Schon von Anfang an erfreute sich das Drama Wilhelm Tell einer außerordentlichen Beliebtheit beim Publikum. Den gelungenen Einstieg der Uraufführung in Weimar konnte nur noch eine Aufführung in Berlin am 4. Juli 1804 übertrumpfen. Die Kapazitäten der Theater schienen dem überdurchschnittlich starken Andrang nicht gerecht werden zu können, so dass einige Wiederholungen nötig waren, um die Neugierde des Publikums zu befriedigen. [Safranski, Friedrich Schiller, S. 505.] Begeistert äußerte sich auch August Wilhelm Schlegel zu Schillers Drama, der sich eine Aufführung "im Angesicht von Tells Kapelle am Ufer des Vierwaldstätter- Sees, unter freiem Himmel, die Alpen zum Hintergrunde" [Zit. nach Safranski, Friedrich Schiller, S. 505.] wünschte. Woher rührt diese allgemeine Verehrung des Stückes?
Seinen Ursprung hat der Wilhelm Tell-Stoff in einer Überlieferung des dänischen Geschichtsschreibers Saxo Grammaticus aus dem 12. Jahrhundert. Bereits im 15. Jahrhundert galt die Geschichte des Wilhelm Tell als Inbegriff des Schweizer Befreiungskampfes gegen die Habsburger Fremdherrschaft und wurde mit der Gründung der Eidgenossenschaft verbunden. Mit den Befreiungskriegen der Jahre 1813-1815 und der Märzrevolution von 1848 wurde das Schillerdrama auch in Deutschland zum Sinnbild der Freiheit. Abgesehen von dem Verbot des Stückes für den Unterricht durch Adolf Hitler 1941 [Schulz, Wilhelm Tell, S. 217-226.], erfreut sich das Stück bis heute noch großer Beliebtheit, prägt es doch den deutschen Schulunterricht wie kein zweites Schillerdrama. Tell-Zitate sind im Alltagsleben tief verankert, so z. B. "Die Axt im Haus erspart den Zimmermann" oder "Früh übt sich, was ein Meister werden will". [Zymner, Friedrich Schiller, S. 148.] Entstammt schon der Ursprung des Tell-Stoffes einer Sage, so hat sich über die Jahrhunderte ein wahrer Mythos um den furchtlosen Mann gebildet, der mit einem Meisterschuss das Leben seines Sohnes, durch die Tötung des Gewaltherrschers Geßler die Eidgenossenschaft rettete. Eine Tat mit patriotischem Hintergrund? Schiller charakterisierte seinen Protagonisten folgendermaßen: "Die Rolle erklärt sich selbst: eine edle Simplicität, eine ruhige, gehaltne Kraft ist der Charakter; mithin wenige, aber bedeutende Gesticulation, ein gelassenes Spiel, Nachdruck ohne Heftigkeit, durchaus eine edle schlichte Manneswürde" [NA 32, S. 118. Zit. nach Benno v. Wiese, Friedrich Schiller, S. 770.]. Wird diese Beschreibung einem Mythos gerecht? Kann ein Mann mit diesen Eigenschaften ein Land retten? Wie kann eine gemäßigte Natur, wie sie Schiller dargestellt, eine derart tragende Rolle spielen?
Was die wahren Beweggründe für Tells Befreiungstat sind, und ob er tatsächlich der verehrte Volksheld mit den patriotischen Motiven ist, was angesichts des Schillerzitates beinahe unglaubwürdig erscheint, gilt es zu untersuchen. Dazu ist es erst einmal notwendig, den Gegensatz zwischen dem ruhigen, schlichten, fast schon primitiven Tell und dem heldenhaften Erlöser von der Tyrannei darzustellen, das heißt, eine Darstellung des Fremdbildes von Tell, da ihn die Eidgenossen als göttlichen Helden verehren, und des Selbstbildes, da er das zurückgezogene Leben eines fürsorglichen Familienvaters und des einzelgängerischen Jägers führt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Fremdbild des Wilhelm Tell
3. Tells Selbstbildnis
3.1 Jäger Tell
3.2 Das unermüdliche Vertrauen in Gott und die Natur
3.3 Die Folgen für Tells Handeln
3.3.1 Der apolitische Tell
3.3.2 Tells Naivität
4. Die Apfelschuss-Szene und ihre Folgen
4.1 Der innere Bruch und die Auferstehung Wilhelm Tells
4.2 Der Bruch in der Handlung: Wie das Private öffentlich wird
5. Der Tod Geßlers
5.1 Private oder politische Beweggründe ?
5.2 Wird Tell seiner Rolle als Befreier des Landes gerecht (Fazit)
6. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Figur Wilhelm Tells in Schillers Drama, um zu klären, ob der Protagonist primär als apolitischer Selbsthelfer oder als bewusster Befreier der Schweiz agiert. Dabei wird analysiert, wie sich privates und öffentliches Handeln in seiner Figur verschränken.
- Das Spannungsfeld zwischen dem Selbstbild als Jäger und dem Fremdbild als Retter.
- Die Rolle der Naturverbundenheit und des Gottesglaubens in Tells Handlungsweise.
- Die Auswirkungen der Apfelschuss-Szene als innerer und struktureller Wendepunkt.
- Die Analyse der Mordtat an Geßler hinsichtlich privater versus politischer Beweggründe.
Auszug aus dem Buch
3.1 Jäger Tell
Wilhelm Tell wird von seinen Mitbürgern zum heldenhaften Retter des Landes erklärt und die an ihn gerichtete Forderung nach Wirkungskraft erreicht legendäre, bald mythische Sphären. Allerdings operiert er als Einzelgänger, einen befreienden Schlag für sein Land durch gemeinschaftliches Handeln scheint er offenbar nicht im Sinne zu haben, politisches Engagement ist ihm fremd.
Markant an Tells Verhalten ist von Anfang an das überraschende Erscheinen, das unbedarfte, spontane Handeln, sein Mut und sein Vertrauen in die Natur. Das sind Attribute, die immer wieder mit Tell in Verbindung gebracht werden können, Attribute, die ihren Ausdruck im Jägerberuf des Protagonisten finden. Vor seinem Aufbruch nach Altdorf offenbart er die Eigenschaften seines Charakters in dem Dialog mit seiner Gattin Hedwig und gibt gleichzeitig einen Einblick in seinen Beruf als Jäger. Um auf der Jagd Erfolg zu haben, muss sich Tell auf seine Instinkte verlassen können. Denn nur „[w]er frisch umherspäht mit gesunden Sinnen“(1509), kann ein erfolgreicher Jäger sein. Dazu ist ebenfalls der geübte Umgang mit Waffe und Handwerkszeug notwendig: „Wer durchs Leben / Sich frisch will schlagen, muß zu Schutz und Trutz / Gerüstet sein.“ (1482-1484) Wilhelm Tells Auftreten mit der Armbrust ist deutliches Indiz für seine Jägernatur. Auch bei seinem Ausflug nach Altdorf besteht er gegenüber Hedwig auf seiner Waffe, was kaum nachvollziehbar erscheint, handelt es sich doch um einen Verwandtschaftsbesuch.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die lang anhaltende Popularität des Dramas und führt in die wissenschaftliche Fragestellung bezüglich Tells Motivation zwischen Privatsache und patriotischem Befreiungskampf ein.
2. Das Fremdbild des Wilhelm Tell: Dieses Kapitel analysiert, wie das Volk und andere Figuren Tell als messianischen Helden stilisieren, der göttliche Vorsehung mit übermenschlichen Fähigkeiten vereint.
3. Tells Selbstbildnis: Hier wird Tells Selbstwahrnehmung als einzelgängerischer Jäger untersucht, der primär auf seine Instinkte und sein Vertrauen in die Natur baut, statt sich politisch zu engagieren.
4. Die Apfelschuss-Szene und ihre Folgen: Der Abschnitt betrachtet den Zusammenbruch von Tells friedlicher Welt und wie die Willkür des Landvogts zu einem notwendigen Bruch mit seiner bisherigen Haltung führt.
5. Der Tod Geßlers: Dieses Kapitel hinterfragt, ob die Ermordung Geßlers als politische Tat oder als individuelle Notwehr zur Verteidigung der Familie und der eigenen Integrität zu werten ist.
6. Bibliographie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur zur weiteren wissenschaftlichen Arbeit am Thema.
Schlüsselwörter
Wilhelm Tell, Friedrich Schiller, Selbsthelfer, Befreier, Jägernatur, Apfelschuss, Eidgenossen, Geßler, Naturzustand, Individuum, Politik, Messiaserwartung, Freiheit, Tyrannei, Widerstand.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, ob Wilhelm Tell als politisch handelnder Revolutionär oder als ein von persönlichen Motiven geleiteter Einzelgänger zu verstehen ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Fremdbild vs. Selbstbild, das Spannungsfeld zwischen privater Sorge und politischer Tat sowie die Rolle der Natur und des Gottesglaubens.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Klärung der Beweggründe für Tells Handeln und der Zeitpunkt, ab dem man seine Handlungen als politisch motiviert betrachten kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Analyse des Dramentextes unter Einbeziehung verschiedener Interpretationsansätze der Schiller-Forschung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Tells Rolle als Jäger, die Bedeutung der Apfelschuss-Szene als Wendepunkt und die Motivanalyse der Ermordung des Landvogts Geßler.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Wilhelm Tell, Freiheit, Einzelgänger, politische Motivation, Naturbild und Familienvater.
Warum lehnt Tell die Teilnahme am Rütlischwur ab?
Tell sieht sein Handeln instinktiv und pragmatisch begründet. Er misstraut organisierten politischen Strategien und fühlt sich seiner Natur als Einzelgänger verpflichtet.
Wird Tell am Ende zum politischen Befreier?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Tell zwar eine politische Wirkung erzielt, sich selbst aber bis zuletzt primär als Schützer seiner Familie und Wiederhersteller der natürlichen Ordnung versteht.
Welche Rolle spielt die Familie für Tell?
Die Familie ist die einzige soziale Bindung, die Tell eingeht. Ihr Schutz ist der zentrale Motivationsgrund, der ihn letztlich zum aktiven Widerstand und zur Tötung Geßlers treibt.
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- Philipp Gaier (Author), 2005, Wilhelm Tell - Selbsthelfer oder politischer Befreier der Schweiz?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50399