Crystal Meth und die sozialpädagogische Arbeit mit drogenkonsumierenden Müttern. Wie können Mütter und Kinder in gemeinsamen Wohnformen zusammenleben?


Fachbuch, 2020

93 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Crystal Meth
2.1 Substanz
2.2 Historie
2.3 Epidemiologie
2.4 Konsum
2.5 Wirkungsweise
2.6 Abstinenz und Rückfallrisiko

3 Konsum und Kindeswohl
3.1 Begrifflichkeiten
3.2 Auswirkungen des Konsums
3.3 Diskurs: Elternschaft und Konsum

4 Handlungsempfehlungen
4.1 Handlungsrahmen
4.2 Handlungsempfehlungen für Einrichtungen nach § 19 SGB VIII

5 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhangsverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Bachelorarbeit beschäftigt sich mit der Problematik Crystal Meth in Verbindung mit Mutterschaft und einer Unterbringung nach § 19 SGB VIII. Aktuelle Schlaglichter zur Crystal Meth-Problematik wurden von Bunzel zusammenfassend und sehr treffend dargestellt:

„Von unterschiedlichen Institutionen wird dringender Handlungsbedarf signalisiert. So macht die Jugendgerichtshilfe auf steigende Zahlen von Beschaffungskriminalität im Zusammenhang mit Crystal Meth aufmerksam. Polizei und JVA stehen vor neuen Herausforderungen im Umgang mit Crystal-Konsumenten. Jobcenter stellen drogenbedingte Vermittlungshindernisse bis hin zur Erwerbsunfähigkeit fest. Die Familienhilfe sieht zunehmend Unterstützungsbedarf für betroffene Familien, insbesondere für die Kinder von Crystal-Konsumenten. Jugendämter sehen sich mit einer steigenden Anzahl von Inobhutnahmen und Kindeswohlgefährdungen konfrontiert. In Kindertageseinrichtungen und Schulen sind Eltern und Lehrkräfte verunsichert im Umgang mit konsumierenden Jugendlichen ebenso wie mit Crystal Meth-konsumierenden Eltern. In außerbetrieblichen Berufsbildungseinrichtungen beeinträchtigt der Konsum von Crystal Meth den erfolgreichen Berufsabschluss zahlreicher Jugendlicher. In der Migrantenarbeit wird von Asylbewerbern berichtet, die ohne Wissen, Orientierung und Perspektive nach Deutschland kommen und schnell in den Konsum und Handel von Crystal Meth geraten.“

(Bunzel 2014, S. 24).

Besonders betroffen ist das Bundesland Sachsen aufgrund der Nähe zur tschechischen Grenze. Vor allem in Dresden steigen die Fallzahlen von Crystalkonsument*innen in sämtlichen Hilfebereichen. Darunter befinden sich besonders viele Frauen im gebärfähigen Alter. Mütter mit Kindern gelten dabei als ganz besondere Hochrisikogruppe, da der Konsum und die Sorge für ein oder mehrere Kind(er) scheinbar nicht vereinbar sind. In ca. 80% der Fälle werden Mutter und Kind nach der Geburt in den eigenen Haushalt (meist mit Unterstützung durch eine sozialpädagogische Familienhilfe) entlassen. Etwa die Hälfte der Kinder wird allerdings bis zum ersten Lebensjahr in Obhut genommen (vgl. Kästner/Härtl/Stauber 2007, S. 97). Auch in Mutter-Kind-Einrichtungen häufen sich daher die Anfragen für Mütter und deren Kind(er) mit Crystal Meth-Problematik. Jedoch greifen bisherige Hilfsangebote und Instrumente bei der Crystalproblematik und den damit zusammenhängenden Spezifika nicht.

Barsch beschreibt die grundlegende Problematik damit, dass die Hilfesysteme: „[…] mit Problemen konfrontiert sind, die durch Crystal-Konsum induziert werden und sich nicht mit den bisherigen Routinen und Angeboten bewältigen lassen.“ (Barsch 2014a, S. 16).

Tatsächlich herrscht in der Praxis große Unwissenheit und damit auch Handlungsunsicherheit. Hinzu kommt, dass die Diskussionen (nicht nur) in der Fachwelt bei der Thematik Konsum (insbesondere illegaler Substanzen) und Schwanger- bzw. Mutterschaft teilweise sehr gefühlsgeleitet und kontrovers geführt werden sowie hauptsächlich zu Abstinenzforderungen und einem Festhalten an Kontrollinstrumenten wie Drogentests führen. Bei der Sorge um die Kinder werden die Nöte und Bedürfnisse (und teilweise auch) Rechte der Mütter übersehen, bei der Sorge um die Mütter dagegen der Kinderschutz. Dabei sind auch die Auswirkungen von übereilten Inobhutnahmen und Sorgerechtseingriffen zu bedenken. Derartige Einschätzungen sind jedoch nicht leicht zu fällen und bedürfen sehr differenzierter Einschätzungen. Erste Überlegungen von Handlungsmöglichkeiten existieren in der Praxis. Jedoch fehlt es bis heute an erprobten und veröffentlichten Handlungsempfehlungen für die breite Praxis (vgl. Barsch/Organo 2015, S. 1f.). Speziell für die Arbeit mit crystalkonsumierenden Eltern und ihren Kindern im Rahmen von Mutter-Kind-Einrichtungen existieren keinerlei Handlungsempfehlungen. Darüber hinaus fehlt es an spezifischen Instrumentarien zur Gefährdungseinschätzung und damit zur Abschätzung der Kindeswohlgefährdung bei mütterlichem Crystalkonsum. Dies verhindert derzeit passgenaue Hilfen für suchtbelastete Mütter und ihre Kinder, insbesondere im Rahmen von Mutter-Kind-Einrichtungen (vgl. Barsch et al. 2016, S. 67). Der Forschungsstand ist aktuell sehr übersichtlich und Empfehlungen für die Praxis sind derzeit kaum vorhanden. Speziell für Mutter-Kind-Einrichtungen liegen, meiner Kenntnis nach, keinerlei Handlungsempfehlungen in Bezug auf Elternschaft und Crystal Meth vor. Zudem existieren derzeit kaum Mutter-Kind-Einrichtungen, welche (crystal)konsumierende Mütter und deren Kind(er) aufnehmen (vgl. Bunde 2014, S. 4; Barsch/Organo 2016, S. 5-I./19). Darüber hinaus fehlen entsprechende Qualifikationen bei den Mitarbeiter*innen sowie Erfahrungswerte im Umgang mit Sucht in stationären Hilfen, speziell im Falle von Elternschaft und Sucht sowie im Hinblick auf das Kindeswohl.

Da sich die Anfragesituation, wie beschrieben, weiterhin in diese Richtung zu entwickeln scheint und aktuell kaum Handlungsempfehlungen für diesen Bereich vorhanden sind, möchte ich mich intensiver mit der Problematik vertraut machen und Handlungsmöglichkeiten erarbeiten.

In erster Linie soll die vorliegende Arbeit die Frage beantworten, ob es eine Vereinbarkeit von Kindeswohl und Konsum überhaupt geben kann bzw. das immer wieder geforderte Abstinenzgebot unabdingbar ist. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, ob akut crystalkonsumierende Mütter mit ihren Kindern im Rahmen einer Mutter-Kind-Einrichtung zusammenleben können und welche Voraussetzungen hierfür ggf. geschaffen werden müssen? Daneben soll auch erwogen werden, was die Einrichtungen leisten können bzw. müssen. Im Hinblick auf diese Fragen soll auch der aktuelle Forschungsstand betrachtet werden. Zudem soll die Arbeit dazu dienen Handlungsempfehlungen zusammenzustellen, um (ehem.) crystalkonsumierende Mütter und deren Kind(er) unter dem Hinblick des Kindeswohls zu unterstützen. Dies soll letztlich zu mehr Handlungssicherheit in Bezug auf Sucht und Elternschaft im Rahmen einer Mutter-Kind-Einrichtung beitragen. Um dies zu erreichen, möchte ich theoretisch-wissenschaftliche Quellen heranziehen und diese mit meinen Erfahrungen aus der Praxis abgleichen. Nicht zuletzt soll die Arbeit einen Beitrag zu den aktuellen Fachdiskussionen leisten. Darüber hinaus soll die Arbeit als praktische Handreichung für Fachkräfte dienen, welche in Mutter-Kind-Einrichtungen arbeiten und mit der Problematik konfrontiert sind, da für diesen Bereich kaum Fachliteratur bzw. spezifische Literatur existiert.

Der erste Teil und damit das zweite Kapitel widmet sich der Substanz selbst und gibt zudem theoretisches Hintergrundwissen zur Geschichte und der Verbreitung von Crystal Meth. Um die Relevanz für die Praxis darzustellen, wird die Situation und damit das Ausmaß der Problematik in Sachsen und speziell in Dresden vorgestellt.

Im Fokus des dritten Kapitels steht der Konsum an sich. Dabei wird zunächst eine Definitionsklärung zu den Begriffen Sucht und Abhängigkeit vorgenommen. Danach werden die unterschiedlichen Konsumformen sowie Konsumphasen vorgestellt. Des Weiteren wird der Frage nachgegangen, warum (werdende) Mütter konsumieren. Im Folgenden werden die Kurzzeitwirkung und die Langzeitfolgen des Crystal-Meth Konsums dargestellt. Abschließend werden Überlegungen zu Abstinenz und Rückfallgefahr angestellt.

Darauf aufbauend folgt im dritten Teil ein Diskurs zu der Problematik Konsum und Kindeswohl. Hierfür erfolgen zunächst Definitionen der Begriffe Kindeswohl, Kindeswohlgefährdung und Erziehungsfähigkeit. Ferner werden die Auswirkungen des Konsums auf das Kind selbst sowie auf die Erziehungsfähigkeit bewertet. Im daran anschließenden kritischen Diskurs wird eine Bewertung vorgenommen, inwieweit mütterlicher Crystal Meth-Konsum mit dem Kindeswohl zu vereinbaren ist.

Davon ausgehend werden im letzten Teil Handlungsempfehlungen für Arbeit mit (ehem.) konsumierenden Müttern und sich daraus ergebende Aufgaben für sozialpädagogische Fachkräfte aufgezeigt. Hierfür werden zunächst die Unterbringungsform als solche sowie die Zielgruppe vorgestellt. Es folgt ein Überblick über die erforderlichen Rahmenbedingungen und rechtlichen Grundlagen, bevor mögliche sozialpädagogische Unterstützungsmöglichkeiten dargestellt werden. Anschließend werden verschiedene Instrumentarien zur Gefährdungseinschätzung betrachtet. Es folgen Überlegungen zur Netzwerk- und Kooperationsarbeit. Abschließend finden weitere Angebote Beachtung.

Ein Fazit sowie ein kurzer Ausblick auf darüber hinausgehende sozialpädagogische Maßnahmen, weiteren Forschungsbedarf und die Belange der Kinder beschließen die vorliegende Arbeit.

Aus Gründen des begrenzten Umfangs der vorliegenden Arbeit kann nicht auf Hilfen und Angebote speziell für die Kinder aus suchtbelasteten Familien eingegangen werden, da diese Thematik einer besonderen Aufmerksamkeit bedarf. Obgleich die Kinder natürlich bei den Angeboten für die Mütter mitbedacht werden müssen und von diesen profitieren. Ausgeklammert werden muss auch weitestgehend die Beachtung des Beikonsums anderer legaler oder illegaler Substanzen und dessen potentielle Auswirkungen. Vernachlässigt werden muss auch eine ggf. bestehende Komorbidität bzgl. weiterer psychischer Störungen bei den Müttern, neben einer ggf. vorliegenden Abhängigkeitserkrankung. Auch auf die Väter oder Lebenspartner*innen der Mütter kann in dieser Arbeit nicht oder nur am Rande eingegangen werden. Dies soll nicht die wichtige und intensive Arbeit mit den Vätern bzw. Lebenspartner*innen außer Acht lassen. Dieser Gegenstand muss jedoch aus Gründen des vorgegebenen Seitenvolumens vernachlässigt werden. Zudem sei darauf hingewiesen, dass sich die Arbeit auf die Mütter und deren Kind(er) bezieht, wenngleich auch eine Aufnahme von (ehem.) konsumierenden Vätern in der Praxis nicht ausgeschlossen ist (auch wenn mir persönlich kein Fall bzgl. der Unterbringung eines Vaters bekannt ist).

2 Crystal Meth

2.1 Substanz

Bei Crystal Meth handelt es sich um die Substanz Methamphetamin. Szenenamen sind Crystal, Meth, C, Ruppe, Pervetin oder Methedrin. Speziell in Dresden bzw. Sachsen wird die Bezeichnung C am häufigsten von den User*innen verwendet. (vgl. JSDB 2014, S. 8) In der vorliegenden Arbeit wird die Bezeichnung Crystal synonym für Methamphetamin verwendet. Bei Crystal handelt es sich um synthetisch hergestellte Stimulanzien, der Gruppe der Weckamine (vgl. Barsch/Organo 2016, S. 1-III./1). Demnach zählt Crystal zu den Psychostimulanzien. Diese wirken auf das zentrale Nervensystem und führen zu einer Veränderung der „Gefühls-, Stimmungs- und Erlebniswelten“ (DHS 2009, S. 1). Crystal besteht i.d.R. aus kleinen weißlichen Kristallen und weist eine Ähnlichkeit mit Glassplittern auf. Die Kristalle können aber auch in verschiedenen Farben (oftmals in einem hellen Blauton) eingefärbt sein. Crystal wird zudem in Pulverform verkauft, wenn auch seltener. Sehr selten wird Crystal in Tablettenform angeboten (Szenename: „Thai-Pille“). Auf dem Markt weist Crystal meist einen hohen Reinheitsgrad von über 90% auf. Jedoch finden sich bei sehr günstigem Crystal auch Reinheitsgrade von nur 10-80% (durch Beimengungen von bspw. Schmerzmitteln, Milchzucker oder Ephedrin). Im Vergleich zu anderen illegalen Substanzen ist Crystal besonders günstig zu erwerben. Die Besonderheit von Crystal besteht in der äußerst starken Wirkung (ca. fünffach höherer Wirkungsgrad als bei Amphetaminen wie Speed). (vgl. JSDB 2014, S. 8ff.) Hinzukommt die sehr lange Wirkdauer. So kann die Akutphase bis zu zehn Stunden andauern, wobei die Nachwirkungen über drei Wochen anhalten können. (vgl. Barsch/Organo 2016, S. 1-III./1; 5-I./6)

2.2 Historie

Seit 1918/19 existiert Methamphetamin in kristalliner Struktur. Im Jahr 1938 wurde es unter dem Namen „Pervitin®“ in Deutschland als Medikament eingeführt. In Folge wurde Methamphetamin im Zweiten Weltkrieg als sogenannte „Panzerschokolade“ oder als „Stukatabletten“ in der Wehrmacht eingesetzt. Dadurch sollten die Soldaten auch bei langen Einsätzen keinerlei Müdigkeit oder Hunger verspüren bei gleichbleibend hoher Konzentration. Zudem sollte die Ängstlichkeit unterdrückt und Aggressivität gesteigert werden. Auch für Frauen wurde Pervitin gezielt angeboten. So wurden Pralinen mit Pervitin versetzt und als „Hausfrauenschokolade“ vertrieben. (vgl. Haarig et al. 2017, S. 2) In den 70er und 80er Jahren wurde Methamphetamin dagegen zum Durchhalten bei Partyexzessen genutzt. Zwischenzeitlich gewann Methamphetamin darüber hinaus als Dopingmittel an Bedeutung. Im Jahr 1988 wurde Methamphetamin aufgrund der hohen Abhängigkeitsentwicklung und immenser festgestellter Folgeschäden vom Markt genommen. Seit dem Jahr 2000 erlangt Methamphetamin als „Crystal Meth“ in Deutschland zunehmend an Popularität. Seitdem befindet sich Crystal auf dem Vormarsch. (vgl. Bunde 2014, S. 11)

2.3 Epidemiologie

Im Folgenden soll die Verbreitung von Crystal anhand von Schlaglichtern aus Sachsen und der Region Dresden dargestellt werden. Crystal ist, wie in Kapitel 2.2 aufgezeigt, kein gänzlich neues Phänomen. Schaut man sich die Verbreitung an, wird ein deutliches Nord-Süd-, und West-Ost-Gefälle erkennbar. So besteht die Problematik vor allem in den süd-östlichen Bundesländern. An der Spitze findet sich Sachsen als ein von der „Crystal-Welle“ besonders betroffenes Bundesland. Grund hierfür ist die Nähe zur tschechischen Grenze, wo jederzeit schnell und günstig Crystal verfügbar ist. (vgl. BKA 2016, S. 18, 23) Diese Entwicklung blieb lange Zeit unbemerkt und die Verfügbarkeit stieg sehr schnell, was dazu führte das die Crystal-Problematik auf ein größtenteils unvorbereitetes Hilfesystem traf. (vgl. Barsch 2014a, S. 14f., 108) Seit 2010 wurde insbesondere in Dresden ein sprunghafter Anstieg an Beratungsbedarf von crystalkonsumierenden Personen registriert. Dabei wurde sehr schnell deutlich, dass es sich vermehrt um Familien handelt. Mit dem Anstieg von suchtbelasteten Familien in der Suchthilfe und Jugendhilfe standen diese vor neuen Herausforderungen, vor allem hinsichtlich des Kinderschutzes. (vgl. Ferse 2017, S. 104f.) In den Statistiken zeigt sich, dass 70% der Crystalkonsument*innen der Altersspanne von 20 bis 35 Jahren zuzuordnen sind. Der Altersdurchschnitt liegt bei 28,7 Jahren. Des Weiteren fällt der vergleichsweise hohe Frauenanteil von ca. 34 % auf (im Vergleich zu anderen Substanzen). (vgl. SLS 2018, S. 18) Da der Großteil der Crystalkonsument*innen sich damit im gebärfähigen Alter befindet, verwundert es nicht, dass sich unter den Konsumentinnen vermehrt (werdende) Mütter befinden und sich in Folge mit der Situation der Kinder crystalkonsumierender Eltern auseinandergesetzt werden muss. Besorgniserregend in Dresden ist vor allem die Anzahl der Mütter, die unter dem Einfluss von Crystal entbinden und deren Säuglinge entzügig geboren werden. Seit 2007 steigt in Sachsen die Zahl von Neugeborenen mit Neonatalem Abstinenzsyndrom (NAS), aufgrund des mütterlichen Crystalkonsums in der Schwangerschaft, drastisch an. Wurde 2007 bei zwanzig Neugeborenen ein Neonatales Abstinenzsyndrom diagnostiziert, so waren es 2014 schon 153 Säuglinge. (vgl. Ferse 2017, S. 110) Im Uniklinikum Dresden wurde aufgrund dieser Entwicklung eine Spezialambulanz für crystalkonsumierende Schwangere eingerichtet. In ca. 2/3 der Fälle spricht sich das Jugendamt nach der Entbindung für eine Inobhutnahme aus. (vgl. Uniklinik DD, 2016) In einigen Fällen können die Mütter der drohenden Inobhutnahme nur durch ihre Einwilligung in eine stationäre Hilfe, wie einer Mutter-Kind-Einrichtung, entgehen.

Aus diesem Grund steigen die Anfragezahlen für Plätze in Mutter-Kind-Einrichtungen für werdende Mütter bzw. Mütter mit Kind(ern) und einer Crystalproblematik immer weiter an.

2.4 Konsum

In der Auseinandersetzung mit einer suchtspezifischen Thematik kursieren viele Begrifflichkeiten, die teilweise synonym, teilweise aber auch widersprüchlich verwendet werden. Daher soll zunächst eine Begriffsklärung der grundlegenden Begriffe Substanzmissbrauch und Abhängigkeit vorgenommen werden.

Sucht als solche stellt einen nicht näher definierten Begriff dar und schließt eine große Bandbreite von substanzgebundenem und nicht substanzgebundenem Konsum dar. Abhängigkeit stellt eine Krankheit gem. ICD-10 dar und gehört zu der Gruppe der psychischen Störungen (vgl. Barsch/Organo 2016, S. 5-I./14). Die Beurteilung, ob es sich bereits um eine Abhängigkeit handelt, obliegt der Suchthilfe. Daher werden an dieser Stelle nur die zugrunde zulegenden Kriterien angeführt. Um von einer Abhängigkeit(-serkrankung) zu sprechen, müssen mindestens drei Anhaltspunkte gem. ICD-10 vorliegen. Diese sind Craving, eine eingeschränkte Kontrollfähigkeit in Bezug auf den Konsum, Entzugssyndrome bei Nichtkonsum, eine Toleranzentwicklung, fortbestehender Konsum trotz eingetretener Schädigungen sowie die Vernachlässigung anderer Lebensbereiche. (vgl. Landeshauptstadt Dresden 2017b, S. 11) Craving meint dabei das Verlangen wieder zu der Droge zu greifen, in der Literatur teilweise auch als Suchtdruck bezeichnet (vgl. Glaeske/Holzbach/Boeschen 2015). Mit der Überarbeitung des Diagnostic and Statistical Manual (DSM-V) wurde die Unterscheidung zwischen Missbrauch und Abhängigkeit aufgegeben. Stattdessen wurden elf Diagnosekriterien eingeführt mittels dieser zwischen einer moderaten oder einer schweren Substanzgebrauchsstörung unterschieden werden kann. Sind zwei bis drei der Kriterien gegeben, so spricht man von einer moderaten, bei mindestens vier erfüllten Kriterien von einer schweren Substanzgebrauchsstörung. (vgl. ebda.) Im Folgenden findet sich eine Auflistung der Diagnosekriterien.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(eigene Darstellung, vgl. Glaeske/Holzbach/Boeschen 2015)

2.4.1 Konsumformen

Am häufigsten sind nasale und intravenöse Konsumformen sowie die Inhalation von Crystal. Weitaus seltener wird Crystal oral und vaginal bzw. anal konsumiert. Beim nasalen Gebrauch, in der Szene auch „sneefen“, „ruppen“ oder „rotzen“ genannt, wird Crystal in Pulverform durch die Nase gezogen und über die Nasenschleimhaut aufgenommen. Die Wirkung tritt nach ca. fünf bis zehn Minuten ein. Beim intravenösen Gebrauch wird Crystal zunächst in Wasser aufgelöst und dann mit einer Spritze injiziert, in der Szene als „ballern“ bezeichnet. Hierbei tritt die Wirkung sofort ein. Beim Inhalieren (Szenebezeichnung: „blecheln“) wird Crystal zunächst auf einer Alufolie erhitzt und der dabei entstehende Dampf wird eingeatmet. Aber auch das Rauchen von Crystal in einer sogenannten Crackpfeife (Szenebezeichnung: „pipe“) ist üblich. Auch hierbei tritt die Wirkung sofort ein. Bei oraler Aufnahme, in der Szene unter „bomben“ bekannt, wird Crystal in Tabletten- oder Kapselform geschluckt, wobei eine Wirkung nach etwa 30 bis 40 Minuten eintritt. Darüber hinaus existieren auch anale (Szenebezeichnung: „booty bomb“) und vaginale Gebrauchsformen. Genaue Angaben zum Wirkungseintritt finden sich für diese Konsumformen nicht. (vgl. JSDB 2014, S. 12ff.)

Zu Beginn des Konsums von Crystal wird die Substanz oftmals noch nasal konsumiert. Sobald eine gewisse Gewöhnung eintritt, wird meist zum Inhalieren übergegangen. Bei einem intravenösen Gebrauch besteht das höchste Risiko einer Überdosierung.

Zu dieser Konsumform gehen die Konsument*innen meist erst über, wenn bereits eine Abhängigkeit vorliegt und aufgrund einer eingetretenen Toleranzentwicklung die Dosis erhöht werden muss, damit sich die gewöhnte Wirkungsintensität entfaltet. (vgl. JSDB 2014, S. 13f.)

Eine besondere Problematik stellt die Dosierung von Crystal dar, da bereits kleinste Mengen zu intensiven und langanhaltenden Wirkungen führen. Insbesondere für die am meisten verbreitete Konsumform, dem „sneefen“, existieren keine Hilfsmittel, um die Dosismenge zu bestimmen. Abgesehen von der hohen Gefahr einer Überdosierung kommt es häufiger zu ungewollt langen Rausch- und Wachphasen und damit einhergehenden heftigen und langen Nachwirkungen. (vgl. Barsch 2014a, S. 41f.)

Neben dem Konsum von Crystal werden häufiger auch andere legale und illegale Substanzen konsumiert. Hauptsächlich werden Cannabis, Heroin und Alkohol konsumiert, um die unangenehmen Nachwirkungen von Crystal abzumildern bzw. zu betäuben. Dass ein Bei- und Mischkonsum bei Crystaluser*innen so häufig ist, liegt auch zu einem großen Teil an der Problematik der Dosierbarkeit von Crystal. (vgl. ebda., S. 47)

2.4.2 Konsumphasen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(eigene Darstellung, vgl. JSDB o.J., o.p.)

Die Wirkungsweise von Crystal lässt sich anhand von sieben Phasen, dem sogenannten Konsumkreislauf, darstellen (vgl. JSDB o.J., o.p.).

2.4.2.1 Rush

Die erste Phase kann, abhängig von der Konsumform und -menge, bis zu 30 Minuten anhalten. Hierbei werden Dopamin und Noradrenalin im Körper ausgeschüttet, wodurch der Körper in einen Notfallmodus versetzt wird. Erlebt wird dies von den Konsument*innen als Leistungssteigerung und Gefühl unendlicher Energie und Ausdauer. (vgl. JSDB o.J., o.p.; Barsch/Organo 2016, S. 1-III./2f.)

2.4.2.2 High

Es folgt die zweite Phase, welche ca. vier bis 16 Stunden anhält. In dieser Phase fühlen sich die Konsument*innen besonders leistungsfähig, glücklich und selbstbewusst. Das Kommunikationsbedürfnis ist gesteigert, aber auch die Freude an monotonen Tätigkeiten (bspw. stundenlanges putzen). Die körpereigenen Signale und Schutzmechanismen wie Hunger-, Durst-, Müdigkeits- und Schmerzempfinden werden ausgeschalten. Dagegen wird die Libido gesteigert. (vgl. JSDB o.J., o.p.; Barsch/Organo 2016, S. 1-III./2f.)

2.4.2.3 Exzess

Wenn die vorhergehende Phase endet und damit das Gefühl „gut drauf zu sein“, kommt es häufig zum erneuten Konsum, dem sogenannten „nachlegen“. Die anschließende Phase, kann drei bis 15 Tage anhalten. Die Konsument*innen zeigen in dieser Phase hyperaktives Verhalten. Es wird weiterhin kaum oder gar nicht geschlafen. Die sich hierbei wiederholende zweite Phase ist zudem bei jedem Nachlegen weniger intensiv bis die Glücksgefühle gänzlich ausbleiben. (vgl. JSDB o.J., o.p.; Barsch/Organo 2016, S. 1-III./2f.)

2.4.2.4 Runterkommen

Es folgt die Phase des „Runterkommens“, welche von vier Stunden bis zu einem Tag anhalten kann. In dieser Phase werden die ursprünglich erwünschten Effekte gespiegelt. Anstelle einer guten Stimmung treten nun Gereiztheit, Nervosität, Verwirrtheit sowie eine innere Leere ein. Durch die sehr lange Wachphase steigt das Psychoserisiko erheblich. Zudem fühlen sich die Konsument*innen oft bedroht und entwickeln Verfolgungsphantasien. Dadurch kann es zu aggressivem und gewalttätigem Verhalten kommen. Zur Beruhigung werden in dieser Phase oftmals Alkohol oder Cannabis konsumiert. Gleichzeitig steigt das Substanzverlangen (Craving). (vgl. JSDB o.J., o.p.; Barsch/Organo 2016, S. 1-III./2f.)

2.4.2.5 Crash

Die anschließende Phase kann ein bis drei Tage anhalten. Sämtliche „Reserven des Körpers sind aufgebraucht. Es folgt eine lange und tiefe Schlafphase.“ (JSDB o.J., o.p.). (vgl. JSDB o.J., o.p.; Barsch/Organo 2016, S. 1-III./2f.)

2.4.2.6 Crystal-Kater

Die folgende Phase hält ca. zwei bis 14 Tage an. Nach der langen Schlafphase benötigt der Körper neue Energie. Die Konsument*innen wirken völlig erschöpft und die lang verwehrte Erholung wird jetzt nachgeholt. Ein starkes Hunger- und Durstgefühl setzt ein. Gefühle, wie Lust- und Antriebslosigkeit stellen sich ein. Jedoch gelingt es einigen Konsument*innen bereits jetzt wieder Beschäftigungen nachzugehen. Bei regelmäßigem Konsum verkürzt sich diese Regenerationsphase kontinuierlich. (vgl. JSDB o.J., o.p.; Barsch/Organo 2016, S. 1-III./2f.)

2.4.2.7 Entzug

Bleibt es nach der vorangegangenen Phase bei einer Abstinenz, so folgen depressive Verstimmungen bis hin zu Suizidgedanken. Beobachtet wurden zudem Veränderungen in der Persönlichkeit, emotionale Verflachung sowie Nervosität. Weitere Entzugssyndrome sind u.a. Gereiztheit, Stimmungslabilität und Müdigkeit bei anhaltender Schlaflosigkeit oder ein kaum erholsamer Schlaf, welcher mit Alpträumen einhergeht. Wurden zuvor hohe Dosen konsumiert, kann dies zu einem psychotischen Erleben bis hin zu Psychosen führen (vgl. McGeorg et al. 2005, S. 1320ff. zit. n. Barsch et al. 2016, S. 63). Hinzu kommen kognitive Einschränkungen, starke Hungergefühle und eine Gewichtszunahme. (vgl. DHS 2017, S. 33) Aufgrund des sehr negativen Erlebens und Befindens, steigen der Suchtdruck und damit das Rückfallrisiko. (vgl. Barsch/Organo 2016, S. 1-III./2f.)

2.4.2.8 Regeneration

Kann der clean-Status aufrechterhalten werden, so setzt nach ca. 1,5 Jahren die Rekonvaleszenz (Regeneration) ein. Der Körper beginnt nun wieder selbst Dopamin auszuschütten. Dadurch können wieder positive Gefühle wie Freude erlebt werden und auch die kognitiven Fähigkeiten verbessern sich wieder. (vgl. JSDB o.J., o.p.; Barsch/Organo 2016, S. 1-III./2f.)

2.4.3 Konsummotive

Das Gefährliche an Crystal sind nicht die enormen Schädigungen, die mit dem Konsum einhergehen, sondern dass die Droge trotz dieser Auswirkungen so attraktiv ist (vgl. Mortler 2017, S. 7).

Konsumiert wird Crystal aus ganz unterschiedlichen Gründen. Hauptsächlich wird Crystal aus Gründen der Geselligkeit sowie zur Leistungssteigerung konsumiert. Darüber hinaus wird die Substanz auch zur Selbstmedikamentation eingesetzt.

Dabei verhelfen die scheinbar ständige Verfügbarkeit sowie der sehr günstige Preis in der Region Dresden bzw. Sachsen Crystal zu einer noch größeren Attraktivität (bspw. gegenüber Kokain).

Überspitzt kann man sagen, dass Crystal ein verlockendes „Preis-Leistungsverhältnis“ bietet, wenn man bedenkt, wie günstig dieses zu erwerben ist und wie lange die Wirkung anhält. (vgl. Barsch 2014a, S. 24f.)

2.4.3.1 Leistungssteigerung

Wie bereits beschrieben, steigert Crystal zunächst die Konzentration und die Ausdauer. (vgl. JSDB 2014, S. 32) Zusätzlich werden insbesondere monotone Tätigkeiten als freudvoll erlebt. So wird beispielweise von vielen Anwender*innen betont, dass man unter dem Einfluss von Crystal stundenlang bis zur Perfektion putzen kann, sich mit den Kindern beschäftigen, Unterlagen sortieren oder aufgeschobene Ämtergänge erledigen und dies alles auch noch Spaß macht. Auch die Möglichkeit durch Crystal mit sehr wenig Schlaf auszukommen, scheint insbesondere für Mütter attraktiv. (vgl. Barsch 2014a, S. 49f.) Barsch beschreibt diesen Verwendungszweck von Crystal als „Alltagsdoping“ (ebda., S. 31).

2.4.3.2 Geselligkeit

Vor allem die (gefühlte) Steigerung von Selbstbewusstsein und Kommunikationsfähigkeit wird von Anwender*innen als besonders positiv beschrieben. Crystal dient in diesem Fall zur Steigerung von Spaß und Geselligkeit. (vgl. JSDB 2014, S.33)

2.4.3.3 Gewichtsreduzierung

Vor allem Frauen bewerten die Möglichkeit durch Crystal abzunehmen als sehr positiv. Insbesondere nach der Geburt steigt hier die Rückfallgefahr, da viele Frauen mit ihrem Gewicht und ihrem Körper unzufrieden sind, aber weder die Kraft noch die Zeit haben, um durch Sport und gesunde Ernährung wieder zu einem guten Körpergefühl zu gelangen. Hinzu kommen die Erinnerungen daran, wie schnell sie in der Vergangenheit durch den Konsum von Crystal abgenommen haben. (vgl. ebda., S. 35)

2.4.3.4 Selbstmedikation

In der Literatur finden sich Hinweise, dass Crystal, insbesondere von Frauen, zur Selbstmedikation eingesetzt wird. Einerseits um negative Gefühle und Gedanken „abzuschalten“ sowie depressive Verstimmungen, durch die zunächst einsetzende Euphorie, abzumildern. Anderseits fällt es einigen Frauen unter dem Einfluss von Crystal leichter ihre Sexualität auszuleben, vor allem bei erlebter sexualisierter Gewalt in der Vergangenheit. (vgl. ebda., S. 35f.)

2.4.3.5 Biographische Gründe

Darüber hinaus ist das Verlangen nach berauschenden Substanzen und die Gefahr einer Abhängigkeitserkrankung auch biographisch bedingt (bspw. bei Vorliegen einer Abhängigkeitserkrankung in der Herkunftsfamilie). (vgl. Barsch 2014a, S. 24f.)

Die Attraktivität von Crystal insbesondere für junge Mütter wurde von Michels wie folgt sehr treffend zusammengefasst: „Sie [gemeint ist Crystal - Anm. d. Verf.] hilft jungen Frauen, „schlank“ zu bleiben und den oft stressigen Alltag mit Kindern zu ertragen. Sie gaukelt vor, besseren Sex zu haben.“ (Michels 2017, S. 14).

2.5 Wirkungsweise

Crystal bewirkt, dass im Gehirn Dopamin und Noradrenalin und im Körper Adrenalin ausgeschüttet wird. Dies hat zur Folge, dass der Körper in einen Alarmzustand versetzt wird. Dabei kommt es zu einer Unterdrückung körperlicher Signale. Hierzu zählen die Unterdrückung des Hunger- und Durstgefühls, des Schlafbedürfnisses sowie des Schmerzempfindens. (vgl. JSDB 2014, S. 18) Gegenteilig kommt es zu einem gesteigerten Stoffwechsel, schnellerer Atmung sowie zu einer „Erhöhung von Blutdruck, Puls und Körpertemperatur“ (ebda., S. 18). Zusätzlich erfolgt die Steigerung der Konzentrations- und Leistungsfähigkeit (v.a. in Bezug auf monotone Tätigkeiten). Darüber hinaus werden das Selbstbewusstsein und Kommunikationsbedürfnis gesteigert sowie Angstgefühle vermindert. Gleichzeitig stellt sich ein enthemmender euphorischer Zustand ein. Zudem wirkt Crystal auf die Sexualität und führt zu einer Steigerung der Libido und der Ausdauer sowie zu einer erhöhten Risikobereitschaft und Promiskuität. (vgl. Barsch et al. 2016, S. 61f.) Dabei richtet sich die Dauer und Intensität der Wirkung nach der Konsumform, dem Reinheitsgrad, der Konstitution der Konsument*innen sowie der (bereits eingetretenen) Toleranz gegenüber Crystal. (vgl. JSDB 2014, S. 18)

2.5.1 Kurzzeitwirkung

Zunächst treten die von den Konsument*innen durchaus erwünschten Wirkungen ein. Darüber hinaus stellen sich auch kurzfristig unerwünschte Wirkungen bzw. als Nebenwirkungen erlebte Wirkungen ein. (vgl. ebda., S. 19)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(eigene Darstellung, vgl. JSDB 2014, S. 19f.)

Bei nasalem Konsum kommt die Verletzung der Nasenschleimhaut und Nasenscheidewand hinzu. (vgl. ebda., S. 20)

2.5.2 Langzeitwirkung

Aufgrund des Crystalkonsums können sich, neben der Gefahr der Entwicklung einer Abhängigkeitserkrankung, auch teils gravierende Folgeerkrankungen entwickeln. (vgl. ebda., S. 38)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(eigene Darstellung, vgl. JSDB 2014, S. 21ff.; Barsch 2014a, S. 52ff.)

Zu den langfristigen psychischen Beeinträchtigungen zählen zudem das Absterben von Nervenzellen mit der Folge von kognitiven Einschränkungen wie Konzentrationsschwierigkeiten, Vergesslichkeit sowie Wortfindungsstörungen (Szenebezeichnung: „verspult sein“). Die Schädigung der Nervenzellen äußert sich dann ähnlich wie bei einer Demenzerkrankung. In vereinzelten Fällen wurde in Folge von frühzeitigem Konsum im Jugendalter eine Einstufung und Betreuung als Pflegefall notwendig. Zu den genannten Auswirkungen in Bezug auf die Persönlichkeit kann Crystalkonsum zu einem dissozialen Verhalten führen. Hierzu gehören egozentrisches und grenzverletzendes Verhalten, Rückzugstendenzen und Desinteresse, Reizbarkeit und Aggressivität sowie Misstrauen und Ängstlichkeit. Das Psychoserisiko bleibt auch bei Abstinenz fortbestehen.

Darüber hinaus sind, wie dargestellt, körperliche Langzeitschädigungen bekannt. Bei Frauen können eine Störung des Zyklus sowie ungewollte Schwangerschaften hinzukommen. Beim nasalen Konsum kann es zudem zur Auflösung der Nasenscheidewand kommen. Bei einem regelmäßigen Konsum kann man daher von einem Raubbau am eigenen Körper sprechen. (vgl. JSDB 2014, S. 21ff.; Barsch 2014a, S. 52ff.) Letztlich kann der Konsum von Crystal auch unmittelbar (bspw. durch Überdosierung) oder durch im Zusammenhang stehende Ursachen (bspw. Unfälle oder Selbstmord) zum Tod führen. Crystalkonsument*innen sind gem. einer Studie einem vier- bis achtfach höherem Sterberisiko ausgesetzt, als Personen gleichen Geschlechts und Alters. (vgl. Zábranský et al. 2010 zit. n. Mravčik et al. 2017, S. 36) Jedoch dürfen die genannten Folgen bei langjährigem und/oder exzessivem Konsum nicht zu den bildhaften Vorstellungen über Crystal-Konsument*innen führen, wie sie oft in den Medien („Faces of Meth“) dargestellt werden.

Zwar zeigen sich im Erscheinungsbild bei einigen Konsument*innen durchaus die beschriebenen Langzeitfolgen, jedoch weitaus nicht bei allen. Einige Konsument*innen verfügen über ein gepflegtes Äußeres und eine gesunde Ausstrahlung. Somit können einseitige Vorstellungen zu falschen Vermutungen führen, was eine angebliche Abstinenz oder Abhängigkeit von Crystal angeht. Eigene Vorstellungen, ggf. geprägt durch die Medien, sollten daher kritisch reflektiert werden.

Darüber hinaus kann es bei Misch- bzw. Beikonsum zu weiteren unerwünschten Wechselwirkungen kommen. Im Folgenden sollen einige Substanzen und deren Wechselwirkungen kurz dargestellt werden. Besonders häufig ist der Beikonsum von Alkohol. Dieser gilt als besonders gefährdend, da die Wirkung von Alkohol unter dem Einfluss von Crystal nicht wahrgenommen wird. Es besteht daher die Gefahr einer Alkoholvergiftung. Ebenfalls verbreitet ist der Beikonsum von Cannabis, wodurch die Wirkung von Crystal verstärkt wird. Häufig wird Cannabis auch zum „runterkommen“ genutzt, da Cannabis eine gegenteilige Wirkung hat. Dadurch wird jedoch der Biorhythmus massiv gestört mit der Folge, dass dieser sich nicht mehr natürlich regulieren kann. Dies kann wiederum eine Abhängigkeit begünstigen. Häufig werden auch Energiedrinks parallel konsumiert, was die Wirkung von Crystal verstärkt. Mögliche Folgen sind Kreislaufzusammenbrüche und Hyperthermie. Darüber hinaus ist auch der Beikonsum von MDMA, Heroin und Kokain verbreitet, welcher zusammengefasst in Folge zu höheren physischen und psychischen Belastungen führen kann. (vgl. JSDB 2014, S. 25f.)

2.6 Abstinenz und Rückfallrisiko

Trotz der schwierigen Lebensumstände, der oftmals ungewollten Schwangerschaft sowie der Ambivalenz der Mütter zwischen Kind und Konsum, entscheidet sich ein Großteil der Frauen für das Kind und sieht in diesem die Chance für einen Neuanfang. Die Motivation zur Abstinenz ist zu diesem Zeitpunkt besonders hoch. (vgl. Habash 2012, S. 327) Nach einer Studie von Klein wurde für 78,6% der crystalkonsumierenden Eltern die Elternschaft zu einem Abstinenzgrund (vgl. Klein 2015 zit. n. Barsch et al. 2016, S. 65). Durch die sich verändernde Lebenssituation und die Sorge um das Kind entsteht eine besonders hohe Motivation. Oftmals fungiert das Kind dabei als „Erlöser“, da mit dem Kind die Hoffnung auf eine Neuanfang verbunden wird. (Trost 2013, S. 119)

Eine hohe Rückfallgefahr ergibt sich, insbesondere für Frauen, bei Überforderung (bspw. durch eine ungewollte Schwangerschaft bzw. bei Müttern mit Säugling), bei depressiven Verstimmungen sowie bei einer Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper (bspw. bei einer Gewichtszunahme durch die Schwangerschaft). (vgl. Barsch 2014a, S. 94) Daher steigt die Rückfallgefahr insbesondere bei der Substanz Crystal, da die Wirkung genau den Anforderungen entspricht: Verminderung des Schlafbedürfnisses, des Hunger- und Durstgefühls sowie Leistungssteigerung. Ebenso wurde von einigen Müttern berichtet, dass der Suchtdruck auch durch den Leistungsdruck in der Einrichtung steigt. Die Mütter spüren den Druck, der durch die Kontrollfunktion einer Mutter-Kind-Einrichtung auf ihnen lastet. Insbesondere der Zwangs- und Kontrollcharakter, welcher in Mutter-Kind-Einrichtungen leider naturgemäß gegeben ist, führt bei den Müttern zu Ohnmachts- und Überforderungserlebnissen. Hierzu gehören auch Ängste und Sorgen bzgl. einer (erneuten) Inobhutnahme des Kindes. Bei Crystal wird zudem von besonders starkem Craving ausgegangen, da für die ursprünglichen Konsumgründe und -anlässe alternative Bewältigungsmodelle erst gefunden und erlernt werden müssen. (vgl. Michels 2017, S. 14) Craving und daraus resultierende Rückfälle sind zudem Teil der Charakteristik einer Abhängigkeitserkrankung (vgl. Glaeske/Holzbach/Boeschen 2015). Die Konsumerinnerung bleibt ein Leben lang bestehen und vor allem die als positiv erlebten Wirkungen werden nicht vergessen. Daraus ergibt sich eine lebenslange Rückfallgefahr. (vgl. Michels 2017, S. 14)

3 Konsum und Kindeswohl

3.1 Begrifflichkeiten

3.1.1 Kindeswohl

Für den folgenden Diskurs ist es notwendig zunächst das Kindeswohl und damit zusammenhängend die kindlichen Bedürfnisse zu betrachten. Die kindlichen Bedürfnisse lassen sich anhand der Maslowschen Bedürfnispyramide aufzeigen. So stehen an erster Stelle die physiologischen Bedürfnisse nach Nahrung, Schlaf sowie einer Tagesstruktur. Sind diese erfüllt, so kommt das Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit hinzu. Dazu gehört auch der Schutz vor Gefahren und Krankheit sowie eine materielle Grundabsicherung. Sind auch diese Bedürfnisse erfüllt, so schließt sich das Bedürfnis nach sozialer Sicherheit an. Dieses beinhaltet familiäre Bindungen sowie Interaktions- und Kommunikationsmöglichkeiten.

Werden diese Bedürfnisse erfüllt, dann ergibt sich darüber hinaus das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung. An der Spitze steht, wenn alle anderen Bedürfnisse erfüllt sind, das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung. (vgl. Röhr et al. 2013, S. I/2)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(eigene Darstellung, vgl. ebda., S. I/2)

Als Minimalkonsens für das Kindeswohl können zudem die Basiskriterien in Anlehnung an die Leitlinien des KDO Amsterdam („Kinder drogenabhängiger Eltern“) herangezogen werden. Einige der Basiskriterien werden bereits durch die Unterbringung in einer Mutter-Kind-Einrichtung erfüllt. Des Weiteren müssen folgende Kriterien erfüllt sein:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(eigene Darstellung, vgl. Arenz-Greiving/Kober 2007, S. 39f.)

3.1.2 Kindeswohlgefährdung

Der Begriff der Kindeswohlgefährdung wird zwar in den gesetzlichen Grundlagen (vgl. §1666 BGB) genannt, es handelt sich jedoch um einen unbestimmten Rechtsbegriff, so dass eine nähere Definition ausbleibt. Es werden gem. § 1666 (1) BGB lediglich die verschiedenen Gefährdungsebenen (körperliche, geistige und seelische Gefährdung) benannt. Eine ausführlichere Definition wurde im Rahmen der Rechtsprechung wie folgt vorgenommen:

„Eine Gefährdung des Kindeswohls liegt dann vor, wenn die begründete Besorgnis besteht, dass bei Nichteingreifen I…I das Wohl des Kindes beeinträchtigt wird oder eine gegenwärtige, in einem solchen Maße vorhandene Gefahr besteht, dass sich bei der weiteren Entwicklung des Kindes eine erhebliche Schädigung mit ziemlicher Sicherheit voraussehen lässt. Dabei entsteht die begründete Besorgnis in aller Regel aus Vorfällen in der Vergangenheit. Aufgrund des gesamten Verhaltens des Sorgeberechtigten muss Anlass zur Besorgnis bestehen.“

(OLG Köln, Beschl. v. 30.09.2003, AZ.: 4UF158).

Darüber hinaus lässt sich zwischen verschiedenen Formen von Kindeswohlgefährdung unterscheiden. Diese sind Vernachlässigung (bspw. unzureichende Ernährung oder Pflege des Kindes), die Vernachlässigung der Aufsichtspflicht, häusliche Gewalt (bspw. das Miterleben von Gewalthandlungen zwischen den Eltern), physische (bspw. das Schütteln eines Säuglings) und psychische (bspw. verbale oder nonverbale Abwertung des Kindes) Misshandlung sowie sexualisierte Gewalt. (vgl. SenBJW 2014, S. 19f.)

3.1.3 Erziehungsfähigkeit

Nach Dettenborn und Walter bestimmen fünf Indikatoren die Erziehungsfähigkeit: Erziehungsziele, -einstellungen, -kenntnisse, -kompetenzen sowie das Erziehungsverhalten. Im Folgenden sollen die genannten Indikatoren vorgestellt werden (vgl. Dettenborn/Walter 2016, S. 123ff.).

Die Erziehungsziele speisen sich vor allem aus den persönlichen Wert- und Normvorstellungen der Eltern. Dabei sollten sich nach Dettenborn und Walter die Wert- und Normvorstellungen der Eltern an den gesellschaftlich akzeptierten Werten orientieren, um dem Kind die Aufnahme in die soziale Gemeinschaft zu ermöglichen. Zudem sollten die Erziehungsziele die kindlichen Bedürfnisse berücksichtigen. Als klassisches Erziehungsziel gilt die Angepasstheit an die sozialen Anforderungen und Normvorstellungen. Zu den zeitgemäßen Erziehungszielen zählen die Förderung von Individualität und Bildung sowie emotionaler Intelligenz. (vgl. Dettenborn/Walter 2016, S. 123ff.).

Die Erziehungseinstellungen prägen direkt das Verhalten von Eltern. Gemeint sind die persönliche Einstellung, die Weltanschauung, die Einstellung zu Erziehungsstilen und Erziehungsmitteln, der Umgang mit Erziehungsfragen sowie die Einstellung zum Kind selbst. Zu den Erziehungseinstellungen zählen daher u.a. das Interesse am Kind sowie das erzieherische Engagement. Ebenso zur Erziehungsfähigkeit zählen die Erziehungskenntnisse. Gemeint ist in erster Linie ein Wissen über die kindliche Entwicklung sowie die kindlichen Bedürfnisse. (vgl. Dettenborn/Walter 2016, S. 123ff.).

Als die wichtigsten Erziehungskompetenzen beschreiben Dettenborn und Walter Stabilität und elterliche Feinfühligkeit. Dabei sollte das elterliche Verhalten für das Kind konsistent und damit vorhersehbar sein. Elterliche Feinfühligkeit beschreibt „die Fähigkeit, die kindlichen Signale wahrzunehmen, zu verstehen und prompt wie auch angemessen zu beantworten“ (Trost 2013, S. 110) und bildet die Grundlage für eine sichere Eltern-Kind-Bindung und kindliches Explorationsverhalten (vgl. ebda., S. 110f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 93 Seiten

Details

Titel
Crystal Meth und die sozialpädagogische Arbeit mit drogenkonsumierenden Müttern. Wie können Mütter und Kinder in gemeinsamen Wohnformen zusammenleben?
Autor
Jahr
2020
Seiten
93
Katalognummer
V503658
ISBN (eBook)
9783964871510
ISBN (Buch)
9783964871527
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendhilfe, Crystal Meth, Crystal, Mutter, Kind, HzE, Mutterschaft, Sucht, Drogen, Sachsen, Dresden, Kindeswohlgefährdung, Kindeswohl, Abhängigkeit, Konsum, Bachelor, Soziale Arbeit, Sozialpädagogik, Leipzig, Chemnitz, Erziehungsfähigkeit, Schwangerschaft, Elternschaft, Handlungsempfehlungen, Mutter-Kind-Einrichtung
Arbeit zitieren
Maria Liebing (Autor), 2020, Crystal Meth und die sozialpädagogische Arbeit mit drogenkonsumierenden Müttern. Wie können Mütter und Kinder in gemeinsamen Wohnformen zusammenleben?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/503658

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