"Das alte Konzept der offenen Arbeit, das heißt das Prinzip der Offenheit für alle und jeden, stilisiert im offenen Bereich eines jeden Jugendhauses, in dem sich alle Jugendlichen treffen sollen, geht schon lange an der Wirklichkeit vorbei.“ (Ulrich Deinet) Ziel dieser Arbeit ist die Auseinandersetzung mit dem Zitat von Deinet. Hierfür wird zunächst der Begriff "offene Kinder- und Jugendarbeit" näher beleuchtet. Hierzu werden auch die Charakteristika, Prinzipien und Konzepte, die diesem Bereich zugrunde liegen, näher betrachtet. Dabei werden auch die Rechtsgrundlage und die Ziele, die sich daraus für die offene Kinder- und Jugendarbeit ergeben, in den Blick genommen. Anschließend an diese Analyse sollen die aktuelle Situation betrachtet sowie diesbezügliche Kritiken beschrieben werden. Diese Auseinandersetzung soll letztlich dazu führen, das Zitat von Deinet verstehen und einordnen zu können. In diesem Zusammenhang wird auf die Fragen: "Inwieweit ist offene Jugendarbeit noch zeitgemäß? Oder wird sie nicht schon längst funktionalisiert?" eingegangen. Abschließend werden ausblickend weitere Entwicklungsmöglichkeiten und Trends in diesem Arbeitsbereich aufgezeigt.
Die Anfänge der Jugendarbeit waren weniger von Pädagogik und Bildungszielen geprägt. Sie hatten vor allem politischen Charakter. Bis heute gibt es keine einheitliche Definition zur offenen Kinder- und Jugendarbeit als einen Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Dies zeigt sich auch in dem sehr bunt aufgestellten Einrichtungsspektrum der offenen Jugendarbeit mit unterschiedlichen theoretischen und konzeptionellen Ausrichtungen, Konzepten und Angeboten. Wenn es keine einheitliche Theorie gibt, so gibt es doch eine fundamentale rechtliche Grundlage und damit einen klaren Rahmen, welcher Ziele und Prinzipien der offenen Kinder- und Jugendarbeit festlegt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Was ist Offene Kinder- und Jugendarbeit
Rechtliche Bestimmungen und Ziele
Charakteristika und Prinzipien
Situation heute und Kritik
Fazit und Ausblick
Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit setzt sich kritisch mit dem Wandel der Offenen Kinder- und Jugendarbeit auseinander, insbesondere vor dem Hintergrund einer zunehmenden „Indienststellung“ für fremde Zwecke. Ziel ist es, die ursprüngliche gesetzliche Ausrichtung und die Kernprinzipien des Arbeitsfeldes gegen aktuelle Tendenzen der funktionalen Überformung abzugrenzen.
- Rechtliche Grundlagen nach § 11 SGB VIII
- Kernprinzipien: Freiwilligkeit, Offenheit und Partizipation
- Kritische Analyse der kompensatorischen Aufgabenzuweisung
- Spannungsfeld zwischen jugendlicher Lebenswelt und institutionellem Legitimationsdruck
- Identitätsbildung und Selbstbestimmung in der Jugendarbeit
Auszug aus dem Buch
Situation heute und Kritik
Durch die bereits erwähnte Übernahme von kompensatorischen Aufgaben innerhalb der Offenen Kinder- und Jugendarbeit kommt es immer wieder zu Kritik, da die Einhaltung der Grundprinzipien der Offenen Kinder- und Jugendarbeit dadurch als gefährdet angesehen werden.
Durch den Legitimationsdruck der Offenen Kinder- und Jugendarbeit aufgrund rückläufiger Zahlen und immer knapperen Haushaltsbudgets, ist die Offene Kinder- und Jugendarbeit immer wieder zu Anpassungen gezwungen. Diese führen jedoch teilweise in bedenkliche Richtungen, weg von den eigentlichen Grundprinzipien der Offenen Kinder- und Jugendarbeit.
So muss die Offene Kinder- und Jugendarbeit ausreichende Nutzer*innen-Zahlen und eine attraktive Angebotspalette nachweisen. Laut Giesecke eine unerklärliche Forderung, da von Beginn an immer nur eine Minderheit die Angebote der Jugendarbeit genutzt hat und es somit für die Erforderlichkeit großer Nutzer*innnen-Zahlen keine Begründung gibt (vgl. Giesecke 1984, S. 449). Diese Forderungen an die Offene Kinder- und Jugendarbeit stehen zudem jedoch im direkten Widerspruch zu den Grundprinzipien. So können die Zahlen aufgrund der Freiwilligkeit nicht garantiert werden und feste Programmangebote widersprechen der Offenheit der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Werden vermeintlich attraktive Angebote einfach vorgehalten, um möglichst viele Nutzer*innen zu gewinnen, so geht dies nicht nur an den Prinzipien Freiwilligkeit und Offenheit vorbei, sondern gefährdet auch die rechtliche Ausrichtung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, da die Aushandlungsprozesse entfallen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Das Kapitel führt in das Zitat von Deinet ein und erläutert die Zielsetzung der Arbeit, die aktuelle Situation der Offenen Kinder- und Jugendarbeit kritisch zu hinterfragen.
Was ist Offene Kinder- und Jugendarbeit: Es wird der historische Kontext sowie das breite, heterogene Spektrum der Einrichtungen und Theorien in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit skizziert.
Rechtliche Bestimmungen und Ziele: Dieses Kapitel verankert die Offene Kinder- und Jugendarbeit in § 11 SGB VIII und definiert die zentralen Wirkungs- und Handlungsziele.
Charakteristika und Prinzipien: Die wesentlichen Merkmale wie Freiwilligkeit, Offenheit, Niedrigschwelligkeit und die notwendige Beziehungsarbeit werden hier detailliert analysiert.
Situation heute und Kritik: Das Kapitel beleuchtet den Legitimationsdruck, die Gefahr der Instrumentalisierung für schulfremde oder präventive Zwecke und die Abkehr von zentralen Prinzipien.
Fazit und Ausblick: Zusammenfassend wird die Notwendigkeit einer Rückbesinnung auf die ursprünglichen Ziele und die Bedeutung der „Sensibilität für die Gegenwart“ hervorgehoben.
Schlüsselwörter
Offene Jugendarbeit, § 11 SGB VIII, Freiwilligkeit, Offenheit, Partizipation, Sozialpädagogisierung, Instrumentalisierung, Lebensweltorientierung, Demokratiebildung, Empowerment, Subjektorientierung, Jugendhilfe, Bildungsauftrag, Nutzerzahlen, Indienststellung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den aktuellen Status und die konzeptionelle Entwicklung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit im Spannungsfeld zwischen gesetzlichen Vorgaben und gesellschaftlichem Erwartungsdruck.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die rechtliche Grundlage nach SGB VIII, die Kernprinzipien wie Freiwilligkeit und Offenheit sowie die kritische Reflexion über kompensatorische Aufgaben und die drohende Instrumentalisierung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, das Zitat von Deinet über das „alte Konzept der Offenheit“ zu deuten und zu prüfen, ob die Jugendarbeit heute noch ihre ursprüngliche Identität bewahrt oder bereits funktionalisiert wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Auseinandersetzung mit fachwissenschaftlicher Literatur und rechtlichen Grundlagen, ergänzt durch Reflexionen aus der praktischen Erfahrung im Arbeitsfeld.
Was wird im Hauptteil analysiert?
Der Hauptteil analysiert die Diskrepanz zwischen den gesetzlichen Anforderungen (Partizipation, Selbstbestimmung) und der heutigen Praxis, die zunehmend durch Legitimationsdruck und Zielgruppenfixierung geprägt ist.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie „Offene Kinder- und Jugendarbeit“, „Freiwilligkeit“, „Instrumentalisierung“ und „Subjektorientierung“ beschreiben.
Was bedeutet „strukturelle Diskursivität“ im Kontext der Jugendarbeit?
Der Begriff beschreibt die notwendige Aushandlungspraxis zwischen Fachkräften und jungen Menschen, um durch gemeinsame Entscheidungsprozesse echte Partizipation zu ermöglichen.
Warum sieht der Autor eine Gefahr in der „Sozialpädagogisierung“?
Die Gefahr besteht in einer zunehmenden Bürokratisierung und einem Verlust an Spontanität und Kreativität, da die Jugendarbeit vermehrt als Kontroll- oder Präventionsinstanz instrumentalisiert wird.
Welche Rolle spielt die Lebensweltorientierung?
Die Lebensweltorientierung ist zentral, bedeutet jedoch, dass Probleme nur in dem Maße aufgegriffen werden sollten, in dem sie von den Jugendlichen selbst in die Arbeit eingebracht werden.
Was ist das „düstere Bild“, das Müller im Hinblick auf die Gemeinde zeichnet?
Müller warnt davor, dass bei einem weiteren Verlust der offenen, selbstbestimmten Arbeit die jungen Menschen zu bloßen „Bewohnern“ degradiert werden, statt aktive, mitgestaltende „Bürger“ zu sein.
- Arbeit zitieren
- Maria Liebing (Autor:in), 2017, Offene Kinder- und Jugendarbeit. Konzepte, Ziele und Kritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/503674