Hermann Hesses "Unterm Rad" als autobiographischer Roman im Literaturunterricht


Seminararbeit, 2018
25 Seiten, Note: 3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kurzbiographie Hermann Hesses (Zeitraum 1877-1895)

3. Sachanalyse und autobiographischer Bezug zu ‚Unterm Rad‘
3.1 Inhalt
3.2 Aufbau und Struktur des Werks
3.3 Personen
3.3.1 Hans Giebenrath
3.3.2 Hermann Heilner
3.3.3 Vergleich Hermann Hesses mit den Figuren Hans Giebenrath und Hermann Heilner
3.4 Leitmotive
3.4.1 Die Natur
3.4.2 Das Wasser
3.4.3 Die Kopfschmerzen
3.4.4 Das Rad
3.4.5 Der Tod

4. ‚Unterm Rad‘ als autobiographischer Roman im Deutschunterricht
4.1 Lehrplanbezug
4.2 Lernziele
4.3 Unterrichtsentwurf

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Roman ‚Unterm Rad‘, der 1903 in Calw entstanden ist, 1904 in der Neuen Züricher Zeitung als Folgeroman abgedruckt wurde und 1905 im S. Fischer Verlag als Buch erschien, stellt „das bis heute wirkungsvollste der Frühwerke“1 des Autors Hermann Hesse dar und ist eines der Paradebeispiele der Schul- und Internatsliteratur des 20. Jahrhunderts.2 In diesem Roman versucht Hesse nicht nur eigene Erfahrungen mit der evangelisch-theologischen Klosterschule Maulbronn zu verarbeiten. Auch die katastrophalen Schulerlebnisse seines jüngeren Bruders Hans, die ihn 1935 letztlich in den Suizid trieben, werden in diesem Werk aufgezeigt. Dass ‚Unterm Rad‘ stark autobiographische Züge aufweist, zeigt unter anderem ein Brief Hesses an seinen Steifbruder Karl Isenberg vom 25. November 1904:

„Die Schule ist die einzige moderne Kulturfrage, die ich ernst nehme und die mich gelegentlich aufregt. An mir hat die Schule viel kaputt gemacht […]. Gelernt habe ich dort nur Latein und Lügen, denn ungelogen kam man in Calw und im Gymnasium nicht durch – wie unser Hans beweist, den sie ja in Calw, weil er ehrlich war, fast umbrachten. Der ist auch, seit sie ihm in der Schule das Rückgrat gebrochen haben, immer unterm Rad geblieben.“3

In ‚Unterm Rad‘ thematisiert Hermann Hesse den entwicklungsgeschichtlichen Konflikt des jungen Hans Giebenrath, der im Spannungsfeld zwischen bürgerlichen Normen, Werten und Erziehungsidealen steht. Indem er seinen Protagonisten „an der Realisierung eines individuellen und gleichzeitig gesellschaftskompatiblen Lebens scheitern“4 lässt, rechnet er mit seiner Vergangenheit ab, übt Kritik am gesellschaftlichen (Schul-)System und zeigt dessen Schwächen und Grenzen erbarmungslos auf.

Die vorliegende Seminararbeit beschäftigt sich mit Hermann Hesses autobiographischen Roman und dessen Behandlung im Literaturunterricht. Zu Beginn der Arbeit findet eine kurze Rekonstruktion der Biographie der ersten Kinderjahre des Autors statt, welche den Zeitraum von 1877-1895 erfasst. Im Anschluss daran erfolgt die Sachanalyse des Romans ‚Unterm Rad‘, wobei speziell auf den Inhalt und den Aufbau und die Struktur des Werks eingegangen wird. Durch die detaillierte Kurzbiographie Hesses Jugendjahre und der ausführlichen Inhaltszusammenfassung des Werks soll ein erster autobiographischer Einblick in das Werk gegeben werden. Im Zuge der weiteren Analyse werden wesentliche Personen und Leitmotive behandelt, wobei erneut die autobiographischen Bezüge des Romans herausgearbeitet und dargestellt werden. Nach der theoretischen Behandlung der Thematik folgt eine fiktive Unterrichtsplanung mit Lehrplanbezug und Lernzielen für eine fünfte Klasse der Sekundarstufe II im Ausmaß von fünf Schulstunden.

Ziel der Seminararbeit ist es, die Verbindung zwischen Hermann Hesses Leben und seinem Roman herauszuarbeiten und herzustellen, und durch die Unterrichtsplanung eine mögliche Einbettung des Werks ‚Unterm Rad‘ als autobiographischen Roman Hesses in den Literaturunterricht zu geben.

2. Kurzbiographie Hermann Hesses (Zeitraum 1877-1895)

Hermann Hesse wurde als Sohn des deutsch-baltisch, pietistischen Missionspredigers Johannes Hesse und der in Indien geborenen deutsch-schweizerischen Missionarstochter Marie Hesse am 02. Juli 1877 in Calw an der Nagold geboren. Während Hermann seine ersten Kinderjahre in dem stark protestantisch-pietistisch geprägten Elternhaus in Calw verbrachte, wurde sein Vater Johannes 1881 „als Herausgeber des Missionsmagazins nach Basel berufen“5, weswegen die Familie am 6. April desselben Jahres in die Schweiz übersiedelte.6 Hermann kam in die Knabenschule des Missionshauses, welche unter der Leitung des Pfarrers Pfisterer stand. Nachdem seine Eltern 1882 deren russische Staatsbürgerschaft ablegten, erwarben sie im darauffolgenden Jahr die Schweizer Staatsangehörigkeit. 1886 kehrte die Familie nach Calw zurück, Hermann Hesse war zu dieser Zeit 8 Jahre alt.7

In Calw angekommen trat er in das Reallyzeum ein und wurde im Jahr 1890, als Zwölfjähriger, in die Lateinschule nach Göppingen geschickt. Obgleich Hermann hier der pietistischen Stickluft seiner Eltern entkam, waren die Schultage lang und der Druck enorm. Es gab keine freien Tage, auch sonntags fand der Unterricht statt. Göppingen diente einzig und allein dem Zweck, „die Schüler in kurzer Zeit und mit großem Druck auf das Landexamen“8 vorzubereiten, welches das Tor zu einer der großen Eliteschulen Maulbronn, Blaubeuren oder Urach darstellte. Diese wiederum boten die Studenten des Tübinger Stifts, welche zu Lehrern oder Geistlichen ausgebildet wurden.9 Nachdem Hesse 1891 das Württembergische Landexamen als Zweitbester bestanden hatte und im Herbst desselben Jahres als Stipendiat ins Kloster Maulbronn eintrat, schien die Zukunft des Vierzehnjährigen als Schriftgelehrter endgültig in Stein gemeißelt. Nach den Monaten des Lernens für das Landesexamen war Hesse sichtlich überanstrengt und erschöpft, litt bereits vor Schulanfang an unerklärlichen Atemstillständen, Kopfschmerzen und allgemein schlechter Gesundheit. Doch anstatt die Sommerferien zu nutzen, um sich von den Strapazen zu erholen, setzten ihn seine Eltern weiter unter Druck, weswegen er bereits kurz nach Ferienbeginn seine Zeit wieder in Bibliotheken verbrachte um zu Lernen. Am 15. September 1891 brachte Marie Hesse den Vierzehnjährigen ins Kloster nach Maulbronn.10 In den ersten Monaten seines Aufenthaltes berichtete Hermann der Familie in Briefen fortlaufend nur Positives über seinen Alltag im Seminar.11 Ein Brief vom 14. Februar 1892 deutet durchaus daraufhin, dass Hesse die erste Zeit im Kloster sehr genoss:

„Ich bin froh, vergnügt, zufrieden! Es herrscht im Seminar ein Ton, der mich sehr anspricht. Vor allem ist es das enge, offene Verhältnis zwischen Zögling und Lehrern, dann aber auch das nette Verhältnis der Zöglinge untereinander. […] Alles zusammen bildet ein festes, schönes Band zwischen Allen und nirgends findet man einen Zwang. […]“12

Hesses anfängliche Euphorie für das Kloster Maulbronn verflog aber bereits nach kurzer Zeit, denn schon bald ließen sich erste Anzeichen einer seelischen Krise erkennen, welche im März 1892 ihren Höhepunkt erreichte. In der Nacht des 7. März bekamen Johannes und Marie Hesse ein Telegramm aus Maulbronn mit der Nachricht: „Hermann fehlt seit 2 Uhr. Bitte um etwaige Auskunft. Professor Paulus.“13 Nachdem er dem Seminar entlaufen war und die ganze „Nacht von Abend 8 Uhr bis morgens ½5 Uhr […] auf freiem Feld bei 7 Grad minus zubrachte“14, wurde er dreiundzwanzig Stunden später von einem Landjäger zurückgebracht. Zurück im Kloster geriet Hesse immer mehr „in die Mühle des Apparates, der alles, was der herrschenden Norm widerspricht, […] ausschließt.“15 In einem Brief vom 7. März berichtete Hesses Lehrer Paulus dessen Eltern, dass er sich „schon seit längerer Zeit […] öfters in einem Zustand größter Erregtheit, in welchem er überschwängliche, zum Teil überspannte Gedichte zu verfassen pflegte“ befand.16 Für sein Entlaufen aus dem Kloster wurde er mit einer Karzerstrafe von 8 Stunden bestraft, welche er am 12. März einbüßte.17 Der Entschluss, „den Schüler Hermann Hesse aus der Klosterschule zu entfernen“18, wurde auf einem Lehrerkonvent vom 11. März beschlossen und seinem Vater Johannes in einem Brief mitgeteilt. Es sei laut Lehrerkollegium in doppelter Hinsicht wünschenswert, Hermann aus dem Seminar zu entlassen. Zum einen sei dies in seinem eigenen Interesse, da es ihm „in hohem Grad an der Fähigkeit fehlt, sich selbst in Zucht zu halten“19, zum anderen habe man Angst, „daß sein Aufenthalt im Seminar für Mitschüler eine Gefahr werden könnte.“20 Am 20. März schrieb Hesse einen Brief an seine Eltern, der den immer schlechter werdenden Gesundheitszustand Hermanns vorausahnen ließ:

„Während des Ausflugs selber hatte ich wenig Kopfweh, jetzt aber noch mehr als vorher. Ich bin so müde, so kraft- und willenlos; ich arbeite, soviel ich eben muß, […]. […] Ich bin nicht krank, nur eine mir ganz ungewohnte Schwäche fesselt mich. […]“21

Nachdem Hesse auf Anraten des Arztes am 23. März nach Hause geschickt wurde, kehrte er einen Monat später nach Maulbronn zurück, verließ das Seminar Anfang Mai 1892 dann aber endgültig.22 Mit dem Ausschluss aus dem Kloster, und dem damit einhergehenden Bruch mit der Familientradition begann für den jungen Hesse eine Zeit der Desorientiertheit, in der er von schweren Nervenkrisen heimgesucht wurde, immer wieder in starke Depressionen verfiel und letztlich auch einen Selbstmordversuch unternahm.23 Nach der Ausweisung aus dem Seminar wurde Hesse Anfang Mai von seinen Eltern in die Nervenheilanstalt nach Bad Boll gebracht, in der Hoffnung, Christoph Blumhardt könne ihrem Sohn helfen.24 Zu dieser Zeit litt er zunehmend an Kopfschmerzen, Schlaf- und Appetitlosigkeit. Als er, aufgrund einer unerfüllten Liebe zu der zweiundzwanzigjährigen Eugenie Kolb einen Monat später einen Selbstmordversuch unternahm, und dies den Eltern in einem Brief mitteilte „[…] seit einigen Tagen bin ich entschlossen, mich zu erschießen“25, bat Blumhardt Johannes und Marie Hesse, ihn wieder abzuholen.26 Hermann wurde aber nicht, wie vielleicht angenommen, nach Hause gebracht. Man holte den Fünfzehnjährigen in Bad Boll ab und verfrachtete ihn direkt in die Irrenanstalt nach Stetten zu Pfarrer Schall, von wo aus er erschütternde Briefe an die Eltern schrieb und ihre pietistische, harte und verständnislose Erziehung heftig und unermüdlich anprangerte.27 Nach anfänglicher Rebellion ergab sich Hesse aber dem Pfarrer im Wissen, dass dieser über sein Schicksal entscheidet. Obgleich er nach zweimonatigem Aufenthalt in Stetten entlassen wurde, schickte ihn Johannes Hesse Tage später wieder dorthin zurück.28 Hermann fühlte sich von seinem Vater verraten und verletzt und rechnete in einem Brief vom 14. September 1892 erbarmungslos mit ihm ab:

„Vater ist doch ein seltsames Wort, ich scheine es nicht zu verstehen. Es muß jemanden bezeichnen, den man lieben kann und liebt […]. Wie gern hätte ich eine solche Person. […]. H. Hesse, Gefangener im Zuchthaus zu Stetten […].“29

In dieser Zeit wurde ihm klar, dass er von Stetten wegmusste, dass er Dichter oder gar nichts werden wollte. Diese Entscheidung stellte zugleich Last und Befreiung dar, hatte er sich nun endlich für seine Berufung, gleichzeitig aber gegen die pietistische Welt der Eltern entschieden.30 Um seinen Traum vom Dichterleben verwirklichen zu können, musste er sich mit den Eltern versöhnen, um so Stetten entkommen zu können. Nachdem er sich in einem Brief bei ihnen entschuldigt hatte, reiste er nach Basel, wo er im Gymnasium in Cannstatt aufgenommen wurde. Nach einjährigem Aufenthalt und dem bestandenen Examen kehrte er zurück nach Calw, um sich dort zu erholen. Nachdem ihm sein Vater eine Lehrstelle bei einem Buchhändler in Esslingen verschaffte, die er nach drei Tagen beendete, verbrachte er die Zeit von Dezember 1893 bis Mai 1894 untätig zu Hause. Im Mai trat der mittlerweile Siebzehnjährige Hermann Hesse als Praktikant in der mechanischen Werkstätte der Calwer Turmuhrenfabrik ein. Die Bibliothek seines Großvaters wurde in dieser Zeit zu seinem privaten Rückzugsort, in dem er ein intensives Literaturstudium betrieb, sein dichterisches Selbstbewusstsein festigte und so den Grundstein für seine dichterische Laufbahn legte.31

3. Sachanalyse und autobiographischer Bezug zu ‚Unterm Rad‘

3.1 Inhalt

Im Mittelpunkt des Romans ‚Unterm Rad‘ steht der Vierzehnjährige Schüler Hans Giebenrath, der, getrieben vom Erwartungsdruck seiner Erzieher und seines verwitweten Vaters zu übersteigertem und falschem Ehrgeiz angestiftet, scheitert und zugrunde geht. Der überdurchschnittlich begabte Hans, der die Lateinschule in Göppingen besucht ist der einzige Schüler der Stadt, der am Landexamen in Stuttgart teilnehmen kann. Seine Zukunft ist schon längst geplant, „denn in schwäbischen Landen gibt es für begabte Knaben […] nur einen einzigen schmalen Pfad: durchs Landexamen, ins Seminar, von da ins Tübinger Stift und von dort entweder auf die Kanzel oder aufs Katheder.“32 Um dieses Ziel zu erreichen, muss Hans Tag und Nacht lernen und bekommt neben der Schule zusätzlich Nachhilfestunden. Freizeit, Jugendfreunde, Naturbegeisterung, das Angel und seine Gesundheit hat er längst dem höheren Ziel des Bestehens des Landexamens geopfert. Der Druck, der auf dem Schüler lastet könnte nach einem Gespräch mit dem Stadtpfarrer nicht größer sein, als dieser meint, „daß wir alle Hoffnungen auf dich setzen“33 und ein Durchfallen des Ausnahmeschülers außer Frage stehe. Hans, der nach dem Examen davon überzeugt ist, es nicht geschafft zu haben, besteht im Juli als Zweitbester. Bevor er aber im Herbst als Stipendiat in das Seminar Maulbronn eintritt möchte er die Sommerferien dazu nutzen, um sich von den Strapazen der letzten Monate zu erholen. Obgleich er die ersten Tage viel in der Natur ist, sich mit großer Leidenschaft dem zugunsten des Examen vernachlässigten Angelns widmet und seine wiedergewonnene Freiheit genießt, findet er sich kurze Zeit später erneut hinter einem Schreibtisch wieder. Vor ihm der Stadtpfarrer und der Direktor, die ihn weiter auf das Seminar vorbereiten. Die Sommervakanz ist vorbei und Hermann tritt im Herbst sichtlich überanstrengt und ausgelaugt in das Kloster Maulbronn ein. Die sechsunddreißig Stipendiaten werden in sechs Stuben eingeteilt, die nach dem Vorbild der griechischen Klassik als Forum, Hellas, Athen, Sparta, Akropolis und Germania bezeichnet werden. Hans wird zusammen mit neun Kameraden der größten Stube Hellas zugeteilt. Während sich nach und nach Freundschaften entwickeln und Gruppen bilden, grenzen Hans‘ Schüchternheit und Ehrgeiz ihn von den anderen ab. Erst nach einiger Zeit wird der Kamerad Hermann Heilner, ein „Dichter und Schöngeist“,34 zu seinem Freund. Hermann ist ein Rebell, ein eigenwilliger und aufsässiger Jüngling, der sich den Normen des starren Seminars widersetzt. Während Hans froh ist, endlich einen Freund gefunden zu haben, verfolgen die Erzieher die Verbindung zwischen dem gewissenhaften Hans und dem leichtsinnigen Hermann mit Unmut und versuchen, diese zu unterbinden. Nachdem Hermann für sein Entlaufen aus dem Seminar eine Karzerstrafe abbüßen muss und sich Hans zwischen Freundespflicht und seinem Ehrgeiz für seine Karriere im Seminar entscheidet, trennen sich die Wege der beiden vorerst. Hans fährt in der Weihnachtszeit nach Hause und lässt sich von seinem stolzen Vater reich beschenken. Seine Klagen über die häufigen, starken Kopfschmerzen werden beiseitegeschoben. Nachdem die Schüler nach Weihnachten ins Seminar zurückkehren und eines Tages im Jänner erfahren, dass ihr Mitschüler Hindinger in einem Weiher ertrunken ist, versucht der von Gewissensbissen geplagte Hans sich mit Heilner zu versöhnen. Die Zeit der wochenlangen Trennung hat beide verändert, denn während Hans immer zärtlicher und schwärmerischer geworden ist, hat Hermann ein zunehmend männlicheres Wesen angenommen. Die erneut aufflammende Freundschaft zwischen den beiden führt dazu, dass Hans seine schulischen Aufgaben vernachlässigt und sein Ehrgeiz immer mehr schwindet. Der Ephorus lädt Hans zu einem Gespräch, warnt ihn vor der Freundschaft mit Heilner und gibt ihm folgenden Rat mit auf den Weg: „Nur nicht matt werden, sonst kommt man unters Rad.“35 Hans klagt von häufigem Kopfweh und Konzentrationsschwierigkeiten, magert ab und leidet an Müdigkeit und Halluzinationen. Heilner, der wegen einem erneuten Verstoß im Karzer sitzt, aus welchem er flieht, wird in Schande aus dem Kloster entlassen. Obgleich Hans noch eine Zeit lang im Seminar verweilt, gerät er zunehmend in einen Zustand der Resignation. Nach einem Nervenzusammenbruch wird er vom Oberarzt beurlaubt, Hans weiß aber, dass seine Laufbahn als Stipendiat im Seminar beendet ist. Zurück in seiner Heimatstadt Calw ist der zerbrechliche Jüngling mit den Nerven am Ende und spielt mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen. Er sucht die Orte seiner Kindheit auf, wird wehmütig und nostalgisch, erkennt aber, dass er diese unbeschwerte Zeit der Kinderjahre nicht zurückholen kann. Geplagt von Angstzuständen, Melancholie und Suizidgedanken streift Hans in der düsteren Herbstlandschaft umher. Kurze Zeit darauf lernt er Emma, die Nichte des Schuhmachermeisters Flaig kennen, in die sich der schüchterne Jüngling Hals über Kopf verliebt. Doch als er glaubt, in ihr einen neuen Sinn in seinem Leben gefunden zu haben, muss er erfahren, dass sie die Stadt verlassen hat. Zerfressen von Zorn und Schmerz fällt er in seinen alten Zustand zurück. Sein Vater Joseph Giebenrath verschafft Hans eine Lehrstelle bei einem Mechanikermeister im Dorf, wo er auf seinen einstigen Schulfreund August trifft, der sich seiner annimmt. Hans merkt, dass ihm die körperliche Arbeit und Ertüchtigung ein Gefühl der Zufriedenheit gibt, und ihm die Gemeinschaft in diesem Betrieb guttut. Seine Bemühungen, sich an das Arbeiterleben anzupassen, tragen jedoch keine Früchte. Von seinen Handwerksgesellen lässt er sich zu einem ausschweifenden Wirtshausbesuch im Nachbardorf überreden, von dem er aber nicht mehr zurückkehrt. Am nächsten Tag zieht man den toten Hans Giebenrath aus dem Fluss.

[...]


1 Herwig, Henriette: Adoleszenzkonflikte in Hermann Hesses Unterm Rad, Robert Musils Die Verwirrungen des Zöglings Törleß und Robert Walsers Jakob von Gunten. In: Der Grenzgänger Hermann Hesse. Hrsg. Herwig, Henriette und Trabert, Florian. Freiburg, Berlin, Wien: Rombach Verlag, 2013, S. 213.

2 Pfeifer, Martin: Hesse Kommentar zu sämtlichen Werken. München: Winkler Verlag, 1980, S. 105.

3 Michels Ursula und Volkers (Hrsg.): Hermann Hesse Gesammelt Briefe. Erster Band 1895–1921. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1973. S. 130.

4 Mix, York-Gothart: „Ja, ich bin ein Anderer“ – Hermann Hesses Konzept des Eigensinns. Genese und kulturkritischer Impetus. In: Der Grenzgänger Hermann Hesse. Hrsg. Herwig, Henriette und Trabert, Florian. Freiburg, Berlin, Wien: Rombach Verlag, 2013, S. 360.

5 Pfeifer, 1980, S. 43.

6 Pfeifer, 1980, S. 43.

7 Pfeifer, 1980, S. 44.

8 Decker, Hermann: Der Wanderer und sein Schatten. Biographie. München: Carl Hanser Verlag, 2012, S. 61.

9 Decker, 2012, S. 60-61.

10 Decker, 2012, S. 67-69.

11 Esselborn-Krumbiegel, Helga: Erläuterungen und Dokumente. Hermann Hesse Unterm Rad. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co., 1995, S. 57.

12 Hesse, Ninon (Hrsg.): Kindheit und Jugend vor Neunzehnhundert. Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877 – 1895. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1966, S. 170-171.

13 Hesse, 1966, S. 179.

14 Hesse, 1966, S. 186-187.

15 Decker, 2012, S. 72.

16 Hesse, 1966, S. 180.

17 Müller, Michael: Unterm Rad. In: Interpretationen Hermann Hesse. Romane. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co., 1994, S. 9-10.

18 Esselborn-Krumbiegel, 1995, S. 59.

19 Hesse, 1966, S. 189.

20 Hesse, 1966, S. 189.

21 Hesse, 1966, S. 194.

22 Esselborn-Krumbiegel, 1995, S. 61.

23 Müller, 1994, S. 11.

24 Decker, 2012, S. 75.

25 Hesse, 1966, S. 220.

26 Decker, 2012, S. 77.

27 Esselborn-Krumbiegel, 1995, S. 63.

28 Decker, 2012, S. 80ff.

29 Hesse, 1966, S. 268-269.

30 Decker, 2012, S. 91f.

31 Decker, 2012, S. 106fff.

32 Hesse, Hermann: Unterm Rad. Erzählung. 51. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2012, S. 9.

33 Hesse, 2012, S. 14.

34 Hesse, 2012, S. 61.

35 Hesse, 2012, S. 93.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Hermann Hesses "Unterm Rad" als autobiographischer Roman im Literaturunterricht
Hochschule
Universität Salzburg
Veranstaltung
Fachdidaktisches Vertiefungsseminar (Auto-) Biographische Texte im Deutschunterricht
Note
3
Autor
Jahr
2018
Seiten
25
Katalognummer
V504120
ISBN (eBook)
9783346048974
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hermann, hesses, unterm, roman, literaturunterricht
Arbeit zitieren
Bachelor Josepha Stangassinger (Autor), 2018, Hermann Hesses "Unterm Rad" als autobiographischer Roman im Literaturunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504120

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