Angemessener Schreibstil für technische Texte


Hausarbeit, 2001

22 Seiten, Note: 1,1


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Was ist Schreibstil?
2.1 Schreibstil hat Tradition
2.2 Schreibstil ist individuell
2.3 Schreibstil ist nicht privilegiert
2.4 Schreibstil ist ubiquitär
2.5 Schreibstil ist unauffällig
2.6 Schreibstil ist global
2.7 Schreibstil beeinflusst den Textinhalt
2.8 Texteigenschaften haben stilistische Wirkung

3 Was ist guter Stil?
3.1 Angemessener Stil
3.2 Konventioneller Stil
3.3 Individualstil
3.4 Einheitlicher Stil
3.5 Fachsprachlicher Stil
3.6 Mischstil

4 Gibt es Hilfen für Technische Redakteure?
4.1 Entscheidungen treffen
4.2 Duden ist verbindlich
4.3 Verständlich schreiben
4.4 Ratgeber nutzen
4.5 Firmenvorgaben einhalten

5 Wer entscheidet bei Stilfragen?
5.1 Konventionen
5.2 Der Autor
5.3 Der Zweitleser

6 E-Mails - Beispiel für schlechten Stil?

7 Kann man seinen Schreibstil verbessern?

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Ich erlaube mir eine Frage betreffs meiner noch zu schreibenden

Hausarbeit an Sie, Herr Professor.“ Jeder wird mir sagen, dass dieser Satz eine stilistische Zumutung ist. Wie sollte es aber nun richtig heißen? Das ist schwieriger zu beantworten, da es viele Möglichkeiten gibt.

In meiner Hausarbeit beschäftige ich mich mit Fragen zum Schreibstil. Was ist eigentlich Stil? Gibt es den guten und richtigen Stil? Wer entscheidet bei Stilfragen? Warum müssen sich auch Technikredakteure mit stilistischen Fragen auseinandersetzten? Sind E-Mails Beispiele für schlechten Schreibstil?

Viele meiner Ausführungen zum Schreibstil sind allgemein gültig. Einige Aussagen treffen jedoch nur auf technische Texte zu. Technische Texte sind im linguistischen Sprachgebrauch Texte, über technische Sachverhalte. Dazu zählen auch anleitende Texte in Form von Handbüchern, Tutorials und OnlineHilfen. Technische Redakteure sind Autoren dieser speziellen Texte. Schreibstil ist ein Thema während des gesamten Dokumentationsprozesses. Ich werde jedoch bis auf die Arbeitsschritte Korrigieren und Redigieren nicht näher auf diesen Dokumentationsprozess eingehen.

Ich bitte besonders meine Leserinnen, sich immer unter den maskulinen Bezeichnungen auch die femininen zu verstehen. Unter Leser, Autor, Redakteur und so weiter meine ich natürlich auch immer die Leserinnen, Autorinnen und Redakteurinnen. Auf Grund der einfacheren Lesbarkeit habe ich auf diese grammatisch oft getrennt zu behandelnden Personenbezeichnungen verzichtet.

2 Was ist Schreibstil?

Denken Sie, Schreibstil bedeutet, mit einem Text eine bestimmte Wirkung beim Adressaten zu erzielen? Das stimmt. Allerdings ist das nur ein Aspekt von Stil.

Schreibstil gibt es seit der Antike bis in die Gegenwart. Er ist individuell und in allen Texten vorhanden, nicht nur in literarischen Werken. Schreibstil ist weitgehend unauffällig. Lokale Änderungen des Stils haben globale Wirkungen. Er ist nicht einfach nur äußeres Erscheinungsbild eines Textes.

Jeder Schreibstil und jedes stilistische Mittel hat spezielle Wirkungen auf die Adressaten.

In den folgenden Abschnitten erläutere ich diese vielschichtigen Eigenschaften des Schreibstils ausführlicher.

2.1 Schreibstil hat Tradition

Sprachstil ist keine Erfindung unserer Zeit. Die Alliteration als Stilmittel wurde schon im Nibelungenlied um 1200 eingesetzt. Selbst die Griechen haben sich mit Fragen des guten Stils beschäftigt. Damals ging es allerdings in erster Linie um rhetorische ausgefeilte Reden, die eine große Menschenmenge von der Meinung des Redners überzeugen sollten.

„Seit der Antike wurden rhetorische Figuren von

Rednern und Schriftstellern ausgiebig dazu verwendet, um ihrem Rede- oder Schreibstil Nachdruck zu verleihen und ihn auszuschmücken. Ihr Gebrauch wurde in den Rhetorikschulen immer weiter perfektioniert.“1

Alle großen Schriftsteller und Autoren, besonders diejenigen, die in die Weltliteratur eingegangen sind, hatten einen unverkennbaren persönlichen Stil. So ist zum Beispiel in einem Nachschlagewerk zu lesen:

„Lopes’ Schreibstil ist direkt, einfach und leicht zu lesen und steht im krassen Widerspruch zu den blumigen Ausschweifungen vieler seiner Zeitgenossen.“ Spätestens seit Ludwig Reiners seine Stilfibel3 veröffentlicht hat, ist Schreistil ein Thema für jeden Autor geworden. Jeder, der etwas schreiben möchte, kann sich über einen guten Schreibstil informieren und seine Texte entsprechend verfassen. Das gilt für große literarische Werke ebenso wie für private Korrespondenz.

Seit einigen Jahren wächst das Bewusstsein, dass ein technisches Produkt nur mit einer Anleitung vollständig und fehlerfrei ist. Die Produkthaftungsrichtlinie von 1990 der EU hat dazu beigetragen. In welchem Stil müssen aber nun Handlungsanleitungen verfasst werden?

Sprachwissenschaftler und Technische Redakteure debattieren darüber. Klar ist jedoch, dass das Thema Schreibstil heute mindestens genauso bedeutend ist wie in der Antike.

2.2 Schreibstil ist individuell

Jeder hat eine eigene Vorstellung davon, was guter und was schlechter Stil ist. Problematisch wird es, wenn wir begründen sollen, warum etwas guter Stil und etwas anderes schlechter Stil sein soll. Das liegt an unserer individuellen Persönlichkeit und weil

„...der Stil das Sprachgefühl (anspricht), eine manchmal nicht logische und schwer in Regeln zu fassende Fähigkeit jedes Menschen.“4 Wir Menschen haben sehr unterschiedliche Charaktere, die sich in unterschiedlichem und ganz individuellem Sprachempfinden wiederfinden.

2.3 Schreibstil ist nicht privilegiert

Stimmen Sie zu, dass schöngeistige Literatur oft in herausragendem Stil verfasst ist? Dass große Schriftsteller der Vergangenheit und Gegenwart ihren persönlichen und unverwechselbaren Stil hatten, ist bekannt. Die beiden folgenden Zitate zeigen Ausprägungen des literarischen Schreibstils.

„Vasaris unbeschwerter, natürlicher Schreibstil trug dazu bei, dieses Werk zu einem der meistgelesenen Bücher der Kunstgeschichte zu machen.“5

„Ackroyd bediente sich darin auf überzeugende Weise des zu Lebzeiten der Hauptfigur üblichen Schreibstils.“6

Heute ist Schreibstil jedoch keineswegs mehr ein Privileg von Schriftstellern und Künstlern. Denn die weit verbreitete Meinung, dass Stil nur in literarischen Werken vorhanden sei, gilt nicht mehr. Sicherlich stimmt es, dass professionelle Autoren einen ausgeprägteren Schreibstil entwickeln als Gelegenheitsschreiber. Trotzdem entwickelt prinzipiell jeder Autor einen Schreibstil, denn Schreibstil ist ubiquitär.

2.4 Schreibstil ist ubiquitär

„Alles, was wir schaffen, müssen wir in irgendeiner Weise gestalten.“7

Einen Gegenstand ohne Gestalt gibt es nicht. Eine Brücke wird ebenso wie ein Kunstwerk oder ein Text nach gewissen ästhetischen Gesichtspunkten geplant und konstruiert. Manchmal sagen wir: „Das sieht toll aus, aber wozu ist es nützlich?“ Ästhetik ohne Inhalt oder Funktion ist sinnlos, aber möglich. Das trifft vor allem auf Kunstwerke mit hohem ideellem und ästhetischem Wert zu. Vollkommen unmöglich ist es jedoch, nur Inhalte ohne eine Erscheinungsform zu präsentieren.

Dieser Gedanke wird auch in modernen Dokumentbeschreibungssprachen wie SGML und XML aufgegriffen. Struktur, Inhalt und Darstellung sind strikt voneinander getrennt. Doch das Eine ohne das Andere ist wertlos für uns. Was nützt es uns, wenn wir wissen, dass ein Dokument aus Absätzen aufgebaut ist? Was nützen uns einzelne Absätze, wenn wir ihren logischen Zusammenhang nicht kennen? Was nützt uns die Information, dass Absätze am Monitor immer mit roter Schrift auf blauem Hintergrund erscheinen sollen? Nur wenn Struktur, Form und Inhalt wieder zusammengeführt werden, erschließt sich für uns der Inhalt.

2.5 Schreibstil ist unauffällig

Wenn wir einen Text schreiben, denken wir meist zuerst an den Inhalt.

Was wollen wir der Leserin/dem Leser vermitteln? Selbst beim Redigieren und Korrigieren beschäftigen wir uns meist mit dem Inhalt. Ist alles Wesentliche enthalten und richtig wiedergegeben? Zusätzlich prüfen wir Orthografie, Zeichensetzung Layout und so weiter. Fällt uns dabei auf, dass unser Text nicht so ansprechend geworden ist wie wir es uns vorstellen, probieren wir mehrere Alternativen aus. Dass Schreibstil so unauffällig ist, bedeutet nicht, dass wir keine Arbeit in guten Stil investieren. Es bedeutet nur,

„...daß wir uns unserer Leistung (nicht) immer bewußt sind.“8

Es hat für Autoren Vorteile, dass Schreibstil so unauffällig ist, denn dadurch sind wir fähig

„...unsere Texte weithin auf routinierte Weise mit eingespielten stilistischen Mitteln zu gestalten.“9

2.6 Schreibstil ist global

Schreibstil ist immer im Textzusammenhang zu sehen. Arbeiten am Schreibstil ist keine Kosmetik an Wortwahl und Satzstellung, denn auch die Textstruktur ist davon betroffen. Reiners hat in seiner weit verbreiteten Stilfibel10 diesen Aspekt vollkommen unberücksichtigt gelassen, da er nur Tipps zu Wortwahl und Satzbau gibt. Solche lokalen Änderungen des Schreibstils haben jedoch oft Auswirkungen, die den gesamten Text betreffen.

2.7 Schreibstil beeinflusst den Textinhalt

„Kleider machen Leute.“ Übertragen auf den Schreibstil bedeutet dieses Sprichwort, dass man einen schwierigen Gesetzestext in einem anderen Schreibstil verfasst und dadurch einen leicht verständlichen Schulbuchtext erhält. Das ist ein großer Irrtum, denn

„...wenn wir an ihrer Gestalt, ihrem Stil(der Gestalt und dem Stil der Texte - M.L.) etwas verändern, dann verändern wir auch etwas an ihrem Wesen, das heißt an ihrem Sinn.“11

Die weit verbreitete Auffassung, dass man das Gleiche auf viele Arten sagen kann, ist damit nicht haltbar. Wenn wir den Schreibstil eines Textes ändern, verändern wir immer den Inhalt. Die Zahl 1,0 kann unterschiedlich dargestellt werden. Zum Beispiel als 0,1*10e1 oder 100*10e-2. Es bleibt trotz der unterschiedlichen Schreibweisen immer dieselbe Zahl. Der Inhalt eines Textes ist jedoch nicht einfach eine mathematische Konstante, die man durch beliebige Schreibstile darstellen kann. Es treten inhaltliche Änderungen auf, die minimal ausfallen können oder unerwünscht sind. Meinen Beispielsatz aus der Einleitung könnte man zum Beispiel so formulieren: „Professor XYZ, ich habe eine Frage zu meiner Hausarbeit. Sie ist noch nicht geschrieben.“ Es gehen einige im Ausgangssatz enthaltene Aspekte verloren:

- die untertänige Haltung des Fragestellers,
- das Geschlecht des Professors und
- die Notwendigkeit, dass die Hausarbeit geschrieben werden muss.

Durch stilistische Anpassungen können also

„...bestimmte Aspekte in den Hintergrund treten oder verloren gehen.“12

Der Autor muss nun abwägen, ob er den veränderten Inhalt akzeptieren kann oder nicht. Auf jeden Fall sollte er sich

„...darüber im klaren sein, daß er nicht einfach das Gleiche auf viele Arten sagen kann, sondern das mit jeder Art des Sagens ‚ein Anderes‘ verbunden ist.“13

Reiners fügt hinzu:

„Das Ringen um den Ausdruck ist ein Ringen um den Inhalt.“14

2.8 Texteigenschaften haben stilistische Wirkung

Schreibstil hat wie eine Medaille zwei Seiten: Texteigenschaften und stilistische Wirkung.

Texteigenschaften charakterisieren einen Text direkt. Ein Text kann lang oder kurz, gut gegliedert oder ungegliedert, knapp oder weitschweifig sein. Texteigenschaften lassen sich mit gewissen Ungenauigkeiten nach objektiven Maßstäben ermitteln. So kann man die Anzahl der Wörter und die verwendeten Gliederungsebenen zählen.

Die Wirkungen auf den Adressaten sind schwieriger zu kalkulieren. Ein Text kann zum Beispiel langweilend oder unterhaltend wirken. Wer will aber beurteilen, was langweilig und was unterhaltend für die Adressaten in ihrer jeweiligen Situation ist?

[...]


1 [Microsoft Encarta: Rhetorische Figuren]

2 [Microsoft Encarta Lopes, Fernão]

3 [Reiner, Ludwig: Stilfibel ]

4 [Baumert: Gestaltungsrichtlinien, S. 50]

5 [Microsoft Encarta: Vasari, Giorgio]

6 [Microsoft Encarta: Ackroyd, Peter]

7 [Püschel: Sprachstil, S.314]

8 [Püschel: Sprachstil, S.315]

9 [Püschel: Sprachstil, S.315]

10 [vgl. Reiners, Ludwig: Stilfibel ]

11 [Püschel: Sprachstil, S.316]

12 [Püschel: Sprachstil, S.318]

13 [Püschel: Sprachstil, S.319]

14 [Reiners: Stilkunst, S 53]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Angemessener Schreibstil für technische Texte
Hochschule
Hochschule Hannover  (Technische Redaktion)
Veranstaltung
Textproduktion
Note
1,1
Autor
Jahr
2001
Seiten
22
Katalognummer
V5041
ISBN (eBook)
9783638130738
ISBN (Buch)
9783638638852
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stil, Schreibstil, Technik, Anleitung, Betriebsanleitung, angemessen, Stilformen
Arbeit zitieren
Michael Loseries (Autor), 2001, Angemessener Schreibstil für technische Texte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5041

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