Das Menschenbild in Elio Vittorini 'Uomini e no'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
35 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung . Der Autor, seine Zeit, sein Werk
1.1 Vittorini: Biographische Angaben zum besseren Verständnis des Romans
1.2 Historisch-literarischer Kontext des Romans
1.3„Uomini e no“ – Inhalt und Stil

2.Hauptteil – Das Menschenbild in „Uomini e no“
2.1 Das Menschenbild – Vittorinis Kriterien
2.2 Allgemeine Darstellung und Menschenbild der Widerständler
2.2.1 Enne 2 - ein Beispiel für den vollkommenen Sieg des „mondo offeso“
2.2.2 Figlio-di-Dio - Eine gescheiterte Erlöserfigur
2.2.3 Der operaio - Ein düsterer Ausblick?
2.3 Allgemeine Darstellung und Menschenbild der Nationalsozialisten
2.3.1 Capitano Clemm. - Der personifizierte Nazi
2.3.2 Pipino der Präfekt – Ein Gefangener des Systems
2.3.3 Italienische Milizen – Einfache Männer

3. Resümee – Eine autobiographisch gefärbte Warnung

4. Bibliographie

1. Einleitung – Der Autor, seine Zeit, sein Werk

1.1 Vittorini: Biographische Angaben zum besseren Verständnis des Romans

Am 23. Juli 1908 in Siracus in Sizilien geboren, folgt Elio Vittorini in der Kindheit seinem Vater, der als Eisenbahner aufgrund seiner Versetzungen durch ganz Sizilien kommt. Nach der Grundschule besucht Vittorini eine Handelsschule, ohne sich dafür zu interessieren, bis er nach einigen Ausreißversuchen 1924 Sizilien endgültig verlässt. Er kommt nach Norditalien wo er 1930 eine Anstellung als Korrektor bei der florentiner Zeitung „La Nazione“ findet.

1931 veröffentlicht Vittorini sein erstes Buch, eine Erzählsammlung mit dem Titel Piccola borghesia. Von 1933 bis 1934 erscheint in Fortsetzungen sein Roman Il garofano rosso, welcher, bedingt durch faschistische Zensur, erst 1948 vollständig veröffentlicht werden kann.

Aufgrund einer Bleivergiftung muss Vittorini 1934 seine Arbeitsstelle als Korrektor aufgeben und lebt von da an ausschließlich von seinen Literaturübersetzungen aus dem Englischen (Faulkner, Poe, D.H. Lawrence u.a.) und von seiner publizistischen Tätigkeit.

Als es 1936 zum spanischen Bürgerkrieg kommt, unterbricht er die Arbeit an seinem Roman Erica e i suoi fratelli und plant mit seinen Freunden Romano Bilenchi und Vasco Pratolini eine Kriegsteilnahme zur Unterstützung der republikanischen Franco-Gegner. In einem Artikel der Zeitschrift Bargello, für die er schon seit 1932 schreibt, fordert er als Angehöriger des linksintellektuellen Flügels der italienischen Faschisten seine Partei offen dazu auf, die republikanischen Kräfte zu unterstützen, was zu seinem Ausschluss aus dem PNF („Partito Nazionale Fascista“) führt.

Zwischen 1938 und 1939 erscheint in Letteratura in Fortsetzungen sein Roman Conversazione in Sicilia.

Aus privaten Gründen zieht Vittorini 1939 nach Mailand, da er sich zur selben Zeit von seiner Frau Rosa trennt und ein gemeinsames Leben mit Ginetta, seiner zweiten Lebensgefährtin, beginnt.

1942 beteiligt er sich aktiv an der Resistenza und nähert sich im Untergrund zunehmend der kommunistischen Partei (PCI) an. 1945 wird er Parteimitglied und leitet eine Zeit lang die Mailänder Ausgabe des Parteiorgans L’Unità. Außerdem gründet und leitet er Il Politecnico, eine Zeitschrift, die sich bis 1947 mit der zeitgenössischen Kultur und den wechselseitigen Beziehungen zwischen Literatur und Politik befasst. 1945 veröffentlichte er bei Bompiani seinen Widerstandsroman Uomini e no. Im selben Verlag kamen 1947 Il Sempione strizza l’occhio al Fréjus und 1949 Le donne di Messina, zwei weitere Romane, heraus.

Zwischen 1952 und 1955 vervollständigt er Erica e si suoi fratelli, das 1956 bei Bompiani erscheint. Außerdem arbeitet er an seinem letzten Roman Le città del mondo, den er nicht mehr vollendet, da er ihn als zu expressiv und ästhetisch empfindet, was seinem eigenwilligen Verständnis von moderner Literatur nicht entspricht. Erst nach seinem Tod, 1969, erschien das verworfene Werk bei Einaudi.

Der seit 1963 schwer erkrankte Vittorini ist zuletzt für Einaudi, als Herausgeber der Reihe „Nuovo Politecnico“, tätig und stirbt am 12. Februar 1966 in seiner Mailänder Wohnung.

1.2 Historisch-literarischer Kontext des Romans

Der Roman entsteht und spielt in einer Zeit, in der der Norden Italiens noch von Deutschen besetzt ist.

Der Widerstand der Intellektuellen und Künstler gegen den Faschismus ist seit Mitte der dreißiger Jahre durch das Auseinanderdriften zwischen faschistischer Propaganda einerseits, und der gesellschaftlichen Realität andererseits, verstärkt worden.

Erst durch den Kriegseintritt Italiens 1940 allerdings gewinnt die Resistenza auch zunehmend breiten Rückhalt in der Bevölkerung.

Nach der Befreiung Süditaliens durch die Alliierten kam es im besetzten Norden zu einem langwierigen Partisanenkampf, in der Sekundärliteratur bezeichnet als eine quasi glühende Esse, in welcher der Gedanke der Demokratie in Extremsituationen geschmiedet wird. Durch den Bürgerkrieg und den Zusammenbruch des Faschismus entsteht im Norden Italiens ein so großer intellektuell - ideologischer Orientierungsbedarf, das die Autoren einen starken Einfluss bekommen, verleichbar mit der Zeit des Risorgimento.[1]

In diese “edukative Bresche” schlägt Vittorini mit „Uomini e no“. Sein Roman kursierte bereits in ungebundener Form bevor er erschien und fand auch nach seiner Veröffentlichung reissenden Absatz. In wie weit allerdings das Werk nur als Resistenza-Roman betrachtet werden kann, wird mich in meiner Arbeit noch beschäftigen.

„Uomini e no“ wird in der Sekundärliteratur als erster Roman des Neorealismo bezeichnet und Vittorini somit als Begründer desselben. Der Neorealismo zeichnet sich aus durch Rückgriffe auf Elemente des Realismo und des Naturalismo und den Wunsch nach einer schonungslosen Bloßlegung der sozialen und politischen Wirklichkeit während des Faschismus in Italien.[2] Ich werde auf diese Rückgriffe unter Punkt 2.2.1 meiner Hausarbeit, insofern sie Vittorini spezifisch betreffen, näher eingehen.

1.3 „Uomini e no“ – Inhalt und Stil

Vittorini versetzt den Leser in „Uomini e no“ in das von den Deutschen besetzte Mailand im Jahre 1944. Erzählt wird die Geschichte des Mannes Enne 2, einem Angehörigen der italienischen Resistenza, seines Kampfes gegen die deutschen Besatzer, seiner unerfüllten Liebe zu einer verheirateten Frau und schliesslich seiner verzweifelten Kapitulation vor der Realität.

Enne 2 leitet eine kleine Gruppe von mehr oder weniger erfolgreichen Widerstandskämpfern. In einer Art Auf und Ab des Erfolges der von ihm geplanten Attentate steuert die Geschichte auf einen gescheiterten Mordversuch an einem ganzen Gericht der Besatzer hin. In der Folge dieses gescheiterten Plans wird für die Besatzer, nicht aber für die Leser, Enne 2’s Identität bekannt. Da er sich weigert Mailand zu verlassen, wartet er in seiner Wohnung auf die Nazis und den sicheren Tod. Verstärkt wird dieses Gefühl der Kapitulation dadurch, das ihn auch die Frau die er liebt, Berta, seiner Meinung nach verlassen hat.

Vittorini hat einen recht eigenwilligen Rahmen gefunden, in welchem er die Geschichte stattfinden lässt. Er präsentiert auf 198 Seiten 136 Kapitel[3], die in einem einerseits relativ pulsierenden, andererseits zur Stagnation neigenden Stil gehalten sind. Vittorini erreicht dieses seltsame Gefühl beim Leser unter anderem durch die vielen Szenenwechsel und die teilweise etwas surreal scheinenden Dialoge der Charaktere.

„Che inverno!“ egli esclamò.

„È davvero come dicono?“ chiese lei

“Si,” egli disse. “Dal 1908.”

“Da quando sono nata?”

„Dall’inverno che sei nata.“

„Perché sai quando sono nata?“

„Non me l’hai detto tu? Tu me l’hai detto.“

“Mi dispiace di avertelo detto.”

“Non deve dispiacerti. Perché deve dispiacerti?”

“È per il modo in qui mi sento oggi.”

[...]

“Vorrei avere dieci anni di meno.”

„E non è anche cosí? È anche piú di cosí. Sei anche una bambina.”

“Vorrei che tu fossi molti piú vecchio di me.“

„Lo sono. Lo sono. Sono anche tuo padre e anche tuo nonno.“

„Tu non hai un giorno di piú di quello che hai.”

“Io ho un secolo di piú.”[4]

Dieses Gespräch, welches die Liebenden zu beginn des Romans führen, kann als exemplarisch für die Stimmung stehen, die der Roman transportiert.

Vittorini unterbricht seinen Roman in gewisser Weise an sechs Stellen mit jeweils drei bis fünf kursiv gedruckten Kapiteln. In diesen Abschnitten mischt sich der Autor als eine Art ethisch-moralischer Wegweiser selbst in die Geschichte ein.[5]

Als der Autor das erste Mal in die Geschichte eingreift, tritt er in direkten Kontakt mit Enne 2. Er beobachtet ihn zuerst, wie er in seinem Zimmer auf dem Bett liegt, spricht ihn direkt an, obwohl er sich unwillkommen fühlt und erhält schließlich eine Reaktion. Es entsteht der Eindruck die beiden verbände eine lange Freundschaft. Vittorini begrüßt Enne 2 mit den Worten „Sono qui […] sono tornato“[6].

In dieser Szene deutet sich Enne 2’s komplette Lebenssituation und somit sein Ende schon an. Enne 2 wirkt in dieser Szene unzufrieden und erbittet von Vittorini eine Szene seiner Kindheit, allerdings eine historisch veränderte, da er sich wünscht, dass seine Liebe, Berta; in ebendiese Szene als Kind eingefügt wird. Dies entspricht allerdings nicht der historischen Realität. Der Wunsch aus der kriegszerrütteten Gegenwart zu fliehen in eine vermeintlich schöne Kindheit, um so einen Moment des Glücks zu erleben, lässt sich allerdings nicht realisieren. Diese von Enne 2 erlebte Szene, eine quasi forcierte „memoire involontaire“, ein Geschenk des Erzählers, bzw. Vittorinis endet in einem Desaster. „Tu non puoi che spaventarla“[7]

Diese melancholische Stimmung, dieses Scheitern eines jeden versuchten Aufbäumens zieht sich durch das ganze Buch bis hin zum Schluss an dem Enne 2, erschossen durch den Nazi „Cane Nero“, stirbt.

Quellen in der Sekundärliteratur bezeichnen Vittorinis „Uomini e no“ als ersten Resistenza-Roman. Dies mag vordergründig stimmen, jedoch sehe ich die Motivation des Autors eher in einer aufgeschobenen Eigenreflektion. Verständlich, das der Roman zu einem Resistenza-Roman wird, ist er doch als selbstkritische Analyse des Autors in Vittorinis eigenen historischen Kontext gebunden. „Da dieci anni voglio scrivere di lui,…“[8] sagt Vittorini zu Beginn des Romans in einem der kursiven Kapitel über Enne 2. Also lässt sich aufgrund der autobiographischen Tendenz des Romans darauf schließen, das Vittorini, von sich selbst sprechend, auch schon seit zehn Jahren über sich selbst schreiben möchte. Also wird der Roman zu einem Resistenza-Roman da er es erst jetzt realisiert.

Auch abschließend in der vom Autor selbst verfassten Notiz am Ende des Romans nimmt Vittorini Stellung und hinterfragt seine eigene politische Motivation zu „Uomini e no“.

„La mia appartenenza al Partito Comunista indica dunque quello che io voglio essere, mentre il libro può indicare soltanto quello che in effetti io sono. C’è nel mio libro un personaggio che mette al servizio della propria fede la forza della propria disperazione d’uomo. Si può considerarlo un comunista? [...] E il lettore giudichi tenendo conto che solo ogni merito, per questo libro, è di me come comunista. Il resto viene dalle mie debolezze dùomo.”[9]

Es lässt sich also hieraus die Theorie ableiten, dass “Uomini e no” nicht ausschließlich als politisch motivierter Resistenza-Roman bezeichnen lässt.

[...]


[1] Vgl.: KAPP, Volker, Hrsg.; “Italienische Literaturgeschichte”, Verlag J.B. Metzler , Stuttgart, Weimar, 1994, S. 351ff

[2] Vgl.: SCHWEIKLE, Günther und Irmgard, Hrsg., „Metzler Lieteraturlexikon“, Verlag J.B. Metzler , Stuttgart, Weimar, 1990, S. 324

[3] Alle Angaben zum Roman beziehen sich auf die mir vorliegende Ausgabe: VITTORINI, Elio: „Uomini e no“, Arnolodo Mondadori Editore S.p.A., Milano, 1965

[4] VITTORINI, Elio: „Uomini e no“, Arnolodo Mondadori Editore S.p.A., Milano, 1965, S. 7

[5] vgl.: GUIDETTI, Maria Grazia, „Vittorini, Uomini e no“, in: „Parole in guerra, Romanzo e Resistenza“, a cura die Stefano Calabrese, Mucchi Editore s.r.l., Modena, S. 91f

[6] VITTORINI, Elio: „Uomini e no“, Arnolodo Mondadori Editore S.p.A., Milano, 1965, S. 24

[7] VITTORINI, Elio: „Uomini e no“, S. 29

[8] VITTORINI, Elio: „Uomini e no“, S. 24

[9] VITTORINI, Elio: „Uomini e no“, Nachwort

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Das Menschenbild in Elio Vittorini 'Uomini e no'
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Der Italienische Roman 1900 bis 1950
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
35
Katalognummer
V50364
ISBN (eBook)
9783638465984
ISBN (Buch)
9783638660952
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Menschenbild, Elio, Vittorini, Uomini, Italienische, Roman, Italien, Romanistik, Autor
Arbeit zitieren
Tobias Reff (Autor), 2006, Das Menschenbild in Elio Vittorini 'Uomini e no', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50364

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