Der "Hinduismus" - eine Religion?


Essay, 2014

7 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

1. Einleitung

Das vorliegende Essay bemüht sich um die Klärung einer sehr grundsätzlichen, gleichzeitig jedoch, nach wie vor sehr kontrovers diskutierten Fragestellung. Nämlich jener nach der Begrifflichkeit Hinduismus an sich bzw. dessen Einordnung als Religion, ja sogar Weltreligion. Die Frage der Entstehung und Deutung des Begriffs ist insofern relevant, als sich etwa 900 Mio. Menschen heute zum Hinduismus bekennen und er einen gewichtigen Teil deren individueller Identität ausmacht. Die Tatsache, dass die Einordnung des Hinduismus in das Korsett der Religionen heute und seit jeher überhaupt diskutiert wird, hat dabei unterschiedliche Gründe.

Der Hinduismus stellt ein komplexes System unterschiedlicher religiöser Praktiken, Traditionen, Theologien und gesellschaftlicher Phänomene dar und wird allein deshalb oft nicht als Religion, sondern als Summe von religiösen Traditionen gesehen. Häufig findet man für das, was Hinduismus in der Regel meint, auch den Plural Hindu- Religionen. Im Hinduismus gibt es aus wissenschaftlicher Sicht auch viele weitere Merkmale nicht, die andere Religionen ausmachen. Während sich die Anhänger dieser anderen Weltreligionen wie dem Christentum, dem Islam oder dem Judentum, auf eine Hl. Schrift berufen, wird in diesem Bereich und im Gegensatz dazu, im Hinduismus dessen Pluralität erkennbar. Da sind zum einen die Offenbarungsschriften der Veden und Upanishaden, zum Anderen die Epen Ramayana, sowie das Mahabharata, in der auch die wohl berühmteste hinduistische Schrift, die Bhagavadgita, enthalten ist, zu nennen. All diese Literaturen sind für verschiedene Strömungen und Traditionen im Hinduismus unterschiedlich wichtig bzw. gültig. Im Hinduismus findet man auch keine übergeordnete, für alle Traditionen geltende Instanz oder Persönlichkeit, sowie kein einheitliches Glaubensbekenntnis, wie es bei vielen anderen (Welt-)Religionen der Fall ist.

Bevor nun die Frage der Berechtigung dieses Verständnisses des Hinduismus selbst und des Hinduismus als (Welt-)Religion diskutiert wird, bedarf es eines Blickes auf die Geschichte der Entstehung des Begriffs.

2. Historische Entwicklung der Entstehung des Begriffs

Nach STIETENCRON findet sich das Wort hindu zunächst als rein geografischer Ausdruck. Das aus dem Persischen stammende Wort hindu bzw. Sanskrit-Wort sindhu bezeichnet den Fluss Indus und meint damit ursprünglich die Menschen jenseits des Indus. Erst in weiterer Folge und mit der Ausdehnung des muslimischen Einflussbereiches in der Indus-Region, kommt es zu einer religiös-politischen Bedeutung des Wortes. So ist es wenig überraschend, dass der – für das heutige Verständnis, widersprüchliche - Terminus Hindu-Muslim durchaus gebräuchlich war und schlichtweg die Muslime in Indien bezeichnete. All diese Bezeichnungen entstammen zunächst einer Außenperspektive und finden erst später auch als Selbstbezeichnung Anwendung. Hier jedoch ausschließlich zur Abgrenzung von den Muslimen und weniger zur Beschreibung eigener Lehren.

Auch der Begriff Hinduismus entstammt einer solchen Außenperspektive und wurde bei seiner Verwendung zu Beginn des 19. Jahrhunderts in europäischen Texten erstmals so verwendet, wie wir ihn auch heute großteils verstehen. Nämlich als Sammelbegriff für die zahlreichen und vielfältigen religiösen Praktiken und Formen der Hindus. In diese Zeit fällt auch die erste Übersetzung der Bhagavadgita ins Deutsche und die damit einhergehende, wissenschaftliche Beschäftigung mit dieser Thematik an deutschen Hochschulen. Dies umfasste sowohl die historische, theologische, literarische, ethnologische, als auch die philosophische Erforschung und Auseinandersetzung mit dem Hinduismus. Diese Vielfalt und Pluralität des Hinduismus, der diesem, wie wir gesehen haben, von Beginn an Eigen war, wurde jedoch auch von Anfang an, zu vereinheitlichen versucht. Um die vielfältigen religiösen Praktiken und Traditionen einordnen und in ein System bringen zu können, sollten dazu, hinduistische Merkmale und Spezifika gefunden und definiert werden. Quellen für diese Systematisierung und in Folge dann der Prägung des Begriffs Hinduismus, waren hauptsächlich die brahmanischen Gelehrten. Man hat dabei jedoch zu bedenken, dass diese Quellen von europäischen Gelehrten und Denkern ausgewählt wurden. Orientierungspunkte dabei waren Traditionen, die diese Wissenschaftler aus ihrem Kulturkreis, also vor allem dem christlich-jüdischen Milieu, mitbrachten. Und dazu zählen auch die eingangs erwähnten Merkmale wie ein einheitlicher Schriften-Kanon, ein einheitliches Glaubensbekenntnis oder repräsentative Institutionen, wie es für diese Religionen charakteristisch ist.

Im weiteren Verlauf wurde der Hinduismus, so wie er bis dahin als Begriff geprägt und verstanden wurde, zum Orientierungspunkt für geforderte Veränderungen in der indischen Gesellschaft. Diese Forderung kam sowohl von Kolonialisten, als auch aus den Riegen indischer Gelehrter. Speziell durch die Forderungen indischer Reformer wurden die Lehren und Traditionen des Hinduismus dabei vereinheitlicht und die weitere Forschungsarbeit maßgeblich beeinflusst. Gemäß MALINAR, sind daraus wesentlich zwei Strömungen hervorgegangen, die die Diskussion rund um den Begriff des Hinduismus bis heute prägen. Zunächst ist da eine fundamentalistisch- nationalistische Sicht zu nennen, die den Hinduismus als eine Religion indischer Abstammung mit ganz bestimmten Schriften und Vorschriften, betrachtet. Die zweite Strömung wird auch von zwei der bedeutendsten und einflussreichsten Indern des vergangenen Jahrhunderts, M. Gandhi und S. Radhakrishnan vertreten. Sie sehen gerade die Vielfalt und Pluralität des Hinduismus als einen Vorzug gegenüber anderen Religionen, indem sie diese als ein Zeichen dessen innewohnender Toleranz, sehen. Es gilt dabei jedoch zu beachten, dass beide Standpunkte, zwar großen Einfluss innerhalb der indischen Gesellschaft haben, jedoch nicht zwangsweise auch den Glauben des Großteils der Menschen Indiens widerspiegeln. Nichtsdestoweniger halte ich beide Strömungen für relevant, wenn es um die Deutung des Hinduismus geht.

3. Hintergründe zur Skepsis gegenüber dem Begriff

Speziell gegen Ende des vorangegangen Jahrhunderts wurde die Einordnung des Begriffs Hinduismus in das Korsett der Religionen kritisch hinterfragt. Dies sehe ich als durchaus berechtigt an, zumal der Religionsbegriff, wie wir bereits gesehen haben, doch mit einem gewissen Einheitsdenken einhergeht. So zutreffend dies im Falle der monotheistischen Weltreligionen Christentum, Islam und Judentum ist, so wenig kann es doch im Falle des pluralistischen Hinduismus gelten. Wird eine solche Vereinheitlichung dennoch gemacht, sehe ich eine große Gefahr darin, all jene Traditionen und Praktiken, die dem Einheitsbegriff nicht genau entsprechen, als Irrlehre abzutun. Dem politischen und ideologischen Missbrauch des Hinduismus wäre damit schnell Tür und Tor geöffnet. Beispiele dafür, dass diese Gefahr tatsächlich besteht, finden sich auch im Indien der Gegenwart. Eines dieser Beispiele ist sicherlich der Neo-

Hinduismus, der sich aus dem indischen Unabhängigkeitskampf heraus entwickelt hat und definitiv eine Form von politisiertem Hinduismus darstellt. Auch das politische Konzept des Hindutva, des so genannten Hindu-Nationalismus, dessen Ziel es ist, Indien nach hinduistischen Maßstäben auszurichten, kann an dieser Stelle genannt werden. Gravierende Konsequenzen hatten auch die Änderungen am Freedom of Religion Act, die im August des Vorjahres im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh dem dortigen Gouverneur vorgelegt wurden. Darin sind mehrjährige Haft- und drakonische Geldstrafen angedroht, sofern man den Wechsel des Religionsbekenntnisses, nicht 30 Tage davor, den Behörden meldet. Dieses Gesetz soll in erster Linie gegen all jene Hindus gerichtet sein, die zu einer anderen Religion konvertieren wollen. Dass der Bundesstaat von der hindu-nationalistischen Volkspartei Bharatiya Janata Party (BJP) regiert wird, zeigt ganz klar, die ideologische Gesinnung dieser Partei. Dies wird vor allem auch dann sichtbar, wenn man deren parteiliches Umfeld etwas näher beleuchtet. Hier finden sich eine Reihe hindu-extremistischer Gruppen, wie die Bewegungen der Sangh Parivar, die sich regelmäßig für Gewalt und Verfolgung von Christen und anderer Minderheiten in ganz Indien verantwortlich zeigt. Gerade hier sehe ich auch die Notwendigkeit, ähnlich wie M. Gandhi und S. Radhakrishnan dies getan haben, die Pluralität der Religionen in Indien als Charakteristikum hinduistischer Traditionen hervorzuheben. Aus meiner katholisch- christlichen Position heraus, denke ich die Vielfalt im Hinduismus ähnlich wie die Differenzen zwischen den einzelnen Religionen, nämlich im Sinne des religions- theologischen Pluralismus. Dieser sieht die Differenzen als eine Form der Gott-Rede, die es überhaupt erst ermöglicht, über Gott zu sprechen. Gottes-Erfahrung bzw. die Erfahrung eines höchsten Seins bewegt sich nun mal im Bereich des Unsagbaren, weshalb man ohne Analogien und Differenzen, Gott bzw. dem Göttlichen nur mit Schweigen begegnen könnte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Der "Hinduismus" - eine Religion?
Hochschule
Universität Salzburg  (Systematische Theologie - Theologie Interkulturell)
Veranstaltung
Vorlesung mit Konservatorium
Note
1,00
Autor
Jahr
2014
Seiten
7
Katalognummer
V504067
ISBN (eBook)
9783346037251
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hinduismus, Religion
Arbeit zitieren
B.Sc. Sebastian Riedel (Autor), 2014, Der "Hinduismus" - eine Religion?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504067

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