Hamlet und Last Action Hero - Der elisabethanische Hamlet als Prototyp des Helden in einem Action Film des 20. Jahrhunderts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
28 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Einordnung der „Last Action Hero“ Hamlet Szenen in den Gesamtzusammenhang des Filmes und in das Stück Shakespeare’s

2. Filmtechnische Umsetzung der Hamletszene Act III Scene in „Last Action Hero“
a.) Die Umsetzung und die Bedeutung für den Zuschauer
b.) Das Bild des Helden

3. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

„Hamlet“ ist das wohl am häufigsten verfilmte Stück Shakespeares. Ob es ein Film ist, der sich an dem gesamten Stück und dem Plot „Hamlets“ orientiert, oder ob es nur eine filmische Umsetzung einzelner Szenen ist, die Geschichte des dänischen Prinzen wird bis in die heutige Zeit immer wieder als Vorlage für Filme der verschiedensten Genres verwendet.

Warum aber bedient sich ein Action Film des 20. Jahrhunderts Shakespeares „Hamlet“ und läßt das Stück als Teil der Handlung, sowie den Charakter Hamlets als Vorlage für den Titelhelden wirken? Was bezweckte der Regisseur John McTiernan in seinem Film „Last Action Hero“ damit?

Dieser Film von 1993 ist eine Persiflage auf das Genre des Action Films an sich. Also sind viele Motive, die in Action Movies vorkommen, ja dieser Art von Film erst das spezielle Gesicht verleihen, in „Last Action Hero“ überzogen dargestellt, und damit auch absichtlich in besonderer Weise vom Regisseur, bzw. den Drehbuchautoren herausgestellt worden. Aus diesem Grund kann es auch kein Zufall sein, warum gerade eine klassische Figur wie der Hamlet aus einer charakteristischen elisabethanischen Rachetragödie zur Vorlage genommen und auch explizit zum Thema des Films gemacht wird.

Film generell ist eine besondere Art von Umsetzung der Stücke Shakespeares. Da die Dramen eigentlich für die Bühne des 16. bzw. 17. Jahrhunderts geschrieben wurden, ergibt sich zwischen den Inszenierungen auf der Bühne und den Möglichkeiten der Umsetzung auf der Leinwand eine große Differenz. Filmische Mittel werden ganz anders eingesetzt als bühnentechnische. Darüber hinaus eröffnet der Film weitaus größere Möglichkeiten in der Gestaltung, z.B. kann man mit ganz anderem Licht arbeiten, die gezeigten Bildeinstellungen des Geschehens konzentrieren die Aufmerksamkeit des Zuschauers ganz anders, viel intensiver. Denn etwa Details, müssen nicht in große Gesten übertragen werden, die das Theaterpublikum auch noch in der letzten Reihe sehen können muss. Gerade zum elisabethanischen Theater hat der Film sowohl mehr, als auch ganz andere Mittel zur Verfügung, denkt man z.B. nur daran, dass alle Stücke bei hellem Tageslicht gezeigt werden mußten, also auch die zeitliche Einordnung der Geschehnisse per Text der Figuren erfolgen mußte, während es im Film nur einer kleinen Veränderung des Lichtes bedarf. Einzelne Textstellen des Originals werden damit, alleine durch technische Mittel, überflüssig. Und andere Textstellen können, mit den speziellen Effekten (special effects) die visuell arbeiten, in der Interpretation des Regisseurs vom Bühnenstück, in eine besondere Richtung gelenkt werden.

Im Folgenden werde ich untersuche, wie und in welcher Weise (d.h. auch in der filmtechnischen Umsetzung des Stoffes) „Hamlet“ für den Film „Last Action Hero“ als Vorlage benutzt wurde; wie das Thema Rache durch die Einflechtung von Teilen des elisabethanischen Dramas unterstrichen wird; und ganz besonders wie die Person Hamlets als Muster für den Titelhelden dient, und damit in der Persiflage als Prototyp eines Actionhelden gesehen werden kann.

Die Sekundärliteratur zu diesem Thema ist verhältnismäßig knapp vorhanden, und wenn, dann behandelt sie den Film meist nur als Randnotiz – es ist eben doch „nur“ ein Hollywood Action Streifen. In meinen Augen schmälert ihn das nicht, denn ich finde, Filme sind zur Unterhaltung und zum Spaß für die Zuschauer gemacht, doch somit bin ich bei dieser wissenschaftlichen Arbeit, was die Sekundärliteratur zum Film anbelangt, relativ auf mich alleine gestellt. Die Bezeichnungen der Kameraeinstellungen sowie anderer filmtechnische Begriffe habe ich einer sehr guten Website der Uni Mannheim entnommen[1]. Die wichtigsten Termini sind im Anhang bzw. als Fußnote erläutert.

1. Die Einordnung der „Last Action Hero“ Hamlet Szenen in den Gesamtzusammenhang des Filmes und in das Stück Shakespeare‘s

Die Hauptfigur Danny Madigan – gespielt von Austin O’Brien – ist ca. 12 Jahre alt und ein absoluter Action-Film Fan. Er geht üblicher Weise, obwohl er eigentlich in der Schule sein müßte, in ein altes New Yorker Kino, um sich dort die Filme seines Lieblingshelden „Jack Slater“ anzusehen. Die „Jack Slater“ Reihe funktioniert in „Last Action Hero“ als Film im Film. Im Laufe des Movies wird Danny durch eine verzauberte Kinokarte in den Jack Slater Film hineingesogen, der Filmbösewicht klaut ihm das Ticket jedoch und entkommt in die „wahre“ Welt von Dannys New York. Slater und Danny wollen ihn zur Strecke bringen. Jack Slater (gespielt von Arnold Schwarzenegger) ist ein Police Officer und verkörpert den Inbegriff eines Action Helden: eiskalt, jeder Situation gewachsen, mit stahlharten Muskeln. Er ist zwar „muscle-bound, gun-toting, monosyllabic“[2], - und damit schon die Parodie auf jeden Action Helden - aber trotzdem für den Jungen Danny „super mega cool“. Slater rächt die ermordeten Guten und verfolgt das mordende Böse mit allen Mitteln. Herauszustellen ist auch, dass Schwarzenegger die Paradebesetzung für Action Filme ist, seit er den „Terminator“ in den gleichnamigen Filmen gespielt hat. Er parodiert sich in der „Jack Slater“ Rolle somit also auch selber. Schwarzenegger wird zum comichaften Charakter:

Arnold has always been a cartoon. And so Jack Slater, invincible in his snakeskin boots, T-shirt and bluejeans, is a cartoon played by a cartoon, a parody of what was already self-parodic to begin with.[3]

Um die Satire auf das Action Film Genre noch deutlicher zu machen, kann Slater z.B. in seiner Welt auch durch nichts verletzt werden. Autos explodieren, Kugeln pfeifen durch die Luft, doch Slater, so wie alle anderen Beteiligten bleiben unverletzt. Abgesehen davon arbeiten in dem Polizeirevier auch tatsächlich Comic Figuren, wie „Fritz the cat“ und ähnliche Kreaturen.

Danny hat den dritten Teil der Filmserie schon sechs Mal gesehen und wartet auf den bald erscheinenden vierten Teil. Besonders die Actionszenen machen ihm sehr viel Spaß.

In der für die Arbeit relevanten Szene (ca. 10 Minuten nach Beginn des Films) kommt Danny zuspät in den Unterricht. Er hat zuvor den dritten Teil der Filmserie angeschaut, in der Jack Slaters Sohn von dem irren Killer Ripper auf einem Dach als Geisel gefangen gehalten wird. Slaters Sohn kommt dabei ums Lebe, denn er fällt mit dem Schwerverbrecher über den Rand des Daches. Slater ist seit dem ein gebrochener Mann. Und, er will seinen Sohn rächen, so wie auch Hamlet den Mord an seinem Vater rächen will. Das Rachemotiv ist demnach entscheidender Teil und Plot beider Stories, sowohl der „Hamlets“ als auch der „Jack Slater“ Filme.

Als Danny den Klassenraum betritt, versucht seine Lehrerin gerade, den Schülern den Inhalt des Shakespeare Dramas „Hamlet“ schmackhaft zu machen. Danny schleicht auf seinen Platz. Die Lehrerin beginnt, für „Hamlet“ zu werben und versucht, den Stoff des Stückes mit Attributen zu belegen, die die Kinder – besonders aber der Action Film Liebhaber Danny - mit ihren Idolen und ihren Interessen verbinden können:

“Tragedy, conspiracy, sex, sword-fights, madness, ghosts. And in the end everybody dies. Shakespeare’s Hamlet couldn’t be more exciting. And though it may seem that he is incapable of taking any action, he is in fact one of the first Action-heroes. What we are going to see is a scene from the film by Laurence Olivier. Some of you might have seen him in the Polaroid commercial or as Zeus in “Clash of the Titans”.”[4]

Die Lehrerin[5] hat vor, den Kindern mit dem Einsatz des schwarz-weißen Laurence Olivier Filmes, sozusagen mit Fernsehgucken, Spaß auf Shakespeare zu machen. Sie bringt das Stück mit ihrer Erklärung auf eine Ebene, die die Kinder verstehen. Auch hier zeigt sich wieder der Satire-Charakter des Films, denn auch im wahren Leben, wird der Film als „Lockmittel für kulturresistente Schüler“[6] eingesetzt, die wenig Interesse für Theater zeigen. Die Satire ist hier das Abbild der Wirklichkeit.

Die Szene aus Oliviers „Hamlet“ (1948) beginnt direkt nach den Erklärungen der Lehrerin. Der Schwarzweißfilm, das komische Erscheinungsbild des Königs und auch Hamlets bringt die Kinder zum Lachen. Doch irgend etwas zieht Danny in den Bann des Films.

Im Film wird nun Act III Scene 3 in leicht abgeänderter Form, sehr stark verkürzt dargestellt. Um kurz eine Einordnung in den Plot des Shakespeare Dramas zu geben: Rosencrantz, Guildenstern und Polonius haben den König alleine gelassen. Hamlet hatte in der vorangegangen Szene, Act III Scene 2, erklärt, dass er jetzt die Zeit gekommen sehe, Vergeltung für seinen ermordeten Vater zu suchen. Im Drama zeigt sich seine innere Zerrissenheit, und während seines kurzen Monologs am Ende der Szene wird der Konflikt zwischen, zum einen der Wut und dem Hass auf seine Mutter und Claudius, und zum anderen seiner Moralvorstellung deutlich:

‘Tis now the very witching time of night,

When churchyards yawn, and hell itself breathes out

Contagion to this world. Now could I drink hot blood,

And do such bitter business as the day

Would quake to look on. Soft, now to my mother.

O heart, lose not thy nature. Let not ever

The soul of Nero enter this firm bosom.

Let me be cruel, not unnatural.

I will speak daggers to her, but use none.[7]

„Now could I drink hot blood” steht dabei für das Rachegelüst, während „I will speak daggers to her, but use none.” zeigt, dass Hamlet nach einer unblutigen Lösung für seine Vergeltung sucht, da er noch moralisch ist. Diese Moral wird durch den Verweis auf Nero noch untermauert, und somit ist der Held Hamlet im Bühnenstück erst einmal durch seine Moral handlungsunfähig. Das korrespondiert auch mit der filmischen Umsetzung des Stückes durch Olivier, der den Hamlet „...as the most sensitive and articulate yet most ineffectual of Shakespeare’s action heroes...“[8], porträtiert .

In der Filmszene aus Laurence Oliviers „Hamlet“ sieht der Zuschauer – in diesem Fall sehen das also auch die Schüler und Danny in der Klasse – , nun den betenden König auf seinen Knien. Danny kennt jedoch die Vorgeschichte der inneren Zerrissenheit Hamlets nicht. Er kennt nur die Worte der Lehrerin über conspiracy und death. Und sieht, wie der Film-Hamlet sich im Halbdunkel dem König nähert.

[...]


[1] Vgl.: www.informatik.uni-mannheim.de/informatik/pi4/projects/newsrecog/fitech Gr.html.

[2] Shaughnessy, Robert ed. Shakespeare on Film. MacMillan Press LTD.: Houndsmill u.a. 1998. S. 1.

[3] Hinson, Hal Last Action Hero (PG-13) June 18, 1993. www.washingtonpost.com/ wp-srv/style/longterm/movies/videos/lastactionheropg13hinson_a0a829.htm.

[4] Original Zitat aus dem Film

[5] Die Lehrerin wird übrigens von Joan Plowright gespielt, die jahrelang mit Laurence Olivier verheiratet war und selber eine angesehene Shakespeare Mimin ist. Damit wird die Persiflage und das Ausreizen des Shakespeare Stoffen sogar noch auf die Spitze getrieben. Vgl.: Boose, Lynda E., Burt, Richard, eds. Shakespeare, The Movie – popularizing the plays on film, TV and video. Routledge: London, New York. 1997. S.19.

[6] Schmidt, Johann N. In Love with Shakespeare: Der Barde und das zeitgenössische Hollywood-Kino. In: Shakespeare Jahrbuch Band 137. Hrsg. Ina Schabert. Deutsche Shakespeare Gesellschaft: Bochum. 2001. S. 86.

[7] zitiert nach Shakespeare, William. Hamlet. 1564-1616. Edited by G.R. Hibbard. Oxford University Press: Oxford. 1998. Act III Scene 2, Z. 371-79.

[8] Shaughnessy, Robert ed. Shakespeare on Film. MacMillan Press LTD.: Houndsmill u.a. 1998. S. 2.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Hamlet und Last Action Hero - Der elisabethanische Hamlet als Prototyp des Helden in einem Action Film des 20. Jahrhunderts
Hochschule
Universität zu Köln  (Anglistische Abteilung)
Veranstaltung
HS: Übungen zur Rachetragödie der Shakespeare-Zeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
28
Katalognummer
V5038
ISBN (eBook)
9783638130707
ISBN (Buch)
9783638638845
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Über der Arbeit steht vorbehaltlos sehr gut, das Thema hat richtig Spaß gemacht, und ich hoffe es hilft Euch :) 160 KB
Schlagworte
Shakespeare, Hamlet, Film, Action, Held, Schwarzenegger
Arbeit zitieren
Kerstin Wien (Autor), 2002, Hamlet und Last Action Hero - Der elisabethanische Hamlet als Prototyp des Helden in einem Action Film des 20. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5038

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