thomas Mann in ihre Romane einfließen lassen, die sich beide aus Nietzsches Philosophie als einer zeitgenössischen Quelle der modernen Daseinsproblematik nähren, sodass diese im Folgenden knapp dargestellt werden.

Im Mann ohne Eigenschaften lässt sich insbesondere Nietzsches Perspektivismus neben seiner Moralphilosophie und Geniekonzeption wiederfinden. Nietzsche zielt mit seinem Perspektivismus auf die Negation einer absolut objektiven Wahrheit, wodurch lediglich unterschiedlich perspektivische Erkenntnisse existieren. Dadurch betont er, „welche Funktion, welcher Wert ihnen hinsichtlich einer Förderung bzw. Hemmung des Lebens zukommt, d.h. in ihrer ‚Bedeutung für das menschliche Leben‘.“8 Im Mann ohne Eigenschaften findet sich Nietzsches Perspektivismus vor allem darin, dass unendliche Interpretationen eben neue Möglichkeiten miteinschließen, in denen es in Ulrichs Konstrukt des Möglichkeitssinns geht, was unter Punkt 4.2 eigens beleuchtet wird. Der andere, neue Mensch (gemäß Nietzsches Übermensch) charakterisiert sich durch eine geistig mutige Experimentierhaltung, wodurch alles Gegebene in Frage gestellt wird. Der Übermensch zielt aber auf keinen Zustand hin, sondern geht fortwährend über sich selbst hinaus.

Nicht ein irgendwann erreichter oder als erreichbar vorzustellender Typus ist […] der Übermensch, vielmehr eine unendliche Progression, in der jeder Zustand sofort wieder aufgehoben wird zugunsten eines noch ferneren und höheren. Daraus ergibt sich eine innere Dynamik, die prinzipiell nichts fixiert und alles offenhält.9

Auch Ulrich charakterisiert sich durch eine vergeistigte Haltung, die Distanz zur normierten Wirklichkeit, und überhaupt zeigt seine experimentelle Lebensauffassung das Verlangen, die starr gewordene Lebensweise der Moderne durch etwas Neues ersetzen zu wollen, denn er erfasst die Identifikation mit tradierten Rollenbilder seiner Mitmenschen und sehnt sich nach einem unmittelbar authentischen Ausdruck. Die Suche nach diesem Ausdruck nimmt als Basis eine neue Moral, die sogenannte Genie-Moral, die auch das eigentlich moralisch und intellektuell Illegetime miteinschließt. Aspekte aus Nietzsches Perspektivismus und seiner Moralphilosophie sind im Mann ohne Eigenschaften eng verwoben mit der Identitätsproblematik. Nietzsche, der „die Begriffe Subjekt, Seele und Substanz als obsolet betrachtet und sie ad absurdum glaubt führen zu können, indem er ihren vermeintlichen Gegenstand als illusionär entlarvt“10 sowie die Philosophie Ernst Machs mit der These, dass es keine Einheit, keine Identität des Ich gebe, dies vielmehr eine Illusion, das Ich also unrettbar sei11, kulminieren so in der Illusionslosigkeit von Identität im Roman. Aber nicht nur die Identität wird im Roman als Illusion entlarvt, vielmehr wird anhand Nietzsches Perspektivismus die gesamte Historie als willkürlich und eigengesetzlich beschrieben, worauf der Titel des zweiten Romanteils „Seinesgleichen geschieht“ deutet. So verhält sich die Geschichte nach Nietzsche vielmehr genealogisch, denn die sinnhafte Aufeinanderfolge sei letztlich ebenfalls nur eine Illusion und so folgt eine Epoche der nächsten ohne zureichenden Grund, was Ulrich im Roman als „Prinzip des unzureichenden Grundes“ (MoE, S. 133) bezeichnet. Nach Nietzsche ist es letztlich nur Gewohnheit, was in einer bestimmten Epoche als moralisch gut oder schlecht bewertet wird, sodass sich dem Menschen kein neuer Möglichkeitsraum eröffnen kann, wenn die vorherrschende Moral nicht in Frage gestellt wird. Aus der Angleichung an die herrschenden Werte wird demnach Tradition und letztlich die Auffassung einer determiniert menschlichen Natur.

Thomas Mann hat sich für seinen Doktor Faustus nicht nur an biographischen Begebenheiten Nietzsches orientiert, wobei das Schicksal Adrian Leverkühns und Nietzsches so miteinander verflochten sind, dass der Name Nietzsche „wohlweislich in dem ganzen Buche nicht erscheint, eben weil der euphorische Musiker an seine Stelle gesetzt ist, so daß es ihn nun nicht mehr geben darf“12, sondern insbesondere an jenen irrationalen Elementen in der Philosophie Nietzsches. Für Thomas Mann ist Nietzsche die Verkörperung der modernen Zerrissenheit. Namentlich wurde Thomas Mann in seinem Künstlerverständnis durch die Begriffe des Apollinischen und Dionysischen geprägt, welche Nietzsche in seinem Werk Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik einführt. Diese zwei Pole setzen sich aus dem Apollinischen als Drang „zum vollkommenen Für-sich-sein, zum typischen ‚Individuum‘, zu Allem, was vereinfacht, heraushebt, stark, deutlich, unzweideutig, typisch macht: die Freiheit unter dem Gesetz“13 sowie dem Dionysischen zusammen, jener Drang

zur Einheit, ein Hinausgreifen über Person, Alltag, Gesellschaft, Realität, über den Abgrund des Vergehens: das leidenschaftlich-schmerzliche Ueberschwellen in dunklere, vollere, schwebendere Zustände; ein verzücktes Jasagen zum Gesammt-Charakter des Lebens, als dem in allem Wechsel Gleichen, Gleich-Mächtigen, Gleich-Seligen; die grosse pantheistische Mitfreudigkeit und Mitleidigkeit, welche auch die furchtbarsten und fragwürdigsten Eigenschaften des Lebens gutheisst und heiligt.14

Die Vollkommenheit des Lebens konstituiert sich folglich aus beiden Polen. Nietzsche ist nun jedoch der Ansicht, dass Religion, Moral und Philosophie dekadente Phänomene seien, die das Leben in seiner Dimension der Vollkommenheit mindern, sodass dieses ein Stadium jenseits der moralischen Kategorien von Gut und Böse realisieren müsse. Insbesondere durch das sich stark entwickelnde rational geprägte Weltbild in der Moderne betont Nietzsche das Element des Dionysischen emphatisch, denn die „Lebensfeindlichkeit des Erkennens besteht einmal darin, daß die kritische Reflexion und Analyse der Affekte und Gedanken die Unmittelbarkeit des menschlichen Daseins stört.“15 Die Kunst als Element des Dionysischen und die rationale Erkenntnis als das des Apollinischen verhalten sich also antagonistisch zueinander, wobei womöglich gerade dies das kreative Moment kreiert. Thomas Mann greift diese Thematik explizit im Doktor Faustus auf, denn das Teufelsbündnis, eben die Hingabe an jene dunkel irrationale Gewalt, symbolisiert das konfliktbehaftete Bedürfnis der Kunst, überhaupt des reflektierten Individuums in der Moderne, aus der Übermacht der sterilen Rationalität in das mystisch Irrationale zu brechen. Vor diesem Hintergrund werden ebenfalls Illusionen entlarvt wie die der Liebe, indem Adrian vielmehr das Interesse präferiert. „Dieses Interesse kennzeichnet das ästhetische Verhalten zu den Dingen, welches sich zugunsten des Ganzen niemals an das Einzelne und Eindeutige vollends verliert.“16 So heißt es: „Ästhetische Erlöstheit oder Unerlöstheit, das ist das Schicksal, das entscheidet über Glück oder Unglück, über das gesellige Zuhausesein auf Erden oder heillose, wenn auch stolze Vereinsamung.“ (DF, S. 412) Gerade diese stolze Vereinsamung wird Adrian aber zum Verhängnis, indem er in jenen dionysischen Schaffensrausch gelangen möchte. Es geht also um den Durchbruch aus der Prädomination des Apollinischen in einen neuen Zustand des Gleichgewichts beider Pole, um den Durchbruch „aus geistiger Kälte in eine Wagniswelt neuen Gefühls“ (DF, S. 429).

3. Zeithistorischer Kontext: Die entzauberte Wirklichkeit

Beide Romane konzentrieren sich um die Zeit der Wende in das 20. Jahrhundert, die einen radikalen Umbruch der Lebenswirklichkeit bedeutet. Unter dem zeitgeschichtlichen Begriff der Moderne versteht man eben diesen Umbruch, der partiell schon in die Industrielle Revolution des 18. Jahrhunderts wie in die Aufklärung zurückreicht. Als Resultat der Französischen Revolution sowie des Zusammenbruchs der großen Weltordnung nach dem Ende der Aufklärung macht sich ein Geschichtspessimismus bemerkbar, „seit die halsgebenden und entlastenden Bindungen durch die Kirche und die festgelegten Sozialordnungen sich lockern und auflösen, die Orientierung an vorgezeichneten Denkwegen unsicher wird.“17

Insbesondere Entwicklungen wie Säkularisierung, Urbanisierung und Individualisierung kommen gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Höhepunkt. Indem sich die verschiedenen Prozesse auf sozioökonomischer Ebene vollziehen, eröffnen sich dem Menschen neue Möglichkeiten, sodass die Moderne als Subjektivierungsprozess verstanden werden kann, indem sich der Mensch aus seiner Abhängigkeit befreit und sich selbst zum Subjekt der Geschichte macht. Sie beginnt

in dem Moment, da die Naturwissenschaften und die Technik zur Herrschaft gelangen. Mit der beginnenden Herrschaft des Menschen über das Ganze des Seienden ist die metaphysische Grundfrage nach den Ursachen aller Dinge beantwortet: Der Mensch stellt sie her, verändert sie, vernichtet sie.18

Jedoch bedeuten jene Prozesse nicht nur ein neues Ausmaß von Freiheit, sondern auch Desintegration, da dies immer mit der Erfahrung der Aufhebung bisher vorhandener Normen, Werte und Bindungen korreliert. Diese Auflösung existiert nicht nur äußerlich, sondern vielmehr auch im Innern des Menschen selbst. Der dadurch selbstbereitete Ordnungszwang aber bedeutet keineswegs eine niedrige, sondern ganz im Gegenteil […] durchaus logisch hervorgegangene höhere Qualität der Disziplinierung und ergo Individualisierung. Erst mit ihr tritt der Mensch in den eigentlichen Gegensatz mit sich selbst: und damit auch in jene nahezu unaufhebbare, mit der Selbstreflexion noch immer steigende Spannung, die ihn die Freiheit nur mehr in der Transzendenz, - in der sprengenden Freiheit eben von sich selbst überhaupt noch erkennen läßt.19

Indem der Mensch sich selbst zum Zentrum der Welt macht, entbehrt er auch allen metaphysischen Sicherheiten, sodass die Moderne vor allem als „eine Zeit materieller und metaphysisch-religiöser Verwüstung“20 beschrieben werden kann.

Der Beginn der Zweiten Industriellen Revolution bedeutet namentlich eine technische Revolution durch „die Erfindungen von Telegraph, Telefon, elektrischem Licht, Straßenbeleuchtung, elektrischen Straßenbahnen, Elektromotoren etc.“21, welche die europäischen Großstädte maßgeblich prägt. Die technischen Prozesse sowie die Urbanisierung beschleunigen das großstädtische Leben nachhaltig, wobei die damit einhergehende Beschleunigung sowie Materialismus und Massengesellschaft dazu führen, dass der Mensch immer nervöser durch das Ausmaß und den permanenten Wechsel äußerer und innerer Eindrücke wird, was zu einer zunehmend belastenden Herausforderung an Wahrnehmung und Autonomie wird. Oberflächlich ruhelos und aktivistisch, scheint der Mensch der Moderne in seiner Tiefe jedoch bereits aufgezehrt und krank. Auch Nietzsche schreibt in diesem Sinne über den Verfall der Kultur: „Die Summe der Empfindungen, Kenntnisse, Erfahrungen, also die ganze Last der Cultur, ist so gross geworden, dass eine Ueberreizung der Nerven- und Denkkräfte die allgemeine Gefahr ist, ja dass die cultivirten Classen der europäischen Länder durchweg neurotisch sind.“22

Die Objektivierung des Lebensprozesses fragmentiert und isoliert das Individuum in seinen zwischenmenschlichen Interaktionen wie seinem emotionalen Empfinden. Ein Gefühl des Verlusts von Autonomie und Sinnhaftigkeit resultiert daraus, dass die mechanisierte und durchrationalisierte Gesellschaft den Menschen sich selbst als immer passiver werdendes Glied der Gesellschaft erleben lässt. „Automatismus und Monotonie der Arbeit ohne nennenswerte Eigenverantwortung trägt zur Degradation und Versklavung der Vielen bei.“23 Dies führt zu einem Prozess der Entfremdung des Menschen von sich selbst, seinem eigenen Erleben. Nicht nur Karl Marx mit seinem Konzept der entfremdeten Arbeit, sondern insbesondere auch Sigmund Freud steuert mit seiner bedeutenden These, das Ich sei nicht „Herr im eigenen Haus“, indem man vielmehr durch das eigene Unbewusste geleitet wird, maßgeblich zum Gefühl der eigenen Selbstentfremdung bei. So wird die Eigenverantwortung des Menschen vielmehr auf die Sachzusammenhänge übertragen, was in einer Spaltung des Subjektiven mündet. Spaltung auch aufgrund von Differenzierung und Fortschritt der einzelnen Wissenschaften, die eine stark rationalistisch geprägte Weltauffassung der menschlichen Wirklichkeit bewirken. Der Anspruch, dass allein das empirische Wissen als universell faktische Realität gilt, betont die Wissenschaft als solche und segmentiert das Dasein in Geist und Leben:

Die Moderne ist nur in unserem Wunsche und sie ist draussen überall, ausser uns. Sie ist nicht in unserem Geiste. Sondern das ist die Qual und die Krankheit des Jahrhunderts […], dass das Leben dem Geiste entronnen ist. Das Leben hat sich gewandelt bis in den letzten Grund, und wandelt sich noch aufs neue, alle Tage, rastlos und unstet. Aber der Geist blieb alt und starr und regte sich nicht und nun leidet er hilflos, weil er einsam ist und verlassen vom Leben.24

Der Prozess der Technologisierung und Rationalisierung wird ebenfalls in Max Webers Wissenschaft als Beruf beschrieben und als „Entzauberung der Welt“ betitelt, was

nicht eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen [bedeutet], unter denen man steht. Sondern sie bedeutet etwas anderes: das Wissen davon oder den Glauben daran: daß man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, daß es also prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, daß man vielmehr alle Dinge - im Prinzip - durch Berechnen beherrschen könne. […] Nicht mehr, wie der Wilde, für den es solche Mächte gab, muss man zu magischen Mitteln greifen, um die Geister zu beherrschen oder zu erbitten. Sondern technische Mittel und Berechnung leisten das.25

In diesen Kontext lässt sich auch Nietzsches Begrifflichkeit des Apollinischen einordnen. Die moderne Wirklichkeit zeichnet sich durch ein entzaubertes Dasein aus, in welcher das Dionysische verfremdet ist. „Diese Wandlung bestand in der Verdrängung des mythischen Denkens durch Spezialwissenschaften, in deren Gefolge sich in Gegenstellung zu Kosmologie und Metaphysik ein mehr anthropologisches und physisches Denken entwickeln konnte.“26

Beschleunigung und Wirrnis des alltäglichen Lebens verhindern die Entwicklung eines neuen Ideals, weshalb vielmehr ein kultureller Verfall diagnostiziert wird. Die Dekadenz als eine Subkategorie der Moderne, insbesondere auf kulturphilosophisch- geschichtlicher sowie ästhetischer Ebene, als Bewusstsein von Ohnmacht und Machtlosigkeit gegenüber den modernen Lebensmechanismen, äußert sich symptomatisch in degenerativen Entwicklungen wie Hast, Nervosität, Müdigkeit, Sehnsucht nach Flucht sowie Lebensferne. Nietzsche sieht die menschliche Erkenntnisfähigkeit als „extremste Bewusstheit der Selbstdurchschauung des Menschen und der Geschichte“27 als das Symptom der Dekadenz. Die Erfahrung von Stagnation wie Entfremdung lassen jedoch immer mehr den Drang nach einem Umbruch aufkeimen, sodass der erste Weltkrieg der Lebenspassivität der Dekadenz abrupt ein Ende setzt. Folgend soll jedoch weniger auf den historischen Kontext der Weltkriege eingegangen werden, sondern vielmehr auf die Verschiebung der Faktizität des Todes im gesellschaftlichen Kontext.

Die Abwendung vom vitalen Leben auf der einen Seite sowie der stetige technische Fortschritt bewirken eine Gesellschaft, welche „zum Dauerstreß des modernistischen Fortschreitenmüssens und zuletzt zum Tod im seine Realitätsbezüge verschluckenden Simulationssystem verurteilt ist.“28 Ähnlich urteilt auch Max Weber in Wissenschaft als Beruf, wo es heißt, dass der Tod für den Kulturmenschen keine sinnvolle Erscheinung sei, denn:

weil ja das zivilisierte, in den „Fortschritt“, in das Unendliche hineingestellte einzelne Leben seinem eigenen immanenten Sinn nach kein Ende haben dürfte. Denn es liegt ja immer noch ein weiterer Fortschritt vor dem, der darin steht […]. Ein Kulturmensch aber, hineingestellt in die fortwährende Anreicherung der Zivilisation mit Gedanken, Wissen, Problemen, der kann „lebensmüde“ werden, aber nicht: lebensgesättigt. Denn er erhascht von dem, was das Leben des Geistes stets neu gebiert, ja nur den winzigsten Teil, und immer nur etwas Vorläufiges, nichts Endgültiges und deshalb ist der Tod für ihn eine sinnlose Begebenheit. Und weil der Tod sinnlos ist, ist es auch das Kulturleben als solches, welches ja eben durch seine sinnlose „Fortschrittlichkeit“ den Tod zur Sinnlosigkeit stempelt.29

Indem der Tod in der modernen Zivilisation zur Sinnlosigkeit gestempelt wird, wird er in die ohnmächtigen Lebensmechanismen infiltriert, worin er sich als die unbewusste Triebkraft des Todes des maschinellen Zeitalters entfaltet. So drängen die angestauten Impulse auf sozio-ökonomischer Ebene lediglich auf ihre politische Manifestation. Der Weltkrieg als solcher ist

nur die brutale Erscheinungsform der ansonsten allgemein unterschwellig gehaltenen Sinnlosigkeit. Die in ihr allgemein in die Repräsentationslosigkeit verdrängte wiewohl allgegenwärtig erfahrbare Sinnlosigkeit des Lebens offenbart sich im Krieg als unausweichliche Todespräsenz. […] Der im Namen des Lebens kulturell verleugnete Tod schlägt als Vernichtungsfuror auf dasselbe zurück. Das unter modernen Bedingungen bis zur Nichtigkeit abstrakt gewordene individuelle Leben konkretisiert sich im massenhaften Tod des Krieges.30

Der Mann ohne Eigenschaften ist zeitlich um 1913 angesiedelt und die Handlung des Seinesgleichen wie auch die Parallelaktion, die gesellschaftliche Suche nach einer erlösenden Idee aus der nihilistischen Moderne, mündet in den ersten Weltkrieg, indem „alle bestehende Wirklichkeit suspekt geworden ist und das Interesse für Möglichkeiten und Utopien, das Interesse auch für den ‚neuen Menschen‘ mächtig zunimmt“31. Im Doktor Faustus wird das Leben Adrians mit der Niederlage Deutschlands im ersten Weltkrieg parallelisiert, der Chronist Serenus schreibt jedoch während des zweiten Weltkrieges, wodurch sich das Schicksal Adrians im Zusammenbruch Deutschlands wiederholt. Der Grundgedanke beider Werke liegt aber durchaus in der Fruchtbarkeit der Dekadenz, nämlich dass krankhafte Dekadenz Genie produziere, dieses ist jedoch im Doktor Faustus ohne diabolische Hilfe nicht mehr zu erreichen, wodurch das sacrificium intellectus bereitwillig in Kauf genommen wird.

Zur

rationalitätskritischen Kulturkritik nach der „Urkatastrophe“ des ersten Weltkriegs gehört das […] Motiv der Angst. Desintegration macht Angst und Integration Mühe und Arbeit. […] Dem korrespondiert der […] Verlust an Vertrauen. […] Dann wird auch einsichtig, warum die antimodernistischen Ideologien und konservativ-traditionalistischen Denkfiguren so erfolgreich sind; sie kompensieren die Angst im Versprechen einer heilen (Volks-) Gemeinschaft, die es in Wirklichkeit nie gab.32

Während im Mann ohne Eigenschaften also vor dem Hintergrund des ersten Weltkrieges noch versucht wird, den eigenen zeitgemäßen Reflexionen zum Durchbruch zu verhelfen, schlägt der Intellekt im Doktor Faustus vor dem Hintergrund beider Weltkriege vielmehr in das „fruchtbare falsum“ (DF, S. 488) um. Ob eine „Transzendenz der Verzweiflung“ (DF, S. 648) letztlich möglich ist, bleibt offen. Gemeinsam ist beiden Romanen, dass schließlich Ulrich wie Adrian im Versuch eines nicht entfremdeten, also authentischen Daseins scheitern.

4. Reflexion, Illusionslosigkeit und Entfremdung

4.1 Die Entwirklichung der Moderne

Denn ist „wirklich nicht, was wirkt, und Wahrheit nicht Erlebnis und Gefühl?“ (DF, S. 325) Die Tendenz des modernen Menschen aber, die Wirklichkeit auf rein rationalistischem Boden zu interpretieren wie analysieren, auch die der eigenen Empfindungen, wird in beiden Romanen ähnlich kritisch behandelt. So heißt es im Doktor Faustus „Die Epoche ist ihrer jämmerlich satt, bald wird sie das rote Tuch für sie sein, und der wird einfach eins über den Schädel bekommen, der das Leben stört durch Psychologie.“ (DF, S. 334) Und auch im Mann ohne Eigenschaften wird diese als „seelenlose, bloß von Logik und Psychologie beherrschte Zeit“ (MoE, S. 94) beschrieben. Obwohl sich beide Romane auf ganz unterschiedliche Weise mit der Zeitproblematik auseinandersetzen, im Mann ohne Eigenschaften liegt der Fokus insbesondere auf dem illusionären Charakter von Identität, während er im Doktor Faustus vielmehr auf der Sterilität der Kunst liegt, ist die Grundstruktur als solche doch in beiden Romanen gemeinsam: Die Lebensfeindlichkeit von Intellektualität und Rationalität und dadurch das Einbüßen der „wirkenden“ Wirklichkeit, sprich Erlebnis und Gefühl.

[...]


1 Whitehead zitiert nach Marcuse in Hacker: Aggression, S. 341.

2 Musil, Robert: Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes und zweites Buch. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch 2016, S. 37; im Folgenden zitiert unter MoE, alle Seitenangaben im laufenden Text beziehen sich auf diese Ausgabe.

3 Thomas Mann: Doktor Faustus. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch 2005, S. 160; im Folgenden zitiert unter DF, alle Seitenangaben im laufenden Text beziehen sich auf diese Ausgabe.

4 Noble: Krankheit, Verbrechen und künstlerisches Schaffen bei Thomas Mann, S. 209.

5 Valk: Friedrich Nietzsche, S. 5.

6 Pütz: Kunst und Künstlerexistenz bei Nietzsche und Thomas Mann, S. 22.

7 Schmidt: Die Geschichte des Genie-Gedankens, S. 130.

8 Pieper: Musils Philosophie, S. 47.

9 Schmidt: Die Geschichte des Genie-Gedankens, S. 283.

10 Neymeyr: Identitätskrise - Kulturkritik - Experimentalpoesie, S. 164.

11 Vgl. Mach: Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen. Zitiert nach Laermann: Eigenschaftslosigkeit, S. 4f.

12 Mann: Die Entstehung des Doktor Faustus, S. 25.

13 Nietzsche: Der Wille zur Macht, S. 690f.

14 Ebd.

15 Pütz: Kunst und Künstlerexistenz, S. 32.

16 Ebd., S. 77.

17 Pankau: Fin de Siècle, S. 70.

18 Petersen: Der deutsche Roman der Moderne, S. 14.

19 Klugkist: Sehnsuchtskosmogonie, S. 334f.

20 Pott: Kontingenz und Gefühl, S. 32.

21 Kimmich: Robert Musil Handbuch, S. 39.

22 Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches, S. 204.

23 Rzehak: Musil und Nietzsche, S. 116.

24 Bahr: Die Moderne. Zitiert nach Petersen: Der deutsche Roman der Moderne, S. 8.

25 Weber: Wissenschaft als Beruf, S. 17.

26 Rzehak: Musil und Nietzsche, S. 130.

27 Nietzsche: Nachgelassene Fragmente. Zitiert nach Pankau: Fin de Siècle, S. 75.

28 Hajduk: Die Figur des Erhabenen, S. 335.

29 Weber: Wissenschaft als Beruf, S. 17f.

30 Hajduk: Die Figur des Erhabenen, S. 345.

31 Schmidt: Die Geschichte des Genie-Gedankens, S. 283.

32 Pott: Kontingenz und Gefühl, S. 37f.

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Die existenzielle Daseinsproblematik des Menschen in der Moderne
Untertitel
Reflexion, Illusionslosigkeit und Entfremdung in Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften" und Thomas Manns "Doktor Faustus"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Philologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
53
Katalognummer
V503507
ISBN (eBook)
9783346054128
ISBN (Buch)
9783346054135
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literatur, Moderne, Existenzialismus, Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Thomas Mann, Doktor Faustus, Neue Deutsche Literatur, Nietzsche, Die entzauberte Wirklichkeit, Entfremdung
Arbeit zitieren
Lena Bachleitner (Autor), 2019, Die existenzielle Daseinsproblematik des Menschen in der Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/503507

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