Offenbarung in Christentum und Islam

Das Offenbarungsverständnis der beiden größten monotheistischen Weltreligionen im Vergleich


Seminararbeit, 2015
21 Seiten, Note: 2,00

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Offenbarungsbegriff im Allgemeinen

3. Das wechselnde Offenbarungsverständnis im Christentum bis ins 19. Jahrhundert

4. Das kommunikationstheoretische Offenbarungsparadigma des II. Vatikanischen Konzils

5. Das Offenbarungsverständnis des Islam

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit bemüht sich darum, das Offenbarungsverständnis der beiden größten monotheistischen Weltreligionen genauer zu beleuchten. Es soll dabei wesentlich um die Suche nach potenziellen Anknüpfungspunkten der beiden religiösen Traditionen gehen. Ziele der Arbeit sind ein tieferes Verständnis der eigenen religiösen Überzeugung sowie die Vertiefung der Lehre des Islam, auch um im interreligiösen Dialog auskunftsfähig zu sein, und so, zu gegenseitigem Verständnis und Toleranz beitragen zu können.

Das Thema der Arbeit entstand aus der Auseinandersetzung mit dem Motto der Salzburger Hochschulwochen 2015 (im Rahmen derer das, dieser Arbeit zugrundeliegende, Seminar stattfand) „Prekäre Humanität“. Diese prekäre Humanität wird heute auch durch die Flüchtlingskrisen in Nahost oder rund um das Mittelmeer deutlich sichtbar. Dabei sieht sich Europa, historisch wesentlich geprägt vom Christentum, überwiegend mit Menschen konfrontiert, die aus mehrheitlich muslimischen Ländern nach Europa immigrieren. Ein Verständnis der jeweils anderen religiösen Tradition vermag in dieser Dynamik vielleicht das Seinige dazu beizutragen, ein gelingendes Miteinander zu sichern.

Sowohl das Christentum als auch der Islam teilen das Bekenntnis zum „einen und einzigen Gott“, sowie zu Heiligen Schriften, in denen die von Gott geoffenbarte Wahrheit verschriftlicht ist. Gerade hier tritt jedoch ein wesentlicher Unterschied im Verständnis der beiden Religionen zu Tage, der für die Fragestellung dieser Arbeit von entscheidender Bedeutung ist. Während die Bibel, die Heilige Schrift des Christentums, keine „direkt von Gott“ geoffenbarten Wahrheiten enthält, sondern das göttliche Wort, der Logos, vielmehr in der Person Jesu Christi inkarnierte und dieser damit für das Christentum die „Fülle der Offenbarung“ darstellt, bildet der Koran sehr wohl „direkt von Gott stammende Wahrheiten“ ab, die dem Propheten Mohammed eingegeben wurden, und die dieser wortwörtlich im Koran festhielt. Man spricht demensprechend im Islam nicht von einer „Inkarnation“, einer Fleisch- oder Menschwerdung, sondern besser von „Inlibration“, einer Buchwerdung. Der Islam ist damit eine primäre Buch- oder Schriftreligion, während dies für das Christentum so nicht behauptet werden kann.1

Offensichtlich haben die beiden Religionen also ein je unterschiedliches Verständnis von Offenbarung, wodurch es notwendig sein wird, den Begriff „Offenbarung“ zunächst grundsätzlich und allgemein, zu untersuchen. Dabei müssen zunächst auch religionswissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt werden.

2. Der Offenbarungsbegriff im Allgemeinen

Wenn man unter Offenbarung Erkenntnisse versteht, die nicht im Menschen ihren Ursprung haben, dann ist eine solche nicht ausschließlich in monotheistischen Weltreligionen zu finden. Zwar verstehen Christentum, Judentum und Islam unter Offenbarung, eine von Gott kommende Information - solche hat niemals im Menschen, sondern stets in Gott ihren Ursprung, um als Offenbarung gelten zu können -, jedoch bedarf es der Einschränkung auf „einen Gott“ keineswegs. Vielmehr spricht die Religionswissenschaft ganz allgemein von Offenbarung, wenn aus religiösen Quellen stammende, und das Heil des Menschen betreffende, Inhalte vermittelt werden. Beispielhaft genannt seien an dieser Stelle der Buddhismus und der Hinduismus. Vor allem der Hinduismus mit der Vorstellung, dass so genannte Seher in den Urzeiten das Wissen über Erlösungswege, die so genannten „ Shruti “, empfangen hätten, kennt damit Offenbarungsvorstellungen.2

Während Offenbarung zwar keines Gottes als Urheber bedarf, so braucht es als „Ort der Offenbarung“ sehr wohl die Religion, das heißt einer Vorstellung von Religion in Abgrenzung zu Mystik oder Magie. Wenngleich es auch Theologen wie Karl Barth gibt, die in Religionen gerade das Gegenteil von Offenbarung sehen3, erscheint dies eine sehr extreme Position des „frühen Barth“, in seinem Werk „Römerbrief“, zu sein, die dieser selbst in späteren Schriften, allen voran seiner „Dogmatik“, relativiert hat4. Zu bedenken ist auch, dass der Begriff „Religion“ an sich schon problematisch ist, da religiöse Traditionen, wie zum Beispiel der Hinduismus mit seiner starken Pluralität, nur schwer in ein Einheitskorsett, wie jenes des Religionsbegriffes, zu zwängen sind. Der Religionsbegriff ist ein Produkt abendländischer Geistesgeschichte und bildet daher „religiöse Traditionen des Ostens“ oft nur unzulänglich ab. 5 Eine religionswissenschaftliche Analyse des „Religionsbegriffes“ führt an dieser Stelle jedoch zu weit, festzuhalten ist nur, dass das, was wir gemeinhin als „Religion“ bezeichnen, der alleinige Ort von Offenbarung ist, wobei umgekehrt „Offenbarung“ wohl auch Teil des Selbstverständnisses einer jeden Religion sein muss6.

„Offenbarung, als Mitteilung eines göttlichen, nichtmenschlichen Heilsinhaltes im Raum der Religion, als auch notwendiger Bestandteil von Religion“, dies trifft auf Islam und Christentum gleichermaßen zu. Im Folgenden soll nun das Verständnis dieser Offenbarung in diesen beiden Religionen systematisch untersucht werden. Der christliche Offenbarungsbegriff soll, in einem ersten Schritt, in seiner historischen Entstehung dargestellt werden. Ein weiteres Kapitel wird sich dann näher mit dem Offenbarungsverständnis seit dem II. Vatikanischen Konzil befassen.

3. Das wechselnde Offenbarungsverständnis im Christentum bis ins 19. Jahrhundert

Das Offenbarungsverständnis des christlichen Glaubens durchläuft theologiegeschichtlich fünf wesentliche Phasen, die mit je unterschiedlichen Offenbarungsparadigmen einhergehen. In biblischer Zeit spricht man vom „epiphanischen Paradigma“, das den Begriff der „Epiphanie“ ins Zentrum der Offenbarung stellt.7 „Epiphanie“ meint im Allgemeinen ein komplexes Geschehen aus Schau und Verkündigung, bei dem Gott, in einem plötzlich eintretenden und gegebenenfalls ebenso schnell wieder endenden Vorgang, sichtbar wird 8. Das Paradigma beschreibt also ein Verständnis von Offenbarung, bei dem sich Gott selbst zeigt, und damit sein Heilshandeln offenbart. Das Christusereignis stellt letztlich den Gipfel dieses Offenbar-werden Gottes dar. Im epiphanischen Paradigma sind sowohl kognitives, als auch intellektuelles Erkennen von Wahrheiten möglich9, es beschränkt sich jedoch nicht auf theoretische Belehrung oder Enthüllung verborgener Wahrheiten 10. Gott offenbart dem Menschen nicht nur eine göttliche Heilslehre, sondern macht sich vielmehr selbst erfahrbar. Somit bilden Offenbarungs- und Heilsgeschichte bei diesem Paradigma eine Einheit, die man auch noch im späteren „intellektualistischen Paradigma“ patristischer Zeit findet.11 Die Intellektualisierung ist vor allem der „Hellenisierung des Christentums“, der Aufnahme philosophischen Gedankenguts der Griechen in die christliche Theologie, zu schulden. Vor allem Aristoteles, der die Schau höchster Dinge der intelligiblen Welt als Grundlage geglückten Menschseins denkt, nahm Einfluss auf das christliche Offenbarungsverständnis. Offenbarung wurde nun gedacht, als Tat Gottes, mit der er dem Menschen die Schau der Wahrheit, und in Folge dessen seine Vollendung zum Heil, ermöglicht.12

Mit Beginn des Mittelalters kam es zu einem grundlegenden Wandel des Offenbarungsverständnisses, hin zu einem „instruktionstheoretischen Paradigma“.

Dieses wurde schließlich in der Scholastik systematisch voll entfaltet und bildete die kirchliche Lehrmeinung über die Offenbarung Gottes bis zum II. Vatikanischen Konzil ab. Es versteht Offenbarung nun nicht mehr als heilsgeschichtliche Einheit, vielmehr als Zurüstung des Menschen mit heilsrelevanten Kenntnissen. Ergebnis der Offenbarung sind demnach immer von Gott geoffenbarte Wahrheiten, deren Inhalt „konzeptualistisch“ oder „doktrinalistisch“ auf den Menschen trifft. Während erstgenanntes eine göttliche Einwirkung auf den menschlichen Verstand meint, bezeichnet zweitgenanntes die Übermittlung einer göttlichen Doktrin, die als solche uneingeschränkt als „wahr“ zu glauben ist, schließlich gründet sie im unfehlbaren Gott selbst.13 Zur Kenntnis über den Offenbarungsinhalt bedarf es demgemäß keinerlei Vernunfteinsicht des Menschen. Dass Offenbarung den Menschen erreicht, ist nicht an inneren oder subjektiven Kriterien, zum Beispiel der Sehnsucht nach Gott, ablesbar, sondern rein an äußeren Kriterien, etwa Wundern.14

Wie schon in patristischer Zeit, wo die griechische Philosophie vom Christentum rezipiert wurde, kommt es in der Neuzeit zu einer weiteren wesentlichen Beeinflussung der christlichen Offenbarungslehre „von außerhalb“. Durch die Positionen der Rationalisten und Naturalisten, die Religion einzig aus der Vernunft und damit der Natur des Menschen ableiteten, sah sich das christlich-katholische Lehramt der Kirche veranlasst, ihre Glaubenspositionen zu präzisieren. Die Konzilsväter des I. Vatikanischen Konzils wählten dazu einen apologetischen Ansatz, der die christliche Glaubenslehre gegen die auftretenden „Irrtümer“ abgrenzen sollte. Auch das Offenbarungsthema wurde auf dem I. Vatikanischen Konzil behandelt, es ist das erste Mal, dass die Thematik in ein Dokument des kirchlichen Lehramts Eingang findet. Die Konstitution dei filius (DF) sollte das Offenbarungsverständnis entgegen den beiden extremen Positionen, des Fideismus auf der einen und des Rationalismus auf der anderen Seite, darstellen. Den Fideisten wurde erwidert, dass der Glaube grundsätzlich rational verantwortet werden könne. Wenngleich der Glaube stets Geschenkcharakter habe, bedürfe er doch stets der freien Antwort des Menschen. Entgegen dem Rationalismus wurde dagegen betont, dass die Inhalte des Glaubens nicht aufgrund von menschlicher Vernunfteinsicht, sondern ausschließlich aufgrund der Autorität des offenbarenden Gottes, zu glauben sind.15 Auf Basis scholastischer Theologie nimmt die Konstitution damit die Unterscheidung zwischen natürlicher, menschlicher, und übernatürlicher, göttlicher Vernunft bzw. Schöpfungs- und Gnadenoffenbarung wieder auf, ohne die Begriffe jedoch in der Konstitution dezidiert zu erwähnen. Der Text weist ausdrücklich auf die Notwendigkeit der Unterordnung der natürlichen unter die übernatürliche Vernunft hin.16

Das Konzil stellt außerdem fest, dass die Selbstoffenbarung Gottes nicht als reale Selbstmitteilung zu verstehen ist, sondern es sich dabei vielmehr um ein kognitives Geschehen handelt, das menschliches Erkennen möglich macht. Gottes Selbstoffenbarung erschließt sich dem Menschen nicht durch Vernunft oder Schöpfung, sondern ausschließlich im Sprechen Gottes in der Schrift und Geschichte. Problematisch am geschildeten Offenbarungsverständnis ist die damit einhergehende Objektivierung der Glaubenslehre17, wie sie vor allem in DF 4 erkennbar wird18. Hier wird die geoffenbarte Glaubenslehre gleichgesetzt mit von Gott direkt geoffenbarten Sätzen19.

Die Offenbarungstheologie des I. Vatikanischen Konzils begreift das Offenbarungsgeschehen als Zu-Erkennen-Geben Gottes und Erkennen des Menschen20. Auf Seiten des Menschen braucht es als unmittelbare Antwort auf die Offenbarung Gottes den Glauben. Ähnlich wie die Offenbarung selbst, wird dieser Glaube dabei instruktionstheoretisch gedacht. Dieser läuft weniger auf einer personalen Beziehungsebene, auf Basis uneingeschränkten Vertrauens, ab, sondern meint vielmehr ein Glauben an die Wahrheit, der von Gott geoffenbarten Inhalte.21

[...]


1 Vgl. Thurner, Martin, Vorwort, in: Heinzmann, Richard/Selcuk, Mualla (Hg.), Offenbarung in Christentum und Islam (Interkulturelle und interreligiöse Symposien der Eugen-Biser-Stiftung. Band 5), Stuttgart 2011, 11.

2 Vgl. Antes, Peter, Offenbarung in Hinduismus und Buddhismus, in: Heinzmann, Richard/Selcuk, Mualla (Hg.), Offenbarung in Christentum und Islam (Interkulturelle und interreligiöse Symposien der Eugen-Biser-Stiftung. Band 5), Stuttgart 2011, 17-19.

3 Vgl. Vereno, Matthias, Offenbarung, in: Höfer, Josef/Rahner, Karl (Hg.), LThK 7, Rom/Innsbruck 1986, 1105.

4 Vgl. Bouillard, Henri, Barth, in: Höfer, Josef/Rahner, Karl (Hg.), LThK 2, Rom/Innsbruck 1986, 6.

5 Vgl. Malinar, Angelika, Hinduismus (UTB), Stuttgart 2009, 13-14.

6 Vgl. Vereno, Offenbarung, 1105.

7 Vgl. Böttigheimer, Christoph, Offenbarung, in: Beinert, Wolfgang/Stubenrauch, Bertram (Hg.), Neues Lexikon der katholischen Dogmatik, Freiburg im Breisgau 2012, 508.

8 Vgl. Pax, Elpidius, Epiphanie, in Höfer, Josef/Rahner, Karl (Hg.), LThK 3, Rom/Innsbruck 1986, 940.

9 Vgl. Böttigheimer, Offenbarung, 504.

10 Vgl. Böttigheimer, Christoph, Lehrbuch der Fundamentaltheologie. Die Rationalität der Gottes-, Offenbarungs- und Kirchenfrage, Freiburg 2009, 410.

11 Vgl. Böttigheimer, Offenbarung, 504-505.

12 Vgl. Böttigheimer, Fundamentaltheologie, 433-434.

13 Vgl. Böttigheimer, Offenbarung, 505.

14 Vgl. a.a.O., 505-506.

15 Vgl. Böttigheimer, Fundamentaltheologie, 440-441.

16 Vgl. a.a.O., 443.

17 Vgl. a.a.O., 444-445.

18 Vgl. DH 3020.

19 Vgl. Böttigheimer, Fundamentaltheologie, 445.

20 Vgl. ebd.

21 Vgl. a.a.O., 448

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Offenbarung in Christentum und Islam
Untertitel
Das Offenbarungsverständnis der beiden größten monotheistischen Weltreligionen im Vergleich
Hochschule
Universität Salzburg  (Systematische Theologie)
Veranstaltung
Fundamentaltheologisches Seminar
Note
2,00
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V504090
ISBN (eBook)
9783346037268
ISBN (Buch)
9783346037275
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Islam, Christentum, Offenbarung, Interreligiöser Dialog, christlich-islamischer Dialog
Arbeit zitieren
B.Sc. Sebastian Riedel (Autor), 2015, Offenbarung in Christentum und Islam, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504090

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