Vor allem das Ende des Kalten Krieges gilt, wenn nicht als Geburtsstunde, so doch als Hauptgrund für die steigende Popularität der konstruktivistischen Perspektive und generell neuer Ansätze in den Theorien der IB. All diesen Ansätzen, welche oft auch als postmodern, oder post-positivistisch bezeichnet werden, ist gemein, dass sie die mangelnde Erklärungskraft der so genannten rationalistischen Theorien bezüglich des fundamentalen Wandels der internationalen Struktur durch das Ende des Ost-West Konflikts betonen. Der Konstruktivismus bzw. Sozialkonstruktivismus ist heute mit seinen prominenten Vertretern wie Wendt, Kratochwil, Onuf, Ruggie oder Risse wohl eine der populärsten Theorien bzw. Metatheorien, welche einen neuen Ansatz zum Verständnis der IB postulieren.
Eine Seminararbeit über den Sozialkonstruktivismus in den IB kann naturgemäss nicht die gesamte Bandbreite der verschiedensten Ideen und Konzepte dieser hochkomplexen und zum Teil sehr philosophischen Theorie abdecken. Ziel dieser Arbeit ist es daher die wesentlichen Merkmale dieser relativ neuen Perspektive in den IB anhand zweier prominenter Vertreter zu erläutern. Ausserdem ist eine klare Abgrenzung zum Konstruktivismus in anderen wissenschaftlichen Disziplinen essentiell, da in anderen Fachbereichen zum Teil ein vollkommen anderes Verständnis des Begriffs existiert. Ein Einbezug des soziologisch-philosophischen Begriffs des Konstruktivismus ist jedoch nötig, um die Quelle der Überlegungen in den IB zu verstehen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Problemstellung und Zielsetzung
1.2 Aufbau der Arbeit
2 Sozialphilosophischer Ursprung des Konstruktivismus
2.1 Die Konstruktion der Wirklichkeit
2.2 Identität und Rollen
2.3 Giddens’ Theorie der Strukturierung
3 (Sozial-)Konstruktivismus in den IB
3.1 Konzept, Ansatz, Schule, Theorie oder Metatheorie?
3.1.1 Einordnung des Sozialkonstruktivismus innerhalb der IB
3.1.2 Diverse Protagonisten Vertretern
3.1.3 Sozialkonstruktivismus als metatheoretischer Gegenvorschlag
3.2 Realistischer Konstruktivismus nach Wendt
3.2.1 Ideas all the way down?
3.2.2 Das Akteur-Struktur Problem – die Konstruktion der Identität
3.2.3 Anarchie – Der Staat als Hauptakteur
3.2.4 Die drei Kulturen der Anarchie – Hobbes, Locke oder Kant?
3.3 Liberaler Konstruktivismus nach Risse
3.3.1 Das Öffnen der ‚black-box’ und die Rolle Transnationaler Akteure
3.3.2 Drei ‚ideale’ Handlungslogiken der Akteure – Reden ist Gold
3.3.3 Das Spiralmodell und Transnationale Menschenrechtsnetzwerke
4 Würdigung / Abschliessende Bemerkungen
4.1 Wendts realistischer Staatskonstruktivismus
4.2 Thomas Risses sozialkonstruktivistischer Institutionalismus
4.3 Abschliessende Bemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Seminararbeit untersucht den Sozialkonstruktivismus als Theorie der internationalen Beziehungen (IB). Das primäre Ziel besteht darin, die wesentlichen Merkmale dieser Perspektive anhand der Ansätze von Alexander Wendt und Thomas Risse zu erläutern und den theoretischen Hintergrund sowie die Abgrenzung zu anderen Disziplinen zu klären.
- Grundlagen des Konstruktivismus in Soziologie und Philosophie
- Konstruktivismus als (Meta-)Theorie der internationalen Beziehungen
- Wendts realistischer Staatskonstruktivismus und die Kulturen der Anarchie
- Risses liberaler Konstruktivismus und transnationale Akteure
- Vergleich der Handlungslogiken: Rational Choice vs. Angemessenheit vs. Argumentation
Auszug aus dem Buch
3.2.3 Anarchie – Der Staat als Hauptakteur
„Anarchy is what states make of it”
Dieser provokante Angriff auf das Fundament des Neorealismus à la Waltz, machte Alexander Wendt mit einem Schlag zu einem der prominentesten und umstrittensten Vertreter des Konstruktivismus.
Sein Fokus richtet sich auf Waltz’ TIP, dessen Annahme über die Struktur der IB er zwar für eine von mehreren Möglichkeiten hält, deren Begründung er aber grundsätzlich in Frage stellt. Waltz definiert die Struktur der IB auf drei Ebenen, dem Ordnungsprinzip, den Akteurseigenschaften und der Ressourcen bzw. Machtverteilung. Daraus schliesst er auf das Verhalten der Staaten, welche keine andere Wahl haben, als zum Selbsthilfeprinzip zu greifen und ihr Handeln danach auszurichten (s. Kapitel 3.2.2). Wendt bestreitet nun gerade diese Schlussfolgerung und hält auch alternative Handlungsoptionen der Staaten für möglich (s. Kapitel 3.2.3).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Popularität des Sozialkonstruktivismus nach dem Kalten Krieg ein und definiert das Ziel der Arbeit sowie den methodischen Fokus auf die zwei Hauptvertreter Wendt und Risse.
2 Sozialphilosophischer Ursprung des Konstruktivismus: Dieses Kapitel verankert den Konstruktivismus in soziologischen und philosophischen Theorien von Berger, Luckmann und Giddens, um die Grundlage für deren Anwendung in den IB zu legen.
3 (Sozial-)Konstruktivismus in den IB: Dieses Kapitel analysiert den Status des Konstruktivismus in den internationalen Beziehungen, stellt Wendts systemisch-realistischen Ansatz sowie Risses liberal-institutionalistische Perspektive gegenüber und vergleicht diverse Handlungslogiken.
4 Würdigung / Abschliessende Bemerkungen: Dieses abschliessende Kapitel bietet eine kritische Reflexion über den Erfolg des Sozialkonstruktivismus als Herausforderer des Neorealismus und bewertet die theoretische Aussagekraft der diskutierten Modelle.
Schlüsselwörter
Sozialkonstruktivismus, Internationale Beziehungen, Alexander Wendt, Thomas Risse, Anarchie, Identität, Akteur-Struktur-Debatte, Realismus, Liberaler Institutionalismus, Handlungslogiken, Argumentation, Menschenrechte, Bumerang-Effekt, Sozialtheorie, Normen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Sozialkonstruktivismus als Theorie der internationalen Beziehungen, insbesondere mit seinem Anspruch, internationale Politik nicht nur materiell, sondern als sozial konstruierte Realität zu verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konstitution von Identitäten und Interessen, das Verhältnis von Akteuren und Strukturen sowie die Bedeutung von Normen und Kommunikation in der Weltpolitik.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Erläuterung der wesentlichen Merkmale des Sozialkonstruktivismus anhand der zwei prominenten Vertreter Alexander Wendt und Thomas Risse sowie eine Abgrenzung gegenüber rationalistischen Ansätzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die soziologische und philosophische Konzepte auf die Theorien der internationalen Beziehungen anwendet und durch eine vergleichende Untersuchung der Ansätze von Wendt und Risse strukturiert ist.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einordnung des Konstruktivismus, die detaillierte Analyse von Wendts „realistischem“ Konstruktivismus (insb. die drei Kulturen der Anarchie) und Risses „liberalem“ Konstruktivismus (insb. Handlungslogiken und das Spiralmodell).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Sozialkonstruktivismus, Identität, Anarchie, Akteur-Struktur-Debatte, soziale Normen und internationale Beziehungen.
Wie unterscheidet Wendt die drei Kulturen der Anarchie?
Wendt differenziert zwischen der Hobbes'schen (Feindschaft), der Locke'schen (Rivalität) und der Kant'schen (Freundschaft) Kultur, basierend auf dem unterschiedlichen Ausmass der kollektiven Identität und Anerkennung zwischen Staaten.
Was versteht Risse unter dem Spiralmodell?
Das Spiralmodell beschreibt den Prozess, durch den transnationale Netzwerke und innerstaatliche Oppositionen den Druck auf einen repressiven Staat so weit erhöhen, bis dieser Menschenrechtsnormen internalisiert und sein Verhalten anpasst.
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- Kelnor Panglung (Author), 2005, Konstruktivismus als Theorie der Internationalen Beziehungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50388